www.oliverwieters.de - 19.02.2026 - 04:31 Uhr
Prosa (#8)
Terrasse Saint-Tropez
(Bild: Charles Camoin, Marseille 1879 - Paris 1965)

Marseille I. Das Geheimnis der Altstadt

Eine Erzhlung

von Oliver Wieters

Kapitel III

AM DUNKLEN HORIZONT kmpfte ein weier Dampfer stoisch gegen das unruhige Meer an. Ab und zu drang Musik hinber - oder vielmehr ein Durcheinander von Geruschen, so da das Ohr nicht mehr ein noch aus wute. Sie vermhlten sich mit dem Donner, der den ganzen Tag und die Nacht hindurch die Erde erbeben lie. In regelmigen Abstnden peitschten Regenschauer ber den Strand.

Justines und Max Tage verliefen nach einem eintnigen Schema: Nachdem sich das junge Paar endlich dazu durchgerungen hatte, aus dem Bett aufzustehen, begab sich Justine als erste ins Bad, widmete sich akribisch ihren morgendlichen Verrichtungen und kehrte nicht vor Ablauf einer Stunde zurck. Dadurch hatte Max ausreichend Zeit, sich seiner selbstauferlegten Pflicht, dem Langlauf zu widmen. Einmal stand er danach vor verschlossenen Tren und mute fast eine halbe Stunde lang in durchnter Kleidung warten, bis Justine sie ihm ffnete, berrascht davon, ihn davor zu finden: Sie hatte die ganze Zeit unter der Dusche gestanden und keinen Laut seines Klingelns und Klopfens vernommen, wie sie beteuerte.

Max lief immer die selbe Strecke: Die vielbefahrene Rue Mazargue entlang, dann nach rechts in die Avenue d'Haifa, schlielich mit der Avenue d'Hambourg hinunter zum Strand, wo ihm trotz der immer klter und windiger werdenden Jahreszeit noch viele Spaziergnger begegneten. Wie auf einer Postkarte glitt hufig in der Ferne eines der groen weien Fhrschiffe vorbei, die Marseille mit Algerien und Marokko verbanden. Der Rckweg fhrte Max an den heruntergekommenen Bars und Husern oberhalb des Strandwegs entlang. Dort hatte auch Robert, der Bruder von Justine, eine kleine Bar mit einem zweifelhaften Ruf. Es war noch nicht lange her, da hatte die Polizei Falschgeld und Rubergut bei einem seiner Gste festgestellt. Obwohl Robert beteurte, nichts davon gewut zu haben, lie ihn die Polizei seitdem nicht mehr aus den Augen. Max zog das Tempo an und lie die Bar rechts liegen. Nach einer halben Stunde befand er sich wieder vor dem Eingang der Wohnanlage von Justine und zog seine Sportschuhe aus, aus denen langsam feiner Sand rieselte.

"Ich glaube, es gibt Sturm", rief er, noch immer fast taub von der donnernden Brandung.

Justine kam ihm aus dem Batt entgegen, um die Haare ein Handtuch und lchelte ihn an: "Dann beeil Dich, da wir an den Strand kommen, um zu frhstcken. Ich habe groen Hunger."

Dies war eine weitere Gewohnheit, die ihnen so schnell liebgeworden war: Jeweils kurz nach elf begaben sie sich in eines der Promenadencafs am Plage, lieen sich in einen der meerblauen bequemen Sessel auf der groen Terrasse nieder und bestellten ein groes franzsisches Frhstck. Sie liebten es, mit mancherlei bewunderndem oder aber sarkastischem Urteil die bunte Schar von Besuchern um sich herum zu beobachten und freuten sich, wenn sich ihre Meinungen - was hufig geschah - bis auf das i-Tpfelchen deckten.

Obwohl sie sich beide unzhlige Male ihre Liebe versichert hatten, wre es doch falsch gewesen, daraus auf Leidenschaft zu schlieen. Um so mehr Max seiner Sehnsucht nach diesem Gefhl Ausdruck verlieh, um so mehr schien Justine den beherrschteren, vernnftigeren Part in ihrer Beziehung zu bernehmen. So wichen Ihre Erwartungen um so mehr voneinander ab, um so strker sie sie einander anzugleichen versuchten. Es fiel ihm schwer es sich einzugestehen, aber in solchen Augenblicken war ihm vollkommen klar, da sie in verschiedenen Welten lebten und wohl immer leben wrden.

In den Algeriervierteln hinter dem Alten Hafen, so schien es Max, begann eine andere Welt. Dunkelhutige Frauen und Mnner saen vor den Husern und blickten gelangweilt, manchmal aber auch etwas argwhnisch dem Fremden hinterdrein, der hier an manchem Abend nach Zerstreuung suchte. Max war etwas unbehaglich zumute, weil er sich beobachtet fhlte, doch in der Dunkelheit und ohne Stadtplan verirrte er sich mit jedem Schritt nur immer mehr in diesem bergigen, mittelalterlich anmutenden Labyrinth aus kleinen Gassen, staubigen Pltzen und beinahe ununterscheidbar gleich aussehenden Husern mit ihren obligatorischen Satellitenschsseln davor. Als er um eine Ecke bog kamen ihm pltzlich eine grere Gruppe Mnner entgegen, die gerade aus einer der improvisierten Moscheen strmten: Er hatte gelesen, da es in Marseille kein offizielles Gotteshaus fr die vielen Mohammedaner gab. Die Mnner waren in ihre Gesprche vertieft und nahmen den Fremden, der sie im Durchschnitt um einen Kopf berragte, kaum zur Kenntnis. In einer anderen Gasse patrouillierten dunkelhutige Dirnen und warteten auf Kundschaft. Max riskierte beim Vorgehen einige vorsichtige Blicke, die von den Mdchen sofort aufgenommen wurden. Fr einen Moment gab er sich der Vorstellung hin, dem in ihm aufsteigendem Verlangen nachzugeben, aber verwarf diesen Gedanken sofort wieder, weniger, weil er sich gegenber Justine in der Pflicht fhlte, sondern weil er nicht lgen konnte und so seine Tat mit Sicherheit entdeckt wrde. Er fragte sich, ob Justine Verstndnis fr ihn htte. Vielleicht mochte sie sich manchmal selbst diesem Kitzel aussetzen? Er selbst hatte bisher noch nie ernsthaft in Erwgung gezogen, fr die Liebe einer Frau zu bezahlen.

