Der Kulturwissenschaftler Utz Jeggle sprach ber Sterben in der traditionalen Welt"
Von Oliver Wieters (1989)
Es konnte niemanden verwundert haben: Auch in der Vergangenheit war der Tod genauso tdlich" wie heute und die Kunst des Sterbens und des Trauerns ein ebenso schwieriges Geschft. Aber in jener vergangenen Zeit, die Utz Jeggle modellhaft als die traditionale Welt" bezeichnete, existierte noch eine Reihe institutioneller Absicherungen, die das Sterben in das diesseitige Leben integrierten". Die Spannung zwischen traditionaler und moderner Welt sei nicht auflsbar, was vergangen ist, sei fr unsere Lebensentwrfe nicht mehr praktikabel. Aber wir knnten sehen, wie es andere Gesellschaften mit dem Sterben hielten: Vielleicht hilft es uns, unsere eigene Sterblichkeit ein wenig besser akzeptieren zu knnen."
Das Eingebundensein des Menschen in den Rhythmus von Werden und Vergehen machte den Tod zur ffentlichen Sache, die Vorbereitung auf das Sterben ging einher mit der Angst, verlassen zu sterben. Sterbezimmer waren Orte ffentlicher - nicht wie heute rein privater - Anteilnahme: Da wurde es in der Kammer oft so voll, da auch schon mal die Zimmerdecke durchbrach oder der Sterbende vor lauter Neuigkeiten ganz in Vergessenheit geriet." Der Tod betraf alle, auch die Nachbarn und die ganze Dorfgemeinde. Sogar Tieren wurde der Tod eines Menschen angekndigt: Die Bienenstcke wurden verrckt, den Khen erzhlte man, jetzt ist dein Meister gestorben, damit sollte Unglck im Stall und ein strrisches Wesen der Tiere verhindert werden."
Diese Rituale, heute als Ausdruck einer unechten Gefhlswelt verpnt, entlasteten den Trauernden, indem sie ihm das Eingebundensein des Todes (und der Trauer) in einen hheren Gang der Dinge nahebrachten. Aber das Sterben blieb dennoch eine Pein, Angst und Schrecken vor dem Tod suchten Entlastung in vielgestaltigen Versuchen, ihn zu berlisten, zu leugnen oder in anderer Weise nicht wahrhaben zu wollen. Erst die Aufklrung rumte mit den aberglubischen Vorstellungen vom Sterben auf: An die Stelle traditioneller Bilder vom Sterben trat die Vorstellung vom natrlichen" oder angstfreien" Tod. Der Preis war, da die Wissenschaft auch nicht mehr fhig war, Trost zu spenden und damit etwas zum Verstndnis des Todes beizutragen". Der Tod, zu einem rein physikalisch beschreibbaren Vorgang degradiert, wurde in einfache, ntzliche Gleichungen" aufgelst. Der Tod schien nicht mehr an das Lebensschicksal gebunden zu sein und geistert befreit von den Fesseln der Vorstellungen und Bilder durch alle mglichen Krankheiten, Phantasien und Trume".
Die Toten emanzipierten sich von den Lebenden, whrend sie in der traditionalen Gesellschaft eine Art Eigenleben fhrten, aus dem heraus sie das Sein der Lebenden mitbestimmten: Die Toten hteten Moral und Gesetz und hatten sogar eigene Ansprche. Hufig war der Kontakt zu den Toten so berwltigend, da den Lebenden kein Raum fr neue Entscheidungen" mehr blieb. Wirkliche Trauerarbeit im Sinne allmhlicher Ablsung vom verlorenen Objekt war hufig schwer mglich.
In der modernen Welt wurde die Angst vor dem Tod unfalicher und dadurch das Sterben unheimlicher: Seitdem die symbolischen Bilder des Todes rmer wurden, sei die berwindbarkeit des Todes trotz aller medizinischen Anstrengungen eine blanke Illusion geblieben. Nicht mehr Flle des Lebens, sondern Lnge des Lebens wurde bestimmend." Aber Jeggle warnt vor einer Idealisierung der traditionalen Gesellschaft: Im Regelfall sollte ein warmer Tod ein kaltes Leben bedecken".
Die traditionale Gesellschaft mit ihren Riten und Kulten biete nichts, das fr unsere heutigen Lebensentwrfe noch praktizierbar wrde: Wir knnen nur denkend innehalten, indem wir sehen, wie es andere mit dem Sterben hielten, vielleicht hilft es uns, unsere eigene Sterblichkeit ein wenig besser akzeptieren zu knnen."
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