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Lass uns miteinander reden: Letzte Chance Paartherapie? (2004)

Eine dialogische Reportage von Oliver Wieters

Ein altes Sprichwort lautet: „Wenn Mann und Frau auch auf dem gleichen Kissen schlafen, so haben sie doch unterschiedliche Träume.“ Diese Erfahrung haben auch Gabriele (52) und Henry (54) aus der Kleinstadt Henstedt-Ulzburg bei Hamburg gemacht. Beide waren bereits einmal geschieden als auch ihre zweite Ehe vor dem Aus stand. Nach mehreren gescheiterten Anläufen brachte ihnen eine Paartherapie die Rettung.

„Für mich brach eine Welt zusammen“

GABRIELE: Am 29. Januar 1996 habe ich endlich den Mut gefunden, Henry die Wahrheit zu sagen. Mir war kalt als ich die Treppe in den Keller hinunter gegangen bin. Henry saß am Schreibtisch, baute ein Modellauto zusammen. Ich habe mich auf seinen Schoß gesetzt und gesagt: „Henry, Ich habe Dich mit einem anderen Mann betrogen.“

HENRY: Damals brach für mich eine Welt zusammen. Warum hatte meine Frau mir das angetan? Meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Ich fühlte mich elend, nahm 30 Kilo ab. Ich war 46 Jahre alt, stand vor der schwersten Entscheidung meines Lebens. Was nun? Ich dachte: Bloß nicht noch eine Scheidung!

„Wir sind gebrannte Kinder“

GABRIELE: Wir haben beide schon eine Ehe hinter uns. Ich habe 1973 mit 21 Jahren das erste Mal geheiratet. Zuerst war ich glücklich mit meinem Mann, aber nach der Geburt meiner Kinder, Frank (1976) und Stefanie (1978), merkte ich, daß wir uns nichts mehr zu sagen hatten. Mein Mann und ich waren unfähig, uns auszusprechen. Im April 1981 habe ich Henry auf dem Katholikentag in Berlin getroffen. Wir kannten uns schon von früher. Ich hatte sofort das Gefühl: Da ist jemand, der Dich versteht! Endlich konnte ich mit jemandem über meine Probleme reden.

HENRY: Meine erste Ehe dauerte nur drei Jahre. Bei der Heirat (1979) war ich 29, meine Frau 22 Jahre alt. Sie war total auf ihren Beruf fixiert und wollte noch keine Kinder. Dabei hatte ich als leitender Polizeibeamter ein gutes Einkommen. Das hat mir zu denken gegeben. Wir haben uns zunehmend voneinander entfernt, lebten nebeneinander her. Ich war erst wieder glücklich als ich Gabriele traf, habe mich sofort in sie verliebt.

GABRIELE: Sylvester 1981 haben wir die Bombe platzen lassen. Überall standen Sektflaschen und Chips. Henrys Frau weinte, mein Mann schrie als ich sagte: „Henry und ich wollen heiraten!“ Wir waren vollkommen durcheinander. In den folgenden Wochen suchten wir nach Hilfe, aber niemand verstand uns. Meine katholische Mutter hat geschimpft: „Der liebe Gott wird Dich dafür strafen!“ Sie hat damit gedroht, den Vorgesetzten von Henry anzurufen, aber der hat nur gelacht.

HENRY: Als die Malteser, bei denen ich ehrenamtlich mitgeholfen habe, von meiner Scheidung hörten, haben sie auf meine Mitarbeit verzichtet. Wir haben auch mit Priestern gesprochen. Ein älterer Priester empfahl uns, unser Gewissen zu erforschen. Ein jüngerer war vollkommen überfordert, alles was er sagte war: Laßt uns beten! Ein anderer meinte, eine Ehe habe aufgehört zu existieren, wenn sie nur noch auf dem Blatt Papier besteht.

GABRIELE: 1983 haben wir geheiratet – standesamtlich. Kein katholischer Geistlicher wollte uns ein zweites Mal verheiraten. Zuerst waren wir rundum glücklich, obwohl Henry horrende Unterhaltungszahlungen an seine Ex-Frau leisten mußte und uns niemand zugetraut hat, daß unsere Ehe lange hält. Henry und ich haben miteinander geträumt, über alles geredet und Pläne für die Zukunft geschmiedet. 1986 wurde Mario geboren. Alles war perfekt. Damals haben wir uns versprochen: Wenn unsere Ehe jemals in der Krise steckt, holen wir uns professionelle Hilfe, bevor es wieder zu spät ist!

