www.oliverwieters.de - 19.02.2026 - 04:30 Uhr
Artikel (#64)
Rainer Wimmer, Vier jdische Philosophinnen (1990)

Rosa, Simone und die anderen

Reiner Wimmers Buch ber Rosa Luxemburg, Simone Weil, Edith Stein und Hannah Arendt

Von Oliver Wieters (1990)

Zu den Paradoxien deutsch-jdischer Geschichte gehrt die Tatsache, da der von Deutschland ausgegangene Mord an sechs Millionen berwiegend europischen Juden die weitere Geschichte der beiden Vlker um so mehr miteinander verbunden hat. - So wird, wer dieser Tage ber das "neue Deutschland" nachdenkt, nicht darum herumkommen, auch ber das deutsch-jdische Verhltnis in Gegenwart und Geschichte nachzudenken.

Das Buch des Tbinger Philosophie-Professors Reiner Wimmer verdient in diesem Zusammenhang schon alleine deshalb Aufmerksamkeit, weil es vier herausragende Philosophinnen zum Gegenstand hat, deren Leben und Denken genau in jene entscheidende Epoche deutsch-jdischer Geschichte fllt und die sich auf die eine oder andere Weise mit diesem Fragenkomplex konfrontiert sahen. Allerdings hat sich von den vier Frauen nur Hannah Arendt (1906-1975) explizit zur "jdischen Frage" geuert und sich zum "Jdinsein" bekannt; das lt sich fr Rosa Luxemburg (1871-1919), Simone Weil (1909-1943) und Edith Stein (1891-1942) nicht oder nur sehr begrenzt sagen.

Wimmer stellt in jeweils drei Kapiteln Leben und Werk der vier Frauen vor. Es bleibt zweifelhaft, ob die Bezeichnung "jdische Philosophinnen' gerechtfertigt ist - schlielich haben sich Rosa Luxemburg und Simone Weil nicht als Jdinnen gefhlt und entstammten Elternhusern, die zumindest dem orthodoxen Judentum fernstanden. Auch bleibt es eine unbegrndete (und wohl auch kaum zu begrndende) Behauptung, da "die von diesen Frauen gelebte Einheit von Denken und Handeln, Theorie und Praxis im Kern doch wohl auf einem spezifisch jdisch-messianischen Zukunftsglauben" fute. Nichtsdestoweniger wird dank Wimmer bei allen vier Frauen deutlich, in Zeiten planmiger Willkr und nicht nur dann, das "Gleichgewicht der Welt" zu erfassen "und immer bereit (zu) sein, sich auf die Gegenseite zu schlagen wie die Gerechtigkeit, diese Flchtlingin aus dem Lager des Siegers, wie Simone Weil in ihrem postum verffentlichten Werk "Schwerkraft und Gnade" schreibt.

Reiner Wimmer hat mit seiner Arbeit nicht die Absicht verfolgt, der Forschung ber Leben und Werk der vier Philosophinnen neue Erkenntnisse hinzuzufgen - was schlielich auch ein hohes Spezialistentum erfordert htte -, sondern ihm ging es um eine lebendige Einsicht in den Zusammenhang zwischen Leben und Werk der vier Frauen. Dennoch ist es etwas enttuschend, wenn er sich dabei in erster Linie auf sekundre Literatur verlt, deren innere Wertungen er zum Teil implizit bernimmt: Peter Nettls Rosa-Luxemburg - Biographie, auf die sich Wimmer in seinem Portrt der sozialistischen Theoretikerin berwiegend sttzt, ordnet zum Beispiel - ganz gegen die erklrte Absicht von Wimmer -, das persnliche Leben der Rosa Luxemburg der politischen Biographie unter. Und Wimmer gibt keine ausreichende Auskunft ber die weithin unbekannte Rosa Luxemburg, den dreifach stigmatisierten Menschen, wie die Biographin Elzbieta Ettinger schreibt - stigmatisiert als Frau, als Jdin und als Krppel.

Aber dem Informationswert des Buches tun diese Vernachlssigungen kaum Abbruch. "Rosa, Simone und die anderen" werden dem Leser in Leben und Werk ergreifend vor Augen gestellt. Wimmers Interesse flammt immer besonders da auf, wo sich eine Begegnung zwischen dem Denken und Leben der vier Frauen und christlichem Dasein ergibt: So stehen Edith Stein und Simone Weil dem jesuitisch erzogenen Autor offensichtlich bedeutend nher als Rosa Luxemburg und Hannah Arendt.

Ein Manko von Wimmern Buch liegt aber darin, da dieser zwar auf die Spannungen zwischen Juden und nicht-jdischer Umwelt eingeht, nicht aber wirklich nachfragt, warum die Frauen, die der Autor doch selbst "jdisch" nennt, ein so hchst unterschiedliches Verhltnis zum Judentum als Ganzem hatten: Was steckt hinter Luxemburgs Desinteresse am "Jdisch-sein", nur universalistische Dogmatik oder nicht auch eine furchtvolle Flucht vor ihrer Herkunft - so die zentrale These der dieser Tage verffentlichten Luxemburg-Theorie von Elzbieta Ettinger? Und warum schwieg Simone Weil zu den Vorgngen am 9./10. November 1938 in Deutschland? Waren die Schmerzen unbegrndet, die Edith Stein ihren Angehrigen durch den Eintritt ins Karmel verursachte? Und Hannah Arendts vielfache Heimatlosigkeit? Es ist schade, da Wimmer diesen Fragestellungen nicht weiter nachgeht. Schlielich liegt in ihrem Verhltnis zum Judentum ein wesentlicher Schlssel fr das Verstndnis zumindest des Lebens der vier Philosophinnen, auch wenn diese ein negatives Verhltnis zum "Jude-Sein" hatten.

Ausgezeichnet liest sich das Buch, wenn es auf Aspekte in Leben und Werk der Frauen eingeht, die sich erst bei genauerem Hinsehen zeigen: Das wunderschne Gedicht Hannah Arendts, das diese zur Zeit ihrer Liebschaft mit Martin Heidegger schrieb, sagt vielleicht mehr ber sie, als manche Bcher es knnten

"Der Abend hat mich zugedeckt So weich wie samt so schwer wie Leid. Und nirgends sich emprung reckt Zu neuer Freud und Traurigkeit...."

Leider bernimmt auch hier Reiner Wimmer einen Hauptfehler seiner wichtigsten Quelle (Elisabeth Young-Bruehl), indem er die philosophischen, nmlich existentialistischen Grnde von Hannah Arendts Denkens kaum reflektiert. Die Zitate aus den Biographien htten im brigen krzer gefat werden knnen.

Reiner Wimmers Buch ist, bei mancher notwendiger Kritik, als ein hchst lesbares und informatives Buch besonders all jenen Lesern zu empfehlen, die einen fundierten Ausgangspunkt fr eine weitere Beschftigung mit den Personen und Themen suchen.

Schade ist nur, da das ansprechend aufgemachte, kartonierte Buch stolze 34,80 DM kostet und damit fr studentische Lernbegierige, von denen dieses Buch viele haben sollte, schwer erschwinglich ist.

Reiner Wimmer, Vier jdische Philosophinnen. Rosa Luxemburg, Simone Weil, Edith Stein, Hannah Arendt. Attempto-Verlag, Tbingen 1990, 310 Seiten, 34,80 DM.

Erschienen in "s.t." - Journal an der Universitt Tbingen, Dezember 1990




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