Eine dialogische Reportage
Von Oliver Wieters (2004)
"Fr mich brach eine Welt zusammen"
GABRIELE: Am 29. Januar 1996 habe ich endlich den Mut gefunden, Henry die Wahrheit zu sagen. Mir war kalt als ich die Treppe in den Keller hinunter gegangen bin. Henry sa am Schreibtisch, baute ein Modellauto zusammen. Ich habe mich auf seinen Scho gesetzt und gesagt: "Henry, Ich habe Dich mit einem anderen Mann betrogen."
HENRY: Damals brach fr mich eine Welt zusammen. Warum hatte meine Frau mir das angetan? Meine schlimmsten Befrchtungen wurden wahr. Ich fhlte mich elend, nahm 30 Kilo ab. Ich war 46 Jahre alt, stand vor der schwersten Entscheidung meines Lebens. Was nun? Ich dachte: Blo nicht noch eine Scheidung!
"Wir sind gebrannte Kinder"
GABRIELE: Wir haben beide schon eine Ehe hinter uns. Ich habe 1973 mit 21 Jahren das erste Mal geheiratet. Zuerst war ich glcklich mit meinem Mann, aber nach der Geburt meiner Kinder, Frank (1976) und Stefanie (1978), merkte ich, da wir uns nichts mehr zu sagen hatten. Mein Mann und ich waren unfhig, uns auszusprechen. Im April 1981 habe ich Henry auf dem Katholikentag in Berlin getroffen. Wir kannten uns schon von frher. Ich hatte sofort das Gefhl: Da ist jemand, der Dich versteht! Endlich konnte ich mit jemandem ber meine Probleme reden.
HENRY: Meine erste Ehe dauerte nur drei Jahre. Bei der Heirat (1979) war ich 29, meine Frau 22 Jahre alt. Sie war total auf ihren Beruf fixiert und wollte noch keine Kinder. Dabei hatte ich als leitender Polizeibeamter ein gutes Einkommen. Das hat mir zu denken gegeben. Wir haben uns zunehmend voneinander entfernt, lebten nebeneinander her. Ich war erst wieder glcklich als ich Gabriele traf, habe mich sofort in sie verliebt.
GABRIELE: Sylvester 1981 haben wir die Bombe platzen lassen. berall standen Sektflaschen und Chips. Henrys Frau weinte, mein Mann schrie als ich sagte: "Henry und ich wollen heiraten!" Wir waren vollkommen durcheinander. In den folgenden Wochen suchten wir nach Hilfe, aber niemand verstand uns. Meine katholische Mutter hat geschimpft: "Der liebe Gott wird Dich dafr strafen!" Sie hat damit gedroht, den Vorgesetzten von Henry anzurufen, aber der hat nur gelacht.
HENRY: Als die Malteser, bei denen ich ehrenamtlich mitgeholfen habe, von meiner Scheidung hrten, haben sie auf meine Mitarbeit verzichtet. Wir haben auch mit Priestern gesprochen. Ein lterer Priester empfahl uns, unser Gewissen zu erforschen. Ein jngerer war vollkommen berfordert, alles was er sagte war: Lat uns beten! Ein anderer meinte, eine Ehe habe aufgehrt zu existieren, wenn sie nur noch auf dem Blatt Papier besteht.
GABRIELE: 1983 haben wir geheiratet standesamtlich. Kein katholischer Geistlicher wollte uns ein zweites Mal verheiraten. Zuerst waren wir rundum glcklich, obwohl Henry horrende Unterhaltungszahlungen an seine Ex-Frau leisten mute und uns niemand zugetraut hat, da unsere Ehe lange hlt. Henry und ich haben miteinander getrumt, ber alles geredet und Plne fr die Zukunft geschmiedet. 1986 wurde Mario geboren. Alles war perfekt. Damals haben wir uns versprochen: Wenn unsere Ehe jemals in der Krise steckt, holen wir uns professionelle Hilfe, bevor es wieder zu spt ist!