„Die Uhr stand auf kurz vor Zwölf“

HENRY: Diese Notsituation kam früher als gedacht. Schon um 1989 fing es in unserer Beziehung an zu „knacken“. Unsere Liebe wurde immer mehr vom Alltagstrott zermalmt. Die Arbeit bei der Verkehrsdirektion fraß mich langsam auf, dazu kam der Streß mit dem Umzug in unser Haus in Henstedt-Ulzburg.

GABRIELE: Ich hatte keine ruhige Minute mehr als Frank und Stefanie in die Pubertät kamen: Häufig ging es um Probleme in der Schule oder mit Freunden oder es gab Probleme mit dem Taschengeld. Henry und ich haben uns immer häufiger wegen Kleinigkeiten gestritten. Auch unsere Sexualität hat darunter gelitten. Vielleicht waren wir zu sehr in die Mutter- und Vaterrolle geschlüpft? Ich suchte andernorts nach Anerkennung, erst als Verkäuferin, dann als kirchliche Mitarbeiterin.

HENRY: Die Situation zu Hause wurde immer unerträglicher. Wir haben kaum noch normal miteinander geredet. Die Kinder litten am meisten darunter. Ihre Leistungen in der Schule wurden immer schlechter. Ich selbst bekam Nierenprobleme, verlor sehr viel Gewicht. Ich fühlte mich katastrophal, bin vorübergehend zu meinem Vater gezogen. Bei uns herrschte das nackte Gefühls-Chaos.

GABRIELE: Wir wußten, daß etwas geschehen mußte. Die Uhr stand auf kurz vor Zwölf. Im November 1993 machte ich eine Mütter-Kur in Niendorf an der Ostsee. Eines Abends besuchte ich den Vortrag einer Sozialarbeiterin über Eheprobleme. Dabei wurde mir klar, daß wir hart kämpfen mußten, um unsere Ehe zu retten. Henry und ich sind dann mehrmals zu der Sozialarbeiterin nach Lübeck gefahren, um über unsere Beziehungsprobleme zu reden. Ohne Erfolg: Die Frau war völlig überfordert, ständig schrieen wir uns vor ihr an. Zuletzt hat sie uns entnervt empfohlen, uns zu trennen. Auf der Rückfahrt haben wir im Auto gesessen und uns angeschwiegen. Dann brach es aus mir heraus: „Was sind wir doch für Idioten!” Ich dachte an unsere Kinder und daß ich Henry doch eigentlich mag.

HENRY: So schnell wollten wir die Flinte nicht ins Korn werfen. Zunächst hatten wir nur einen Waffenstillstand ausgehandelt. Vor uns lag noch ein langer und steiniger Weg. Unser nächster Anlauf führte uns im Herbst 1994 nach Kaltenkirchen in ein Seminar „für Paare in Schwierigkeiten”. Es hat mich wie die meisten Männer viel Überwindung gekostet, daran teilzunehmen und vor fremden Menschen über meine privaten Probleme zu reden. Ich hatte den Eindruck, das die meisten Männer nur mitgekommen waren, um ihren Frauen einen Gefallen zu tun. Sie hatten sich schon mit der Trennung abgefunden. Wir wollten doch aber zusammenbleiben! Am Ende waren wir das einzige Paar, das noch zusammen war! So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

GABRIELE: Nach diesem erneuten Fehlschlag ging es uns immer schlechter. Unsere Kinder zogen sich noch mehr zurück, Frank ging in ein Internat, verweigerte sich der Kirchenarbeit. In meiner Not freundete ich mich mit einem Kollegen in der Gemeinde an. Er kam mit nach Hause, redete mit Henry und den Kindern. Einmal sind wir sogar alle zusammen in den Urlaub gefahren! Ich war so glücklich, hatte das Gefühl, das er mich versteht. Es war fast so wie zu Beginn meiner Ehe. Anfang 1995 entwickelte sich darauf eine handfeste Affäre. Heute weiss ich, daß er mein Vertrauen schamlos ausgenutzt hat. Er hat von Anfang an versucht, Henry und mich gegeneinander auszuspielen, weil er mich für sich alleine haben wollte. Mein Seitensprung hat drei Monate gedauert. Ich hoffte, daß Henry davon nichts mitbekommen hat, und hatte viele Monate lang nicht den Mut, es zu beichten.

