Chaos als Normalzustand. Martin Cruz Smith Krimi “Die Goldene Meile” (2011)
Martin Cruz Smith: Die Goldene Meile. Ein-Arkadi-Renko-Roman. Deutsch von Rainer Schmidt, München: C. Bertelsmann Verlag, 2010. Originalausgabe: Three Stations, New York: Simon & Schuster, 2010.
“Maior e longinquo reverentia” heisst es bei Tacitus, frei übersetzt: “Aus der Ferne besehn ist alles schön.” So war es bei Karl Mays Indianern und Cowboys, die er vor eine Kulisse stellte, die er nie selbst bereist hatte. Was aber, wenn sich der Schrecken in der Distanz noch vermehrt, wenn die Fremde nur alles noch schlimmer, vielleicht aber auch faszinierender erscheinen lässt? Was interessiert den Leser zum Beispiel an der amerikanischen Ostküste oder im feinen Hamburger Stadtteil Pöseldorf die Not und das Elend eines fünfzehnjährigen russischen Mädchens, das auf der Flucht vor ihren Zuhältern ihren Säugling verliert und inmitten drogenabhängiger, verstoßener, hoffnungsloser Straßenkinder auf der Drehscheibe des Moskauer Schienenverkehrs, den „drei Bahnhöfen“, herumirrt?
Wie kaum ein anderes Genre lebt der Thriller und der Kriminalroman davon, dass der Schauplatz nicht nur Kulisse ist, sondern eine Hauptrolle spielt. In einigen Krimi-Foren werden die Romane deshalb auch nach dem Schauplatz kategorisiert, an dem sie spielen. So spielen die Romane des Hamburgers Veit Heinichen in Triest, der Brite Le Carré fühlt sich u.a. von Hamburg angezogen, die Amerikanerin Donna Leon schickt ihren Kommissar Brunetti in Venedig auf Verbrecherjagd. Distanz scheint beim Schreiben vieles leichter zu machen, eine gute Geschichte lebt von gut abgehangenen Erfahrungen und Eindrücken. Oder mit den Worten des russischen Dichters Wladimir Majakowski: Je größer eine Sache oder ein Geschehnis, desto größer auch der Abstand, den es zu gewinnen gilt. Der 1942 in Reading, Pennsylvania, als William Martin Smith geborene amerikanische Krimiautor Martin Cruz Smith hat nie längere Zeit in Russland bzw. der Sowjetunion gelebt, aber seine Romane führen dem Leser das Leben in Moskau so plastisch vor Augen wie Karl May es mit dem Apachenland gelungen ist. Die Idee zu einem Moskauer Krimi kam ihm während eines Kurzbesuchs in Russland im Jahr 1973, Gorky Park erschien 1981.
Gewiss lässt sich Cruz, der kein Russisch spricht, von zahlreichen Experten beraten – wie ein guter Journalist recherchiert er monatelang für jeden Roman -, aber die atmosphärische Verdichtung und Vergegenwärtigung ist ganz allein sein Werk. So dass, wer heute als krimibegeisterter Tourist nach Moskau fährt, unweigerlich an seinen außerordentlich erfolgreichen Roman „Gorky Park“ denken muss, der 1983 mit William Hurt und Lee Marvin in den Hauptrollen verfilmt wurde. Offensichtlich ist die Story, die Smith erzählt, so universal angelegt, dass sie im Prinzip überall spielen könnte, aber durch ihre Verlegung nach Osteuropa ihre besondere Spannung erhält. War es in „Gorky Park“ der Mord an drei „Republikflüchtlingen“, wie man in der DDR gesagt hätte, den der scheinbar unterkühlte Ermittler Arkadi Renko (dessen Vorname ironischer Weise auf das idyllische Arkadien in Griechenland zurück geht) aufklären muss, so steht in “Die Goldene Meile” der Überlebenskamp der obdachlosen Kinder in Moskau im Mittelpunkt. Die Sowjetunion ist tot, aber die Probleme haben sich nur verschoben. Auf der einen Seite die Welt der Reichen und Schönen - die goldene Meile ist eine Gegend in Moskau, wo einige der teuersten Immobilien Häuser der Welt zu finden sind – auf der anderen die der Verlierer und Getreteten.
