Katholizismus und Zentrumstradition in Nordrhein-Westfalen 1945-1949 (Teil 1)

Aspekte der Konfessions-, Parteien- und Landesgeschichte

Von Oliver Wieters (Universität Tübingen, 1994)

EINLEITUNG

1.1.Gegenstand dieser Arbeit

„Es gibt kein Getto, keinen ‘Turm’, keine katholische Sonderwelt mehr – zumindest nicht in der Sicht der Katholiken.“[1] So konnte Hans Maier vor wenigen Jahren in einer Bestandsaufnahme des heutigen Katholizismus in der Bundesrepublik Deutschland feststellen. Das Zitat spielt auf den berühmten Ausspruch Julius Bachems aus dem Jahre 1906 an: „Wir müssen aus dem Turm heraus“. Der Kölner Verleger, der um sich einen großen Teil des katholischen Mittelstandes versammelt hatte, wollte die Zentrumspartei[2] aus ihrer minoritären Defensivposition herausführen. „Die mit dem Turm symbolisierte Lagermentalität sollte gesprengt werden, und der politische Katholizismus sollte sich den protestantischen Konservativen öffnen.“[3] Andererseits stand die Funktion des Zentrums als einheitliche politische Interessenvertretung der Katholiken prinzipiell nicht in Frage. Es sollten vielmehr auf pragmatische Weise Vorteile für katholische Mittelstandsinteressen erreicht werden.
Während Bachems Forderung keine konkreten Konsequenzen nach sich zog, wurde das 1920 in Essen vorgetragene Programm von Adam Stegerwald[4] zu einem wichtigen Bezugspunkt der Unionsgründer 1945. Auch Stegerwald wollte die Minderheitensituation des politischen Katholizismus überwinden. Das Ziel seines „Essener Programms“ war die Bildung einer interkonfessionell-christlichen, nationalen Sammlungspartei im Mitte-Rechts-Spektrum. Damals scheiterte dieses Vorhaben, weil die Parteien rechts vom Zentrum durch den Plan ihre eigene parteipolitische Existenz aufs Spiel gesetzt sahen und weil die Katholischen Arbeiter Bünde (KAB) befürchteten, daß ihre mühsam erreichte innerparteiliche Position durch den keineswegs sicheren Zustrom protestantischer Rechtskräfte geschwächt werden könnte[5].

Reichstagswahl 1930, Propagandawagen des Zentrums. Quelle: Bundesarchiv

Der Weg zu einer interkonfessionellen Partei wurde frei, nachdem der politische Katholizismus 1933 eine schwere Niederlage erlitten hatte. Schon während des Zweiten Weltkrieges gab es Überlegungen von Katholiken über einen politisch-gesellschaftlichen Neuanfang nach dem Sturz des nationalsozialistischen Regimes, aus denen später die zusammen mit evangelischen Christen ausgearbeiteten Leitsätze für eine neue interkonfessionelle Partei – der späteren CDU bzw. CSU – hervorgingen[6]. Auch angesichts seiner schnellen Kapitulation vor dem Nationalsozialismus erschien das Zentrum – als Partei der Katholiken (obwohl es in ihr immer auch einen kleinen evangelischen Flügel von Föderalisten und Kulturkonservativen gegeben hat[7]) – vielen politisch denkenden Katholiken als überholt. Die Unionsgründung stellt sich nicht zuletzt als Konsequenz aus der Verfolgungszeit, in der Protestanten und Katholiken oftmals Gefährten im Leid gewesen waren, dar:

damals zeigte und bewährte sich in den Gefängnissen Adolf Hitlers, in den Pfarr- und Gemeindehäusern, in den Familien, in den Luftschutzkellern überraschend eine christliche Gemeinsamkeit; schon damals stellten sich viele vor, daß diese neue Gemeinsamkeit nach der Befreiung die Grundlage eines gemeinsamen politischen Handelns sein werde. (…) Die Wurzel der Union war also der Widerstand gegen Adolf Hitler.[8]

Im Gegensatz zur Union versuchte das 1945 wiedergegründete Zentrum an die 1933 abgebrochene Tradition einer konfessionellen Partei anzuknüpfen. In Nordrhein-Westfalen, wo die Hochburgen des politischen Katholizismus zu finden waren – rund 70 % der Zentrumsanhänger waren hier beheimatet[9] -, konnte sich das Zentrum in den ersten Nachkriegsjahren auf einen beträchtlichen Teil des katholischen Milieus stützen. Viele Katholiken standen aus verschiedenen Gründen der Unionsidee skeptisch gegenüber. Einige von ihnen befürchteten, daß die CDU auf einen Rechtskurs schwenken könnte, da sie auch um protestantisch-konservative Kreise – ehemalige Wähler der nationaldeutschen Parteien – warb. Dies war ein Argument, das den Vorbehalten der KAB gegenüber dem Programm Stegerwalds ähnelte. Es gab auch Stimmen, die eher eine Anlehnung an die Struktur der britischen Labour Party erhofften. Trotz ansehnlicher Erfolge bei den ersten Landtags- und Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen und bei den Bundestagswahlen, verlor das Zentrum zunehmend an Bedeutung und glitt in die Marginalität ab.

