Mit 28 Hundestrken durch die Schweizer Alpen
Eine Reportage von Oliver Wieters
Vom einstigen Kurort Weissenburg, dessen Thermalquelle im 19. Jahrhundert den Adel der Welt anzog, begeben sich Verena und Ren mit einem weien Toyota Transporter samt Anhnger zum Col de Pillon bei Gstaad, von dort mit der neuen Seilbahn in 15 Minuten hinauf zum Diablerets Gletscher. In den groen Gondeln finden 125 Personen Platz, doch am Morgen wird ein gutes Drittel des Raums von den Hunden in Anspruch genommen, die sich an ihren bunten Leinen wie ein ausgedrckter Malerpinsel ordentlich auf dem Boden verteilt haben: Ren ist ihr uneingeschrnkter Chef, whrend Verena wegen ihres Sanftmutes von den eigenwilligen Tieren zur Vizechefin degradiert wurde.
Hundert Meter Fuweg unterhalb der Bergstation, fast 2900 Meter hoch, warten die ersten Kunden: Gutgelaunte Touristen aus aller Welt, darunter Familien aus Dubai und aus Indien. Verena, eingehllt in eine flauschige Fleecejacke und atmungsaktive Goretext-Fasern, begrt die bunte Gruppe herzlich und mit der Offenheit eines Menschen, der die Menschen nimmt, wie sie sind. Die teure traditionelle Kleidung weist die Besucher als wohlhabend aus, ihre Strandsandalen als unerfahren. Fr viele ist es der erste Schnee ihres Lebens, den sie mit einer Mischung aus kindlicher Freude und unglubigem Staunen in die Hnde nehmen. Am hufigsten mu Verena die Frage beantworten: Wo bitte geht's zum Gletscher? Sehen Sie nach unten, antwortet sie dann mit einem verschmitzten Lcheln. Sie stehen drauf!
Manchmal kommt es sogar vor, da Gste ihre eigenen Vierbeiner mitbringen, die im Rudel mitlaufen sollen. Voraussetzung ist eine gute krperliche Fitne der Hunde und die Bereitschaft der Besitzer, Verantwortung zu bernehmen, erklrt ihnen dann Verena. Ziel ist es, mit Rcksicht und Toleranz gegenber Tier, Natur und Mensch das Ziel zu erreichen. Die meisten Besucher sind aber wegen Loschadej's Hunden gekommen und wegen der einmaligen Aussicht vom Glacier 3000. Das Panorama mit dem Matterhorn und dem Mont Blanc ist einfach atemberaubend, die Schlittenfahrt auf dem schmalen alpinen Lngspa ein unvergeliches Erlebnis: Teamwork im wahrsten Sinne des Wortes und die Mglichkeit, so richtig Energie zu tanken!", wie Verena schwrmt.
Ein Hauch von Antarktis liegt ber dem Gletscher als Verena das Team mit den Befehlen Hike!, Haw und Gee, fr los, links und rechts, geschickt ber das flache vereiste Gelnde dirigiert. Die wolfshnlichen Hunde laufen mit heraushngenden blutroten Zungen, die Zugleine spannt sich ber ihren gewlbten Rcken ein Zeichen, da sie gut arbeiten. Jeweils acht bis 14 Hunde ziehen mhelos einen Schlitten mit vier Passagieren und einem Musher, der Bezeichnung fr den Lenker des Schlittenhundegespanns. An manchen Tagen ist der Andrang so gro, da zwei Schlitten eingesetzt werden mssen. Alle Hunde des Gespanns kennen den Weg, aber am sichersten fhlt sich Verena, wenn Shorty und Cherry an der Spitze laufen. Zu ihnen hat Verena ein besonderes Verhltnis: Sie sind etwas Wunderbares. Ohne sie wre mein Leben ganz anders verlaufen.
Noch vor zehn Jahren spielte sie mit dem Gedanken, auszuwandern so sehr hatte sie die Zivilisation satt. Schon als Kind war sie in die Natur vernarrt, hatte mit ihrer Familie lange Bergtouren in den Schweizer Alpen unternommen.
