Liaty Pisanis packender Polit-Thriller Die Nacht der Macht
Von Oliver Wieters
Der italienischen Thriller-Autorin Liaty Pisani verdanken wir die Einsicht, da auch knallharte Spione von Zeit zu Zeit zum Psychiater mssen. In ihrem ersten Ogden-Roman Der Spion und der Analytiker, 1991 im italienischen Original und drei Jahre spter auf Deutsch erschienen, legt sie ihren Helden auf die Couch eines Wiener Psychoanalytikers und lt ihn zu einer nicht unbedingt schmeichelhaften Selbsterkenntnis gelangen, zu der sein von Selbstzweifeln verschonter Kollege James Bond unfhig war: "Um sich in diesem Beruf als Profi zu fhlen, gengt es, psychisch angeschlagen zu sein. Je gestrter, desto geeigneter, das ist alles."
Auch Ogden, der weltgewandte, sympathische Spion ohne Vornamen mit einer Vorliebe fr mageschneiderte Anzge aus der Saville Road, ist alles andere als ein normaler Mensch. Bereits als Kind wurde er von Casparius, dem verstorbenen Grnder des mchtigen Sldnergeheimdienstes, zum Agenten ausgebildet. Die Narben seiner unglcklichen Kindheit haben sich Ogden tief eingegraben: Er ist unfhig zur Freude, empfindet fr die Gesellschaft tiefe Fremdheit und hat sich als Schutz vor menschlicher Nhe so Piatys von Wilhelm Reich entliehene Bezeichnung einen "bombensicheren Charakterpanzer" zugelegt. Um in einer Welt von abhrsicheren Krypto-Handys, geheimen Gstehusern und gepanzerten Limousinen berleben zu knnen, mu ein perfekter Spion auch emotional "perfekt" sein: Seine grte Gefahr sind kleine, scheinbar harmlose Offenbarungen, im allgemeinen post coitum. Dies gilt um so mehr, wenn er sich wie Ogden den Luxus eines Gewissens leistet.
In ihrem neuesten Roman Die Nacht der Macht zeigt Liaty Pisani auf ebenso spannende wie hintersinnige Weise, da nicht nur Spionen, sondern auch Gewohnheits-Verbrechern das Gewissen zu schaffen machen kann. Zumindest wenn man so aberglubisch ist wie jener Pawel Borowskij, der zwar seine Gegner, nicht aber sein schlechtes Gewissen ausschalten konnte. Kurze Zeit vor seinem unrhmlichen Ende in der Kirche sagt ihm sein privates Medium Irina auf den Kopf zu, da die durch seine Schuld auf dem Meeresgrund begrabenen Seeleute Rache fordern. Das Instrument dafr haben sie schon gefunden: In Gestalt des russischen Prsidenten Wladimir Sablin, einem Ex-KGB-Offizier, der den Oligarchen und der Mafia berraschend den Krieg erklrt hat. Sablin hat insgeheim den Dienst damit beauftragt, die Verantwortlichen fr den Untergang zu eliminieren, hinter dem er zu Recht russische und tschetschenische Mafiosi, Oligarchen, ehemalige Genossen und ihre Handlanger vom einstigen KGB vermutet. Fr Ogden, seinen Chef Stuart und die anderen Mitarbeiter des in Berlin an der Spree beheimateten Dienstes eine doppelt bezahlte Aktion vom Typ A" mit hoher Wahrscheinlichkeit, zu tten oder gettet zu werden. Der Sieger steht fr sie fest: "Bald wirst Du tot sein, Genosse!"
Nach den Terroranschlgen in den Vereinigten Staaten wird man Liaty Pisanis fnften Ogden-Roman mit anderen Augen lesen, denn er spielt vor dem Hintergrund global operierender Verbrecher, deren Geschfte von einer so enormen Grenordnung sind, da sie Banken und Regierungen strammstehen lassen knnen. Sie verfgen darin Ogdens Dienst nicht unhnlich ber eine veritable Privatarmee, einen eigenen Satelliten und eigene Flugzeuge und sind sogar in der Lage, mit Hilfe islamistischer Terroristen einen Krieg in Tschetschenien zu entfachen, um den russischen Prsidenten zu diskreditieren und die eigenen Kriegsgeschfte zu erweitern.
