(Keine) Rezension von Michael Robothams “Der Insider” (2012). Statt dessen etwas über den Thriller im Allgemeinen
Michael Robotham, Der Insider (2012), engl. The Wreckage (2012).
Eigentlich wollte ich hier eine Rezension des vielgelobten Thrillers von Michael Robotham veröffentlichen. Aber mit wenigen Wochen Abstand ist die Erinnerung verblasst. Auch dies ein Resultat, denke ich. Handwerklich gekonnt ist das Buch geschrieben, zumindest in großen Teilen. Aber die Figuren kommen nicht wirklich zum Leben. Ihr Schicksal erschütterte mich nicht wirklich, ich fieberte nicht wirklich mit ihnen mit.
Das Gefühl, nicht nur in eine äußere, sondern auch in eine innere Düsterkeit zu blicken, kam bei mir beim Lesen nicht auf - das aber ist seit Ambler, Graham Greene, Le Carré, Adam Hall ein wichtiges Element des guten Thrillers. Dieser endet im Sinne des Brecht-Zitats: “Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.” In diesem Buch hingegen ist mit seiner letzten Zeile fast alles gesagt.
Vielleicht ist dies aber auch die Misere heutiger Thrillerautoren: Was erschüttert, was bewegt den Leser noch? Berge von Blut, Knochen, Psychopathen? Der Griff nach der Weltmacht? Bankenskandale, Regierungskorruption, Kriege und Betrug? Nein, in diese Richtung ist alles schon geschrieben worden, so scheint es. Was ewig aktuell bleibt ist die Frage, wie ein Individuum oder eine Gruppe von Menschen auf eine Herausforderung reagiert. Der feine Charme eines James Bond hält seine Figur so lange am Leben, nicht der - zum Teil sehr beliebig erscheinde - Plot. Auch aus diesem Grunde ist die hochgelobte BBC-Krimireihe “Sherlock” so ein Erfolg: Der Thriller ist eine glänzende Form, um der oftmals öde erscheinenden Wirklichkeit eine Dimension der Spannung hinzuzufügen, die uns die Welt in einem interessanten, geheimnisvollen, begehrenswerten Licht erscheinen lässt. Gute Thriller schärfen unseren Blick für die Wirklichkeit um uns herum und besonders in uns (zum Beispiel Le Carrés “Der Spion, der aus der Kälte kam”).
Nachbetrachtung: Am Wochenende war ich mal wieder am Checkpoint Charlie in Berlin. Ich sah die Touristen mit Hot Dogs und Cola, die sich mit den Schauspielern in alten Uniformen ablichten ließen. Etwas abseits erläuterte ein alter Amerikaner einem noch älteren Mann im Rollstuhl die historischen Fotografien an den Stellwänden: “Hier standen wir, hinter den Absperrungen die Russen”, erzählte er und strich sich eine weiße Strähne aus der Stirn. Beide alten Männer blickten einige Sekunden lang gebannt auf das Foto, das die Soldaten während der Berlin-Krise im Oktober 1961 zeigte. Man konnte förmlich sehen, wie sich ein kompletter Kinofilm vor ihrem inneren Auge abspielte. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, eine Träne rollte über ihre Wangen. Ich verstand, dass ich Zeuge eines richtig guten Thrillers wurde. Schade nur, dass ihn wahrscheinlich niemals jemand als Buch lesen wird, denn er wird irgendwann zusammen mit diesen beiden Veteranen des Kalten Krieges in Vergessenheit geraten.