www.oliverwieters.de - 19.02.2026 - 04:25 Uhr
Artikel (#69)
Hans van der Loo und Willem van Reijen, Modernisierung. Projekt und Paradox (1992)
(Bild: dtv)

Das Paradox der Modernisierung

Rezension von Hans van der Loo und Willem van Reijen, Modernisierung. Projekt und Paradox (1992)

Von Oliver Wieters

Hans van der Loo und Willem van Reijen, Modernisierung. Projekt und Paradox, aus dem Niederlndischen bersetzt von Marga E. Baumer, Mnchen: dtv 1992. 279 S., DM 22,80.

Dieses 1990 an der Rijksuniversitt Utrecht entstandene Buch setzt sich kenntnisreich mit der Modernisierungsdebatte auseinander, die in den Sozial- und Geisteswissenschaften seit Jahrzehnten leidenschaftlich gefhrt wird. Unter Modernisierung verstehen die Autoren dabei einen Komplex miteinander zusammenhngender struktureller, kultureller, psychischer und physischer Vernderungen, der sich in den vergangenen Jahrhunderten herauskristallisiert und damit die Welt, in der wir augenblicklich leben, geformt hat und noch immer in eine bestimmte Richtung lenkt (11). Die Moderne lt sich in diesem Sinne nicht monokausal verstehen, sondern als ein Konglomerat scheinbarer Widersprche (Paradoxa). Die beiden Utrechter Professoren versuchen dieses Phnomen auf der Basis eines von Talcott Parsons entwickelten Handlungsschemas zu erklren. Modernisierung deutet demzufolge auf eine Kombination von Differenzierung, Rationalisierung, Individualisierung und Domestizierung hin; zusammen bilden sie ein System von Konzepten, mit denen die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft veranschaulicht werden kann. Jedem dieser untereinander eng verbundenen Leitbegriffe entspricht ein charakteristisches Paradox, dem das Buch jeweils ein eigenes Kapitel widmet. Der Begriff Paradox, der sich wie ein Leitfaden durch das Buch zieht, erlaubt es den Autoren, scheinbar widersprchliche Prozesse in der Moderne als zwei Seiten derselben Modernisierungsmedaille (35) zu verstehen. Im einzelnen stellen sich die Paradoxa (oder Dimensionen) der Modernisierung fr die Autoren wie folgt dar:

(a) Das Differenzierungsparadox. Differenzierung bedeutet fr die Autoren, da Individuen, Gruppen und Organisationen der Gesellschaft spezialisierten, aber untereinander verbundenen Aktivitten nachgehen. Es handelt sich um Arbeitsteilung im weitesten Sinn (82). Durch die Differenzierung weitet sich die Skala der sozialen Netzwerke immer mehr aus, sie werden grer, weitrumiger und vernderlicher; andererseits wchst durch diesen Proze die gegenseitige Abhngigkeit, da die Individuen zunehmend auf die Dienste anderer Menschen angewiesen sind. Somit kommt es im Laufe der Modernisierung im gesellschaftlichen Bereich sowohl zu einer Mastabsvergrerung als auch zu einer Mastabsverkleinerung. Daraus entstehen Probleme der gesellschaftlichen Solidaritt (was hlt Menschen in einer differenzierten Gesellschaft noch zusammen), Probleme der sozialen Gleichheit (wie lassen sich unterschiedliche Aktivitten gerecht bewerten) und psychische Probleme (denn die Ausbildung grerer Netzwerke zwingt die Menschen dazu, ihre Emotionen besser zu beherrschen und langfristiger zu denken). Die Autoren diskutieren in diesem Zusammenhang u.a. Denkanstze von E. Durkheim, N. Luhmann, K. Marx, M. Weber, A. de Tocqueville und N. Elias.