Als Max endlich die Strandpromenade erreichte, ging schon die Sonne unter, und Max rgerte sich, da er statt eines Pullovers nur ein dnnes Hemd angezogen hatte. Im halbleeren Gastraum des "Corniche" whlte er einen Platz, von dem aus er den Eingangsbereich im Auge behalten konnte. Der Kellner brachte ihm gerade die Speisekarte als eine rote Vespa mit knatterndem Motor vor dem Strandlokal hielt. Im Licht der untergehenden Sonne erkannte Max die Umrisse einer attraktiven jungen Frau mit langem schwarzen Haar, das der Wind durch die Luft wirbelte. Einen Moment lang blickte sie ihn fragend durch die Fensterscheibe an, dann lchelte sie und kam zielstrebig durch den Eingang auf ihn zu.

"Guten Abend", Max stand auf und streckte die Hand aus. "Ich bin Max, und Sie sind sicherlich Justine. Wie haben Sie mich so schnell erkannt?"

Das Mdchen ergriff seine Hand und lchelte. "Nur ein Tourist vergit am Abend einen Pullover mitzunehmen. Alle anderen hier sehen wie Einheimische aus."

Max gab seinem Gesicht einen anerkennenden Ausdruck. "Ich mu zugeben, da Sie eine gute Beobachterin sind."

"Wenn ich das nicht wre, wrde ich schon lange nicht mehr leben. Aber jetzt erzhlen Sie mir bitte, wie ich Ihnen helfen kann." Sie setzte sich und bestellte ein Glas Prosecco.

Max erzhlte ihr alles, was vorgefallen war, dann machte er eine Pause, um ihr die Mglichkeit zu geben, zu antworten. Justine hatte aufgehrt zu lcheln. Wenn es stimmte, was Max ihr erzhlt hatte, schwebte er in hchster Lebensgefahr.

Sie nahm seine Hand, legte eine gefaltete Serviette hinein. Dann nickte sie ihm zu und verschwand ohne ein weiteres Wort zu sagen durch die Tr. Zuerst wollte er sie zurckhalten und hinter ihr herlaufen. Doch es htte keinen Zweck gehabt, er hrte schon den aufbrausenden Motor ihrer alten Vespa. Er setzte sich wieder und dachte nach. Langsam entfaltete er die Serviette. Ein Gedicht, mit schner Schrift geschrieben. Er entfaltete es und las stumm:

An der Corniche
die weien Dampfer
nach Afrika
Passagen durch mein Herz
An Bord die bekannten fremden
Sehnschte
im Jnger Abenteuerland,
der Sog des Zugs in die Ferne,
dem ich folge.
Angst, dies zu verlieren,
am Ende
ganz
ich selbst zu sein.



Auszug aus Kapitel IV

Noch am selben Abend fuhr Max zusammen mit Justine mit der Bahn nach Paris. Justine genoss es sichtlich, einfach da zu sitzen und ihren Gedanken nachzuhngen. Das Rattern der Rder machte eine vernnftige Unterhaltung unmglich. Bald sprachen sie nicht mehr, weil es zu mhsam war. Sie verdrehten die Augen und lchelten sich einvernehmlich zu. Nichts zu machen. Max schloss die Augen und lauschte den Geruschen, die an sein Ohr drangen. Das Holpern hatte einen Rhythmus angenommen, der ihn an einen alten Schlager erinnerte, er wusste nur nicht an welchen. Eine Durchsage, "Ich Krze erreichen wir " Fnf Minuten spter fuhr der Zug in einen Bahnhof ein. Die Rder quietschten wie ein Stck Kreide auf einer Schultafel. Max musste an meinen alten Mathe-Lehrer denken, der ihn immer mit diesem widerlichen Gerusch wachrtteln wollte. Es fhlte sich an als ob sich das Stck Kreide zwischen seinen Zhnen befinden wrde. Als der Zug hilt, hrte man noch einige Sekunden lang das Schwappen von Wasser in der Toilette. Es war auf einmal so still. Erst langsam setzte ein hektisches Treiben ein als neue Reisende zustiegen. Eine lautstarke Diskussion zwischen einem auslndischen Reisenden und dem Schaffner entbrannte ber einen reservierten Platz. Auf dem Bahnsteig wurden die Namen und Abfahrtszeiten von Anschlusszgen durchgesagt. Ein junges Mdchen lachte als es sich von seiner Familie verabschiedete. Die Tren wurden mit einem lauten satten Knall geschlossen. Ein greller Pfiff und auch die letzte Tr fiel ins Schloss. Es war wieder still, der Wagen war eine Raupe, die sich in Bewegung setzte, das Gerusch von Kupplungen nherte sich Wagen fr Wagen von der Lokomotive bis zum letzten Wagen. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen. Die Regentropfen, die gegen die getnten Scheiben spritzten, waren ein neues Instrument in der Symphonie der Eisenbahn, die durch die Dmmerung fuhr. Auf dem gegenberliegenden Platz sa jetzt ein Junge mit Kopfhrern. Max bedauerte ihn, weil ihm dieses aufregende Konzert entging.

...




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