Ein kurzweiliges Buch ber die DDR-Kindheit des Prinzen-Sngers Sebastian Krumbiegel
Oliver Wieters
Mute man als Bewohner der DDR ein Held sein, um nicht in das Mhlwerk der Stasi zu geraten? Sebastian Krumbiegel gibt darauf eine eher verdrieliche Antwort: Wenn es darauf ankam, muten er und seine Mitbrger meistens feststellen, da auch wir keine Helden waren. Da man dennoch auch unter der Diktatur anstndig bleiben konnte, kleidet der Vater des Prinzen-Sngers Sebastian in einen ins Gegenteil gewendeten Liedtitel seines Sohnes: Du mut kein Schwein sein in dieser Welt.
Mit drolligen Ohrwrmer wie Ich wr so gerne Millionr, Kssen verboten oder Du mut ein Schwein sein in dieser Welt sind die Prinzen seit Anfang der 90er Jahre zu einer der erfolgreichsten Boybands im wiedervereinigten Deutschland aufgestiegen. Doch ihre Wurzeln liegen in der DDR und hieen damals noch Herzbuben. Der Grnder und Snger der Musikergruppe, Sebastian Krumbiegel, ist, was nur wenige wissen, der Spro einer klassischen Musikerfamilie aus Leipzig. ber dieses weniger bekannte Kapitel hat jetzt Vater Peter Krumbiegel in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Clemens Prokop ein schmales Bchlein verfat, das neben persnlichen Einblicken ins Leben seiner Familie auch Aufschlureiches ber den diffizilen Alltag unter einer Diktatur vermittelt. Was ursprnglich als Weihnachtsgeschenk fr die Familie Kinder gedacht war, hat sich auf diese Weise zu einem lehrreichen Stck Zeitgeschichte entwickelt.
Ohne Pathos, aber mit unverkennbarem Stolz berichtet der schmale Aufsatz von Bach, den Prinzen und einer Leipziger Musikerfamilie. Angefangen mit Sebastians Gromutter Philine Fischer, einer gefeierten Primadonna, die auf den Bhnen Europas groe Erfolge feierte und ihre privilegierte Stellung in der DDR mit Westreisen, eigener Haushlterin und grozgiger Wohnung mit verblffender Selbstverstndlichkeit hinnahm. An ihr muten sich die anderen musikalischen Krumbiegels messen lassen, auch Sebastian, der rebellische Prinz, der den Titel des Buches auf seine Art interpretiert: Musikalisch leben bei uns Johann Sebastian Bach und Udo Lindenberg in friedlicher Koexistenz.
Von beiden hat der wegen seiner unbersehbaren Vorliebe fr gutes Essen Murmel genannte Snger viel gelernt: Sein musikalisches Talent reifte im Bach-Chor der Thomaner, whrend sich seine rebellische Ader schon frh an westlichen Pop-Gren wie Udo Lindenberg voll saugte, der nach der Wende zu seinem Mentor wurde.
Doch den Fixpunkt im Generationen-bergreifenden Dialog der Krumbiegels und ihrer Johann Sebastian Bach-verrckten Heimatstadt Leipzig bilden die Thomaner. Beide Shne, Sebastian als auch sein lterer Bruder Martin durchliefen diese harte Schule wenn auch mit hchst unterschiedlichem Ergebnis: Whrend Sebastian zeitweilig aus dem Chor ausgeschlossen wurde, weil er whrend einer Auffhrung laut feixte, und somit der Weg frei wurde fr seine U-Musik-Karriere, ist Martin der Klassik treu geblieben und hat heute sogar mehr CD-Einspielungen vorzuweisen als sein Pop-Bruder Sebastian.
