Wege von der erlebten zur erzählten Geschichte: Drei neue Bücher der Körber-Stiftung. Sammelrezension für „Der Archivar“ (2000)

Von Oliver Wieters

WÄHREND DES ZWEITEN Weltkriegs hat Elias Canetti einmal notiert, alles was man verzeichnet, enthält ein Körnchen Hoffnung, es mag noch so sehr der Verzweiflung entstammen. Wie ein spätes Echo dieses Gedankens lassen sich die vorliegenden Veröffentlichungen der edition Körber-Stiftung lesen, die Beiträge zu einer lebendigen Geschichtskultur liefern. Die Bände „Dreizehn deutsche Geschichten“ und „Den Abgrund überbrücken“ widmen sich zentralen Fragen psychosozialer Aussöhnung uneiniger Bevölkerungsgruppen: Welche Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der subjektiven Verarbeitung lebensweltlicher Erfahrungen zu? Kann das Erzählen persönlicher Geschichten ein Anfang kollektiven Heilens sein? Mit „Jugendliche erforschen die Vergangenheit“ liegt zudem die erste annotierte Gesamtbibliographie zum Körber-Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten vor.

Der israelische Psychologe Dan Bar-On berichtet in „Den Abgrund überbrücken“ von einem einzigartigen Experiment, neue Wege der Krisenbewältigung auszuloten. Im Sommer 1998 trafen sich auf Initiative der Körber-Stiftung und Dan Bar-Ons Vertreter verschiedener Konfliktregionen in Hamburg zu einem Workshop, um über traumatische Aspekte zu sprechen, die der Konflikt bei ihnen hinterlassen hat. Die Teilnehmer aus Israel, Palästina, Südafrika, Nordirland, Deutschland und den Vereinigten Staaten beschäftigten sich schon seit Jahren mit den Nachwirkungen und sollten später als „Multiplikatoren“ die Erkenntnisse weitertragen. Auf diese Weise kam im „Haus Rissen“ an der Elbe eine bunte Mischung von Lebensläufen zusammen: Darunter die Tochter eines SS-Offiziers, der Personalchef der israelischen Kibbuz-Bewegung, ein ehemaliger Al Fatah-Kämpfer, ein katholischer Nordire, die Tochter eines jüdischen Holocaust-Überlebenden und der Enkel des südafrikanischen „Architekten der Apartheid“. Fünf Tage lang erzählten sich die – in Ermangelung genauerer Bezeichnungen so genanten – „Opfer“ und „Täter“ in Konfliktgruppen und in Plenumssitzungen, unterstützt von einer bewußt eingeschränkten Form der Leitung, ihre schmerzlichen Lebensgeschichten. Dabei waren sie stets darauf bedacht, nicht über historische Fakten zu streiten, sondern sich – möglichst ohne zu werten – die individuellen Nachwirkungen der Ereignisse anzuhören.

Mitinitiiert wurde das Treffen von der Gruppe „To Reflect und Trust“ (TRT, deutsch „Reflektieren und Vertrauen“), die auf eine Initiative Bar-Ons zurückgeht. Während seiner Forschungstätigkeit in Deutschland Mitte der achtziger Jahre war Bar-On zu der Einsicht gelangt, daß nicht nur die Kinder von Opfern der Shoah, sondern auch – unter anderem Vorzeichen – die Nachfahren von Nazi-Tätern unter der Last des Schweigens litten, die ihnen von ihren Eltern unbewußt aufgebürdet worden war. In vielen Fällen existierte zwischen den Generationen eine unsichtbare „doppelte Mauer“: Die Kinder fragten nicht und die Eltern erzählten nicht. Obwohl die verschwiegenen Inhalte bei Tätern und Opfern sehr verschieden waren, waren beide Seiten in ihrer Umgebung psychisch entwurzelt.

