Drei neue Bcher der Krber-Stiftung. Sammelrezension fr "Der Archivar"
Oliver Wieters
Der israelische Psychologe Dan Bar-On berichtet in Den Abgrund berbrcken von einem einzigartigen Experiment, neue Wege der Krisenbewltigung auszuloten. Im Sommer 1998 trafen sich auf Initiative der Krber-Stiftung und Dan Bar-Ons Vertreter verschiedener Konfliktregionen in Hamburg zu einem Workshop, um ber traumatische Aspekte zu sprechen, die der Konflikt bei ihnen hinterlassen hat. Die Teilnehmer aus Israel, Palstina, Sdafrika, Nordirland, Deutschland und den Vereinigten Staaten beschftigten sich schon seit Jahren mit den Nachwirkungen und sollten spter als Multiplikatoren die Erkenntnisse weitertragen. Auf diese Weise kam im Haus Rissen an der Elbe eine bunte Mischung von Lebenslufen zusammen: Darunter die Tochter eines SS-Offiziers, der Personalchef der israelischen Kibbuz-Bewegung, ein ehemaliger Al Fatah-Kmpfer, ein katholischer Nordire, die Tochter eines jdischen Holocaust-berlebenden und der Enkel des sdafrikanischen Architekten der Apartheid. Fnf Tage lang erzhlten sich die in Ermangelung genauerer Bezeichnungen so genanten - Opfer und Tter in Konfliktgruppen und in Plenumssitzungen, untersttzt von einer bewut eingeschrnkten Form der Leitung, ihre schmerzlichen Lebensgeschichten. Dabei waren sie stets darauf bedacht, nicht ber historische Fakten zu streiten, sondern sich mglichst ohne zu werten - die individuellen Nachwirkungen der Ereignisse anzuhren.
Mitinitiiert wurde das Treffen von der Gruppe To Reflect und Trust (TRT, deutsch Reflektieren und Vertrauen), die auf eine Initiative Bar-Ons zurckgeht. Whrend seiner Forschungsttigkeit in Deutschland Mitte der achtziger Jahre war Bar-On zu der Einsicht gelangt, da nicht nur die Kinder von Opfern der Shoah, sondern auch unter anderem Vorzeichen - die Nachfahren von Nazi-Ttern unter der Last des Schweigens litten, die ihnen von ihren Eltern unbewut aufgebrdet worden war. In vielen Fllen existierte zwischen den Generationen eine unsichtbare doppelte Mauer: Die Kinder fragten nicht und die Eltern erzhlten nicht. Obwohl die verschwiegenen Inhalte bei Ttern und Opfern sehr verschieden waren, waren beide Seiten in ihrer Umgebung psychisch entwurzelt.
Die Tter-Kinder empfanden zudem Scham, mit der Schuld ihrer Eltern leben zu mssen. Bar-On machte die Erfahrung, da beide Gruppen ein gemeinsames Treffen herbeisehnten, und organisierte mehrere Begegnungen, die den Teilnehmern helfen sollten, ihre Biographien auf einer gemeinsamen Basis zu rekonstruieren. Dies geschah gegen erheblichen Widerstand in Israel, wo vielerorts die Nazi-Kinder als Kinder des Bsen angesehen wurden. Langfristig betrachtet sollte TRT als Modell fr andere Konflikte dienen, in denen ein gewaltttiges Regime den sozialen Vertrag gebrochen hat. Zumindest auf der Mikroebene des Seminars geschah dies offensichtlich mit Erfolg: In diesem Sommer vernderte sich meine Weltanschauung radikal, sagt die Tochter eines jdischen Holocaust-berlebenden nach ihrer Teilnahme an dem Hamburger Seminar. Sie war von der Wut und Vehemenz schockiert, mit der die Palstinenser ihre Not darstellten. Es war mir peinlich, Jdin zu sein, erinnert sie sich. Ihrer Meinung nach waren die Juden bisher immer die Opfer gewesen, aber jetzt mute sie erkennen, da die Rollen von Opfern und Ttern lngst nicht so eindeutig sind, wie sie geglaubt hatte. Andere Teilnehmer machten hnliche Erfahrungen. Allmhlich kamen sie zu der Einsicht, da eine Vershnung mglich ist, wenn man ganz tiefe Gefhle zult, Angst, Bitterkeit und Zorn, wie ein weier Sdafrikaner sagt. Weil die aufwhlenden Sitzungen der Hamburger Tagung hinter verschlossenen Tren abgehalten wurden, um die Privatsphre der Teilnehmer zu schtzen, mute auf die Dokumentation der tatschlich gefhrten Gesprche verzichtet werden. Susanne Kutz von der Krber-Stiftung und der Journalist Dirk Wegner beschrnkten sich deshalb darauf, Erfahrungen, Standpunkte und allgemeine Diskussionsbeitrge zu versammeln und sie sorgfltig zu redigieren. Leider wurde das Literaturverzeichnis ohne deutsche Ergnzungen aus der englischen Ausgabe bernommen. Aber auch so wird deutlich, da bei allem ausstehenden theoretischen Klrungsbedarf Dan Bar-On ein sehr vielversprechender Ansatz zur Vershnung zwischen Ttern und Opfern gelungen ist.
