Nora Ephron (1941-2012): Wer sind Sie? (2007)

(„Who Are You?“)
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von O l i v e r W i e t e r s

Ich kenne Sie!

Ich kenne Sie. Ich kenne Sie gut. Es stimmt schon, ich habe immer ein kleines Problem mit Ihrem Namen, aber ich kenne Ihren Namen. Ich kann mich im Moment nur nicht an ihn erinnern. Wir sind auf einer großen Party. Wir haben uns freundlich begrüßt. Wir haben ein begeistertes Gespräch darüber geführt, dass wir die beiden letzten Menschen auf der Erde sind, die sich nicht auf beide Wangen küssen. Jetzt reden wir darüber, wie unehrlich all die Leute sind, die sich auf beide Wangen küssen. Ha ha ha ha ha ha. Sie sind so charmant. Wenn ich mich nur an Ihren Namen erinnern könnte. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Sie waren bei mir zu Haus zum Essen. Ich habe versucht, Ihr neuestes Buch zu lesen. Ich kenne den Namen Ihrer Freundin, zumindest so ungefähr. So etwas wie Chanelle. Nur dass das nicht stimmt. Chantelle? Das ist er auch nicht. Zum Glück ist sie nicht hier, so dass ich nicht beide Namen vergessen habe. Ich bin am verzweifeln. Larry oder so ähnlich. Larry vielleicht? Nein, das stimmt nicht. Jerry? Nein, auch nicht. Aber er endet auf Y. Ihr Nachname setzt sich aus drei Silben zusammen. Er beginnt mit einem C. Oder mit einem G? Ich werde verrückt. Aber ein Wunder geschieht: Der Gastgeber will einen Toast auf den Ehrengast aussprechen. Gott sei Dank! Ich kann mich an die Bar verziehen. Ich werde die ganze Nacht das Alphabet durchgehen, um auf Ihren Namen zu kommen. Wenn ich versage, gibt es immer noch Google. Wenn ich mich doch nur daran erinnern könnte, wovon Ihr neuestes Buch handelt.

Kennen wir uns?

Kennen wir uns? Ich glaube, wir kennen uns. Aber ich bin mir nicht ganz sicher. Wir wurden einander vorgestellt, aber ich habe Ihren Namen nicht verstanden, weil es auf dieser Party so laut ist. Ich nehme an, dass wir uns kennen, und ich werde nicht sagen „freut mich, Sie kennen zu lernen“. Ich weiß, was passieren wird, wenn ich sage „freut mich, Sie kennen zu lernen“. Sie werden sagen: „Wir kennen uns.“ Sie werden „wir kennen uns“ mit einem aggressiven, verärgerten Ton sagen. Und Sie werden mir noch nicht einmal ihren Namen nennen, so dass ich mich auf irgendeine Weise retten kann. Und deshalb werde ich nicht sagen „freut mich, Sie kennen zu lernen“. Ich werde sagen: „Freut mich, Sie zu sehen.“ Ich werde ein breites Lächeln aufsetzen. Ich werde nicht verzweifelt aussehen. Aber ich werde denken, bitte rück mit Deinem Namen raus. Bitte, bitte, bitte. Gib mir einen Hinweis. Wahrscheinlich kommt mein Ehemann herüber und ich muss Sie ihm vorstellen, und ich werde dazu nicht in der Lage sein, und Sie werden wissen, dass ich keine Idee habe, wer Sie sind, obwohl wir wahrscheinlich 1984 ein ganzes Wochenende zusammen auf einem Boot verbracht haben. Und obwohl ich mit meinem Ehemann ein geheimes Signal verabredet habe indem ich ihm sehr hart in den Oberarm kneife, ein Signal, das bedeutet: „Sag dieser Person Deinen Namen, denn ich habe keine Ahnung, mit wem ich rede“, vergisst mein Ehemann immer wieder dieses geheime Signal und man kann sich nicht darauf verlassen, dass er auf mein Kneifen reagiert, selbst wenn er davon blaue Flecken bekommt. Ich würde meinen Ehemann gerne dafür zusammenstauchen, dass er in diesem Punkt so vergesslich ist, aber ich befinde mich nicht gerade in einer starken Position, denn ich habe ja selbst den Namen der Person vergessen, mit der ich rede (wenn ich ihn jemals kannte).

Alte Freunde

Alte Freunde? Das sind wir wahrscheinlich. Sie freuen sich so, mich zu sehen. Ich freue mich, Sie zu sehen. Aber wer sind Sie? Oh, um Himmels Willen, Sie sind Jane! Ich kanns nicht glauben. Jane. „Jane! Wie geht es Dir? Es ist schon so lange her – wie lange schon?“ Ich würde gerne so tun als ob der Grund, warum ich Dich nicht aus dem Stegreif erkannt habe, ist, dass Du etwas mit Deinen Haaren gemacht hast, aber Du hast nichts mit Deinen Haaren gemacht, nichts, was eine Entschuldigung dafür wäre, dass ich Dich nicht erkannt habe. In Wirklichkeit bist Du älter geworden. Ich kann’s nicht glauben. Du warst doch immer so alt wie ich, und jetzt bist Du viel, viel, viel älter als ich. Du könntest meine Mutter sein. Es sei denn, ich sehe genau so alt aus wie Du und weiß es nur nicht. Aber das ist nicht möglich. Oder doch? Ich sehe mich im Zimmer um und stelle fest, dass jeder Mensch hier wie jemand anderes aussieht – und wenn ich versuche, genauer herauszufinden, wer dies ist, stellt sich dieser jemand als eine frühere Ausgabe der Person heraus, eine dünnere Ausgabe oder eine gesündere Ausgabe oder eine Ausgabe vor einer Schönheitsoperation oder eine größere Ausgabe. Wenn dies auf alle zutrifft, muss es auch auf mich zutreffen. Oder etwa nicht? Aber egal: Du sagst etwas. „Maggie“, sagst Du, „es ist schon so lange her.“ „Ich bin nicht Maggie“, sage ich. „Oh, mein Gott“, sagst Du, „Du bist es. Ich habe Dich zuerst nicht erkannt. Ich glaube, Du hast eine neue Frisur.“

 

Copyright 2007 The New York Times Company

Quelle: http://www.nytimes.com/2007/08/12/opinion/12ephron.html?ref=movies&pagewanted=print

 

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