www.oliverwieters.de - 19.02.2026 - 04:30 Uhr
Prosa (#65)
Schatten der Vergangenheit
(Bild: Oliver Wieters)

Yassir und Anna

Erzhlung

von Oliver Wieters

Kapitel 1

Yassir erwachte allein in der taghell erleuchteten Nacht und dachte, dass ihm hundert Ngel den Bauch zerreissen wrden. Er hatte den todbringenden Schalter bettigt und sah fasziniert zu, wie sich seine Arme und Beine, die jetzt nicht mehr seine Arme und Beine waren, unumkehrbar wie menschliche Torpedos von seinem Rumpf fortbewegten. Er wollte etwas sagen, aber das Entsetzen hatte ihn stumm gemacht. Lange lag er im Bett und dachte ber das Bild nach. Es dauerte Minuten, die ihm wie Stunden vorkamen, bis sein Atem sich wieder beruhigt hatte. Er tastete nach der Taschenlampe auf dem Umzugskarton, der in seinem Schlupfloch ein Mbelstck imitierte. Als sie klirrend zu Boden rollte, ging das einzige elektrische Licht kaputt, das es in dem entlegenen Forsthaus gab. Er lie sich zurckfallen und zwang sich zu denken, dass alles nur ein bser Traum war. Hatte man ihm nicht gesagt, dass im Paradies schon ein Tisch fr ihn gedeckt war?

Er zndete sich eine Zigarette an und horchte wie sein Blut durch die Adern floss. Der Geruch von Moos und Moder stieg ihm in die Nase. Seit Stunden regnete es ohne Unterlass und die Insekten hatten in der Wrme der Matratze Zuflucht gesucht. Eine dunkelbraune Schabe krabbelte ber sein nacktes Bein. Er fing sie und setzte sie in Brand. Eine deutsche Schabe weniger, dachte er zufrieden. Er widerstand dem Verlangen, sich vom Regen wieder in den Schlaf wieden zu lassen. Statt dessen ging er noch einmal die Details seines Plans durch. Am Abend hatte er vor seiner Htte ein Paket mit einem MP3-Player mit Pop-Musik gefunden. Als Cat Stevens zum ersten Mal den Refrain von Morning has Broken anstimmte, wurde die Aufnahme abrupt unterbrochen und eine Stimme mit dem Dialekt seiner Heimstadt rief seinen Namen. Yassir! Morgen, 18 Uhr, vor dem Stadion. Gott stehe Dir bei. Er blickte auf seine beleuchtete Armbanduhr: In vierzehn Stunden wrde das Fussballspiel Saudi Arabien gegen Ukraine angepfiffen werden. Er wrde sich unter die Besucher des Weltmeisterschaftsspiels mischen und vor dem Stadion den Sprengstoffgrtel znden, den er an seinem Leib trug.

Vielleicht war er doch wieder eingeschlafen. Aber pltzlich hatte er das Gefhl, das ein Fenster gescheppert hatte. Schlagartig war er wach und horchte in die Dunkelheit. Glas zerbrach, ein Fenster wurde geffnet und Yassir hrte Schritte, die nher kamen.

Er hatte keine Waffe und er hatte Angst. Langsam gewhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Eine kleine Gestalt kam nher, leuchtete mit einer Taschenlampe in jede Ecke. Als sie vor seiner Matratze stehen blieb schrie Yassir Halt! Wenn Du nher kommst, tte ich uns beide!

Die Gestalt blieb stehen und rhrte sich nicht. Gib mir Deine Taschenlampe, sagte Yassir und stand auf. Er nahm sie der kleinen Person aus der Hand und leuchtete in ihr Gesicht. Zu seiner berraschung sah er in das Gesicht eines schnen Mdchens mit langem Haar und lebhaften Augen. Sie sah ihn ngstlich an und sagte: Tu mir nichts! Ich wusste nicht, dass hier jemand wohnt.

Yassir blickte sie an und vergass seine Angst. Wer war sie? Was wollte sie hier? War sie wegen ihm hier?

Was suchst Du hier, schrie er sie in gebrochenem Englisch an. Who are you?

Ich bin von zu Hause weggeleaufen und dachte, ich knnte hier bernachten, antwortete sie. Eigentlich sah sie ncht aus wie ein Mdchen, das von zu Hause weggelaufen ist, dachte Yassir. Dafr war sie zu alt. Aber irgend etwas an ihr liess ihn seine Zweifel vergessen und er glaubte ihr.

Du kannst hier nicht bleiben, sagte er.

Was machst Du hier?, fragte sie und griff nach der Taschenlampe.

Ich warte. Ich warte auf den Tod, antwortete Yassir.

Das Mdchen nahm die Taschenlampe und leuchtete damit in sein Gesicht. Bis Du krank?

Unsinn!, sagte Yassir. Ich bin stark wie ein Stier. Morgen bin ich ein Held!

Sie lchelte in der Dunkelheit. Soso, ein Held. Und was macht Dich da so sicher? Hast Du ein Allheilmittel gegen Krebs gefunden? Weit Du wie man Fische ohne Grten zchtet?

Mach Dich nicht lustig ber mich!, schrie er sie an. Du hast ja keine Ahnung. Du wirst es morgen in den Nachrichten lesen, was ich fr ein Mann bin. Und bis dahin wirst Du mir Gesellschaft leisten.

Kapitel 2

[...]




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