Ian McEwans glnzende Gesellschaftssatire "Amsterdam" (1997)
Oliver Wieters
Die Physikerin, so heit es weiter, sieht im Scheitern ihres Mannes nur die Extremform eines allgemeinen gesellschaftlichen Problems. All das "ganze Streben und Schreien, das Manipulieren und Debattieren" diene nur dazu, seine Schwche nicht herauszulassen.
Dieses Motiv aus Ein Kind zur Zeit findet sich in abgewandelter Form in McEwans neuesten Roman Amsterdam wieder, fr den McEwan Ende 1998 der Booker-Preis verliehen wurde. Hier ist es ein erzkonservativer Auenminister, der durch kompromittierende Fotos, die ihn in Frauenkleidung zeigen, zu Fall gebracht wird. Unfhig, sich selbst zu verteidigen, zieht er sich wie ein frustrierter Teenager in sein Bett zurck, whrend seine Frau, eine erfolgreiche rztin, die Verteidigung ihres Mannes gegenber einer sensationslsternen Presse in die Hand nimmt.
Beide Szenen verweisen auf ein Grundmotiv im Werk des britischen Schriftstellers: Formen der Regression, sexuelle Normverste, spontane Gewaltausbrche und moralische Heuchelei kennzeichnen in seinen Bchern die Unfhigkeit der (mnnlichen) Protagonisten, den Ansprchen einer chaotischen Gesellschaft gerecht zu werden.
Schritt in die Welt
Gesellschaftskritik hat schon immer eine wichtige Rolle bei McEwan gespielt, entzog sich aber oft der Aufmerksamkeit seiner Kritiker. Lange Zeit galt dieser 1948 als Sohn eines Armeeangehrigen in Aldershot Geborene, der seine Kindheit auf Militrsttzpunkten in Singapur und Libyen verbracht hat, als Meister der "Gothic Novel", der englischen Variante des Schauerromans. Insbesondere seit seinem Romandebt "Der Zementgarten" - der Geschichte einer inzestusen Geschwisterbeziehung - aus dem Jahr 1978, das ihm das Lob Stephen Kings und den Spottnamen "Ian McCaber", Ian der Makabre, einbrachte, klebt dieser Ruf an ihm. Noch heute, klagte er unlngst in einem Interview, wolle man ihn in England stndig neben einem Mllberg oder einer toten Ratte fotografieren, obwohl er doch inzwischen "ganz andere" Bcher schreibe.
Daran ist McEwan aber keineswegs unschuldig. Lange Zeit schien er unwillig, das Graue und Wiederholbare des Alltags zu sehen. Immer lief alles auf spektakulre, schockierende Effekte zu. Erst spter ffnete sich sein Schreiben neuen Themen, unter anderem einer kritischen Erforschung patriarchalischer Machtstrukturen in der heutigen Gesellschaft. Im Rckblick, in einem Interview, stellte sich ihm dieser Proze als eine Reifung dar: "I stepped out into the world".
In seinen letzten Bchern wie Ein Kind zur Zeit (der einfhlsam beschriebenen Geschichte einer Kindesentfhrung), Unschuldige (1989), Schwarze Hunde (1992) und dem gefeierten Roman Liebeswahn (1997) ber einen von religisen und erotischen Phantasien besessenen Mann, lt sich sogar ein verhalten optimistischer, manchmal fast sentimentaler Ton vernehmen, der allerdings, sehr leise, schon immer im Chaos und der Gewalt seiner Geschichten mitschwang.
Good-bye to Thatcher
Sein neuester Roman knnte Anla sein, das einstige Vorurteil endgltig zu revidieren. Denn in Amsterdam stehen McEwans Leitmotive - Beziehungen, Sexualitt, Feminismus, Zivilisationskritik, der Gegensatz zwischen Stadt und Land, Kunst und Macht (Kinder spielen diesmal keine groe Rolle) - im Dienst eines tzenden Portrts von Tony Blairs "Cool Britannia". Das Ende der Major-Thatcher-Jahre erlaubt ihm erst eine umfassende gesellschaftliche Deutung all der Obsessionen und Probleme, die er zuvor zum Thema seiner Bcher gemacht hat.