Die Täter-Kinder empfanden zudem Scham, mit der Schuld ihrer Eltern leben zu müssen. Bar-On machte die Erfahrung, daß beide Gruppen ein gemeinsames Treffen herbeisehnten, und organisierte mehrere Begegnungen, die den Teilnehmern helfen sollten, ihre Biographien auf einer gemeinsamen Basis zu rekonstruieren. Dies geschah gegen erheblichen Widerstand in Israel, wo vielerorts die Nazi-Kinder als Kinder des Bösen angesehen wurden. Langfristig betrachtet sollte „TRT“ als Modell für andere Konflikte dienen, in denen ein gewalttätiges Regime den sozialen Vertrag gebrochen hat. Zumindest auf der Mikroebene des Seminars geschah dies offensichtlich mit Erfolg: „In diesem Sommer veränderte sich meine Weltanschauung radikal“, sagt die Tochter eines jüdischen Holocaust-Überlebenden nach ihrer Teilnahme an dem Hamburger Seminar. Sie war von der Wut und Vehemenz schockiert, mit der die Palästinenser ihre Not darstellten. „Es war mir peinlich, Jüdin zu sein“, erinnert sie sich. Ihrer Meinung nach waren die Juden bisher immer die Opfer gewesen, aber jetzt mußte sie erkennen, daß die Rollen von Opfern und Tätern längst nicht so eindeutig sind, wie sie geglaubt hatte. Andere Teilnehmer machten ähnliche Erfahrungen. Allmählich kamen sie zu der Einsicht, daß eine Versöhnung möglich ist, wenn man „ganz tiefe Gefühle zuläßt, Angst, Bitterkeit und Zorn“, wie ein weißer Südafrikaner sagt. Weil die aufwühlenden Sitzungen der Hamburger Tagung hinter verschlossenen Türen abgehalten wurden, um die Privatsphäre der Teilnehmer zu schützen, mußte auf die Dokumentation der tatsächlich geführten Gespräche verzichtet werden. Susanne Kutz von der Körber-Stiftung und der Journalist Dirk Wegner beschränkten sich deshalb darauf, Erfahrungen, Standpunkte und allgemeine Diskussionsbeiträge zu versammeln und sie sorgfältig zu redigieren. Leider wurde das Literaturverzeichnis ohne deutsche Ergänzungen aus der englischen Ausgabe übernommen. Aber auch so wird deutlich, daß – bei allem ausstehenden theoretischen Klärungsbedarf – Dan Bar-On ein sehr vielversprechender Ansatz zur Versöhnung zwischen Tätern und Opfern gelungen ist.

Das Individuum als „lebendes Dokument“ und das Selbst als eine Erzählung, die in ihren tiefsten Schichten mit den kollektiven Erzählungen und Metaphern verbunden ist – von diesen Erkenntnissen der narrativen Psychologie profitiert auch der ostdeutsche Geschichtsdidaktiker Wendelin Szalai in den zusammen mit Winfried Ripp herausgegebenen „Dreizehn deutschen Geschichten“. Der Band dokumentiert die Arbeit der Erzählwerkstatt der Körber-Stiftung in Dresden, die Szalai 1996 ins Leben gerufen hat. Sein Konzept besteht darin, „daß sich Menschen mit verschiedenen Erfahrungen, Wertvorstellungen und Lebensperspektiven in diesem ‚geschützten Raum’ treffen sollten, um sich ihre Lebensläufe zu erzählen“. Auf diese Weise sollte ein tolerantes, soziales und verant-wortungsbewußtes Zusammenleben zwischen Ost- und Westdeutschen gefördert werden. Zwischen Sommer 1996 und Winter 1997 trafen sich mehr als 20 Teilnehmer einmal im Monat, um ihren „Erfahrungsschatz“ zu sichern, der nach Winfried Ripp „für die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven benötigt wird“. Obwohl sich keine direkten „Opfer“ und „Täter“ des DDR-Regimes gegenüberstanden, enthielt die Begegnung genügend Brisanz. „Wenn Leute ihre Biographien erzählen, dann werden auch die Strukturen deutlich, in denen sie gelebt haben“, hatte schon Friedrich Schorlemmer erkannt, dessen „Kulturforum“ für die Idee der Erzählwerkstatt Pate gestanden hat. Obwohl die Erwartung des Lesers, in den autobiographischen Zeugnissen authentischer Lebenserfahrung zu begegnen, nicht immer erfüllt wird – oft wird unbewußt Zuflucht in kollektiv eingeübte Fiktionen genommen -, bestätigt sich die alte Erkenntnis der „oral history“, daß auch die erzählte „Unwahrheit“ kulturhistorisch eine interessante Wahrheit sein kann. Für den interessierten Leser ergibt sich auf jeden Fall die Möglichkeit, die Einflüsse großer Ereignisse auf die individuelle Biographie einer kritischen Prüfung zu unterziehen und strukturelle Parallelen zwischen Ost- und West-Biographien zu erkennen. Er nimmt Anteil an Ost-West-Schicksalen, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung erhielten und keineswegs immer mit dem Mauerfall eine Wende zum Besseren erfuhren. „Ich fühle mich wieder als Bürger zweiter Klasse, wie unter einer Fremdherrschaft“, „die Bundesrepublik ist geistig tot“ beklagt sich zum Beispiel ein ostdeutscher Journalist. Eine Ostdeutsche jüdischer Herkunft bekennt angesichts des Rechtsradikalismus in Deutschland, sie habe nie eine Sehnsucht nach der deutschen Einheit verspürt, denn in der DDR habe sie nie einen aggressiven Antisemitismus erfahren. Und eine Westdeutsche, die 1992 nach Dresden zog, zeigt sich darüber betroffen, daß sie im Osten nur wenigen Menschen begegnete, die wirklich froh waren über die Wende. Insbesondere Alltagshistoriker und geschichtlich interessierte Laien werden in diesen ebenso nachdenklich stimmenden wie faszinierenden „deutschen Geschichten“ wertvolle Einblicke in die deutsch-deutsche Seele finden, die so in keinem „herkömmlichen“ Geschichtsbuch zu finden sind.