Letzte Chance Paartherapie

HENRY: Ohne daß von Gabrieles Seitensprung wußte, haben wir Anfang 1995 den dritten Anlauf unternommen, um unsere Ehe zu retten. Wir waren zu dem Schluß gekommen, daß uns ein Therapeut, der auch Theologe ist, besser verstehen kann. Denn der Glaube ist ein wichtiges Fundament unseres Lebens! Eine Psychologin hat uns die Visitenkarte von Friedhelm Schwiderski gegeben. Er ist Paartherapeut und evangelischer Theologe und bietet in Bönningstedt bei Hamburg Ehe- und Partnerschaftsseminare an. Was wir davon hörten, hat uns Mut gemacht, noch einen Versuch zu wagen.

GABRIELE: Für mich war das eine seltsame Situation: Ich hatte eine Affäre mit einem anderen Mann, aber ich hoffte weiterhin, daß unsere Ehe gerettet wird. Schwiderski hat zunächst 25 Sitzungen à 50 Minuten angesetzt. Die erste Sitzung fand am 2. Februar 1995 bei ihm zu Hause statt. Ich hatte insgeheim gehofft, daß er mir bei meinen Erziehungsproblemen hilft. Er hat aber sofort erkannt, daß die Gründe dafür nicht bei den Kindern, sondern bei uns liegen. Wir haben uns deshalb für eine Paar- und keine Familientherapie entschieden.

HENRY: Nach den Mißerfolgen in Lübeck und Kaltenkirchen waren wir zunächst skeptisch. Dieses Gefühl ist aber schnell verflogen. Gleich zu Beginn hat uns Schwiderski klar gemacht: Eine Paartherapie kann nur Erfolg haben, wenn beide Partner den guten Willen haben, eine Lösung zu finden. Zum Glück war das bei uns der Fall!

GABRIELE: Im Gegensatz zu den anderen Therapeuten hat Schwiderski sich selten in unseren Streit eingemischt. Wir fühlten uns ernst genommen, konnten über alles sprechen, über unsere Träume, Hoffnungen und Ängste und über unsere Sexualität. Schwiderski trat dabei eher als Moderator auf. Seine besondere Stärke ist es, genau zuzuhören, die Dinge auf den Punkt zu bringen und den Finger auf die Wunde zu legen. Er hat uns Hilfe zur Selbsthilfe gegeben und uns Fragen zur Orientierung gegeben. Am Ende jeder Sitzung hat er gefragt: „Was wollen Sie eigentlich ändern? Was erwarte Sie von ihrem Partner?“ Wir haben das erste Mal vernünftig darüber geredet, was uns am anderen stört. Meistens waren es Kleinigkeiten. Zum Beispiel, daß Henry nie seine Schuhe wegstellt.

HENRY: Oder daß mich Gabriele ständig kritisiert. Wir haben Schritt für Schritt alte Streitfälle aufgearbeitet. Manchmal hatte unser Therapeut verblüffende Lösungen parat. Sein Lieblingswort war „entflechten“. Ein Beispiel: Ich wollte, daß Gabriele den Stecker vom Staubsauger aus der Steckdose zieht, wenn sie aus dem Haus geht. Sie hielt das nicht für nötig. Also hat uns Schwiderski den Vorschlag gemacht, den Stecker aus der Steckdose zu ziehen, wenn wir weg gehen, und ihn wieder in die Steckdose zu stecken, wenn wir nach Hause kommen.

GABRIELE: Danach hatten wir meistens zwei bis drei Tage Ruhe. Aber wir fielen schnell wieder in die alten Muster zurück. Manchmal dachten wir, daß wir es nicht schaffen. Dann hat uns Schwiderski Mut gemacht und wir sind sogar zweimal pro Woche zu ihm gegangen.

