www.oliverwieters.de - 19.02.2026 - 04:36 Uhr
Artikel (#77)
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(Bild: Unbekannt)

Die Gegenlinie zu Martin Heidegger (1989)

Helmut Fahrenbach ber Philosophie im Schatten des Nationalsozialismus

Von Oliver Wieters

Die Kontroverse um Martin Heidegger und sein Verhltnis zum Nationalsozialismus berschattet die Beispiele vermeintlich "gelungener" philosophischer Neubestimmungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Tatschlich gab es auch eine erfolgreiche Gegenposition, wie Helmut Fahrenbach innerhalb der Studium-generale-Ringvorlesung Philosophie und Politik. Philosophie Legitimationswissenschaft oder kritische Distanz" herausarbeitete. Am Beispiel von Karl Jaspers, Karl Poppers, Georg Picht und den Philosophen der Frankfurter Schule zeigte der Tbinger Professor fr Philosophie, Spezialist fr Existenzialismus, welche Antworten Philosophen auf die Ereignisse dieses Jahrhunderts gefunden haben.

Diese Gegenlinie zu Heidegger" wobei der unmittelbare Bezug auf den Philosophen des Seins nicht zwingend ist hat demnach eine Bewutheit gegenwrtiger Philosophie bewirkt oder ermglicht, die auch fr neue Probleme im Felde von Philosophie und Politik sensibilisiert. Diese Erkenntnis gilt besonders fr Karl Jaspers, der sptestens nach 1945 einen grundstzlichen Proze der philosophischen Neubesinnung durchgemacht hat.

Obwohl Fahrenbachs Vortrag den ersten, eher historisch ausgerichteten Teil der Ringvorlesung beschlo, wollte er seine Untersuchung auch als einen Beitrag zur Situation heutigen Philosophierens verstanden wissen: Aus dieser Entwicklung ergeben sich auch Voraussetzungen und Perspektiven fr eine heutige Diskussion im Felde von Philosophie und Politik.

Die Diskussion ber Martin Heidegger und dessen Stellung zum Nationalsozialismus stellte Fahrenbach bei diesem Versuch einer Positionsbestimmung von Philosophie nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus ganz bewut nicht in den Vordergrund. Sondern konzentrierte sich auf das angeblich leuchtende Beispiel": Ernst Bloch, der den Verfhrungen und Verlockungen des Nationalsozialismus gegenber immer immun gewesen sei. Seine Haltung drfe aber nicht darber hinwegtuschen, da nur wenige Philosophen am Ende der Weimarer Republik die Gefahr des Nationalsozialismus richtig eingeschtzt htten. Was die meisten von Martin Heidegger unterscheide, sei ihre Fhigkeit gewesen, nach der Konfrontation mit Praxis und Theorie des erstarkten Nationalsozialismus eine grundstzliche berprfung der eigenen Einstellung zu dem Verhltnis von Politik und Philosophie vorzunehmen. Auf das Verhltnis von Bloch zum Stalinismus ging Fahrenbach in seinem Vortrag leider nicht ein. Ein erstaunliches Versumnis.

Zu jenen, die anfnglich die Gefahr des Nationalsozialismus nicht gebhrend eingeschtzt htten, gehre Karl Jaspers. Dennoch habe er fr eine nach-faschistische Neubedenkung des Verhltnisses von Philosophie und Politik eine exemplarische Bedeutung gewonnen, da er die vielleicht tiefgreifendsten Konsequenzen aus seinen Fehlleistungen" gezogen habe.

Jaspers "liberal-konservativer" Standpunkt zur Zeit der Weimarer Republik, so Fahrenbach, habe gnzlich eine Reflexion auf die Bedeutung der Demokratie und ihre Gefhrdung vermissen" lassen. Jaspers abstraktes philosophisches Denken war gnzlich unbetroffen von der konkreten faktischen Lage von Staat und Politik".

Erst der Schock des Nationalsozialismus habe Jaspers zur Einsicht gebracht, da grundstzliche, existentielle Freiheit die der Philosoph einst fr die grundstzlichere Freiheit gehalten hatte nicht zu trennen sei von politischer Freiheit. Diese beiden Freiheiten, ineinander verschrnkt, bedingten auch die Existenz einer demokratischen Gesellschaftsform, in der offene Kommunikation mglich sei. Jaspers selbst hat sich dieser demokratischen Herausforderung gestellt und sich in der Folgezeit ffentlich zu politischen und philosophischen Fragestellungen wie der atomaren Aufrstung geuert.

Jede Philosophie, so Jaspers nun, msse auf ihre politischen Konsequenzen hin zu befragen sein. Nur eine Philosophie der Vernunft knne totalitrem Denken wirklich widerstehen. Jaspers hat damit laut Fahrenbach sowohl grundstzliche wie konkrete Konsequenzen aus der Reflexion auf die politische Erfahrung des Nationalsozialismus gezogen.

Eine hnliche radikale Besinnung haben Karl Popper, aber auch Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Ludwig Marcuse durchgemacht, wenn auch in inhaltlich verschiedener Weise. Popper war von einer rein ideengeschichtlichen Kritik des Nationalsozialismus zu einem kritischen Rationalismus gekommen, mit dem er fr eine offene Gesellschaft" pldierte.

Hier traf sich Popper mit den ansonsten wesentlich verschiedenen" Vertretern der Frankfurter Schule, die eine verschrfte kritische Reflexion auf die Stammbegriffe neuzeitlichen brgerlichen Denkens als Ausgangspunkt einer Vernunft- und Gesellschaftskritik genommen hatten. Whrend sie die Tatsache zu verarbeiten suchten, da der Zusammenbruch des Nationalsozialismus nicht zu einer Vernderung sondern eher zu einer Stabilisierung der gesellschaftlichen Strukturen gefhrt hatte, die ihrer Meinung nach den Nationalsozialismus hervorgebracht hatten, wendete sich Popper der demokratischen und offenen Gesellschaft zu, die dem Totalitarismus entgegenstehen sollte. hnliches galt auch fr Georg Picht.

Fahrenbach fate zusammen: Die Erfahrungen des Nationalsozialismus sind auf der hier verfolgten Linie (im Gegensatz zu Heidegger) nicht nur nicht verdrngt worden, sondern ihre Reflexion hat zum Teil wesentliche nderungen im philosophischen Selbstverstndnis hervorgebracht. Das gilt besonders fr Jaspers." Mit dem neu-definierten Vernunftbegriff sei die Forderung nach einer kommunikativen Form gesellschaftlichen und philosophischen Seins erhoben worden; der nicht-restriktive Demokratiebegriff sei dabei als unverzichtbar hervorgetreten und: der praktischen Philosophie wurde eindeutig der Vorrang vor der abstrakten philosophischen Reflexion, was das Verhltnis Politik und Philosophie angeht, zugewiesen. Die Reflexion der Erfahrungen des Nationalsozialismus hat eine politische Bewutheit ermglicht, eine Sensibilitt im Felde von Philosophie und Politik, die auch fr die heutige Problemlage hilfreich ist."




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