(b) Das Rationalisierungsparadox. Rationalisierung verstehen die Autoren als das Ordnen und Systematisieren der Wirklichkeit mit dem Ziel, sie berechenbar und beherrschbar zu machen (118). Dieser Proze spielt sich auf der Ebene der Weltanschauung ab (wie er besonders in Max Webers Wort von der Entzauberung der Welt zum Ausdruck kommt), hat aber auch konkrete Folgen fr das individuelle und kollektive Handeln. Der Proze hat zwei Seiten: Einerseits Pluralisierung, andererseits Generalisierung. Gruppen und Individuen streben immer rationaler danach, in bereinstimmung mit selbstgesetzten Werten ihre eigenen Ziele rational zu erreichen und bewirken auf diese Weise eine Pluralisierung der Welt. Zugleich werden dadurch bergreifende Werte und Bedeutungen verwssert. Fr die Gesellschaft stellt sich hinsichtlich dieses Paradoxes die Frage der Legalitt: Wie lassen sich Werte so formulieren, da sie als allgemein bindend verstanden werden knnen? Diese Probleme werden vor dem Hintergrund der Theorien von M. Weber (Wertrationalitt versus Zweckrationalitt), K. Mannheim, F.W. Taylor, J. Habermas, und E. Goffman diskutiert.

(c) Das Individualisierungsparadox. In ihm finden sich Verselbstndigung und Abhngig-Werden miteinander konfrontiert. Individualisierung umschreiben die Autoren als einen Proze, in dem die Abhngigkeit des Individuums von seiner unmittelbaren Umgebung auf entlegenere Netzwerke verlagert wird (161). Die Frage stellt sich, ob das moderne Individuum wirklich eine selbstndige und starke Persnlichkeit ist (wie es vermeintlich glaubt) oder ob es nur noch davon trumt. Angesichts der Unberschaubarkeit einer zunehmend abstrakten und brokratischen Welt erfhrt das Selbst-bewute moderne Individuum nicht selten Gefhle von Ohnmacht und Unfreiheit.

Eine Folge dieses Sachverhalts ist die partielle Psychologisierung der Welt. Chr. Lasch sprach in diesem Zusammenhang von der Kultur des Narzimus, da das moderne Individuum seine ganze Energie an die Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildes verwenden mu. Richard Sennett sieht das moderne Individuum gar in einem endlosen Psycho-Geschwtz ber die gegenseitigen Gefhle versinken. Das Individualisierungsparadox stellt die Gesellschaft vor die Frage der Integration: Wie knnen unterschiedliche individuelle Handlungen aufeinander bezogen werden, und wie kann ein sinnvoller Ausgleich zwischen kollektiven und individuellen Interessen hergestellt werden? Diskutierte Autoren sind in diesem Kapitel u.a. J.-J. Rousseau, G. Simmel, A. de Tocqueville, M. Weber, S. Freud, E. Fromm, Chr. Lasch, Th. W. Adorno, M. Horkheimer, R. Sennett, C.R. Rogers und A. Maslow.

(d) Das Domestizierungsparadox. Unter Domestizierung verstehen die Autoren die Zhmung der natrlichen und biologischen Krfte und damit das Optimieren der Mglichkeiten, welche Natur und Krper bieten (196). Das Paradox bezieht seine Spannung aus dem Miteinander von Dekonditionierung und Konditionierung. Der Mensch erringt zwar im Laufe der Jahrhunderte, besonders in der Moderne, durch die Zhmung seiner eigenen und der ueren Natur mit Hilfe verschiedener Techniken immer mehr Macht und Selbstndigkeit (Dekonditionierung von der Natur), doch erkauft er sich diese Entwicklung durch eine neue Abhngigkeit von den technologischen Mitteln, die fr die Erreichung dieses Zwecks ntig sind (Konditionierung von anderen). Daher das Resmee der Autoren: Zunehmende Dekonditionierung der natrlichen Umstnde kann nicht losgelst von zunehmender psychischer und sozialer Konditionierung gesehen werden. Im Lauf der Modernisierung haben sich die Menschen immer unabhngiger von der Natur gefhlt, aber sie sind dabei zugleich abhngiger von anderen und von sich selbst geworden. (234) Gesellschaft mu diesbezglich versuchen, eine Balance zwischen Mensch und Natur herzustellen. Diskutiert werden in diesem Abschnitt u.a. Gedanken von H. Schelsky, N. Elias, S. Freud, A. Gehlen und M. Foucault.