Den neuen Unionsparteien, die im Gegensatz zum Zentrum von der katholischen Kirche unterstützt wurden, kamen die Veränderungen der sozialstrukturellen und konfessionellen Ausgangs- und Rahmenbedingungen zugute: Das Verhältnis von Protestanten zu Katholiken in der Bundesrepublik betrug 1950 51,2 zu 45,2 %[10]. Damit hatten die Katholiken, die 1933 im Deutschen Reich nur ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, auch numerisch das „Getto“ verlassen.

Die vorliegende Arbeit versucht die Geschichte des Zentrums und der Christlich-Demokratischen Union zwischen 1945 und 1949 im Zusammenhang der Gründung Nordrhein-Westfalens, des politischen Katholizismus und der allgemeinen damaligen Situation Deutschlands zu umreißen; ein besonderes Augenmerk wird zudem auf die Bedeutung von Umschichtungen im konfessionellen Gefüge Deutschlands nach 1945 gerichtet. All dies kann an diesem Ort freilich nur ansatzweise geschehen. Der Versuch ist, einen „multikausalen“ Ansatz zu entwickeln und die Bedeutung von Religion als geschichtsbildenden Faktor in seinen allgemeinen politischen, sozialen und historischen Zusammenhängen darzustellen.

Das Thema dieser Arbeit birgt ein gewisses Risiko in sich, denn es ist so umfangreich, daß es im vorgegebenen Umfang nicht einmal in seinen Umrissen zufriedenstellend erfaßt werden kann. Zudem erfordert die Darstellung der allgemeinen Voraussetzungen – dazu gehören Themen wie Deutschland und der deutsche Katholizismus nach 1945, die Politik der Besatzungsmächte, die Neugründung der Parteien etc. – bereits so viel Aufmerksamkeit, daß für Quellenstudien nur wenig Zeit war. Deshalb basiert diese Untersuchung zum großen Teil auf „Sekundärliteratur“. Zwar wurden auch Quelleneditionen herangezogen, doch hat der Autor darauf verzichtet, aus ihnen zu zitieren, um nicht den falschen Eindruck eines ausgiebigen Studiums von Primärquellen zu vermitteln. Dennoch sind die Publikationen, die im Literaturverzeichnis aufgeführt werden, vom Autor ganz oder teilweise gesichtet worden.

Die für diese Arbeit relevante Literatur ist ebenso facettenreich wie das von ihr behandelte Thema. Das erklärt, warum der Umfang des Literaturverzeichnisses länger als üblich gehalten wurde. Einen grundlegenden Überblick über die Geschichte Deutschlands zwischen 1945 und 1969, einen ausgezeichneten Bericht über den Forschungsstand sowie eine ausführliche Bibliographie bietet der bereits in dritter Auflage vorliegende Band „Die Bundesrepublik Deutschland“ von Rudolf Morsey[11]. Von den weiteren vom Autor konsultierten Werken seien die für die Nachkriegsgeschichte des Zentrums grundlegenden Arbeiten Ute Schmidts[12] genannt. Ihr milieuorientierter Ansatz wird weiter unten umrissen. Wie Schmidt schreibt, war vor der Publikation ihrer 1987 erschienen Studie über „Zentrum oder CDU“ die „Geschichte des Zentrums nach 1945 (…) bisher weitgehend unerforscht geblieben“[13]. Deshalb mußte sie für ihre Arbeit auf bisher unveröffentlichtes Quellenmaterial aus Nachlässen und Privatarchiven zurückgreifen; kirchliche Archive blieben ihr generell verschlossen. Dennoch gibt es keine andere Untersuchung, die so ausführlich von der Zentrumspartei nach 1945 handelt. Zwei weitere umfangreiche Studien Schmidts über das „Neuzentrum“ und die CDU sind in dem von Rudolf Stöss herausgegebenen „Parteienhandbuch“ (1983)[14] versammelt. So nützlich dieses voluminöse Sammelwerk ist, das um die Typologisierung parteiengeschichtlicher und -soziologischer Forschung der Bundesrepublik bemüht ist, fällt die Einleitung von Stöss durch ihren – wie Rudolf Morsey schreibt – „ziemlich diffusen, marxistisch fundierten Ansatz“ auf. Obwohl Schmidt dieser Vorwurf nicht zu machen ist, läßt sie sich in ihrem Interesse deutlich von einem sozial engagierten Blick mit besonderer Sympathie für die kleineren Parteien und deutlicher Kritik an der „Verbürgerlichung“ der CDU und deren angeblicher „Bürgerblock“-Taktik leiten[15].