Die Thomaner waren aber auch in politischer Hinsicht wegweisend: Stolz behauptet Vater Krumbiegel, da weder Nationalsozialismus noch DDR-Sozialismus die logische Ordnung des liebevoll der Kasten genannten Alumnats zerstren konnten. Zeitweilig sollte die altehrwrdige Institution in einen FDJ-Chor umgeformt werden. Aber dank geschickten Taktierens der Chorleiter blieb der Kasten in den Augen seiner Mitglieder das, was er fr sie immer gewesen war: Eine Insel in jedem Fall, fr manche sogar ein kleines Paradies. (25) Fr Vater Krumbiegel, heute Professor fr Chemie, war das gemeinsame Singen eine Mglichkeit, es mit der manchmal unwirtlichen DDR-Wirklichkeit aufzunehmen. Im Gegensatz zu seiner privilegierten Schwiegermutter, die dem einzigen Nichtmusiker in der Familie mit verletzender Distanz gegenbertrat, bekam er jedoch die Hrten der DDR-Regierung am eigenen Leibe zu spren: Als so genanntes Kapitalistenkind sein Vater war Inhaber einer kleinen Lohnfrberei entzog ihm der Staat jegliche Untersttzung. Im Leipziger Universittschor, in dem er seine sptere Frau kennen lernte, pflegte er seine Liebe zur Musica Sacra und geno fr kurze Zeit ideologische Frischluft: Die Snger verband eine gemeinsame ethische und gesellschaftliche Grundhaltung und damit eine politisch kritische, wenn nicht sogar ausgesprochen distanzierte Position zum real existierenden Sozialismus der DDR. Das durfte natrlich nie laut und womglich gar offiziell geuert werden. (12) Zum einschneidenden Erlebnis wurde fr ihn und viele andere Leipziger der Abri der Leipziger Universittskirche am 31. Mai 1968. Damit verlor nicht nur der Universittschor seinen geistigen und geistlichen Mittelpunkt. Die Proteste entwickelten sich zur unnachgiebigsten Auflehnung der Leipziger Bevlkerung zwischen dem 7. Juni 1953 und den Montagsdemonstrationen im Jahr 1989. In der Folgezeit geriet auch Peter Krumbiegel ins politische Getriebe und verlor seine Festanstellung in der Forschung. Spter sollte er einer der ersten Akademiker sein, die an den Montagsdemonstrationen teilnahmen. Nach der Wende mute er betroffen feststellen, da auch der Kasten keine Insel war wie er immer geglaubt hatte: Der Thomaskantor hatte mit der Stasi zusammengearbeitet und wurde fristlos entlassen. So ganz unzerstrbar war also der Kasten doch nicht gewesen.
Ohnehin gibt es auch in dem von christlicher Gesinnung geprgtem Paradies strenge Regeln, die es peinlichst zu beachten galt: Das hohe Niveau des Chors ist das Resultat von ungefhr 600 harten Probestunden jhrlich, dazu kommen weit ber 100 Auftritte. Es erstaunte uns immer wieder, wie viele Strapazen ein zehn- bis vierzehn-jhriges Kind aushalten kann, so der stolze Herr Papa. Andererseits genossen die Thomaner schon in jungen Jahren das unschtzbare Privileg der Auslandsreisen, wenngleich die Bundesrepublik ausgespart wurde. Auf die erste Begegnung mit den deutschsprachigen Auslndern wurden die Jungs akribisch vorbereitet. Sie lernten Vokabeln wie Fassade und bekamen den goldenen Merksatz mit auf den Weg: Der Schein trgt. Den Knaben wurde eingetrichtert, da es den Westdeutschen so richtig schlecht gehe. Fr die Kinder war das andere Deutschland wie ein Mrchenreich. Wir haben nie vergessen, wie unsere Tochter Susanne einmal nach der Gutenachtgeschichte den Besuch aus dem Westen bat: Und jetzt sag mal was auf West, erinnert sich Peter Krumbiegel.
