Marseille I. Das Geheimnis der Altstadt

Eine Erzählung (1997)

von Oliver Wieters

Kapitel III

AM DUNKLEN HORIZONT kämpfte ein weißer Dampfer stoisch gegen das unruhige Meer an. Ab und zu drang Musik hinüber – oder vielmehr ein Durcheinander von Geräuschen, so daß das Ohr nicht mehr ein noch aus wußte. Sie vermählten sich mit dem Donner, der den ganzen Tag und die Nacht hindurch die Erde erbeben ließ. In regelmäßigen Abständen peitschten Regenschauer über den Strand.

Justines und Max Tage verliefen nach einem eintönigen Schema: Nachdem sich das junge Paar endlich dazu durchgerungen hatte, aus dem Bett aufzustehen, begab sich Justine als erste ins Bad, widmete sich akribisch ihren morgendlichen Verrichtungen und kehrte nicht vor Ablauf einer Stunde zurück. Dadurch hatte Max ausreichend Zeit, sich seiner selbstauferlegten Pflicht, dem Langlauf zu widmen. Einmal stand er danach vor verschlossenen Türen und mußte fast eine halbe Stunde lang in durchnäßter Kleidung warten, bis Justine sie ihm öffnete, überrascht davon, ihn davor zu finden: Sie hatte die ganze Zeit unter der Dusche gestanden und keinen Laut seines Klingelns und Klopfens vernommen, wie sie beteuerte.

Max lief immer die selbe Strecke: Die vielbefahrene Rue Mazargue entlang, dann nach rechts in die Avenue d’Haifa, schließlich mit der Avenue d’Hambourg hinunter zum Strand, wo ihm trotz der immer kälter und windiger werdenden Jahreszeit noch viele Spaziergänger begegneten. Wie auf einer Postkarte glitt häufig in der Ferne eines der großen weißen Fährschiffe vorbei, die Marseille mit Algerien und Marokko verbanden. Der Rückweg führte Max an den heruntergekommenen Bars und Häusern oberhalb des Strandwegs entlang. Dort hatte auch Robert, der Bruder von Justine, eine kleine Bar mit einem zweifelhaften Ruf. Es war noch nicht lange her, da hatte die Polizei Falschgeld und Räubergut bei einem seiner Gäste festgestellt. Obwohl Robert beteurte, nichts davon gewußt zu haben, ließ ihn die Polizei seitdem nicht mehr aus den Augen. Max zog das Tempo an und ließ die Bar rechts liegen. Nach einer halben Stunde befand er sich wieder vor dem Eingang der Wohnanlage von Justine und zog seine Sportschuhe aus, aus denen langsam feiner Sand rieselte.

„Ich glaube, es gibt Sturm“, rief er, noch immer fast taub von der donnernden Brandung.

Justine kam ihm aus dem Batt entgegen, um die Haare ein Handtuch und lächelte ihn an: „Dann beeil Dich, daß wir an den Strand kommen, um zu frühstücken. Ich habe großen Hunger.“

Dies war eine weitere Gewohnheit, die ihnen so schnell liebgeworden war: Jeweils kurz nach elf begaben sie sich in eines der Promenadencafés am Plage, ließen sich in einen der meerblauen bequemen Sessel auf der großen Terrasse nieder und bestellten ein großes französisches Frühstück. Sie liebten es, mit mancherlei bewunderndem oder aber sarkastischem Urteil die bunte Schar von Besuchern um sich herum zu beobachten und freuten sich, wenn sich ihre Meinungen – was häufig geschah – bis auf das i-Tüpfelchen deckten.

Obwohl sie sich beide unzählige Male ihre Liebe versichert hatten, wäre es doch falsch gewesen, daraus auf Leidenschaft zu schließen. Um so mehr Max seiner Sehnsucht nach diesem Gefühl Ausdruck verlieh, um so mehr schien Justine den beherrschteren, vernünftigeren Part in ihrer Beziehung zu übernehmen. So wichen Ihre Erwartungen um so mehr voneinander ab, um so stärker sie sie einander anzugleichen versuchten. Es fiel ihm schwer es sich einzugestehen, aber in solchen Augenblicken war ihm vollkommen klar, daß sie in verschiedenen Welten lebten und wohl immer leben würden.

In den Algeriervierteln hinter dem Alten Hafen, so schien es Max, begann eine andere Welt. Dunkelhäutige Frauen und Männer saßen vor den Häusern und blickten gelangweilt, manchmal aber auch etwas argwöhnisch dem Fremden hinterdrein, der hier an manchem Abend nach Zerstreuung suchte. Max war etwas unbehaglich zumute, weil er sich beobachtet fühlte, doch in der Dunkelheit und ohne Stadtplan verirrte er sich mit jedem Schritt nur immer mehr in diesem bergigen, mittelalterlich anmutenden Labyrinth aus kleinen Gassen, staubigen Plätzen und beinahe ununterscheidbar gleich aussehenden Häusern mit ihren obligatorischen Satellitenschüsseln davor. Als er um eine Ecke bog kamen ihm plötzlich eine größere Gruppe Männer entgegen, die gerade aus einer der improvisierten Moscheen strömten: Er hatte gelesen, daß es in Marseille kein offizielles Gotteshaus für die vielen Mohammedaner gab. Die Männer waren in ihre Gespräche vertieft und nahmen den Fremden, der sie im Durchschnitt um einen Kopf überragte, kaum zur Kenntnis. In einer anderen Gasse patrouillierten dunkelhäutige Dirnen und warteten auf Kundschaft. Max riskierte beim Vorgehen einige vorsichtige Blicke, die von den Mädchen sofort aufgenommen wurden. Für einen Moment gab er sich der Vorstellung hin, dem in ihm aufsteigendem Verlangen nachzugeben, aber verwarf diesen Gedanken sofort wieder, weniger, weil er sich gegenüber Justine in der Pflicht fühlte, sondern weil er nicht lügen konnte und so seine Tat mit Sicherheit entdeckt würde. Er fragte sich, ob Justine Verständnis für ihn hätte. Vielleicht mochte sie sich manchmal selbst diesem Kitzel aussetzen? Er selbst hatte bisher noch nie ernsthaft in Erwägung gezogen, für die Liebe einer Frau zu bezahlen.