Die Verfasser nehmen im groen und ganzen eine eher positive und optimistische Einstellung gegenber dem Projekt der Moderne ein. Im Gegensatz zu den dsteren Prognosen von Max Weber und den etwas hoffnungsvolleren von Jrgen Habermas, der jedoch zumindest in seinen frheren Werken die Gefahr sah, da der Bereich der Lebenswelt (u.a. die Familie) im Zuge der Modernisierung unter dem Druck des Systems (u.a. die Brokratie) zusammenbrechen knnte, sind die Autoren der Ansicht, da die offensive Kraft der Lebenswelt grer ist, als Weber und Habermas glauben. Positiv hervorzuheben ist, da die Autoren wiederholt - und wie dem Rezensenten scheint: zurecht - den einmaligen Charakter des abendlndischen Modernisierungsprozesses betonen. Er wre ohne die Einwirkungen von Renaissance, Reformation und Aufklrung in Europa unvorstellbar. Eine vorbehaltlose bertragung auf andere Kulturen kann verheerende Folgen haben. Das hat der Iran unter dem Schah, aber auch die Wirkung einer weltweiten Coca-Cola-Kultur mit ihren zerstrerischen Folgen fr lokale Traditionen gezeigt.

Vieles in diesem Buch wird dem Leser, der sich schon zuvor mit dem Thema auseinandergesetzt hat, bekannt vorkommen. Das ist keine Kritik, denn Modernisierung. Projekt und Paradox ist in erster Linie ein Buch fr Neugierige und Newcomer. Die enzyklopdische Aneinanderreihung und Referierung unterschiedlicher Stellungnahmen, wenn auch in vorbildlicher Klarheit dargestellt, knnte allerdings leicht einer Form des Relativismus Vorschub leisten, der im von den Autoren kritisierten Postmodernismus seinen Ausdruck gefunden hat. Am Ende des Buches hat zwar der Leser eine Menge ber den Themenbereich der Modernisierung erfahren, doch fehlt ihm ein handhabbares Kriterium zu dessen Bewertung. Da die Verfasser scheinbar rein deskriptiv vorgehen, fllt es dem Leser schwer, aus dem Buch eigene Argumente fr oder gegen die Modernisierung zu ziehen. Aussagen wie zu dster (144) (zu Habermas und Weber), die fr die eine oder andere Theorie geprgt werden, mgen in den Augen der Autoren zutreffend sein, doch bleiben sie letztlich in dieser Form eine Frage des Geschmacks. Um handhabbare Kriterien zu bestimmen, wre eine philosophische Standortbestimmung der Autoren durchaus hilfreich gewesen.

Ein gewisses Problem des Buches liegt darin begrndet, da der Begriff modern nicht begriffsgeschichtlich erlutert wird. Herkunft und Ursache der Modernisierung bleiben vage. Die Aussage: Wir wissen, was modern ist, wenn wir wissen, was traditionell ist (267), erffnet lediglich den Eintritt in einen endlosen Zirkel, der dem gleicht, wenn man krank durch gesund und gesund durch krank erlutern wollte. In dieser Hinsicht bleibt das Buch weit hinter der philosophischen Herleitung der Moderne entfernt, wie sie Jrgen Habermas in seinem Philosophischen Diskurs der Moderne (1985) - ein Buch, dem auch diese Autoren offensichtlich einiges verdanken - geleistet hat.

Aus alledem resultiert: Das Buch liefert einen ausgezeichneten und klaren berblick ber wesentliche Aussagen zum Phnomen der Modernisierung, und es stattet den Leser mit einem hilfreichen Instrumentarium zu deren Strukturierung aus. Es ist in dieser Hinsicht sehr empfehlenswert und kann auch fr den mit philosophischen Fragen weniger befaten Geschichtsstudenten eine hilfreiche Grundlage fr ein Studium von Modernisierungsprozessen sein.




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