Bei Bauern in der Nhe von Zrich durfte sie die Pferde pflegen, ritt stundenlang ohne Sattel durch die Wlder oder im Herbst ber die Stoppelfelder. Ich war ein vertrumtes Mdchen, wute Lange nicht, was aus mir werden sollte. Sie entschied sich nach langem Zgern, den Beruf der Werklehrerin zu ergreifen. im Mrz 1994 besuchte sie Freunde in Kanada, die nach Yukon auswandern wollten. Ich sehnte mich nach Einsamkeit, Ruhe und noch mehr Natur. Tagelang wanderte sie mit ihnen durch den Katmai-Nationalpark in Alaska, war begeistert von den riesigen Seen, den freilebenden Bren, der unberhrten Natur, die Respekt abntigt. Neun Monate Winter und selbst im Hochsommer Nachtfrost! Fr Verena war diese Welt wie eine Offenbarung. Eine Traumlandschaft! So mu es frher in der Schweiz ausgesehen haben! Whrend dieser Wochen, die ihr wie Jahre vorkamen, fand sie die innere Ruhe wieder, die ihr zuletzt so gefehlt hatte: Wir lebten nach dem Tag, richteten uns nach den Tageszeiten und dem Licht.
Die Rckkehr in die Zivilisation war ein Schock: Whrend des Anflugs auf den Flughafen Kloten fiel mir beinahe die Decke auf den Kopf: Die freie Sicht auf die Autobahnen, Siedlungen und Huser machte mich fast krank. Verena beschlo, unbezahlten Urlaub zu nehmen und kehrte schon Ende Februar 1995 mit ihrem damaligen Freund fr einen Monat nach Kanada zurck. Die Versuchung, auszuwandern, war riesig wren da nicht die Eltern gewesen, ihr kleines Haus bei Grindelwald und die fehlende berufliche Perspektive im Yukon. Den Ausschlag aber gaben Shorty und Cherry: Ihre Freunde waren inzwischen im Kanadischen Haines Junction sehaft geworden, hatten die putzigen Welpen adoptiert, weil sie von ihrem frheren Besitzer erschossen werden sollten. Ich nahm die Wollknuel in den Arm und schon war's um mich geschehen, erinnert sich Verena. So kam es, da ich mir ein Stck Kanada mit in die Schweiz nahm.
Zurck in der Schweiz beschlo sie, nur noch Teilzeit zu arbeiten und begann damit, Shorty und Cherry zu trainieren zuerst zu Fu, dann mit einem Fahrrad, schlielich als Teil eines Gespanns, das am Eigergletscher und Jungfraujoch im Einsatz war. So lernte ich Ren kennen, der elf Jahre lang Polarhundefhrer auf Eigergletscher war und mir entscheidende Tips gab. Der gebrtige Hollnder hatte sich bereits einen Namen in der Schlittenhund-Rennszene gemacht und sich 1988 fr den Iditarod, das hrteste Hundeschlittenrennen der Welt, qualifiziert.
Ein gedehntes Wohooo! und die Hunde bleiben stehen. Whrend die Touristen tief beeindruckt und ohne auf die eisigen Zehen zu achten zur Bergstation zurckstapfen als wrden sie aus Sibirien zurckkehren, schweift Verenas Blick ber die schneebedeckten Berge am Horizont. In der Ferne schwebt eine Gondel in klarer blauer Luft ber einem glnzenden Nebelmeer. Cherry, Verenas kleine Prinzessin, blickt ghnend umher. Beim Laufen hat Verena wieder Bilder von unschtzbarem Wert aufgenommen, die ihr jedes Mal fehlen, wenn sie nicht unterwegs ist. Sie hat erkannt, da die Freiheit nicht immer in der Ferne liegt. Die Schnheiten der Natur und die Harmonie zwischen Mensch und Tier kann man auch vor der eigenen Haustr erleben. Man mu es nur wollen!, sagt sie und wendet den Schlitten.
INFO
Loschadej's Huskypower wurde 1999 in Weissenburg gegrndet und bietet zahlreiche Aktivitten und Artikel rund um Huskies und Hundeschlitten an. Der Name Loschadej ist russisch und bedeutet Gefhrt, das von Tieren gezogen wird. Die Fahrten auf den Glacier 3000 (www.glacier3000.ch) finden zwischen Juni und Oktober statt. Zwischen September und Ende Juni bieten Verena und Ren Minartz, die beiden Inhaber, auch Firmenausflge und individuelle Ausbildungskurse mit eigenem Gespann an. Ein besonderes Highlight: Romantische Abend-, Fackel- und Vollmondfahrten mit Glhwein, Aperitif und anschlieendem Fondueplausch in einer Alphtte. Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.huskypower.ch. Informationen zu gefhrten Touren durch den Yukon bei: www.glanzmanntours.ch. Die Faszination Hundeschlittenrennen wird von Gary Paulsen eindrucksvoll in seinem Buch Iditarod. Das hrteste Hundeschlittenrennen der Welt (Mnchen 2000) eingefangen.
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