Die Griechenland-Krise und die Macht der Bilder
Kommentar von Oliver Wieters
Das Bild des verzweifelten Griechen vor einem Geldautomaten ging um die Welt. Mitleid macht den Menschen aus. Aber es kann auch eine Waffe sein im Kampf um Deutungshoheit. Psychologen wissen genau: Wo Gefühle vorherrschen, setzt oft das Denken aus. Wenn die Medien einem aufklärerischen Impuls folgen, müssen sie deshalb sehr sparsam mit dem Einsatz von Emotionalität umgehen.
Von Natur aus fällt es dem Menschen offensichtlich leichter, an Worten als an Bildern zu zweifeln. Unser Gehirn ist darauf geeicht, Ordnung ins vermeintliche Chaos zu bringen. Die unmöglichen Figuren von M.C. Escher oder die Maschinenbilder eines Konrad Klapheck - Automaten, die nur dem Anschein nach funktionieren - stellen dieses Phänomen dem Betrachter prägnant vor Augen. Schon Eschers hinterlistig-faszinierendes Penrose-Dreieck stellt für die menschliche Wahrnehmung eine harte Nuss dar und hinterlässt eine tiefe Verunsicherung der bildlichen Wahrnehmungserfahrung.

Im Gegenzug zur Malerei handelt es sich bei den Medien aber um eine Einrichtung, die zumindest im Prinzipiellen den Anspruch erhebt, Wirklichkeit nicht zu gestalten, sondern sie möglichst objektiv abzubilden. Selbstverständlich unterliegt sie damit zumindest in Teilen einem Trugschluss, was aber ihrer aufklärerischen Rolle in der freien Welt kaum einen Abbruch getan hat. An Medien, die seriös genannt werden, wird ein anderer Wahrheitsanspruch gestellt als an die Malerei, obwohl beiden die Inszenierung von Wahrheit gemein ist. So gesehen stellt die Erkenntnis der Subjektivität in einem Artikel, Fernseh- oder Radiobericht sogar eine höhere Herausforderung an den Rezipienten dar als in einem Kunstwerk, weil hier die Erwartungshaltung eine andere ist. Diese Naivität wird von den Medien selbst und von jenen, die sie für ihre Zwecke einzuspannen versuchen, seit jeher zu nutzen versucht. Dies geschieht auch und gerade in einer Demokratie, da hier der freien Meinungsäußerung eine geradezu konstitutionelle Rolle zugewiesen wird und die freie Presse als vierte Macht im Staate auf eine Stufe mit Legislative, Exekutive und Judikative gestellt wird - eine ehrenwerte Aufgabe, die hohe, manchmal vielleicht zu hohe Erwartungshaltungen an sie schürt.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagt man - und so fällt es manchmal kaum auf, dass oft ein Bild einen Sachverhalt suggeriert, den der begleitende Text gar nicht behauptet. Es bleibt im Gedächtnis haften und beginnt von hier aus ein Eigenleben. So wie das Bild von dem verzweifelten Grieche vor dem Geldautomaten. Es packt uns an unserem Schuld- und Verantwortungsgefühl, an unserer schönsten menschlichen Seite: dem Mitgefühl. Und währenddessen setzt unser Denken aus. Denn über die Ursache des Desasters sagt das Bild nichts aus. Der Impuls, zu helfen, überlagert das Nachdenken über Ursache und Wirkung und welche Rückschlüsse daraus zu ziehen sind, um Abhilfe zu schaffen. Es besitzt ein ungemeines Empörungspotential, das sich in einer diffusen Wut spürbar macht, die nur darauf wartet, ein Objekt zu finden, an dem es sich abreagieren kann. Das führt so weit, dass Personen, die sich diesem Bann entziehen wollen - nicht weil sie gefühllos sind, sondern weil sie tiefer graben - in die Ziellinie geraten. Auch seriöse Medien sind in diese Falle getappt. Weil ein Bild so eine enorme Wirkung entfaltet, weil es den Verkauf anheizt, weil es scheinbar einen komplexen Sachverhalt auf den Punkt bringt oder einfach nur, weil es einer unzureichenden Kontrolle der beabsichtigten Aussage zum Opfer gefallen ist. Wie auch immer: Die aufgeheizten Debatten um Griechenland im und außerhalb des EU-Parlaments haben gezeigt, das sich die Medien ihrer besonderen Verantwortung im Umgang mit Emotionen bewusst sein müssen. Zu oft suggerieren sie eine Eindeutigkeit der Wirklichkeit, wo es besser wäre, auf fehlende Verbindung, gegenläufige Zahnräder oder logische Brüche hinzuweisen. Die Menschen und ihre Staaten gleichen Baumstämmen im Schnee, um ein Wort von Kafka abzuwandeln: „Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.“ Scheinbar, aber nicht wirklich.
NACHTRAG
Inzwischen hat ein wohlhabender Australier mit griechischen Wurzeln das Bild in den Medien entdeckt. Er startete über Facebook einen Suchaufruf, um Kontakt mit dem Rentner aufzunehmen. Wie sich herausstellte, waren dieser und sein verstorbener Vater alte Bekannte. Nun wolle der Chef einer Finanzfirma nach Griechenland fliegen, um dem Mann die Rente zu bringen, welche ihm die Banken nicht mehr auszahlen können.
Quelle: http://goo.gl/aQmQLb
Ein Beleg mehr dafür, das die Macht der Bilder in der Tat grenzüberschreitend ist.