Das Bild, das Cruz von Russlands Gegenwart entwirft, ist bestimmt nicht frei von Klischees. Aber er versucht, anders als in der reißerischen Berichterstattung vieler Medien, den handelnden Menschen ihre Würde zu erhalten. “Was mich immer an Russland fasziniert hat, ist die Ernsthaftigkeit, mit der Freundschaften gepflegt werden”, sagte er einmal 2010 in einem Interview. Genau diese Balance von Action, Bedrohung, Menschlichkeit und Humor war es, die ihm an der Verfilmung seines Romans gefehlt hat. Seine akribisch gezeichneten Hauptpersonen treten plastisch vor den Leser als wäre er ihnen selbst begegnet: Besonders Maja, die Ausreißerin, Schenja, das junge Schachgenie und Ziehsohn Arkadis, Viktor, Arkadis alkoholkranker Freund und Kollege. Die Kunst von Smith, lebendige Personen zu erschaffen, erklärt auch die Wahl seines Schauplatzes. Für einen Geschichtenschreiber sind Verkehrsknotenpunkte seit jeher eine reiche Fundgrube für Ideen. Man denke nur an Arthur Haileys Romane Airport oder Hotel. So spielt der Roman von Cruz fast vollständig im Umfeld der drei großen Moskauer Bahnhöfe, auf denen täglich fast eine Million Menschen umsteigen: Dem Leningrader, dem Jaroslawler und dem Kasaner Bahnhof am Komsomolskaja-Platz. Cruz schickt seine verzweifelte jugendliche Heldin, Maja, durch eine verelendete, anonyme, gewalttätige Welt, in der Menschen entweder Hasen, Wölfe oder Schlangen sind. Während Maja unter Lebensgefahr nach ihrem Baby sucht, das von skrupellosen Menschenhändlern geraubt wurde, muss Arkadi, der kurz vor seiner Entlassung steht, mit verarmten Oligarchen, korrupten Staatsanwälten und dem verwirrenden Mord an einer Ballerina herumschlagen.
Während Majas Geschichte den größten Teil der Geschichte einnimmt, erscheinen die anderen Handlungselemente beinahe isoliert im erzählerischen Raum zu stehen, manchmal erscheint es fast, also ob Cruz Angst davor hatte, meldodramatisch zu werden und er deshalb besonders gegen Ende des Romans eine wahre Gewaltorgie inszeniert. Dabei wird der Spannungsbogen von der einfachen Frage gedehnt: Bekommt Maja ihr Baby zurück? Alle anderen Fragen sind demgegenüber für den Leser zweitrangig. Cruz gelingt es nicht immer überzeugend, die Handlungsstränge harmonisch miteinander zu verknüpfen – sofern ein Krimi harmonisch sein kann. Cruz wollte einen Roman über das Elend von Straßenkindern in Moskau schreiben und hat darüber fast vergessen, dass er ein Krimiautor ist. Eigentlich schade. Denn im ersten Teil des Romans zeigt Cruz, dass er auch im siebten Arkadi-Renko-Roman nichts von seiner schriftstellerischen Kraft verloren hat. Was ihm fehlt, ist der Versuch, das notwendige Element des Klischees, ohne das kein Krimi auskommt, zu reduzieren.
Niemand, der Russland etwas kennt, wird bestreiten, dass es sie gibt: Die verlassenen Straßenkinder, die notorischen Säufer, die korrupten Polizisten, die Prostitution, die Mafia, den Reichtum der “goldenen Meile”, die Gewalt. Während aber diese Bestandteile in der Tradition des amerikanischen Hard Boiled–Krimis vom heimischen US-Leser quasi vor der Haustür überprüft werden konnten, ist dies mit dem fernen Russland nicht der Fall. Wenn sich ein Roman an der Schnittstelle zwischen journalistischer Wirklichkeitstreue und schriftstellerischer Freiheit bewegt, geht der Autor ein Risiko ein. Man sollte aber nicht denken, dass Cruz ein getreues Abbild der russischen Realität geben will. In erster Linie will Smith eine spannende, anrührende Geschichte erzählen, die den Leser in Gegenden führt, wo er nie gewesen ist oder sein wird. Das gelingt ihm zum großen Teil brillant und fesselnd, so dass man die rund 250 Seiten in einem Rutsch durchliest. Am Ende hat man das Gefühl, tatsächlich die russische Seele in einer Nussschale präsentiert bekommen zu haben. Wenn man Martin Cruz Smith glaubt, muss man sie sich wie einen vergessenen Flügel im oberen Wartesaal des Jaroslawer Bahnhofs vorstellen: Einige Tasten funktionieren nicht mehr, dennoch sei ein Walzer ein Walzer, wie ein junger Pianist verkündet und dem stolzen Publikum beweist, dass ein russischer Musiker auf allem spielen kann. “Das”, so der Erzähler, ”war der Schlüssel zu ihrem Überleben. Es kümmerte sie nicht, wie viele Tasten dabei fehlten. Chaos war der Normalzustand.”
Weiterführende Links:
Eine sehr sehenswerte Dokumentation über das Elend der Strassenkinder von St. Petersburg vom deutschen Fotografen Wolfgang Müller findet sich hier:
Wolfgang Müller – “Karat”
Karat ist der Name einer Schuhcreme, die von vielen Strassenkindern als billiges Rauschmittel eingeatmet wird.
Wiedergabe des Bildes mit Dank an den Fotografen!



