Prosa (#7)
Jardin du Luxembourg, Paris
(Bild: Unbekannt)
Salaud
Eine Kurzgeschichte
von Oliver Wieters
Dieses atemlose blinde Spiel ...
Rainer Maria Rilke
"Salaud!" brllte der kleine Mann.
Gall zuckte zusammen. Er fhlte sich ertappt, obwohl es dafr keinen vernnftigen Grund gab. Wer konnte ihm schon den langen Weg von Tel Aviv bis nach Paris gefolgt sein? Er zitterte, seit er die Stimme des unbekannten Mannes hinter sich gehrt hatte, der ihn so bel als einen Saukerl beschimpft hatte. Gall war entschlossen, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. Vielleicht handelte es sich um eine dumme Verwechslung? Er versuchte unauffllig weiterzugehen. Auf der Hhe des Denkmals fr die im Krieg gefallenen franzsischen Studenten berholte ihn eine sthnende Joggerin und hllte ihn in eine Wolke aus Schwei und Deodorant ein. Nachdem sie an ihm vorbei war, atmete Gall tief durch. In dem Moment ertnte wieder der Ruf.
"Salaud!"
Diesmal war er noch lauter. Gall blieb stehen. War dies am Ende doch der Augenblick, vor dem er sich so gefrchtet hatte? Gall drehte sich vorsichtig um. Zuerst konnte er nichts sehen, weil er von der untergehenden Sonne geblendet wurde. Dann tauchten in einiger Entfernung die Umrisse eines kleinen Mannes auf, der haerfllt in Galls Richtung blickte. Galls Herz machte einen Sprung. Aus den Augenwinkeln heraus suchte er seine Umgebung ab. Doch wie blich waren jetzt, kurz vor Schlieung des Parks nur noch wenige Besucher im Jardin du Luxembourg. Ein paar Jogger drehten ihre letzten Runden, und ein alter Mann schttete seine restlichen Brotkrmel vor den Tauben aus. Schon hatten die Parkwchter damit begonnen, die ersten Passanten herauszukomplimentieren. Auf die Hilfe der Polizisten, die rund um das Palais, dem Sitz des Senats, postiert waren, konnte Gall ohnehin nicht hoffen. Das Risiko, von ihnen erkannt zu werden, war zu gro. Er war also somit auf sich allein gestellt. Er konzentrierte sich auf die Waffe in seinem Trenchcode. Er umfate ihren Griff und entsicherte sie. Dann atmete er tief durch und ging auf den Mann zu.
Der Kleine schrie immer noch: "Das tust du nie wieder! Hrst du? Nie wieder!" Dem Akzent und dem Aussehen nach war er ein Nordafrikaner, vermutete Gall, vielleicht aus Algerien. Gerade wollte Gall etwas auf die Tiraden erwidern, als ihm beide Beine weggezogen wurden. Im Strzen dachte er noch daran, da seine Waffe entsichert war und jeden Moment losgehen konnte.
Statt dessen sprte er pltzlich das weiche feuchte Fell einer groen deutschen Dogge, die kraftvoll ber ihn hinwegsprang. Nach fnfzig Metern erreichte der Hund sein Herrchen und lief laut bellend um ihn herum. Der Algerier holte weit mit der Leine aus und lie sie mit voller Kraft auf das muskulse Tier niedersausen. Im ersten Moment verstand Gall die Situation nicht; aber dann wurde ihm die Situation blitzartig klar. Halb kniend sah Gall dem kleinen Algerier zu, der den Hund beim Kopf gepackt hatte und ihn wild hin und her schleuderte. Zuletzt blieb von dem zotteligen Tier, dessen Kraft dazu gereicht hatte, Gall mit Leichtigkeit umzureien, nur noch ein Huflein Elend zurck, das winselnd zu Fen seines Besitzers lag. 'Herrchen wre in diesem Fall sicherlich ein Euphemismus', dachte Gall angewidert.
Mit lauten Pfiffen aus ihren Trillerpfeifen mahnten die Polizisten die Passanten dazu, den Park zu verlassen.
Der kleine Mann stand mit erhobenem Haupt vor seinem Hund und blickte ihm wie ein lgtze Sekunden lang starr in die Augen. Gall fhlte sich an das Bild eines strengen Vaters erinnert, der seinen unartigen Sohn straft. Das Tier winselte um Vergebung, wobei es den Kopf zur Seite geneigt hielt.
Pltzlich ging eine Verwandlung in dem Algerier vor. Er umgriff die gewaltige Dogge mit beiden Armen und berzog sie wie einen verlorenen Sohn, der pltzlich heimkehrt, mit dutzenden Kssen. Der Hund bellte laut und sprang freudig an seinem Herrchen hoch. Gall sah zu, wie Herr und Hund in trauter Eintracht den Park verlieen.
Gall atmete tief durch und sicherte seine Waffe. 'Noch 'mal Glck gehabt' sagte er zu sich selbst und und setzte seinen Weg fort.
'Saukerl', schimpfte er vor sich hin. Immerhin konnte er schon wieder lcheln. Der Wchter am Tor zum Boulevard Saint Michel grte freundlich, als Gall zitternd an ihm vorberging.
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