Zur Geschichte Nordrhein-Westfalens und der Union sind inzwischen unübersehbar viele Publikationen erschienen. Eine sei hier genannt: die noch immer sehr hilfreiche aus dem Jahr 1973 stammende Arbeit Peter Hüttenbergers Nordrhein-Westfalen und die Entstehung seiner parlamentarischen Demokratie[16], die sich auch der Entwicklung des Zentrums und der CDU in Nordrhein-Westfalen widmet. Hinsichtlich der Frühgeschichte der CDU sind die bekannten Arbeiten Hans Georg Wiecks und von Leo Schwering[17] zu nennen, die vom Autor teilweise rezipiert wurden. Wichtig ist auch die 1981 erschienene Edition Die Gründung der CDU, herausgegeben von Günter Buchstab und Klaus Gotto[18], in der biographisch und systematisch ausgerichtete Artikel zu finden sind. Hinsichtlich theoretischer Fragen, die die Geschichte des Katholizismus betreffen, wurde besonders auf Studien Hans Maiers[19] zurückgegriffen, sowie auf die aus einem Symposion – an dem viele für das vorliegende Thema maßgebliche Historiker teilgenommen haben – hervorgegangene Publikation Kirche und Katholizismus, die Anton Rauscher 1977 herausgegeben hat[20].

In der vorliegenden Arbeit dominieren zwei Themenkomplexe: Auf der einen Seite die Analyse und Darstellung des Verhältnisses von Landes-, Kirchen- und Parteiengeschichte und zum anderen die Frage nach den Gründen für den Paradigmenwechsel im politischen Katholizismus nach 1945. Dabei werden ausschließlich die katholischen Traditionslinien verfolgt. Dafür gibt es neben rein pragmatischen Gründen auch theoretische: So wurde das Experiment der Christlichen Demokratie, das auf dem Grund des gemeinsamen Kampfes der christlichen Konfessionen im Dritten Reich erwuchs, „nur von einer – wenn auch beträchtlichen – Minderheit der evangelischen Christen in Deutschland getragen“[21]. Das gilt auch schon für die Wurzeln dieser Entwicklung, wie Hans Maier ausführt:

Die Vorläufer der heutigen christlich-demokratischen Parteien sind nicht aus evangelischen Kreisen, sondern aus dem politischen und sozialen Katholizismus hervorgegangen, und zwar zu einer Zeit, als die parteipolitische Aktivität der Protestanten in Europa in ganz andere Richtung ging und die evangelischen Parteien teils noch ausgesprochen konservativ waren, teils im Bereich des Religiös-Caritativen und Christlich-Sozialen – oft in bewußter Gegenstellung zur politischen Demokratie – verharrten. Es ist daher nicht übertrieben, wenn man sagt, daß vor 1945 Idee und Bewegung der Christlichen Demokratie zumindest in Kontinentaleuropa im wesentlichen auf die Gebiete katholischer Konfession beschränkt geblieben sind.[22]

Die vorliegende Studie gliedert sich wie folgt: Nach einer methodischen Reflexion wird die Entstehungsgeschichte Nordrhein-Westfalens nachgezeichnet; dabei wird auch auf die Besatzungspolitik der Alliierten in Deutschland eingegangen und auf die Vorgeschichte der Provinzen. Anschließend wird der Situation des Katholizismus nach Kriegsende angesichts der Niederlage Deutschlands und den Erfahrungen des Nationalsozialismus nachgegangen. Nach einem Kapitel über die allgemeinen Ausgangsbedingungen politischer Parteien nach 1945, besonders der Frage der Lizensierung durch die Alliierten, wird zuerst die Gründung der Union, anschließend die Wiedergründung des Zentrums in Nordrhein-Westfalen beschrieben. Dabei wird das Augenmerk in erster Linie auf die organisatorische Konsolidierung der Parteien gelegt. Das sich daran anschließende Kapitel stellt die Frage nach den konfessionellen Gründen, die für den Aufstieg der Union und für den Niedergang des Zentrums eine Rolle gespielt haben. Alle Ergebnisse werden schließlich zusammengefaßt. Ein Anhang und das Literaturverzeichnis beschließen die Arbeit.

1.2. Vorüberlegungen

Aus dem Blickwinkel dieser Arbeit, die Religion (Konfession) im Zusammenhang von Landes- und Parteiengeschichte in Hinsicht auf ihre geschichtsbildende Bedeutung untersucht, ergeben sich einige Probleme, die im Folgenden angerissen werden sollen.

Wolfgang Schieder hat wiederholt auf das problematische Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und Religion hingewiesen[23]. So fristet die Untersuchung der Religion in der Sozialgeschichte in der Tat eine Nischenexistenz[24]. Das scheint auf den ersten Blick noch nicht einmal unberechtigt, denn schließlich ist die Religion „im Zuge des neuzeitlichen Säkularisierungsprozesses [zwar] keineswegs verschwunden, aber religiöse Faktoren spielen in der europäischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert offenbar eine geringere Rolle als zuvor.“[25]So fragte Gerhard Schmidtchen 1973 in Hinsicht auf die bundesrepublikanische Gesellschaft: Gibt es heute überhaupt noch so etwas wie eine konfessionelle Kultur? Sind die Kirchen überhaupt noch gesellschaftliche Gestaltungsmächte?[26]

