Impressionen whrend einer Reise nach Slowenien im Herbst 2003
von Oliver Wieters
Mehr noch als eine Totenstadt, als die sie sptestens seit Thomas Mann durch die europische Literatur geistert, erschien mir Venedig als eine Irrenstadt. Besonders im Sommer, wenn einem der Schwei in den engen Gassen entlang der Lagunen ber die Haut rinnt. Es war unglaublich hei als ich an einem spten Septembertag ankam. Im Bahnhof, den ich zu Fu ber mehrere Brcken erreichte, schwitzten einige amerikanische Studenten vor sich hin, vor den wenigen Kartenmaschinen fluchten die Touristen. Kein Geschft oder Schalter in der Station hatte noch geffnet. In den Ecken stank es suerlich nach Urin und Undefinierbarem. Nur die Gepckaufbewahrung hatte noch geffnet. Ich entledigte mich meines Rucksacks in der muffigen Gepckaufbewahrung und nutzte die Wartezeit fr einen kurzen Spaziergang durch die Stadt, die ich seit fnfzehn Jahren nicht mehr betreten hatte.
Ein hektisches Treiben. Man hrt hier mehr amerikanische Laute und noch mehr russische als Italienische. Irgendwie hat man das Gefhl, dass gleich irgendwas Schlimmes passiert, und dass das niemanden interessiert. Ich fand schon frher als Kind Venedig ebenso schn wie bedrohlich, besonders in der Nacht. Vielleicht weil alles ebenso schn wie verschlissen ist. Ich habe mich in ein Internet-Cafe geflchtet, wo ich erstmal meine ID angeben mute, "wegen der Terroristen", wie es heit. Bald geht es weiter per Zug nach Trieste - eine andere Stadt, dem Verfall anheimgegeben und darum so betrend.
Ich sehe die Stadt jetzt mit anderen Augen. Nicht nur ich, sondern auch meine Leseerfahrung hatte sich gendert. Dazwischen lagen unter anderem die Kenntnis von Italo Svevos Sentimentaler Reise, Patricia Highsmiths Talented Mr. Ripley und Ian McEwans Trost von Fremden, dessen Lektre mich nachhaltig beeindruckt hat (wahrend mich die Verfilmung mit Christopher Walken eher kalt lie, was nicht an dem brillanten Schauspieler Walken lag). Beinahe war ich enttuscht, da noch kein geheimnisvolles Paar unauffllig sein Objektiv auf mich gerichtet hatte, um mich Tage spter in ihren Palast zu sperren. Mein Geld trug ich dennoch etwas fester an meinem Grtel als ich durch die dunklen Gassen schlenderte, die mich so hoffte ich in die Nhe des Minotaurus fhrten, der irgendwo in der Mitte dieser dmonischen Lagunenstadt hausen mute. Leider mute ich zurck zur Bahn. Um elf Uhr ging mein Zug nach Triest ab, vorbei an Miramare, dem Schlo einer anderen legendren Gestalt, nmlich Erzherzog Maximilian von sterreich, der 1967 als Kaiser von Mexiko erschossen wurde. Wer kennt es nicht, das berhmte Gemlde von douard Manet? Bei der Ausschiffung seines Sarges am Anlegesteg von Schloss Miramare wurde sein Lieblingslied gespielt, La Paloma. Und natrlich vorbei am Dorf Duino, Namensgeber der Duineser Elegien von Rilke.
Triest
Als ich gestern Nacht um 2 Uhr in Triest angekommen bin, war es stickig hei, um die 25 Grad. Kaum war ich eingeschlafen, ging drauen auf der Strasse eine Sirene los und rasselte bis in die frhen Morgenstunden. Zugleich fiel wie in einem groen Teil Italiens, wie ich spter erfuhr - der Strom aus und ich mute im Dunkeln in meinem Rucksack nach einer Taschenlampe suchen. Stunden spter kam endlich die Gendarmerie und stellte die Sirene ab. Am nchsten Morgen machte ich mich frh auf, die Stadt zu erkunden. Es war immer noch hei und unertrglich schwl. Mein erster Weg fhrte mich hinauf zur Festung, um mir einen berblick zu verschaffen. Man findet sich in Triest schnell zurecht: Am Meer die Hafenbecken mit den Molen und dem Kongre-Zentrum, Palazzo genannt. Davor der prchtige Platz der Einheit, der stolze Mittelpunkt der Stadt. Die groen Gebude verstrmen den delikaten Glanz der spten Habsburger-Monarchie und lassen Triest auf den ersten Blick grer erscheinen als es ist.
Von hieraus gelangt man schnell in das Theresianische Viertel, das schachbrettartig im Bereich der trockengelegten Salinen angelegt wurde, und in das alte Ghetto, in dem sich heute besonders exklusive Boutiquen einquartiert haben. Als mich die Mdigkeit berfiel, ging ich zurck in mein Hotel in der Vita dArtisti und legte mich schlafen. Leider widmete sich im Nachbargebude ein Orchestra seinen Proben und so mute ich mir wieder etwas in die Ohren stopfen. Als ich zwei Stunden spter aufwachte, hatte sich das Wetter gedreht. Es regnete. Dankbar fr die unerwartete Abkhlung machte ich mich auf den Weg zum Caff San Marco. Auf diesen Besuch hatte ich mich schon seit langem gefreut: Das Cafe ist fr Triest in etwa das, was das Deux Margots fr Paris ist: Der Treffpunkt der Szene, die vor und whrend des ersten Weltkriegs das geistige Leben Triests beherrschte: Allen voran Hector Aron Schmitz, genannt Italo Svevo, der italienische Schwabe, und sein damaliger Englisch-Lehrer, James Joyce. Auch heute noch ist das Cafe ein Anziehungspunkt fr Intellektuelle aus der ganzen Welt: Zum Beispiel fr Veit Heinichen, den Spiegel-Mitarbeiter, der seine drei Krimis um den italienischen Kommissar Proteo Laurenti in seiner Wahlheimat Triest angesiedelt hat.