Das Interesse für die „subjektive Verarbeitung lebensweltlicher Erfahrungen“ (Lutz Niethammer) ist vorwiegend jüngeren Datums. Seit Anfang der sechziger Jahre vollzog sich in der Geschichtskultur der Bundesrepublik im schulischen und außerschulischen Bereich ein tiefgreifender Wandel. Kaum ein anderes Phänomen dokumentiert dies wie der Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten, der auf eine Initiative Kurt A. Körbers und des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann zurückgeht. Seit 1973 hat sich der Wettbewerb der Körber-Stiftung zur größten koordinierten Laienforschungsbewegung der Bundesrepublik entwickelt. Bis 1997 (zu diesem Zeitpunkt wurde die Arbeit an der Bibliographie abgeschlossen) wurden zu 15 ausgeschriebenen Themen von 85.000 Teilnehmern 17.000 Arbeiten eingereicht. Neben der Befragung von Zeitzeugen gehört die Nutzung der Archive zu den pädagogischen Zielen des Wettbewerbs – eine Vorgabe, die in den Archiven Spuren hinterlassen hat und „zur Veränderung im Selbstverständnis archivarischer Öffentlichkeitsarbeit beigetragen hat“ (Günther Rohdenburg). Die von Alfons Kenkmann vorgelegte „annotierte Bibliographie“ macht deutlich, welche große „Anschubleistung“ (Kenkmann) für eine kommunikative Geschichtswissenschaft von dem Wettbewerb ausgeht, auch wenn die Erkenntnisse der Preisträgerarbeiten bisher nur selten in der Geschichtswissenschaft zur Kenntnis genommen wurden. Zu Unrecht, wie schon bei oberflächlicher Durchsicht der 296 mit Anmerkungen versehenen „veröffentlichten und teilveröffentlichten Wettbewerbsarbeiten“ deutlich wird (Teil I). Erstmals wurden jetzt auch mehr als 300, zum Teil ansonsten schwer auffindbare „didaktische und methodische Beiträge“ nachgewiesen (Teil II). Sie bilden insbesondere für Geschichtsdidaktiker und Archivpädagogen eine reiche Quelle von Informationen. Teilnehmer und Tutoren können den „Ausschreibungsmaterialien und Wettbewerbsinformationen“ (Teil III) wertvolle Anregungen entnehmen. Ein Ortsregister, ein Wettbewerbsregister und eine Übersicht über alle bisherigen Wettbewerbe bis 1997 (aber leider kein Namensregister) beschließen den Band, der in keinem Archiv, keiner Schule und keinem Museum fehlen sollte.

REZENSIERTE BÜCHER

5329

Jugendliche erforschen die Vergangenheit. Annotierte Bibliographie zum Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten. Bearb. von Signe Barschdorff und Katja Fausser. Hrsg. von Alfons Kenkmann. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 1997. 181 S., brosch.

5330

Dreizehn Deutsche Geschichten. Erzähltes Leben aus Ost und West. Hrsg. von Winfried Ripp und Wendelin Szalai. 2. Aufl. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2000. 420 S. mit einigen Abb., brosch. 26,- DM.

5331

Den Abgrund überbrücken. Mit persönlicher Geschichte politischen Feindschaften begegnen. Hrsg. von Dan Bar-On in Kooperation mit Susanne Kutz und Dirk Wegner. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2000. 231 S. mit ca. 7 Abb., brosch.

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