Zu Ende schreiben ist das wichtigste
Von Oliver Wieters
Es war schon spt in der Nacht. Drauen regnete es und ich sa an meinem Schreibtisch ber meinem schwarzen Notizbuch und ersuchte um Eingang in das Reich der Kreativitt, vor dessen Tor ein mchtiger Engel mit brennendem Schwert steht. Sein Name ist Zweifel und er ist der natrliche Verbndete von alle Ablenkungen, die wir suchen, um uns nur nicht der Herausforderung stellen zu mssen. Nun bin ich mir gar nicht sicher, ob dieser Engel nicht viel mehr eine Engelin ist oder beides zugleich, Mann und Frau, aber vielleicht ist er auch weder das eine noch das andere und bedient sich nur mal der, mal der anderen Gestalt. Er ist auch nicht immer da oder aber er ist so geschickt, dezent im Hintergrund die Fden zu ziehen und wie ein Souffleur Kommentare zuzuflstern.
Es sind ja hufig die nur so nebenbei hingeworfenen Worte, die uns am meisten schmerzen und sich fr immer in unserem Kopf festsetzen. Ein Bekannter von mir wurde als Jugendlicher wegen seines bergewichts gehnselt - heute ist er Fitnistrainer und regt sich ber seine schokoladenmampfenden Kunden auf. Ein Wort kann ja so viel bewirken, im Guten wie im Schlechten. Deshalb ist es auch nicht so leicht, meinen Cherub zu ignorieren, wenn er seine bissigen Kommentare in den Raum wirft. Bei mir meldet er sich meistens erst, nachdem ich ein paar Zeilen geschrieben habe, meist so nach zwei, drei Abstzen. Dann hre ich, wie er langsam nher kommt, mir ber die Schulter blickt und sein sardonisches Lcheln aufsetzt. Das ist der Zeitpunkt, wo meine Muse verschreckt in die Ecke flieht und ich damit beginne, das Geschriebene erneut durchzulesen. Vielleicht ist es nur ein Tippfehler oder ein fehlendes Satzzeichen, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht - aber auf einmal bin ich mitten im korrigieren und berarbeiten und mein Cherub hat sich unbeweglich und fr heute unberwindlich zwischen mich und meine Inspiration gestellt. Besonders zu Beginn meiner Beschftigung mit dem Schreiben ist mir das immer wieder passiert und es fiel mir naturgem schwer, einen Text zu Ende zu bringen. Heute bin ich strker geworden und wenn sich der Cherub heranschleicht, drehe ich ihm einfach meinen Rcke zu, stopfe mir Ohropax in die Ohren und schreibe munter drauf los, bis mir nichts mehr einfllt. Die Korrektur kann warten! Wichtig ist, etwas zu Ende zu bringen, koste es, was es wolle.
Aber auch jetzt gelingt mir das natrlich nicht immer. Aber es ist mir gelungen, meinen Cherub wenn nicht zu meinem Freund, so doch zu meinem Berater zu machen. Ich frage ihn hufig um seinen Rat, zum Beispiel, was er von einem Autor hlt, wie sich ein Satz anhrt, wie ich etwas besser machen kann. Aber ich sage ihm gleich, dass ich seinen Rat nicht eins zu eins umsetzten werde. Inzwischen hat er auch ein Gesicht. Ich war erstaunt als ich ihn das erste Mal erblickt. Es war frh morgens und ich blickte in den Spiegel - und sah mich. Was immer ich auch vermutet hatte, niemand anderes als ich selbst stand mir im Wege, um meine Kreativitt auszuleben und ein Buch zu schreiben. Der Geruch nach Schwefel war in Wirklichkeit mein eigener Geruch, ich hatte ihm meine eigene Stimme geliehen (etwas elektronisch verstellt), seine Ironie war meine eigene Ironie (und wehe dem, den sie trifft). Ich erkannte, das ich mich selbst nicht geliebt hatte und mit bsartiger Systematik alles verhindern wollte, das ein bisschen Glck und Zufriedenheit versprach.
Im Prinzip ging es meinem Cherbub genauso wie mir (was ja auch nicht berrascht, da er mein Doppelgnger ist) und er wollte nur alle Aufmerksamkeit fr sich und keinen kleinen Star an seiner Seite, der ihn berflssig machen wrde. Seit ich das erkannt habe steht ein groer Leitsatz auf einem Zettel ber meinem Schreibtisch: ZU ENDE SCHREIBEN IST DAS WICHTIGSTE! Wer das beherzigt, muss keine Angst vor der Ausgangssperre haben. In den meisten Fllen wird ihn der Cherub am Tor zum Reich der Kreativitt mit einem respektvollen Gru vorbeiwinken.
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