www.oliverwieters.de - 19.02.2026 - 04:34 Uhr
Artikel (#92)
Franz Fhmann (1922-1984)
(Bild: Roger Meils)

Der Traum als literarische Form

Franz Fhmanns Traum-Erzhlungen und -Notate

Untersuchung von Oliver Wieters

Einleitung

I. Fragestellung und Zielsetzung

Die Auseinandersetzung mit dem Traum als literarische Form nimmt im OEuvre des 1984 verstorbenen DDR-Schriftstellers Franz Fhmann eine herausgehobene Stellung ein. In ihr findet sein lebenslanger Wandlungsproze - von der Selbst-Kritik an seiner nationalsozialistischen Jugend ausgehend - charakteristischen Ausdruck. Fhmanns Beschftigung mit dem Traum trgt einerseits die Kennzeichen einer psychoanalytisch untersttzten Selbsttherapie, die ihm Lebenskrisen zu meistern half, verweist andererseits aber auch auf den Traum als einer Quelle poetischer Inspiration, von der sich Fhmann, besonders in seiner letzten Schaffenszeit Mglichkeiten neuen Erzhlens erhoffte. Vor dem Hintergrund dieser Dialektik von Zeitgeschehen, Autobiographie und knstlerischem Werk haben sich die Trume Fhmanns zu einem wichtigen Beitrage zur deutschen Gegenwartsliteratur entwickelt. Diese Untersuchung widmet sich ihnen.

Die Stationen von Fhmanns Traumbeschftigung sollen als Ausdruck seines Wandlungsprozees insgesamt nachgezeichnet werden. Damit ist dieser Aufsatz auch ein Beitrag zu der von Uwe Wittstock bei Franz Fhmann (und Christa Wolf) nachgewiesenen ,,Fhigkeit zu trauern"1, die Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 in ihrem ,,bis heute viel zitierten, aber offenbar wenig gelesenen Buch ber `Die Unfhigkeit zu trauern′ als die wesentliche Forderung einer wirkungsvollen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beschrieben haben."2

II. Zur Literaturlage

Die Sekundr-Literatur zum Thema dieser Arbeit ist noch recht sprlich. Die Studien Uwe Wittstocks3 zum Leben und Werk Franz Fhmanns, die smtlich auf Wittstocks 1987 verffentlichter Dissertation aufbauen, betonen in erster Linie das psychoanalytische Element in Fhmanns Auseinandersetzung mit dem Unbewuten und sind zudem zu einer Zeit verfat worden (zwischen 1986 und 1988), als der Nachla Fhmanns erst in Anstzen gelichtet war. Die Traumbuchfragmente Fhmanns (1988 verffentlicht) drften Wittstock - abgesehen von den ,,Dreizehn Trumen" - nicht bekannt gewesen sein. In der Studie von Irmgard Wagner4 dagegen, ,,Franz Fhmann: Nachdenken ber Literatur", 1989 verffentlicht, berwiegt die Herausarbeitung von Fhmanns Literaturtheorie und nimmt Fhmanns Beschftigung mit dem Traum eine untergeordnete Rolle ein. Der wichtigste Beitrag zum Thema stammt von Ingrid Prignitz5, die seit dem Tode Kurt Batts (1975) Fhmanns Lektorin beim Hinstorff Verlag in Rostock war. In ihrem ,,Nachwort" zu dem von ihr 1988 verffentlichten Nachlaband Fhmanns - ,,Unter den PARANYAS: Traum-Erzhlungen und -Notate" - kann Prignitz auf eine Reihe unverffentlichter Briefwechsel und Gesprche zwischen ihr und dem Autor zurckgreifen, mit deren Hilfe sie ein genaue Rekonstruktion von Fhmanns Traumbuchplnen vornimmt. Ihre Arbeit ist daher fr diese Untersuchung von groem Wert. Darber hinaus ist zu dem Nachlaband in der F.A.Z. vom 4.Oktober 1988 eine Rezension von Uwe Wittstock erschienen6.Eine allgemeine Bibliographie zur Sekundrliteratur, auf die bei der Erstellung dieser Arbeit zurckgegriffen wurde, findet sich bei Uwe Wittstock7; sie ist, was die westdeutsche Forschungsliteratur betrifft, umfassender und insgesamt genauer als die zum 65. Geburtstag Franz Fhmanns verffentlichte Bibliographie des Hinstorff Verlages8.