Das Individuum als lebendes Dokument und das Selbst als eine Erzhlung, die in ihren tiefsten Schichten mit den kollektiven Erzhlungen und Metaphern verbunden ist von diesen Erkenntnissen der narrativen Psychologie profitiert auch der ostdeutsche Geschichtsdidaktiker Wendelin Szalai in den zusammen mit Winfried Ripp herausgegebenen Dreizehn deutschen Geschichten. Der Band dokumentiert die Arbeit der Erzhlwerkstatt der Krber-Stiftung in Dresden, die Szalai 1996 ins Leben gerufen hat. Sein Konzept besteht darin, da sich Menschen mit verschiedenen Erfahrungen, Wertvorstellungen und Lebensperspektiven in diesem geschtzten Raum treffen sollten, um sich ihre Lebenslufe zu erzhlen. Auf diese Weise sollte ein tolerantes, soziales und verant-wortungsbewutes Zusammenleben zwischen Ost- und Westdeutschen gefrdert werden. Zwischen Sommer 1996 und Winter 1997 trafen sich mehr als 20 Teilnehmer einmal im Monat, um ihren Erfahrungsschatz zu sichern, der nach Winfried Ripp fr die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven bentigt wird. Obwohl sich keine direkten Opfer und Tter des DDR-Regimes gegenberstanden, enthielt die Begegnung gengend Brisanz. Wenn Leute ihre Biographien erzhlen, dann werden auch die Strukturen deutlich, in denen sie gelebt haben, hatte schon Friedrich Schorlemmer erkannt, dessen Kulturforum fr die Idee der Erzhlwerkstatt Pate gestanden hat. Obwohl die Erwartung des Lesers, in den autobiographischen Zeugnissen authentischer Lebenserfahrung zu begegnen, nicht immer erfllt wird oft wird unbewut Zuflucht in kollektiv eingebte Fiktionen genommen -, besttigt sich die alte Erkenntnis der oral history, da auch die erzhlte Unwahrheit kulturhistorisch eine interessante Wahrheit sein kann. Fr den interessierten Leser ergibt sich auf jeden Fall die Mglichkeit, die Einflsse groer Ereignisse auf die individuelle Biographie einer kritischen Prfung zu unterziehen und strukturelle Parallelen zwischen Ost- und West-Biographien zu erkennen. Er nimmt Anteil an Ost-West-Schicksalen, die in der ffentlichkeit kaum Beachtung erhielten und keineswegs immer mit dem Mauerfall eine Wende zum Besseren erfuhren. Ich fhle mich wieder als Brger zweiter Klasse, wie unter einer Fremdherrschaft, die Bundesrepublik ist geistig tot beklagt sich zum Beispiel ein ostdeutscher Journalist. Eine Ostdeutsche jdischer Herkunft bekennt angesichts des Rechtsradikalismus in Deutschland, sie habe nie eine Sehnsucht nach der deutschen Einheit versprt, denn in der DDR habe sie nie einen aggressiven Antisemitismus erfahren. Und eine Westdeutsche, die 1992 nach Dresden zog, zeigt sich darber betroffen, da sie im Osten nur wenigen Menschen begegnete, die wirklich froh waren ber die Wende. Insbesondere Alltagshistoriker und geschichtlich interessierte Laien werden in diesen ebenso nachdenklich stimmenden wie faszinierenden deutschen Geschichten wertvolle Einblicke in die deutsch-deutsche Seele finden, die so in keinem herkmmlichen Geschichtsbuch zu finden sind.