Die Welt im Wrgegriff der kriminellen Globalisierung: So knnte das Motto des Romans lauten, dessen Illustrierung die italienische Autorin, wie im Thriller blich, den manchmal etwas zu lang geratenen Dialogen auflastet. Das im Roman mehr essayistisch als erzhlerisch behandelte Themenspektrum reicht von der russischen Invasion in Afghanistan, ber den Tod eines Demonstranten whrend des Globalisierungsgipfels in Genua bis hin zu gewagten Spekulationen ber Osama Bin Ladens vermeintliches Engagement in Tschetschenien. Da der Roman mit der Zerstrung des World Trade Centers endet, zeigt, wie sehr Pisani mit heier Nadel gestrickt hat. Der deutsche Titel des Buches unterstreicht diesen Umstand noch: laylat al-qadr, die Nacht der Macht, nennen Muslime eine der letzten zehn Nchte des Ramadan, an dem der Koran herabgesandt wurde. Ein glubiger Muslim, der in der Nacht des Ramadan betet, kann mit der Sndenvergebung Gottes rechnen. Von islamistischen Terroristen ist allerdings im Roman nur am Rande die Rede. Pisani geht es nicht um die religis motivierten, sondern um die politischen Hintergrnde des Terrors. So gesehen htte es der Verlag besser bei dem Originaltitel Der Spion und der Prsident belassen sollen, der nahtlos an die Titel der frheren Ogden-Romane Der Spion und der Analytiker, Der Spion und der Dichter, Der Spion und der Bankier und Der Spion und der Schauspieler, angeschlossen htte.
Wer die Ogden-Romane gelesen hat, wei um Pisanis Einzigartigkeit in der heutigen Spionage-Literatur. Sie vermag nicht nur Spannung bis zum Zerreien zu erzeugen, sondern zeichnet auch einfhlsame Portrts von Menschen, die sich in ihrer Welt so fremd fhlen wie Spione, die von Berufs wegen Auenseiter sind. Da verwundert es nicht, da zu den literarischen Vorbildern der 1950 in Mailand geborenen Autorin, die als Dreizehnjhrige zunchst mit Lyrik hervorgetreten ist, nicht nur Thriller-Klassiker wie Eric Ambler und John Le Carr gehren, sondern auch Altmeister der Menschenkunde wie Marcel Proust und Vladimir Nabokov. Zu den privaten Vorlieben Pisanis gehrt zudem die Parapsychologie, die auch in Die Nacht der Macht wie selbstverstndlich das Geschehen vorantreibt.
Pisani versteht es meisterhaft, einen spannenden Plot mit einem guten Stil zu verbinden. Seit ihrem ersten Ogden-Roman hat Liaty Pisani eine ganze Reihe brisanter Themen aufgegriffen, darunter den Absturz eines italienischen Zivilflugzeugs im Jahr 1980, das geraubte Vermgen von Nazi-Opfern in Tresoren Schweizer Banken und diesmal den Untergang des russischen Atom-Unterseeboots Kursk. Pisanis Romane treiben ein schillerndes Spiel mit der Grenze zwischen Fiktion und Realitt. Was fasziniert so viele Leser an diesen ebenso spannenden wie brillant geschrieben literarischen Thrillern? Eine mgliche Antwort findet sich in Pisanis neuem Roman selbst: Whrend der Leser Ogden in Erfllung seines Auftrags durch halb Europa folgt, geht es ihm ein wenig wie Verena, Ogdens neurotischer Geliebter: Der melancholische Spion und sein Dienst, so rsoniert sie, zeigen ihr immer wieder von neuem, da es tatschlich unzhlige Grnde gibt, Angst zu haben und da die Welt wirklich ein furchtbarer Ort ist.
Pisani, Die Nacht der Macht. Der Spion und der Prsident. Roman, aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann, Diogenes September 2002 (Originaltitel: La spia e il presidente). Euro 21.90 / sFr 37.90, Leinen, 352 S. ISBN: 3-257-06328-8 Oliver Wieters, Hamburg
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