Angesichts von Säkularisierung und Säkularismus darf man freilich nicht vergessen, daß mit ihr auch eine Verbreitung populär-religiöser Ersatzreligionen einhergeht[27]. Der Theologe Johann Baptist Metz spricht in diesem Kontext pointiert von einem „Zeitalter der Religion ohne Gott“ und einer Epoche „religionsfreundlicher Gottlosigkeit“[28]. Viele Gläubige kritisierten die ihrer Ansicht nach große Kluft zwischen Kirche und Kirchenvolk – zwischen „Virtuosenreligiosität“ und „Massenreligiosität“ (Max Weber)[29] -, die nicht zur Abkehr von jeglicher Religiosität führt, sondern kompensativ zu einer Hinwendung zu alternativen religiösen Praktiken. Diese „Formen nichtinstitutionalisierter Religiosität“ sind laut Karl Forster „das Ergebnis der durch den neuzeitlichen Säkularisierungsprozeß herbeigeführten religiösen Desozialisation und der am Ende der Säkularisierung neu aufbrechenden religiösen Fragen“[30]. Die Sozialgeschichte hat sich diesen Phänomenen außerhalb der etablierten Kirchen bisher wenig gewidmet, was laut Schieder zur Folge hat, „daß das wissenschaftliche Verständnis von ‘Religion’ heute sehr viel stärker von [anderen] Wissenschaften als von der Geschichtswissenschaft bestimmt wird“[31]. Schieder hingegen fordert nachdrücklich, daß die Sozialgeschichte die Religion in ihrer ganzen gesellschaftlichen Bandbreite betrachten soll, also auch außerkirchliche und sogar außerchristliche Bereiche, allerdings nicht in jener Ausschließlichkeit, die zum Beispiel in der Volkskunde zu finden ist. Der Sozialhistoriker soll sein Instrumentarium auf die „Religion als Kirche und auf die Religion außerhalb der Kirche“ richten und die Religion in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und nicht primär zum Staat betrachten. Nach Ansicht Schieders seien religiöse Phänomene außerhalb gesellschaftlicher Kontexte nicht zu begreifen. Er fordert deshalb nachdrücklich, daß die Geschichtswissenschaft Religion im Kontext anderer gesellschaftlicher Wirklichkeitsbereiche fakultätsübergreifend analysiert. Dazu gehört freilich auch der Bereich der Politik. Auch Parteien können Teil der religiösen Sphäre sein, und könne sie beeinflussen oder von ihre beeinflußt werden. Konfessionelle Parteien wie das Zentrum sind das beste Beispiel dafür. Durch ihre Einwurzelung in traditionelle Milieus gewinnen sie an Stabilität, können aber auch in die Krise geraten, wenn sich die Milieus auflösen. Dieses Schicksal traf das Nachkriegszentrum, das in Anknüpfung an die „weltanschauliche“ Richtung des politischen Katholizismus den sozio-kulturellen Wandel nach 1945 verkannte und den Wettstreit mit der interkonfessionellen Union, die sich stärker politisch definierte, verlor. Vor diesem Hintergrund – der Verzahnung von konfessionellen, (bevölkerungs-)politischen und allgemein geschichtlichen Phänomenen – möchte sich der Autor Schieders Plädoyer für ein historiographisches Interesse an der Bedeutung „religiöser Kultur“ mit Nachdruck anschließen:

Eine Sozialgeschichte, die nicht nur als Aspektwissenschaft anerkannt werden will, sondern den Anspruch auf eine gesellschaftsgeschichtliche Gesamtinterpretation stellt, muß die religiöse Kultur auch in der neusten Geschichte als Faktor menschlicher Daseinsorientierung ernstnehmen. Auch die modernen säkularisierten Gesellschaften sind nicht religionslos; die Religion hat in ihnen nur einen anderen Stellenwert und eine differenziertere Erscheinungsform als in früheren Zeiten. Ohne das Verständnis des religiösen Wandels in der modernen Gesellschaft ist jedenfalls eine verläßliche Sozialgeschichte nicht möglich.[32]

1.3. Begriff des Katholizismus

Geklärt werden muß, was im Rahmen dieser Arbeit unter „(politischem) Katholizismus“ verstanden wird. Für den Begriff bieten sich konkurrierende Definitionen an. Karl Forster versteht darunter die „organisierte Form der gesellschaftlichen Präsenz und Wirksamkeit der deutschen Katholiken“.[33] Damit wird allerdings der Schwerpunkt auf die Institutionen gelegt. Umfassender ist der Ansatz Ute Schmidts, der auch diese Arbeit verbunden ist. Er versteht Katholizismus als eine „historische Kategorie“, die „eine – in den Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklung seit der Französischen Revolution eingebundene – politische und soziale Bewegung [bezeichnet], mit der die Kirche auf die gravierende Machteinbuße durch Reformation und Aufklärung, auf Revolution und Säkularisation reagierte.“[34] Hilfreich erscheint auch die von Hans Maier übernommene begriffliche Trennung zwischen „politischem Katholizismus“, der es sich zur Aufgabe gemacht habe, die kirchlich-katholischen Interessen und Institutionen zu sichern, und „katholischer Politik“, die nach Maßgabe katholischer Ordnungsvorstellungen auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens Einfluß zu nehmen suche[35]. Diese beiden Linien sind freilich in der Praxis nicht immer klar voneinander zu trennen. Schmidt ist der Ansicht, daß sich die Geschichte des Katholizismus als ein Versuch der katholischen Kirche verstehen läßt, mit verschiedenen Strategien und Strukturmustern ihre Identität in der modernen Gesellschaft zu bewahren. Zu diesen gehörten die offene Zentralisierung und Bürokratisierung der Kirchenorganisation; die Sakralisierung mit dem Papst als Stellvertreter Christi an der Spitze; und die Abschottung der kirchlichen Klientel gegen alternative Sinnangebote. Für Schmidt stellt auch die Unionsgründung einen Versuch da, durch einen harten Organisationsbruch – die Entziehung der kirchlichen Unterstützung für das Zentrum – auf die durch den sozialen und politischen Wandel entstandenen historischen Konfliktlagen zu reagieren (20). Der Versuch war bisher erfolgreich, wie der steile Aufstieg der Union belegt. Angesichts des tiefgreifenden Wandlungsprozesses des katholischen Milieus, der durch „eine fortschreitende soziale Differenzierung, das Vordringen ökonomischer Interessen in der Politik, eine zunehmende soziale und geographische Mobilität sowie durch die Dysfunktionalität der Kommunikationsbarrieren des katholischen ‘Milieus’ für eine gesamtgesellschaftliche Integration“ bedingt ist, stellt sich jedoch für Schmidt die Frage, ob der Katholizismus eine Zukunft hat (19).

