Martin Cruz Smith (c) Verlag

Chaos als Normalzustand. Martin Cruz Smith Krimi „Die Goldene Meile“ (2011, Neufassung 2015)

Von Oliver Wieters, Hamburg 2011 (überarbeitet 2015)

Martin Cruz Smith: Die Goldene Meile. Ein-Arkadi-Renko-Roman. Deutsch von Rainer Schmidt, München: C. Bertelsmann Verlag, 2010. Originalausgabe: Three Stations, New York: Simon & Schuster, 2010.

Martin Cruz Smith, Titelbild "Die Goldene Meile" (2010)
Martin Cruz Smith, Titelbild „Die Goldene Meile“ (2010)

In vielen Kriminalromanen stiehlt der Schauplatz den handelnden Personen die Show. Eine gewisse räumliche Distanz scheint dabei hilfreich zu sein, um die Illusion zu verstärken. Je größer eine Sache oder ein Geschehnis, desto größer auch der Abstand, den es zu gewinnen gilt. So hat es einmal der russische Dichter Wladimir Majakowski ausgedrückt.

Martin Cruz Smith, der 1942 in Reading, Pennsylvania, als William Martin Smith geboren wurde, hat nie längere Zeit in Russland bzw. der Sowjetunion gelebt. Dennoch gelingt es ihm, dem Leser das Leben in Moskau so plastisch vor Augen zu führen, dass man ihn für einen Bewohner der Stadt hält. Die zu seinen Renko-Krimis kam ihm während eines Besuchs in Russland im Jahr 1973, sein wohl berühmtestes Buch, Gorky Park, erschien acht Jahre später.

Cruz spricht kein Russisch und recherchiert monatelang für jeden Roman. Seine Romane leben von der atmosphärischen Verdichtung und ihren starken Charakteren. Ein krimibegeisterter Leser, der heute Moskau besucht, wird unweigerlich an „Gorky Park“ denken, seinen erfolgreichen Thriller, der 1983 mit William Hurt und Lee Marvin in den Hauptrollen verfilmt wurde. Die Story – die Jagd nach einem eiskalten Mörder, der von einflussreichen Freunden geschützt wird – ist so universal angelegt, dass sie im Prinzip auch in den USA spielen könnte, aber durch ihre Verlegung nach Russland ihre besondere Spannung erhält. Damals musste der unterkühlte Ermittler Arkadi Renko den Mord an drei „Republikflüchtlingen“ – wie man in der DDR gesagt hätte – aufklären. In seinem siebten Arkadi-Renko-Roman „Die Goldene Meile“ steht der Überlebenskampf obdachloser Kinder in Moskau im Mittelpunkt. Das Motto lautet: Die Sowjetunion ist tot, aber die gesellschaftlichen Probleme sind geblieben. Auf der einen Seite die Welt der Reichen und Schönen – die goldene Meile ist eine Gegend in Moskau, wo einige der teuersten Immobilien Häuser der Welt zu finden sind – auf der anderen Seite die der Verlierer und Getretenen. Cruz lässt diese ungleichen Welten wie zwei D-Züge aufeinander zu fahren und sammelt die Scherben auf, die nach dem Crash übrig bleiben.

Das Bild, das Cruz von Russland zeichnet, ist nicht frei von Klischees. Aber er tritt dem Land und seinen Menschen mit Sympathie und Respekt gegenüber. „Was mich immer an Russland fasziniert hat, ist die Ernsthaftigkeit, mit der Freundschaften gepflegt werden“, sagte er einmal 2010 in einem Interview. Genau diese Balance von Action, Bedrohung, Menschlichkeit und Humor war es, die ihm an der Verfilmung seines Romans „Gorky Park“ gefehlt hat. Er legt Wert darauf, dass seine Hauptpersonen dem Leser plastisch vor Augen treten als wäre er ihnen selbst begegnet. In „Goldene Meile“ sind dies Maja, die Ausreißerin, Schenja, das junge Schachgenie, der Ziehsohn Arkadis, und Viktor, Arkadis alkoholkranker Freund und Kollege. Die Kunst von Smith, lebendige Charaktere zu erschaffen, die vor einem realen Hintergrund agieren, erklärt auch die Wahl seines zentralen Handlungsortes. Sein Roman spielt im Umfeld der drei großen Moskauer Bahnhöfe, auf denen täglich fast eine Million Menschen umsteigen: Dem Leningrader, dem Jaroslawler und dem Kasaner Bahnhof am Komsomolskaja-Platz. Cruz schickt Maja auf der Suche nach ihrem entführten Baby durch eine verelendete, anonyme, gewalttätige Welt, in der Menschen entweder Hasen, Wölfe oder Schlangen sind. Arkadi, der kurz vor seiner Entlassung steht, muss sich mit verarmten Oligarchen, korrupten Staatsanwälten und dem verwirrenden Mord an einer Ballerina herumschlagen.

Martin Cruz Smith | Foto: Bertelsmann/Doug Menuez
Martin Cruz Smith | Foto: Bertelsmann/Doug Menuez

Die anderen Handlungselemente stehen beinahe isoliert im erzählerischen Raum. Manchmal hat man den Eindruck, das Cruz etwas Angst davor hatte, zu melodramatisch zu werden und er deshalb am Ende eine wahre Gewaltorgie inszeniert. Für den Spannungsbogen ist die Gewalt nur bedingt zwingend notwendig. Er folgt der Frage: Bekommt Maja ihr Baby zurück? Insgesamt gelingt es dem Autor nicht immer perfekt, die Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass Cruz in erster Linie einen Roman über das Elend von Straßenkindern in Moskau schreiben wollte und ihm die Krimihandlung zweitrangig war. Dabei zeigt er besonders im ersten Teil des Romans, dass er nichts von seiner schriftstellerischen Kraft verloren hat.

Cruz Absicht ist es, dem Leser die „russische Seele“ in einer Nussschale zu präsentieren. Wenn man Martin Cruz Smith glaubt, muss man sie sich wie einen vergessenen Flügel im oberen Wartesaal des Jaroslawer Bahnhofs vorstellen: Einige Tasten funktionieren nicht mehr, dennoch sei ein Walzer ein Walzer, wie ein junger Pianist verkündet. Ein russischer Musiker könne eben auf allem spielen. „Das“, so der Erzähler, „war der Schlüssel zu ihrem Überleben. Es kümmerte sie nicht, wie viele Tasten dabei fehlten. Chaos war der Normalzustand.“

 

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