Das Interesse fr die subjektive Verarbeitung lebensweltlicher Erfahrungen (Lutz Niethammer) ist vorwiegend jngeren Datums. Seit Anfang der sechziger Jahre vollzog sich in der Geschichtskultur der Bundesrepublik im schulischen und auerschulischen Bereich ein tiefgreifender Wandel. Kaum ein anderes Phnomen dokumentiert dies wie der Schlerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundesprsidenten, der auf eine Initiative Kurt A. Krbers und des damaligen Bundesprsidenten Gustav Heinemann zurckgeht. Seit 1973 hat sich der Wettbewerb der Krber-Stiftung zur grten koordinierten Laienforschungsbewegung der Bundesrepublik entwickelt. Bis 1997 (zu diesem Zeitpunkt wurde die Arbeit an der Bibliographie abgeschlossen) wurden zu 15 ausgeschriebenen Themen von 85.000 Teilnehmern 17.000 Arbeiten eingereicht. Neben der Befragung von Zeitzeugen gehrt die Nutzung der Archive zu den pdagogischen Zielen des Wettbewerbs eine Vorgabe, die in den Archiven Spuren hinterlassen hat und zur Vernderung im Selbstverstndnis archivarischer ffentlichkeitsarbeit beigetragen hat (Gnther Rohdenburg). Die von Alfons Kenkmann vorgelegte annotierte Bibliographie macht deutlich, welche groe Anschubleistung (Kenkmann) fr eine kommunikative Geschichtswissenschaft von dem Wettbewerb ausgeht, auch wenn die Erkenntnisse der Preistrgerarbeiten bisher nur selten in der Geschichtswissenschaft zur Kenntnis genommen wurden. Zu Unrecht, wie schon bei oberflchlicher Durchsicht der 296 mit Anmerkungen versehenen verffentlichten und teilverffentlichten Wettbewerbsarbeiten deutlich wird (Teil I). Erstmals wurden jetzt auch mehr als 300, zum Teil ansonsten schwer auffindbare didaktische und methodische Beitrge nachgewiesen (Teil II). Sie bilden insbesondere fr Geschichtsdidaktiker und Archivpdagogen eine reiche Quelle von Informationen. Teilnehmer und Tutoren knnen den Ausschreibungsmaterialien und Wettbewerbsinformationen (Teil III) wertvolle Anregungen entnehmen. Ein Ortsregister, ein Wettbewerbsregister und eine bersicht ber alle bisherigen Wettbewerbe bis 1997 (aber leider kein Namensregister) beschlieen den Band, der in keinem Archiv, keiner Schule und keinem Museum fehlen sollte.
REZENSIERTE BCHER
5329
Jugendliche erforschen die Vergangenheit. Annotierte Bibliographie zum Schlerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundesprsidenten. Bearb. von Signe Barschdorff und Katja Fausser. Hrsg. von Alfons Kenkmann. Edition Krber-Stiftung, Hamburg 1997. 181 S., brosch.
5330
Dreizehn Deutsche Geschichten. Erzhltes Leben aus Ost und West. Hrsg. von Winfried Ripp und Wendelin Szalai. 2. Aufl. Edition Krber-Stiftung, Hamburg 2000. 420 S. mit einigen Abb., brosch. 26,- DM.
5331
Den Abgrund berbrcken. Mit persnlicher Geschichte politischen Feindschaften begegnen. Hrsg. von Dan Bar-On in Kooperation mit Susanne Kutz und Dirk Wegner. Edition Krber-Stiftung, Hamburg 2000. 231 S. mit ca. 7 Abb., brosch.
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