www.oliverwieters.de - 19.02.2026 - 04:35 Uhr
Prosa (#58)
Rmisches Aqudukt bei Csarea
(Bild: ...)

Der Feigenbaum

Die erste Erzhlung

von Oliver Wieters
Israel, Sdot-Yam 1988

Fr Ben Pardo

In der Grokche war er der starke Mann. Von seiner zornigen und nur zu oft unberechtigten Schelte, die regelmig ber die anderen in der Kche einbrach, war nur ich ausgenommen. Er kam dann manchmal nach so einem Ausbruch zu mir, legte den Arm um meine Schulter und fragte mich lchelnd, ob bei mir alles in Ordnung sei. Alle wuten, da Gershon eigentlich ein feiner Kerl war.

Der mag Dich mehr als seine Frau und sein Kind dazu, zog mich dann manchmal Mogli, der feiste Kchenjunge auf. Er verbummelte hier im Kibbuz einen Teil seiner Militrzeit. Ich wute, da er meine Freundschaft suchte, und deshalb belie ich es bei einem beilufigen Lcheln.

Nach der Arbeit ging ich gewhnlich schwimmen. Der Kibbuz lag direkt am Meer. Meeresfelder, Sdot Yam, so hie er. berall konnte man den Widerhall der donnernden Brandung hren. Neben dem Kibbuz befanden sich die Ruinen einer biblischen Stadt, die erst vor wenigen Jahren wieder ausgegraben worden war. Ging man an den riesigen Quadern des alten Amphitheaters vorbei, gelangte man nach kurzem Weg zum rmischen Aqudukt, wo der Sandstrand besonders warm und weich war. Heute, wie schon in den letzten Tagen. wollte ich mich hier mit Hannah treffen.

Sie hatte einen kirschroten Mund, so prall wie die Frauen in der Lippenstiftwerbung. Sie war 17, nur wenig lter als ich, aber im Gegensatz zu mir schien sie immer genau zu wissen, was sie wollte und wie sie es erreichen konnte.

Pitango!, lachte sie mir entgegen, als ich zur verabredeten Stelle unter einem zerfallenen Steinbogen kam. Zwischen den Zhnen hatte sie zwei dieser kirschartigen Steinfrchte, die ich ihr aus dem Mund wegkssen sollte. Doch als ich ihr nher kam verschwanden sie schnell in ihrem Mund und sie lief lachend davon. Runter zum Meer.

Sie schwamm wie ein Fisch, der von einem Fischer wieder von Bord geworfen wurde. Ihre Beine zappelten wild im Wasser und als ich endlich das Meer erreicht hatte, war sie schon ein ganzes Stck hinausgeschwommen. Nicht ungefhrlich, dachte ich. Etwas weiter endete das alte Hafenbecken aus Herodianischer Zeit, das fast vollstndig von den Wellen bersplt wurde. Viele Schwimmer waren hier schon aufs offene Meer hinausgesplt worden, weil sie die Strmung unterschtzt hatten.

Ich tauchte und kitzelte sie an ihrem Fu. Sie lachte und bespritze mich mit Wasser. Wir waren wie zwei junge Seehunde. Ein, zwei Stunden vergingen wie im Fluge. Auf einmal wurde uns kalt und wir beschlossen, uns auf den Rckweg zu machen.

Vor der bewachten Einfahrt zum Kibbuz, wo zwei israelische Flaggen standen, blieben wir stehen. Hanna lachte mich an und gab mir zum Abschied einen Ku auf die Wange. Dann lief sie davon, verschwand hinter den Hhnerstllen, wo die Strasse zu den Unterknften lang lief.

Es war jetzt schon dunkel, als ich in Richtung der Duschen ging. Ich erschrak ein wenig als sich ein riesiger Mungo aus einem der Feigenbume lste und auf der anderen Straenseite in einem Busch verschwand. Unter den dichten Zweigen standen mehrere Mnner. Einige rauchten, andere fischten nach den reifen Frchten. Unter ihnen war auch Gershon, mein Beschtzer aus der Kche.

Erevtov!, rief er und lste sich aus der Gruppe. Braun und gesund siehst du aus, mein Junge. Er legte mir einen Arm ber die Schulter, reichte mir eine Frucht. Willst Du eine Feige?

Ken, ja, antwortete ich etwas gehemmt. Ich hatte das Gefhl, das mir sein krftiger Arm die Luft zum Atmen wegdrckt.

Der sliche Duft der berreifen Feigen vermischte sich mit dem Geruch seines Schweies. Er hatte bis eben in der Kche gearbeitet. Er zerri die Feige, reichte mir die eine Hlfte, die andere warf er sich selbst in den Mund.

Ich berlegte, was ich sagen sollte. Du willst das Kibbuz verlassen, habe ich gehrt?

Das weit Du von meiner Frau?, fragte mich Gershon zurck. Seine Frau war Mirjam, sie behandelte mich wie einen alten Freund. Ich bin hier geboren, lebe hier seit vierzig Jahren, habe hier meine Frau kennen gelernt und eine Familie gegrndet. Aber ich bin nie rausgekommen auer zum Militr natrlich. Jetzt will ich endlich etwas von der Welt sehen, und meine Frau will das auch. Wir gehen zusammen. Seine Augen zuckten etwas, whrend er sprach. Aber, Junge, sprechen wir nicht davon. Sprechen wir von Dir und Deiner Zukunft.

Ich sagte nichts. Vom Meer kam das Getse der Brandung herauf.

Gershon hielt pltzlich inne. Wo warst Du eigentlich heute nachmittag? Hast Du Dich wieder mit dieser kleinen Hure getroffen?

Hannah ist keine Hure!, sagte ich wtend. Und im brigen geht es Dich nichts an, mit wem ich mich treffen. Wtend schob ich seinen Arm zur Seite.

Recht hast Du, sagte er mit einem seltsamen Lcheln. Was geht es mich alten Knacker schon Er lachte und fuhr mir mit dem Handrcken ber die Wange. Dann drehte er sich abrupt um, sagte noch Shalom und ging zu den Mnnern unter dem Feigenbaum zurck.

[...]




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