Die beiden Brder konnten sich bald eine eigene Meinung ber den Westen bilden. Auf einer Japanreise konnte sich Sebastian davon berzeugen, was es heit, ein Kinderstar zu sein. Eine japanische Verehrerin folgte ihn sogar bis nach Leipzig. Sptestens dann mu er seine Vorliebe frs Entertainment entdeckt haben. Kein Wunder, da es in der Schule fr Sebastian nicht nach Plan verlief: Im Gegensatz zu seinem lteren Bruder Martin verlor er schon am ersten Tag die Lust am Unterricht. Die Lehrerin hat gesagt, wir sollen morgen wieder kommen, emprte er sich. Schulunterricht war fr ihn ein notwendiges bel. Als er im Deutschlandfunk mithrte, da Willy Brandt auf einer Maikundgebung sprach, wollte er dies sogleich seiner linientreuen Lehrerin mitteilen, die wisse es nmlich noch nicht, glaubte er. Die Eltern hatten alle Mhe ihn davon zu berzeugen, da es Sender gab, die es offiziell nicht geben durfte. Es wurde hchste Zeit, auch unseren Zweitgeborenen in die seltsame Kunst einzuweisen, mit zwei unterschiedlichen Meinungen durch das Leben zu gehen, so sein Vater. Zum Glck fr die Familienharmonie und das seelische Gleichgewicht hatte auch Sebastian bald den Dreh heraus und wute, wie man die in der Schule geforderten Treue-Bezeugungen zur DDR auf echt schwejksche Art erfllte. Ganz gelang es den Eltern nicht, ihren Sohn zur politischen Klugheit zu erziehen. Whrend der Pubertt steigerte sich seine Abneigung gegen alles, was mit Schule und den Thomanern zusammenhing, zu entschiedenem Widerwillen. Sein Abitur schaffte er nur mit Ach und Krach, und bei der feierlichen Abschlufeier mute er drauen bleiben, weil er in Jeans und Turnschuhen gekommen war. Wenig spter wurde er dann auch von den Thomanern rausgeworfen, weil er whrend einer ernsten Auffhrung herumgefeixt hatte. Sebastian lie, was ihn langweilte, und machte immer nur das, was ihn wirklich interessierte: Spa, Musik und Unterhaltung. Auch das war eine Art, es mit der oftmals unwirklichen und grauen DDR-Wirklichkeit aufzunehmen. Seit jeher hatte sich der Frust darber in einer Art Galgenhumor entladen. Zu mehr waren nur die wenigsten in der Lage. Noch heute ist den Zeilen des Buches die Ehrfurcht vor der Staatsgewalt zu entnehmen, wenn Vater Krumbiegel von der aufgeweckten Dreistigkeit der Demonstranten whrend der Montagsdemonstrationen die Rede ist: Niemand wute, wie die ganze Sache enden wrde. Die kollektive Verunsicherung war ja ein erprobtes Mittel der Staatsgewalt.
Wer unter diesen Bedingungen sich selbst treu bleiben wollte, hatte es nicht leicht. Gerade und glatt war der Weg zum Ich bei keinem unserer Kinder, so der Verfasser. Das gilt natrlich besonders fr Sebastian. Bereits mit 16 stieg er nachts zusammen mit seinen Kumpeln aus dem Fenster des Internats, um in einer nahe gelegenen Wohnung die westdeutsche Radiosendung Rockpalast zu hren. Zusammen mit Freunden grndete er den Geheimen Fanclub Queen. Zielstrebig meldete er sich spter fr den Studiengang Tanz- und Unterhaltungsmusik der Leipziger Musikhochschule an. Sein Berufsziel stand fest: Er wollte Pop-Star werden, oder mit seinen eigenen Worten, mit denen er sich in seinem Studiengang vorstellte: Guten Tag, ich bin Sebastian Krumbiegel. Ich will einmal reich und berhmt werden. Und das ist er ja dann auch geworden.
Der Weg dahin war steinig. Insbesondere die Armee-Zeit war fr ihn die Hlle. Man ist zwanzig, will kreativ sein, die Welt beglcken und wird doch nur fr eineinhalb Jahre weggesperrt. Zeitweilig mimte er einen Schlsselbeinbruch, um die Wehzeit abzukrzen. Aus reiner Langeweile schrieb er damals lustige, manchmal verquere Lieder, von denen einige bis in die Prinzenzeit berlebt haben. 1982 grndete er zusammen mit Wolfgang Lenk und zwei weiteren Thomaner-Klassenkameraden die Band Phnix. Doch an ffentliche Auftritte war nicht zu denken: Wie htte das auch ausgesehen: nachmittags noch im Matrosenanzug, abends im Rockeroutfit, so der Vater. Erst spter, im Jahr 1987, wagten sie den Schritt in die ffentlichkeit: Inzwischen nannten sie sich die Herzbuben und bewiesen, da man sie besser nicht mit den Wildecker Herzbuben verwechseln sollte.