Schmidts Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, daß der „politische Katholizismus ein in seiner inneren Struktur flexibles mixtum compositum verschiedener gesellschaftspolitischer Elemente gewesen ist, ein Bündnis heterogener Klassenkräfte, das unter der Hegemonie der ultramontanen Kirchenpolitik primär den Freiheitsbegriff und den Öffentlichkeitssanspruch der katholischen Kirche transportierte.“ (20) Dieser von Schmidt entwickelte milieuorientierte Ansatz[36] kommt den oben dargelegten Forderungen Schieders sehr nahe. Er erlaubt zudem eine Verknüpfung theoriegeschichtlicher und empirischer Befunde. Probleme ergeben sich dort, wo man die Frage nach dem Wesen des Katholizismus oder des Katholischen selbst stellt. Tatsächlich geht Schmidt dieser Frage kaum nach. In der Darlegung der Dialektik zwischen Traditionalismus und Opportunismus legt sie das Schwergewicht auf die Herausarbeitung der grundsätzlichen Kontinuitäten des Katholizismus bei gleichzeitiger organisatorischer Umgestaltung. Die darin zweifellos enthaltene problematische theologische Komponente müßte wohl genauer herausgearbeitet werden, als dies Schmidt getan hat. Doch handelt es sich letztlich nur um eine Frage von Graden. Zudem überwiegen die Vorteile die Nachteile: Schmidts Ansatz, dem sich der Autor anschließen möchte, erlaubt die Herausarbeitung geschichtlicher Wirkungslinien des Katholizismus durch Zäsuren geschichtlicher Umbrüche (hier besonders die Nachkriegszeit 1945-1949) hindurch.

2. GRüNDUNGSGESCHICHTE NORDRHEIN-WESTFALENS

Ute Schmidt hat in ihren einschlägigen Arbeiten zur Geschichte von CDU und Zentrum und des Katholizismus dargelegt, daß die Erfolge der Union zu einem wichtigen Teil darauf beruhten, daß es dem katholischen Bürgertum gelang, innerhalb der Milieukoalition, die den spezifischen Katholizismus in Deutschland trug, „seine schichtspezifischen Interessen“ langfristig durchzusetzen. Die Führungsrolle des katholischen Bürgertums war, so die These Schmidts, „eine in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzende Voraussetzung dafür, daß sich eine um den politischen Katholizismus gruppierende interkonfessionelle bürgerliche Sammlungspartei nach Hitler überhaupt durchsetzen konnte“[37].

Die soziale Basis des katholischen Bürgertums war in Rheinland-Westfalen zu finden. Es scheint daher sinnvoll, die Entwicklung des historischen Umfelds – auch dort, wo es auf den ersten Blick für den Katholizismus nur von mittelbarer Bedeutung zu sein scheint – zu untersuchen. Allerdings wird hier auf eine detaillierte Schilderung des chronologischen Ablaufs, der zur Bildung des bevölkerungsreichsten deutschen Landes führte, verzichtet, um den Blick auf die anderen Themen nicht zu verstellen.