HENRY: Immer wieder wechselten sich Rückschläge und Erfolge ab. Manchmal hat dann sogar unser Sohn von sich aus Schwiderski angerufen. Uns wurde bewußt, daß unsere Eheprobleme ihre Ursachen zum Teil in unserer Kindheit haben. Bei mir zu Hause hat es zum Beispiel nie Streit gegeben. So wie Gabriele von ihrer Mutter das Temperament geerbt hat, so habe ich von meiner Mutter die Harmoniesucht geerbt. Ich bin immer Streit aus dem Weg gegangen und mußte erst lernen, mich richtig zu streiten. Gabriele hat immer kritisiert, daß ich zu schnell einlenke. Seit der Therapie weiss ich, wie wichtig es ist, auch mal seinen Willen durchzusetzen. Mir wurde bewußt, daß sich meine Frau immer gewünscht hat, daß ich ihr gegenüber selbstbewußter auftrete. Denn Partnerschaft hat viel mit Ich-Stärke zu tun. Wenn ich heute mit Gabriele Streit habe, schaue ich mir sie zum Beispiel aus der Perspektive eines bewundernden Dritten an und erinnere mich daran, warum ich mich selbst in sie verliebt habe. Das hilft!

GABRIELE: Um so länger die Therapie dauerte, um so besser ging es uns. Auch die Kinder sprachen wieder mehr mit uns, erholten sich spürbar. Und nicht zu vergessen: Auch unsere Sexualität erwachte zu neuem Leben. Schwiderski hat uns klar gemacht, daß viele Ehen an der beiderseitigen Unfähigkeit zugrunde gehen, sich auszusprechen. Das war auch bei uns fast der Fall. Vor diesem Hintergrund war es nur konsequent, daß ich Henry endlich meinen Seitensprung gebeichtet habe. Ich fühlte mich innerlich zerrissen, habe wie ein Roboter gelebt, hatte moralische Skrupel. Auch Schwiderski habe ich nicht die volle Wahrheit erzählt. Die Monate bis zu jenem 29. Januar 1996 waren wie ein Spagat. Aber Henry und ich hatten uns inzwischen weiterentwickelt: Durch die Therapie haben wir gelernt, zu verzeihen – auch uns selbst. Ich habe Henry sehr weh getan. Aber ich bin ihm sehr dankbar dafür, daß er sich nicht hat scheiden lassen. Es war die richtige Entscheidung, und ich hoffe, er wird es nie bereuen.

HENRY: Heute bin ich in der Lage, meine Erfahrungen weiterzugeben. Zum Beispiel meinen Kollegen bei der Polizei. Viele leiden unter Eheproblemen, aber schweigen sie tot. Ich rate ihnen, Hilfe zu suchen, bevor es zu spät ist. Es ist ein langwieriger Prozeß. Niemand soll glauben, daß es mit zehn Sitzungen getan ist! Aber es zahlt sich aus, auch wenn es teuer ist. Letztlich muß man wissen, was einem wirklich lieb und teuer ist im Leben!

GABRIELE: Am 26. Oktober 1996 haben wir noch einmal geheiratet. Diesmal mit Gottes Segen. Ein Priester der alt-katholischen Glaubensgemeinschaft hatte sich schließlich dazu bereit erklärt, uns ein zweites Mal zu vermählen. Es wurde ein kleines Fest im Kreise der engsten Freunde. In der altkatholische Pfarrkirche St. Theresia, die 1662 nach einer großen Sturmflut errichtet wurde, sind wir feierlich vor den Altar getreten und haben still geweint als wir die Worte gesprochen haben: „Ja, ich will!“

INFO

Etwa 70 Prozent aller Scheidungen könnten mit Paartherapie vermieden werden, behaupten Paarforscher. Die Paartherapie gehört zur sogenannten Systemischen (Familien-)Therapie. Damit wird eine psychotherapeutische Fachrichtung beschrieben, „die systemische Zusammenhänge und interpersonelle Beziehungen in einer Gruppe als Grundlage für die Diagnose und Therapie von seelischen Beschwerden und interpersonellen Konflikten betrachtet.“ (Wikipedia) Die Kosten für eine Paartherapie sind abhängig vom Einzelfall und werden nur in seltenen Ausnahmefällen komplett von den Krankenkassen übernommen. Viele Therapeuten bieten auch Meditation und Trennungsberatung an. Die Namen von Paartherapeuten sind u.a. über das internet, die Psychologischen Beratungsstellen, über die Gelben Seiten im Telefonbuch, Kirchliche Organisationen und soziale Dienste, das Deutsche Rote Kreuz und den Caritasverband zu finden. Einige Therapeuten bieten kostengünstige Probesitzungen an.

Veröffentlicht am 17. November 2004 in der Zeitschrift „mach mal Pause“