"Die Uhr stand auf kurz vor Zwlf"
HENRY: Diese Notsituation kam frher als gedacht. Schon um 1989 fing es in unserer Beziehung an zu "knacken". Unsere Liebe wurde immer mehr vom Alltagstrott zermalmt. Die Arbeit bei der Verkehrsdirektion fra mich langsam auf, dazu kam der Stre mit dem Umzug in unser Haus in Henstedt-Ulzburg.
GABRIELE: Ich hatte keine ruhige Minute mehr als Frank und Stefanie in die Pubertt kamen: Hufig ging es um Probleme in der Schule oder mit Freunden oder es gab Probleme mit dem Taschengeld. Henry und ich haben uns immer hufiger wegen Kleinigkeiten gestritten. Auch unsere Sexualitt hat darunter gelitten. Vielleicht waren wir zu sehr in die Mutter- und Vaterrolle geschlpft? Ich suchte andernorts nach Anerkennung, erst als Verkuferin, dann als kirchliche Mitarbeiterin.
HENRY: Die Situation zu Hause wurde immer unertrglicher. Wir haben kaum noch normal miteinander geredet. Die Kinder litten am meisten darunter. Ihre Leistungen in der Schule wurden immer schlechter. Ich selbst bekam Nierenprobleme, verlor sehr viel Gewicht. Ich fhlte mich katastrophal, bin vorbergehend zu meinem Vater gezogen. Bei uns herrschte das nackte Gefhls-Chaos.
GABRIELE: Wir wuten, da etwas geschehen mute. Die Uhr stand auf kurz vor Zwlf. Im November 1993 machte ich eine Mtter-Kur in Niendorf an der Ostsee. Eines Abends besuchte ich den Vortrag einer Sozialarbeiterin ber Eheprobleme. Dabei wurde mir klar, da wir hart kmpfen muten, um unsere Ehe zu retten. Henry und ich sind dann mehrmals zu der Sozialarbeiterin nach Lbeck gefahren, um ber unsere Beziehungsprobleme zu reden. Ohne Erfolg: Die Frau war vllig berfordert, stndig schrieen wir uns vor ihr an. Zuletzt hat sie uns entnervt empfohlen, uns zu trennen. Auf der Rckfahrt haben wir im Auto gesessen und uns angeschwiegen. Dann brach es aus mir heraus: "Was sind wir doch fr Idioten! Ich dachte an unsere Kinder und da ich Henry doch eigentlich mag.
HENRY: So schnell wollten wir die Flinte nicht ins Korn werfen. Zunchst hatten wir nur einen Waffenstillstand ausgehandelt. Vor uns lag noch ein langer und steiniger Weg. Unser nchster Anlauf fhrte uns im Herbst 1994 nach Kaltenkirchen in ein Seminar "fr Paare in Schwierigkeiten. Es hat mich wie die meisten Mnner viel berwindung gekostet, daran teilzunehmen und vor fremden Menschen ber meine privaten Probleme zu reden. Ich hatte den Eindruck, das die meisten Mnner nur mitgekommen waren, um ihren Frauen einen Gefallen zu tun. Sie hatten sich schon mit der Trennung abgefunden. Wir wollten doch aber zusammenbleiben! Am Ende waren wir das einzige Paar, das noch zusammen war! So hatten wir uns das nicht vorgestellt.
GABRIELE: Nach diesem erneuten Fehlschlag ging es uns immer schlechter. Unsere Kinder zogen sich noch mehr zurck, Frank ging in ein Internat, verweigerte sich der Kirchenarbeit. In meiner Not freundete ich mich mit einem Kollegen in der Gemeinde an. Er kam mit nach Hause, redete mit Henry und den Kindern. Einmal sind wir sogar alle zusammen in den Urlaub gefahren! Ich war so glcklich, hatte das Gefhl, das er mich versteht. Es war fast so wie zu Beginn meiner Ehe. Anfang 1995 entwickelte sich darauf eine handfeste Affre. Heute weiss ich, da er mein Vertrauen schamlos ausgenutzt hat. Er hat von Anfang an versucht, Henry und mich gegeneinander auszuspielen, weil er mich fr sich alleine haben wollte. Mein Seitensprung hat drei Monate gedauert. Ich hoffte, da Henry davon nichts mitbekommen hat, und hatte viele Monate lang nicht den Mut, es zu beichten.