2.1. Rheinland und Westfalen vor 1945[38]

Nach dem Ende des Wiener Kongresses 1815 wurden die preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen geschaffen. Wegen ihrer überwiegend katholischen Einwohnerschaft kam es wiederholt zu Meinungsverschiedenheiten mit den protestantisch geprägten Behörden in Berlin – eine Tatsache, die dazu beitrug, daß in diesem Gebiet bei der Bevölkerung ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen konnte. Doch besonders die rapide Industrialisierung war wesentlich dafür verantwortlich, daß diese Gebiete in vielen Bereichen des politischen und wirtschaftlichen Lebens zusammenwuchsen. Dennoch gelang bis zum Ersten Weltkrieg keine staatlich-administrative Zusammenfassung. Nach 1918 waren besonders Zentrum und SPD Verfechter des Plans, Preußen im Reich aufzugehen lassen. Aber auch die damals angestrebte Neugliederung Westdeutschlands, die eine Dreiteilung in Rheinland, Westfalen und Hessen vorsah, oder gleichzeitig hervorgebrachte Pläne einer „Rheinisch-Westfälischen-Republik“ als Gliedstaat im Reich, scheiterten am ungebrochenen Einfluß Preußens. Allerdings verabschiedete im Mai 1920 der preußische Landtag ein Gesetz zur Schaffung eines Siedlungsverbandes Ruhrkohlebezirk, der die beiden Provinzen auf der Ebene der Kommunalverwaltung enger zusammenführte. Doch auch in den folgenden Jahren konnte das Vorhaben einer umfassenden Reichsreform nicht verwirklicht werden. Der alte Dualismus zwischen Reich und Preußen, der einer Zentralisierung Deutschlands im Wege stand, war auch 1945 noch virulent. Preußen war noch weitgehend intakt, und erst durch die Auflösung 1947 hörte es auf zu existieren[39]. Die Neugestaltung der Verwaltungseinheiten Deutschlands wurde damit auch zu einem vorrangigen Problem der alliierten Militärbehörden in Deutschland.

2.2. Die Gründung Nordrhein-Westfalens

Die Alliierten hatten während des Krieges eine Zerstückelung Deutschlands ins Auge gefaßt. So plante Franklin Delano Roosevelt anfangs, Deutschland in fünf Staaten aufzuteilen und zwei gesonderte Gebiete – das Ruhrgebiet und die Saar – unter internationale Kontrolle zu stellen. Sein Finanzminister Henry Morgenthau jr. forderte sogar die Abtretung der Gebiete zwischen Mosel und Saar und eines großen Teils der Pfalz, sowie die Schaffung eines internationalisierten Gebietes an der Ruhr einschließlich der angrenzenden Gegenden im Rheinland und in der Provinz Hannover; die Industrie in diesen Gebieten sollte demontiert werden („Morgenthau-Plan“[40]). Auf der Konferenz von Jalta (4.-11.Februar 1945) beschlossen dir „Großen Drei“ die Zerstückelung Deutschlands und die vorübergehende Einteilung in Besatzungszonen. Doch die konkrete Deutschland-Planung der Alliierten folgte den Veränderungen in der weltpolitischen Lagebeurteilung[41]. Die Sowjetunion ließ schon im März 1945 verlauten, daß sie die Zerstückelung Deutschlands nicht als feststehenden Plan, sondern nur als Möglichkeit, Druck auf die Deutschen auszuüben, ansehe. Der Keim für die spätere Entwicklung und das Zerwürfnis mit der Sowjetunion wurde „ohne Zweifel“ (Rolf Steininger[42]) auf der Konferenz von Potsdam (17. Juli – 2. August 1945)[43] gepflanzt. Roosevelt ging in eine Phase der weltpolitischen Konfrontation mit der Sowjetunion über. In der Folgezeit wurden alle Zerstückelungspläne zu den Akten gelegt. Die Sieger hatten sich endgültig für die Einheit Deutschlands ausgesprochen; Deutschland sollte als wirtschaftliche Einheit behandelt werden, obwohl vorerst keine deutsche Zentralregierung eingerichtet werden sollte. Dennoch blieb lange Zeit nicht klar, ob die Alliierten eine „gesamtdeutsche“ oder eine auf die eigene Zone gerichtete Deutschlandpolitik betreiben würden.

Am Rhein-Ruhrgebiet hatten die Alliierten schon vor Kriegsende ein vitales Interesse gezeigt. So meldeten die USA und Großbritannien bereits bei den Verhandlungen der europäischen beratenden Kommission (Januar 1944 bis Juni 1945) in London ihre diesbezüglichen Interessen an. Wenige Monate später gestand US-Präsident Roosevelt dem britischen Premierminister Nordwest-Deutschland als Besatzungsgebiet zu, wodurch die Frage einer Umgestaltung des Rhein-Ruhr-Gebiets zu einer überwiegend britischen Angelegenheit wurde.

Bei den Erwägungen der Alliierten hinsichtlich der Neugestaltung Deutschlands standen neben dem Schicksal Preußens – dem eine große Mitschuld an der deutsche Misere gegeben wurde – zwei Fragenkomplexe im Vordergrund: (a) Auf welche Weise ist das nordwestdeutsche Industriepotential für den Wiederaufbau Europas nutzbar zu machen? Und: (b) Wie kann es wirksam kontrolliert werden?[44] Besonders die Franzosen forderten noch lange „Sicherheit vor Deutschland“, als es bei den Briten bereits „Sicherheit vor Rußland“ hieß. Auf jeden Fall nahm bei den Planungen das Ruhrgebiet eine prominente Rolle ein, denn „das Ruhrgebiet war die ‘Waffenschmiede des Reiches’ gewesen und war damit für die Alliierten im Hinblick auf Deutschland von Anfang an das Sicherheitsproblem Nr. 1; aber es war auch das industrielle Herz Europas, ohne das es einen schnellen Wideraufbau nicht geben würde“.[45]

Aus diesen Gründen wurde bereits 1943 von britischer Seite die Idee einer Internationalisierung des Ruhrgebietes in die Debatte geworfen. Diese Vorstellung wurde in den folgenden Jahren von verschiedener Seite und in verschiedensten Ausführungen immer wieder vorgebracht. Letztlich wurde sie, besonders um den Russen eine Zugriffsmöglichkeit auf Westeuropa vorzuenthalten, zu den Akten gelegt.