Als Max endlich die Strandpromenade erreichte, ging schon die Sonne unter, und Max ärgerte sich, daß er statt eines Pullovers nur ein dünnes Hemd angezogen hatte. Im halbleeren Gastraum des „Corniche“ wählte er einen Platz, von dem aus er den Eingangsbereich im Auge behalten konnte. Der Kellner brachte ihm gerade die Speisekarte als eine rote Vespa mit knatterndem Motor vor dem Strandlokal hielt. Im Licht der untergehenden Sonne erkannte Max die Umrisse einer attraktiven jungen Frau mit langem schwarzen Haar, das der Wind durch die Luft wirbelte. Einen Moment lang blickte sie ihn fragend durch die Fensterscheibe an, dann lächelte sie und kam zielstrebig durch den Eingang auf ihn zu.

„Guten Abend“, Max stand auf und streckte die Hand aus. „Ich bin Max, und Sie sind sicherlich Justine. Wie haben Sie mich so schnell erkannt?“

Das Mädchen ergriff seine Hand und lächelte. „Nur ein Tourist vergißt am Abend einen Pullover mitzunehmen. Alle anderen hier sehen wie Einheimische aus.“

Max gab seinem Gesicht einen anerkennenden Ausdruck. „Ich muß zugeben, daß Sie eine gute Beobachterin sind.“

„Wenn ich das nicht wäre, würde ich schon lange nicht mehr leben. Aber jetzt erzählen Sie mir bitte, wie ich Ihnen helfen kann.“ Sie setzte sich und bestellte ein Glas Prosecco.

Max erzählte ihr alles, was vorgefallen war, dann machte er eine Pause, um ihr die Möglichkeit zu geben, zu antworten. Justine hatte aufgehört zu lächeln. Wenn es stimmte, was Max ihr erzählt hatte, schwebte er in höchster Lebensgefahr.

Sie nahm seine Hand, legte eine gefaltete Serviette hinein. Dann nickte sie ihm zu und verschwand ohne ein weiteres Wort zu sagen durch die Tür. Zuerst wollte er sie zurückhalten und hinter ihr herlaufen. Doch es hätte keinen Zweck gehabt, er hörte schon den aufbrausenden Motor ihrer alten Vespa. Er setzte sich wieder und dachte nach. Langsam entfaltete er die Serviette. Ein Gedicht, mit schöner Schrift geschrieben. Er entfaltete es und las stumm:

An der Corniche
die weißen Dampfer
nach Afrika
Passagen durch mein Herz
An Bord die bekannten fremden
Sehnsüchte
im Jünger Abenteuerland,
der Sog des Zugs in die Ferne,
dem ich folge.
Angst, dies zu verlieren,
am Ende
ganz
ich selbst zu sein.

Auszug aus Kapitel IV

Noch am selben Abend fuhr Max zusammen mit Justine mit der Bahn nach Paris. Justine genoss es sichtlich, einfach da zu sitzen und ihren Gedanken nachzuhängen. Das Rattern der Räder machte eine vernünftige Unterhaltung unmöglich. Bald sprachen sie nicht mehr, weil es zu mühsam war. Sie verdrehten die Augen und lächelten sich einvernehmlich zu. Nichts zu machen. Max schloss die Augen und lauschte den Geräuschen, die an sein Ohr drangen. Das Holpern hatte einen Rhythmus angenommen, der ihn an einen alten Schlager erinnerte, er wusste nur nicht an welchen. Eine Durchsage, „Ich Kürze erreichen wir …“ Fünf Minuten später fuhr der Zug in einen Bahnhof ein. Die Räder quietschten wie ein Stück Kreide auf einer Schultafel. Max musste an meinen alten Mathe-Lehrer denken, der ihn immer mit diesem widerlichen Geräusch wachrütteln wollte. Es fühlte sich an als ob sich das Stück Kreide zwischen seinen Zähnen befinden würde. Als der Zug hilt, hörte man noch einige Sekunden lang das Schwappen von Wasser in der Toilette. Es war auf einmal so still. Erst langsam setzte ein hektisches Treiben ein als neue Reisende zustiegen. Eine lautstarke Diskussion zwischen einem ausländischen Reisenden und dem Schaffner entbrannte über einen reservierten Platz. Auf dem Bahnsteig wurden die Namen und Abfahrtszeiten von Anschlusszügen durchgesagt. Ein junges Mädchen lachte als es sich von seiner Familie verabschiedete. Die Türen wurden mit einem lauten satten Knall geschlossen. Ein greller Pfiff und auch die letzte Tür fiel ins Schloss. Es war wieder still, der Wagen war eine Raupe, die sich in Bewegung setzte, das Geräusch von Kupplungen näherte sich Wagen für Wagen von der Lokomotive bis zum letzten Wagen. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen. Die Regentropfen, die gegen die getönten Scheiben spritzten, waren ein neues Instrument in der Symphonie der Eisenbahn, die durch die Dämmerung fuhr. Auf dem gegenüberliegenden Platz saß jetzt ein Junge mit Kopfhörern. Max bedauerte ihn, weil ihm dieses aufregende Konzert entging.

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