Zur Geschichte eines unscheinbaren Accessoires
von Oliver Wieters
Als Anfang des 18. Jahrhunderts Knig Friedrich Wilhelm I. die Nachfolge seines Vaters antrat, brauchte er dringend Geld. In seiner Not entschlo er sich, den vterlichen Krnungsmantel zu verkaufen. Mehr Einnahmen als das edle Kleidungsstck selbst scheinen dabei dessen goldene Knpfe gebracht zu haben: Rund 30.000 Dukaten pro Stck sollen damals als wahrlich frstlicher Erwerb in die knigliche Schatulle geflossen sein.
Eine Geschichte, wie sie Klaus Bhm, der Sammler der jetzt in Betzingen ausgestellten Exponate mitteilt. Sie erinnert an die Bedeutung, die Knpfe frher einmal hatten - bevor sie zum reinen Gebrauchsgegenstand wurden. Als Zeichen von Macht und Status waren sie nur einem Teil der Bevlkerung vorbehalten - brigens ausschlielich dem mnnlichen. Knpfe als Kultobjekte nahmen nicht selten eine so herausragende Bedeutung ein, da Kleidungsstcke speziell nach den Knpfen angefertigt wurden - natrlich nur, wenn man es sich leisten konnte. Aber Klaus Bhms kleine Erzhlung demonstriert darberhinaus noch etwas anderes: Sie zeigt anschaulich, wie eng bei diesem kulturwissenschaftlichen Thema Geschichte und Geschichten miteinander verbunden sind. Fr die Organisatoren - sowohl Michael Schdel wie Werner Strbele, der Reutlinger Museumsleiter, haben in Tbingen Kulturwissenschaft studiert - ist dies nichts Ungewhnliches. Die Kulturwissenschaft hat von jeher ihren wissenschaftlichen Zugang zur Kulturgeschichte der Menschheit ber die "Hintertreppe" gefunden: Von der Geschichte der Popkultur, ber die Geschichte der Cola-Flasche bis zur Geschichte des Knopfes ist es da kein langer Weg.
In der Betzinger Ausstellung wird Geschichte anschaulich auf den Knopf gebracht: In chronologischer Anordnung wird dargestellt, wie sich die Kultur des Knopfes ber die Jahrhunderte wandelte. So erfhrt man, da es schon vor Tausenden von Jahren Knpfe gegeben hat, allerdings lediglich als Schmuck ohne Funktion. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts brachten die Kreuzfahrer erste "Knpf-Knpfe" aus dem Orient mit nach Europa. Hier setzten sie sich schnell durch, wenn auch ihre Bedeutung bis in unsere Zeit modischen Schwankungen unterworfen ist. Eine Tafel am Schlu der Ausstellung weist auf die zwiespltige Bedeutung des Knopfes heute hin: Einerseits gibt es ihn in unberschaubaren Mengen und Arten, andererseits wurde er zu einem reinen Gebrauchsgegenstand herabgewrdigt. Erst seit den achtziger Jahren dieses Jahrhunderts erfhrt er wieder langsam bei modebewuten Kleidungstrgern eine Aufwertung.
Die Vorbereitung der von der Stadt Reutlingen finanzierten Ausstellung, so deren Organisator Michael Schdel, hat viele Mhen bereitet: "Das grte Problem war die zeitliche Zuordnung, da ich meistens lediglich losgelste Einzelstcke vor mir hatte und die Kleidung dazu meist nicht mehr existierte." Auch sei die Literatur zum Thema "Knpfe" noch wenig entwickelt. Trotz dieser Schwierigkeiten berzeugt die Ausstellung im Rahmen der sich selbst gesetzten Ziele: Anhand eines unscheinbaren Kulturgegenstandes wird Geschichte - in eine "Nuschale gepackt" - anschaulich gemacht. Hufig fallen dabei auch lokalgeschichtliche Aspekte ab: Zum Beispiel bei der sogenannten "Betzinger Schwabenscheibe", einem Knopf der alten lokalen Tracht, von der das Betzinger Heimatmuseum Exponate vorweisen kann. Die Ausstellung hat eben viele Aspekte auf engem Raum vereinigt. Deshalb ldt sie dazu ein, sich spter den einzelnen Themen selbst ausfhrlicher zu widmen. Nach dem Motto: Die Geschichte und ihre Geschichten gehen uns alle an.
Zu besichtigen ist die Ausstellung bis zum 1. November 1992 zu den gewohnten ffnungszeiten des Betzinger Museums "Im Dorf": Mittwochs von 15 bis 18 Uhr, Sonnabends 14 bis 17 Uhr und Sonntags von 10.30 Uhr bis 12 Uhr und 13.30 Uhr bis 17 Uhr.
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