Stalin selbst hatte den Plan einer Internationalisierung der Ruhr befürwortet; erstmals trug er den Gedanken, das Ruhrgebiet aus der Zonenaufteilung herauszunehmen und einer internationalen Kontrolle zu unterstellen, in Potsdam vor[46]. Zugleich forderte er im Herbst 1944 die Konstituierung eines Rheinlandstaates. Er war sich darin mit Frankreich einig, das seit Januar/Februar 1944 die Loslösung der Gebiete auf der linken Rheinuferseite und eine internationale Kontrolle der nordwestdeutschen Industrie gefordert hatte. Der französische Außenminister Bidault schlug im Mai 1945 vor, das Ruhrgebiet von Deutschland abzutrennen und zwei neue Territorien zu bilden, die unter internationaler Kontrolle stehen sollten. Frankreich sollte die Kontrolle über das linke Rheinufer und einige rechtsrheinische Brückenköpfe erhalten. Dem widersprach die amerikanische Diplomatie aus folgenden Gründen: Die französischen Pläne könnten dem deutschen Nationalismus Auftrieb geben; zudem habe kein Anrainer – auch Frankreich nicht – die Kraft zur Integration des Rheinlandes; Frankreich würde durch die Angliederung des deutschen Gebiets überdies zu stark; gleichzeitig wäre keine größere Sicherheit für die Nachbarn zu erwarten; Deutschland sei nach dem Verlust eines Teils seiner Ostgebiete schon jetzt zu dicht besiedelt und könne nicht noch mehr Gebietsverluste verkraften. Zwei Gründe aber scheinen entscheidend gewesen zu sein: Erstens, daß der Einfluß der Sowjetunion zu groß werden könnte und zweitens, daß die deutsche Kohle für die Stabilität und den Wiederaufbau Europas von großer Bedeutung sei[47]. Frankreich mußte unter dem Druck der ablehnenden Haltung der USA „auf eine politische Rückzugslinie ausweichen“[48] und schließlich das Konzept der Bildung eines „Weststaats“ akzeptieren.

Der Plan des britischen Außenministers Bevin, mit dem Großbritannien den französischen Plänen entgegentraten, sah hingegen vor, das Ruhrgebiet unter internationale Kontrolle zu stellen – es allerdings nicht von Deutschland abzutrennen – und innerhalb des britischen Corpsdistrikts drei Länder zu bilden: Einen Nordstaat, der Schleswig-Holstein, Hamburg und Lübeck umfassen sollte; einen Oststaat mit einem Anteil Westfalens; und ein Weststaat mit Nordrheinland und dem Hauptteil Westfalens. Letzteres Territorium, „Ruhrstaat“ genannt, hätte in etwa das Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens umfaßt. Bevin sah vor, die Grundstoffindustrie in diesen Gebieten zu sozialisieren und sie unter die Kontrolle „interessierter Nachbarn“ zu stellen[49]. Insgesamt jedoch war die Zielsetzung Großbritanniens zwiespältig[50]. Erst durch die Gründung des Landes Nordrhein-Westfalens Mitte 1946 wurden eindeutige Tatsachen geschaffen.

Der Anteil, den die Deutschen bei der Entstehung des neuen Landes spielten, ist schwer einzuschätzen. Denn freilich waren „die deutschen Handlungsträger, Politiker und Verwaltungsbeamten, (..) unter den spezifischen Bedingungen des besiegten und besetzten Nachkriegsdeutschland nicht in der Lage, mit ihren Bemühungen und Initiativen den von internationalen und besatzungspolitischen Geschehnissen diktierten Rahmen zu sprengen“.[51] Es läßt sich jedoch auf der Grundlage der Quellen sagen, daß das Interesse der Verwaltungsbeamten, die unmittelbarer die territorialen Änderungen zu spüren bekamen, naturgemäß größer war als das der deutschen Politiker[52]. Gewiß waren zudem die französischen Pläne für die Deutschen ein Ansporn, die Initiative zu ergreifen und Einfluß auf die britischen Entscheidungen zu nehmen.

