Lehrauftrag an der Universitt Hamburg
Oliver Wieters
Elias Canetti (1905-1994) hat seit der Arbeit an seinem monumentalen Lebenswerk "Masse und Macht" (1960) Aufzeichnungen niedergeschrieben - zunchst als ein persnliches "Ventil", um sich von dem Druck des allesbeherrschenden Themas zu befreien, spter als eine tgliche, unentbehrliche bung mit eigenem Daseinsrecht. Fr Harald Fricke gibt es "fr die Khnheit seiner ins Grundstzliche und grundstzlich Neue zielenden berlegungen in der Aphoristik des 20. Jahrhunderts und wohl seit Lichtenberg kein zweites Beispiel". Canetti selbst hingegen stand dem Etikett des Aphoristikers genau so ablehnend gegenber wie vor ihm schon Lichtenberg, der von ihm bewunderte Altmeister des Aphorismus: "Aphorismen - ein Name wie von Prokrustes", spottete Canetti. Tatschlich finden sich in seinen "Aufzeichnungen", die Gegenstand des Seminars sind, auch umfangreiche Essays, Lesefrchte, Portrtskizzen und Reisenotizen, die gattungsspezifische Grenzen in Frage stellen. Canetti, dessen Werk mitunter schwer zu fassen ist, mitraute allen Begriffssystemen, und schtzte an den Aufzeichnungen, da "kein Ende ihrer Fassungskraft" sei. Seine Abneigung gegen Systeme entspringt einem Gefhl des Verlustes: "Immer geht etwas verloren, wenn ein System sich schliet". Auch deshalb verehrte er seinen groen "Mitdenker" Georg Christoph Lichtenberg, dessen "Neugier durch nichts gebunden ist, sie springt von berall her auf alles zu". "Gegendenker" wie Aristoteles dagegen reizten ihn zu scharfem Widerspruch: "Aristoteles ist ein Allesfresser, er beweist dem Menschen, da nichts ungeniebar ist, sobald man es nur einzuordnen versteht."
Im Seminar sollen Canettis Aufzeichnungen in formaler und inhaltlicher Hinsicht vor dem Hintergrund der aphoristischen Tradition betrachtet werden. Angelpunkt ist Canettis umfangreichster Band mit Aufzeichnungen, "Die Provinz des Menschen" (1973), die unter verschiedenen Gesichtspunkten formal und inhaltlich durchleuchtet werden sollen: Dies betrifft insbesondere Canettis Verhltnis zu Mit-, Vor- und Gegendenkern wie Lichtenberg auf der einen, Aristoteles auf der anderen Seite, seine "Feindschaft zum Tod", seine Beschftigung mit dem Judentum und der Sprache.
Voraussetzung fr die Teilnahme ist ein Einzel- oder Gruppenreferat, fr die Vergabe des Seminarscheins regelmiges Erscheinen, ein Referat und eine Seminararbeit. Bitte geben Sie bei der Anmeldung Ihre E-Mail-Adresse an (sofern vorhanden). Rckfragen bitte per E-Mail an
Literaturempfehlungen:
Zur Vorbereitung empfehle ich die Lektre von Elias Canettis Aufzeichnungen "Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942-1972", Mnchen 1973. Auerdem zu empfehlen: Dagmar Barnouw, Elias Canetti zur Einfhrung, Hamburg 1996, und Harald Fricke, Aphorismus, Stuttgart 1984. Hilfreich - wenn auch nicht zwingend notwendig - ist die Kenntnis von Elias Canettis dreibndiger Autobiographie ("Die Gerettete Zunge. Die Geschichte einer Jugend", "Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921- 1931", "Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937") und seines Romans "Die Blendung". wenn auch nicht zwingend notwendig - ist die Kenntnis von Elias Canettis dreibndiger Autobiographie ("Die Gerettete Zunge. Die Geschichte einer Jugend", "Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921- 1931", "Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937") und seines Romans "Die Blendung".
elias+canetti+die+gerettete+zunge+referat (G)
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