III. Aufbau der Untersuchung

Drei Stationen von Fhmanns ,,literarischer Traumarbeit" sollen in dieser Arbeit nachgezeichnet und untersucht werden: Angefangen mit Fhmanns 1959 verffentlichter Traumerzhlung ,,Traum 1958", die kennzeichnend ist fr Fhmanns ,,didaktisches Schreiben" jener Zeit, ber die Novelle ,,Bhmen am Meer" und den Erzhlzyklus ,,Das Judenauto" (beide 1962), die ein bergangsstadium markieren und ber das Ungarn-Buch ,,22 Tage oder Die Hlfte des Lebens" (1973), Fhmanns Durchbruch zu grerer stilistischer und persnlicher Freiheit, bis zu seinen spteren Traumbuchprojekten, reprsentativ ausgewhlt mit der seit 1983 entstandenen Sammlung ,,Dreizehn Trume"9, der einzigen gltigen, weil von ihm selbst fr den Druck autorisierten Edition von Trumen aus dem Umfeld seiner Traumbuchprojekte.
Anschlieend sollen die gewonnenen Ergebnisse durch einen kurzen Seitenblick auf die wesentlich anders gelagerten ,,Traumprotokolle" Heinar Kipphardts10 aus dem Jahre 1981 konturiert werden. Den Schlu bildet eine Zusammenfassung mit dem Versuch, die Stellung von Fhmanns ,,Trumen" in seinem OEuvre zu skizzieren.

[...]

1 Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfhigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. Mit einem Nachwort der Autoren zur unvernderten Neuausgabe. Mnchen; Zrich: Pieper, 1986 (18. Aufl.; Erstausgabe: 1967).

2 Uwe Wittstock: Franz Fhmann. Mnchen: Beck, 1988. 53-54.

3 Uwe Wittstock: ber die Fhigkeit zu trauern. Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fhmann. Frankfurt am Main: Athenum, 1987. (Diese 1986 an der Universitt Kln vorgelegte Dissertation Wittstocks trug zunchst den Titel: Vom sozialistischen Realismus zur literarischen "Arbeit am Unbewuten": Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fhmann.) Ders.: Franz Fhmann. Mnchen: Beck, 1988. Ders.: Franz Fhmann: Der Kampf um die Erinnerung. Franz Fhmanns langer Weg zu sich selbst. In: Von der Stalinallee zum Prenzlauer Berg. Wege der DDR-Literatur 1949-1989. Mnchen: Pieper, 1989. 35-49.

4 Irmgard Wagner: Franz Fhmann: Nachdenken ber Literatur. Heidelberg: Winter, 1989 (Reihe Siegen; 86).

5 F.F.: Unter den PARANYAS. Traum-Erzhlungen und -Notate. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ingrid Prignitz. Rostock: Hinstorff, 1988. 201-227.

6 Uwe Wittstock: Nachrichten aus einer entrckt-vertrauten Welt. Franz Fhmanns postum verffentlichtes Traumbuch "Unter den PARANYAS". In: F.A.Z. Literaturbeilage vom 4.Oktober 1988.

7 Uwe Wittstock: ber die Fhigkeit zu trauern. 200-206. Ders.: Franz Fhmann. 94-103.

8 Zwischen Erzhlen und Schweigen. Ein Buch des Erinnerns und Gedenkens. Franz Fhmann zum 65. Hrsg. v. Horst Simon unter Mitarbeit von Barbara Richter. Rostock 1987. 193-223.

9 F.F.: Unter den PARANYAS. 37-66.

10 Heinar Kipphardt: Traumprotokolle. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Hrsg. v. Uwe Naumann. Unter Mitarbeit von Pia Kipphardt. Reinbek: Rowohlt, 1986.

Abschrift der Beurteilung:

Ihre kenntnisreiche, von argumentativer Transparenz ausgezeichnete Arbeit zeugt nicht nur von Ihrer intensiven Beschftigung mit dem Thema Trumen und Dichten, sondern auch von Ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Evolution des Fhmannschen _uvres. Die Entwicklungsstufen der zunehmenden inneren Akzeptanz seiner Trume lassen sich ja korrelieren mit Entwicklungsphasen der DDR-Ideologie: trotz XX. Parteitag der Bitterfelder Weg und die instrumentelle Funktion der Literaturproduktion; dann nach dem XXII. Pt. (Herbst 61′) die kurze Liberalisierungsphase (partielle Rezeption der lit. Moderne, Kafka-Konferenz, Freud-Rezeption; nach dem August `68 die Breschnew-Doktrin und nach der Ablsung Ulbrichts im Herbst `71 das Honeckersche Diktum: fr Kunst + Lit. Wegfall der (?). Dieser historische Kontext ermglicht die 22 Tage, die Entdeckung des autonomen oder authentischen Schreibens, und trotz Biermann-Ausbrgerung wird dieser Weg weiter verfolgt, event. sogar mit radikaler Entschiedenheit (vg. Sturz... und 13 Trume). Ihre Textbetrachtungen verdeutlichen und begrnden mit ihrer Problemorientierten Interpretationsarbeit Ihre Arbeitsthese, da Modus und Qualitt der literarischen Traumarbeit gleichsam als Indikator und Katalysator der Wandlung, der existientiellen Neuorientierung und Selbstfindung Fhmanns anzusehen sind, wobei Trumen und Schreiben diesen Erkenntnis- und Individuationsproze gleichsam vorantreiben.

In ihrer selbstauferlegten quantitativen Begrenzung eine vorzgliche Studie!"

Sehr gut (1)

[Dr. Jrgen Hauff, Akademischer Oberrat Universitt Tbingen]

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