Kennen Sie Triest? Triest ist keine Stadt wie irgendeine andere. Joyce, Svevo, Saba, Winkelmann (der hier ermordet wurde) ... Erinnerung an vergangene Gre, ein wenig habsburgisch, ein wenig italienisch, slowenisch, griechisch, kroatisch, jdisch ... Schne Cafes, interessante Menschen. Dann der Karst, diese Landschaft, wie von der Faust eines Riesen zerschlagen. Die htte mich brigens fast in Slowenien erwischt als ich nachts in einen Sturm geraten bin und der Himmel die Seile am Klettersteig als Blitzableiter mibrauchte. Danach wei man erst, da man lebt...
Triest ist der Zeit etwas hinterher, auch was die Verbreitung des Internets betrifft. Ich mu immer erst ins Zentrum gehen, um eine E-Mail zu schreiben. Auch kulturell erwacht Triest erst langsam aus dem Dornrschenschlaf, in dem es sich seit dem Zweiten Weltkrieg und der spteren Grndung Yugoslawiens befunden hat. Der internationale Tourismus ist hier noch kaum ausgeprgt. Das sieht man zum Beispiel daran, dass es hier kein McDonalds gibt (ein untrgliches Zeichen).
Nachdem sich die Bora Nera wieder verzogen hat, scheint wieder die Sonne. Heute war ein prchtiger Tag. Die Kaffees waren bevlkert, die Quallen schwammen frhlich gegen die Kaimauer und die Italiener taten das, was auch ich am liebsten tu, nmlich gar nichts. Das macht sie mir so sympathisch. Ich war im stdtischen Aquarium, wo es niedliche Pinguine und exotische Fische zu bestaunen gibt. Auch konnte ich ein paar Lurche streicheln und durfte einen Frosch spazieren fuehren. Beide sprachen kein Englisch, was sie mit den meisten Einwohner von Triest gemein haben. Heute kam ich an einer Buchhandlung vornei, die "In der Tat" heisst. Der Buchhndler, der gut Englisch sprach und einen Leninbart trug, klrte mich auf, dass der Name von Hegel stammt. Das war aber leider schon fast alles Deutsche, was er beherrschte oder was in geschriebener Form vorlag. Das Triest der Gegenwart ist eine durch und durch an Italien ausgerichtete Stadt ungeachtet seiner mukltikulturellen Vergangenheit. Darber kann auch die prchtige Habsburger Fassade nicht hinwegtauschen. Die Vergangenheit ist zwar allgegenwrtig, auch in der berwiegend lteren Bevlkerung, aber man ist italienisch, nicht deutsch. Die groen Namen, Joyce, Svevo, Winkelmann (der hier ermordet wurde) sind zwar nicht aus dem Bewutsein verschwunden, aber nur wenig weist auf dieses groe Erbe hin. Selbst an Winkelmanns Epitaph, oben im Lapidarium, eine Sammlung antiker Steine, ist nur in Italienisch gehalten. Auch Hinweise auf Svevo, der eigentlich Ettore Schmitt hie, oder auf Joyce, dem damaligen Englisch-Lehrer Svevos, sind kaum zu finden. Die Triestiner wissen allerdings bescheid, nur dass sie kaum Fremdsprachen beherrschen, um ihr Wissen den Fremden mitzuteilen. Heute habe ich durch reinen Zufall in der Nhe des ehemaligen Ghettos in der Altstadt, das sich teilweise noch heute in einem beklagenswerten Zustand befindet und erst langsam hervorragend restauriert wird, das James Joyce Hotel gefunden. Es wurde gerade erffnet und bietet nette Zimmer zu vernnftigen Preisen an. Auf meiner Rckreise werde ich dort bernachten und einen Fisch bei der "Mamma" des Patrones verspeisen. Morgen fahre ich nach Slowenien weiter. Es ist gar nicht so einfach, von Triest nach Bled zu reisen. Der Grund ist, dass die krzeste Strecke ber Goriza und Nova Goricia fhrt. Aber whrend sich Goriza in Italien befindet, gehrt der ehemalige Stadtteil Nova Goricia seit 1991 zu Slowenien, vorher war es Yugoslawien. Normalen Reisenden mssen einen Grenzbergang verwenden, der sich sdlich der Stadt befindet und einen lngeren Umweg erfordert. So kann auch einer Strecke von wenigen hundert Kilometern leicht eine Reise von sechs, sieben Stunden werden, weil man besser ber Llubljana, dem ehemaligen Laibach und der Hauptstadt Slowenien reist. Wie auch immer, heute habe ich einen Lurch gestreichelt, morgen ein paar Murmeltiere. Aber davon werde ich ein andermal erzhlen.
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ID 102 - Am 23.05.2026 um 18:09:44 Uhr hinterlie aus Triest folgenden Kommentar: Wunderschn geschrieben aber leider nicht alles stimmt. Mc Donald ist seit Jahrzehnten in Triest angesiedelt und Nova Gorica gehrt zu Yugoslawien und spter zu Slowenien seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ... sonst alles ok!
ID 103 - Am 23.05.2026 um 18:12:24 Uhr hinterlie aus Triest folgenden Kommentar: Was Nova Gorica betrifft, bitte ich Sie um Entschuldigung ... habe den text zu schnell gelesen.