Dabei zeichnet er ein sehr wirklichkeitsnahes Bild der sozialen Milieus, denen seine vier Protagonisten - ein Politiker, ein Komponist, ein Journalist und ein Zeitungsverleger - enstammen. Dem Buch ist auf jeder Seite anzumerken, wieviel Spa es McEwan gemacht haben mu, "in der Welt der Arbeit" zu schreiben.
Auch die Frage, die im Mittelpunkt des Romans steht, hat einen realen Hintergrund: Sie lautet, ob das Privatleben eines Politikers - in Amsterdam seine sexuellen Vorlieben - Gegenstand ffentlichen Interesses sein sollte. Da es sich dabei um ein Problem mit weitreichenden Folgen handeln kann, hat vor wenigen Jahren die Clinton-Lewinsky-Affre gezeigt. Schonungslos legt McEwan die gesellschaftliche Heuchelei offen, die solchen Skandalen innewohnt.
"Schockierend" wie McEwans frhe Erzhlungen ist am ehesten die Brutalitt, mit der die Protagonisten - alles ehemalige Liebhaber der frhverstorbenen Molly Lane - ihre Ziele durchzusetzen versuchen: Der Komponist, Clive, greift nicht ein, als eine Frau vergewaltigt wird, weil er gerade eine Inspiration fr eine neue Komposition hat, der Chefredakteur, Vernon, startet eine Schmutzkampagne, um die Auflagenhhe seiner Zeitung zu steigern, und in Gang gebracht wird alles von dem eiferschtigen Zeitungsverleger, der durch die Verffentlichung kompromittierender Fotos den Auenminister und ehemaligen Liebhaber seiner verstorbenen Frau Molly zu Fall bringen will. Vor diesem Hintergrund steht der vermeintliche Freundschaftspakt, den Clive und Vernon nach Mollys Tod schlieen: Sollte einer von ihnen jemals so leiden wie Molly, solle ihm der jeweils andere Freund den Gnadensto versetzen. Doch als die Freundschaft zerbricht, offenbart die Abmachung ihren teuflischen Kern: In Amsterdam, wo die Euthanasiegesetze liberaler als in anderen Lndern gehandhabt werden, kommt es zu einem makabren Showdown.
McEwan hat seine bisherigen Bcher vor einiger Zeit in einem Interview als "Romane der Krise und Verwandlung, der Durchgangsriten von groer Intensitt fr die Charaktere" bezeichnet; von Liebeswahn gehe sogar die Bedrckung eines Alptraums aus. Demgegenber schlgt Amsterdam bei allem schwarzen Humor einen leichteren und insbesondere ironischeren Ton an. Leicht, aber nicht seicht. Amsterdam ist keine "Fnf-Finger-bung" wie McEwans Schriftstellerkollege Will Self bei der Verleihung des Booker-Preises an McEwan gespottet hat. Whrend fr McEwans frhere Bcher Autoren wie Franz Kafka, Thomas Mann, Nabokov oder E. M. Forster Pate gestanden haben mgen, erinnert Amsterdam vielmehr an die frhen Werke des englischen Satirikers Evelyn Waugh und an die Gesellschaftskommdien des Amerikaners John Updike. Brillant sind seine sarkastischen Beschreibungen der Londoner High Society, fesselnd seine Darstellung des Lake District, beeindruckend auch sein Portrt des knstlerischen Schaffens von Clive, dem Komponisten.
Welchen Weg McEwan in den vergangenen Jahrzehnten zurckgelegt hat, zeigt der Gewinn des Booker-Preises. McEwans Werk ist zu einem festen Bestandteil der englischen Gegenwartsliteratur geworden. Mglich wurde dies nicht zuletzt deshalb, weil er sich neuen Themen und Stilen geffnet hat. Sein Schreiben lt sich heute mit Recht als "sardonische, aber weise Untersuchung der Moral und der Kultur unserer Zeit" verstehen, wie die Booker-Preis-Jury ihre Entscheidung begrndete. Mit dem Verschwinden drastischer Schockeffekte und der Aufmerksamkeit fr Zwischentne hat sich sein Blick fr die Probleme der zeitgenssischen Gesellschaft geschrft. Es ist nicht lnger zu leugnen, dass Ian McEwan einer der unbestechlichsten Chronisten seiner Zeit ist. Sein Werk verdient das Interesse und die Sympathie der Leser.
Ian McEwan: Amsterdam. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Diogenes, Zrich 1999, 224 Seiten, 36,90 DM., ISBN: 3257062206
Oliver Wieters, Hamburg
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