Bereits ein Jahr nach der Grndung tourten sie durch die DDR. Die Herzbuben durchschauten, da der Musikmarkt in der DDR nach kapitalistischen Spielregeln lief. Wer gut ankam, konnte auch gut verdienen. Mit den eigenen Songs wollten die Herzbuben die in der DDR geduldeten Mglichkeiten ausloten. Man sang die Sprache der Strasse, so wie es im Westen sein groes Idol Udo Lindenberg vorgemacht hatte. Zu ihm schlich Sebastian einmal nach einem Konzert in Leipzig hinter die Bhne und drckte ihm ein Tonband in die Hand mit den Worten: Hey, ich mach auch Musik, hr doch mal.
Manche der Lieder, so Vater Krumbiegel, muten auf Uneingeweihte wie Schulbubenstreiche wirken. Wer jedoch die DDR-Wirklichkeit kennen gelernt hat, ahnt zumindest, da hinter den Texten mehr stand als eine frei fabulierte Geschichte. Zum Beispiel Sebastians Lied ber Gabi und Klaus, die nicht zueinander knnen. Dieses Lied hat die Situation vieler Prchen und Familien gerade zur Wende-Zeit treffend charakterisiert. Whrend der Montagsdemonstrationen wurden die Texte immer gewagter, zum Beispiel, wenn sie Sudel-Ede Karl-Eduard von Schnitzler verspotteten. Ein politischer Rebell im eigentlichen Sinne war Sebastian dennoch nie. Auf seine Jugend in der DDR lie er nichts kommen, auch als er nach der Wende berhmt geworden war. Jene DDR, die Sebastian so leidenschaftlich verteidigte, war nichts weniger als seine Kindheit. Und die ... war wunderschn. An der allgemeinen Stasi-Hatz wollte sich Sebastian nie beteiligen; anders als wir hat er die DDR nie unmittelbar als Unrechtsstaat erleben mssen. Sebastian ist eben, wie sein Vater wohlwollend meint, ein Genumensch geblieben. Einer, der alles ausprobieren will; einer, der am liebsten alles mitnehmen mchte.
Um so grer war der Schock als Sebastian im Sommer 2003 Opfer eines berfalls wurden. Nach dem Konzert in einer Kirche in Leipzig, bei dem alle drei Krumbiegel-Kinder aufgetreten waren, schlpfte Sebastian in seine Alltagsklamotten, um zusammen mit einem Freund loszuziehen, um bei einem Freund die Harald-Schmidt-Show anzusehen. In einem Park hrten sie auf einmal lautes Gejohle hinter sich. Die beiden kahl geschorenen, betrunkenen Mnner hielten die beiden Musiker fr ein Prchen und forderten Geld. Doch das Geld steckte in der Konzertkleidung. Weil sie nicht leer ausgehen wollten, warfen sie Sebastian auf den Boden und schlugen ihn brutal zusammen. Erst als ein mutiger Autofahrer anhielt und die Scheinwerfer auf sie richtete, liefen sie davon. Am nchsten Tag wurden die Tter bei einer erneuten Schlgerei festgenommen. Sebastian verordnete sich selbst eine Therapie und fhrt regelmig zurck zum Park, um sich mit den Erinnerungen zu konfrontieren. Nach dem berfall wurden Sebastian die Haare geschoren, um die Wunde zu nhen. Er belie es anschlieend dabei. Fnfzehn Jahre lang besagten seine langen Haare: Da will einer nicht erwachsen werden, will Herzbube bleiben, will weder Unbekmmertheit noch Leichtsinn der Jugend aufgeben. Aber auch kleine Prinzen werden erwachsen ... Frwahr, ein sehr bittererer Weg, erwachsen zu werden. Der einstige Groll des Prinzen auf die ungeliebte Thomasschule sei lngs vergangen, behauptet der Vater. Langsam gewhnen sich die Prinzen-Fans an den neuen Anblick. Auch Bach trug bekanntlich lange Haare. Doch welche Sturmfrisur verbarg sich hinter seiner barocken Percke?
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