Letzte Chance Paartherapie
HENRY: Ohne da von Gabrieles Seitensprung wute, haben wir Anfang 1995 den dritten Anlauf unternommen, um unsere Ehe zu retten. Wir waren zu dem Schlu gekommen, da uns ein Therapeut, der auch Theologe ist, besser verstehen kann. Denn der Glaube ist ein wichtiges Fundament unseres Lebens! Eine Psychologin hat uns die Visitenkarte von Friedhelm Schwiderski gegeben. Er ist Paartherapeut und evangelischer Theologe und bietet in Bnningstedt bei Hamburg Ehe- und Partnerschaftsseminare an. Was wir davon hrten, hat uns Mut gemacht, noch einen Versuch zu wagen.
GABRIELE: Fr mich war das eine seltsame Situation: Ich hatte eine Affre mit einem anderen Mann, aber ich hoffte weiterhin, da unsere Ehe gerettet wird. Schwiderski hat zunchst 25 Sitzungen 50 Minuten angesetzt. Die erste Sitzung fand am 2. Februar 1995 bei ihm zu Hause statt. Ich hatte insgeheim gehofft, da er mir bei meinen Erziehungsproblemen hilft. Er hat aber sofort erkannt, da die Grnde dafr nicht bei den Kindern, sondern bei uns liegen. Wir haben uns deshalb fr eine Paar- und keine Familientherapie entschieden.
HENRY: Nach den Mierfolgen in Lbeck und Kaltenkirchen waren wir zunchst skeptisch. Dieses Gefhl ist aber schnell verflogen. Gleich zu Beginn hat uns Schwiderski klar gemacht: Eine Paartherapie kann nur Erfolg haben, wenn beide Partner den guten Willen haben, eine Lsung zu finden. Zum Glck war das bei uns der Fall!
GABRIELE: Im Gegensatz zu den anderen Therapeuten hat Schwiderski sich selten in unseren Streit eingemischt. Wir fhlten uns ernst genommen, konnten ber alles sprechen, ber unsere Trume, Hoffnungen und ngste und ber unsere Sexualitt. Schwiderski trat dabei eher als Moderator auf. Seine besondere Strke ist es, genau zuzuhren, die Dinge auf den Punkt zu bringen und den Finger auf die Wunde zu legen. Er hat uns Hilfe zur Selbsthilfe gegeben und uns Fragen zur Orientierung gegeben. Am Ende jeder Sitzung hat er gefragt: "Was wollen Sie eigentlich ndern? Was erwarte Sie von ihrem Partner?" Wir haben das erste Mal vernnftig darber geredet, was uns am anderen strt. Meistens waren es Kleinigkeiten. Zum Beispiel, da Henry nie seine Schuhe wegstellt.
HENRY: Oder da mich Gabriele stndig kritisiert. Wir haben Schritt fr Schritt alte Streitflle aufgearbeitet. Manchmal hatte unser Therapeut verblffende Lsungen parat. Sein Lieblingswort war "entflechten". Ein Beispiel: Ich wollte, da Gabriele den Stecker vom Staubsauger aus der Steckdose zieht, wenn sie aus dem Haus geht. Sie hielt das nicht fr ntig. Also hat uns Schwiderski den Vorschlag gemacht, den Stecker aus der Steckdose zu ziehen, wenn wir weg gehen, und ihn wieder in die Steckdose zu stecken, wenn wir nach Hause kommen.
GABRIELE: Danach hatten wir meistens zwei bis drei Tage Ruhe. Aber wir fielen schnell wieder in die alten Muster zurck. Manchmal dachten wir, da wir es nicht schaffen. Dann hat uns Schwiderski Mut gemacht und wir sind sogar zweimal pro Woche zu ihm gegangen.
HENRY: Immer wieder wechselten sich Rckschlge und Erfolge ab. Manchmal hat dann sogar unser Sohn von sich aus Schwiderski angerufen. Uns wurde bewut, da unsere Eheprobleme ihre Ursachen zum Teil in unserer Kindheit haben. Bei mir zu Hause hat es zum Beispiel nie Streit gegeben. So wie Gabriele von ihrer Mutter das Temperament geerbt hat, so habe ich von meiner Mutter die Harmoniesucht geerbt. Ich bin immer Streit aus dem Weg gegangen und mute erst lernen, mich richtig zu streiten. Gabriele hat immer kritisiert, da ich zu schnell einlenke. Seit der Therapie weiss ich, wie wichtig es ist, auch mal seinen Willen durchzusetzen. Mir wurde bewut, da sich meine Frau immer gewnscht hat, da ich ihr gegenber selbstbewuter auftrete. Denn Partnerschaft hat viel mit Ich-Strke zu tun. Wenn ich heute mit Gabriele Streit habe, schaue ich mir sie zum Beispiel aus der Perspektive eines bewundernden Dritten an und erinnere mich daran, warum ich mich selbst in sie verliebt habe. Das hilft!
GABRIELE: Um so lnger die Therapie dauerte, um so besser ging es uns. Auch die Kinder sprachen wieder mehr mit uns, erholten sich sprbar. Und nicht zu vergessen: Auch unsere Sexualitt erwachte zu neuem Leben. Schwiderski hat uns klar gemacht, da viele Ehen an der beiderseitigen Unfhigkeit zugrunde gehen, sich auszusprechen. Das war auch bei uns fast der Fall. Vor diesem Hintergrund war es nur konsequent, da ich Henry endlich meinen Seitensprung gebeichtet habe. Ich fhlte mich innerlich zerrissen, habe wie ein Roboter gelebt, hatte moralische Skrupel. Auch Schwiderski habe ich nicht die volle Wahrheit erzhlt. Die Monate bis zu jenem 29. Januar 1996 waren wie ein Spagat. Aber Henry und ich hatten uns inzwischen weiterentwickelt: Durch die Therapie haben wir gelernt, zu verzeihen auch uns selbst. Ich habe Henry sehr weh getan. Aber ich bin ihm sehr dankbar dafr, da er sich nicht hat scheiden lassen. Es war die richtige Entscheidung, und ich hoffe, er wird es nie bereuen.
HENRY: Heute bin ich in der Lage, meine Erfahrungen weiterzugeben. Zum Beispiel meinen Kollegen bei der Polizei. Viele leiden unter Eheproblemen, aber schweigen sie tot. Ich rate ihnen, Hilfe zu suchen, bevor es zu spt ist. Es ist ein langwieriger Proze. Niemand soll glauben, da es mit zehn Sitzungen getan ist! Aber es zahlt sich aus, auch wenn es teuer ist. Letztlich mu man wissen, was einem wirklich lieb und teuer ist im Leben!
GABRIELE: Am 26. Oktober 1996 haben wir noch einmal geheiratet. Diesmal mit Gottes Segen. Ein Priester der alt-katholischen Glaubensgemeinschaft hatte sich schlielich dazu bereit erklrt, uns ein zweites Mal zu vermhlen. Es wurde ein kleines Fest im Kreise der engsten Freunde. In der altkatholische Pfarrkirche St. Theresia, die 1662 nach einer groen Sturmflut errichtet wurde, sind wir feierlich vor den Altar getreten und haben still geweint als wir die Worte gesprochen haben: "Ja, ich will!"
INFO
Etwa 70 Prozent aller Scheidungen knnten mit Paartherapie vermieden werden, sagen Paarforscher. Sie gehrt zur sogenannten Systemischen Therapie. Die Kosten fr eine Paartherapie sind abhngig vom Einzelfall und werden nur in seltenen Ausnahmefllen komplett von den Krankenkassen bernommen. Viele Therapeuten bieten auch Meditation und Trennungsberatung an. Die Namen von Paartherapeuten sind u.a. ber die Psychologischen Beratungsstellen, ber die Gelben Seiten im Telefonbuch, Kirchliche Organisationen und soziale Dienste, das Deutsche Rote Kreuz und den Caritasverband zu finden. Einige Therapeuten bieten kostengnstige Probesitzungen an.
Verffentlicht am 17. November 2004 in der Zeitschrift "mach mal Pause"
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