Deutscherseits kamen die wesentlichen Anstöße von der nordrheinischen Provinzialregierung, besonders von Robert Lehr (1883-1956)[53], der seit Oktober 1945 Oberpräsident der Nordrheinprovinz war[54]. Seine Vorschläge lehnten sich an den Bevin-Plan an. Lehr wollte besonders verhindern, daß ein ausschließlich von der Industrie geprägtes „Rheinland“ entstehen würde. Stattdessen sollte der landwirtschaftliche Teil Westfalens einen unentbehrlichen Ausgleich bieten und das rheinisch-westfälische Gebiet wesentlich krisenfester machen[55]. Größere Proteste gegen die Bildung gab es besonders von Seiten Westfalens, daß Angst um seine historisch gewachsene Identität hatte. So wies Rudolf Amelunxen (in jener Zeit noch Oberpräsident der Provinz Westfalen, später erster Ministerpräsident des neuen Landes[56], der von der britischen Militärregierung mit der Regierungsbildung beauftragt wurde) die Idee eines Landes Nordrhein-Westfalen entschieden zurück[57]. Bis zuletzt hoffte man in diesem Lager, daß die Landesgründung abgewiesen werden könnte. Nicht bezweifelt wurde jedoch selbst von den Kritikern, daß Rheinland und Westfalen eine natürliche Einheit bilden[58].

Da bis Mitte 1946 in dieser Frage die Haltung der britischen Regierung in dieser Frage ungeklärt war, konnten Karl Zuhorn, der Oberstadtdirektor von Münster, im Mai 1946 den Briten den „Entwurf eines Rahmengesetzes über die Vereinigung von Nordrhein und Westfalen zu einem Rheinland-Westfalen innerhalb Deutschlands“ unterbreiten[59]. Dies war gewissermaßen ein Vorläufer der späteren Landesverfassung. Zuhorn wollte mit seinem Entwurf dazu beitragen, das linke Rheinufer und das Rheinland fest an Deutschland zu binden und die Identität der beiden ehemaligen Provinzen zu erhalten. Schon einen Monat vorher jedoch hatte Lehr auf einer Sitzung des Stuttgarter Ländertages ausgeführt, man müsse in der britischen Zone zu einer ähnlichen Lösung wie in der amerikanischen kommen, wo kurz zuvor drei Länder gegründet worden waren. Auf einer Tagung des Zonenbeirates am 29. Mai 1946 in Hamburg konnte Lehr seine Vorstellungen dem Luftmarschall und gerade ernannten Militärgouverneur und Oberbefehlshaber in Deutschland Sir Sholto Douglas unterbreiten, und es ist wahrscheinlich, daß diese ausgearbeiteten Vorschläge auf die britischen Entscheidungen einen gewissen Einfluß hatten.

Allerdings mußten die Briten zu diesem Zeitpunkt noch Rücksicht auf die französischen und sowjetischen Vorstellungen nehmen. Erst als sich der sowjetische Außenminister Molotow während der am 16. Juni 1946 begonnen Pariser Außenministerkonferenz dagegen wehrte, die Zonengrenze fallen zu lassen und den Austausch überschüssiger Waren zu gestatten – was ein Verstoß gegen die auf Potsdam festgelegten Linien einer einheitlichen wirtschaftlichen Behandlung Deutschlands war -, kam es zum Eklat, durch den der Weg frei wurde zu einer eigenständigen Politik der Briten. Die Entscheidung zur Zusammenschließung Nordrheins und Westfalens fiel noch während der Konferenz, nämlich am 28. Juni 1946[60]. Allerdings wurde der Beschluß erst nach der Konferenz, auf einer Pressekonferenz am 17. Juli 1946 veröffentlicht. Am 23. August 1946 wurden die Provinzen aufgelöst und als selbständige Länder umgebildet (Verordnung Nr. 46 der Militärregierung)[61].

Am 15. Juli 1946, vier Tage nach Ende der Konferenz ließ Douglas den Vorsitzenden der CDU in der britischen Zone, Konrad Adenauer, und Kurt Schumacher, den Vorsitzenden der SPD der Westzonen, zu sich kommen und unterrichtete sie über die bevorstehende Landesgründung. Adenauer stimmte dem Vorhaben zu, Schumacher lehnte ab.

Zwar gibt es keine eindeutigen Quellen zu etwaigen parteipolitischen Kalkulationen über eine zukünftige Wahlsymmetrie in Nordrhein-Westfalen. Allerdings stand „außer Frage“, „daß die SPD in einem solchen Land keine Mehrheit haben würde, ein Zusammenschluß für die SPD geradezu ‘tödlich’ war, wie das Schumacher – wahrscheinlich zu spät – klarmachte“[62]. Bis in die fünfziger Jahre hinein ging das Schlagwort von dem „Land aus der Retorte“ um, das dann zügig einer allgemeinen Akzeptanz des Landes wich. Allerdings gewann die SPD erstmals 1966 mehr Stimmen bei einer Landtagswahl als die CDU (49,5% zu 42,8%).

2.3. Demontage und Sozialisierung

Heftig umstritten waren in den ersten Jahren der Existenz Nordrhein-Westfalens die Frage der Demontage und der Sozialisierung. Die britischen Besatzer nahmen zu beiden Fragen eine teils widerspruchsvolle Haltung ein. So war die seit 1945 in Großbritannien regierende Labour Party grundsätzlich für die Sozialisierung, lehnte dann aber im August 1948 und November 1948 ein Gesetzt zur Industrialisierung der Kohlewirtschaft ab, daß von allen großen Parteien außer der CDU, die sich enthielt, am 6. August 1948 verabschiedet worden war. Die Entscheidung darüber, befand die britische Regierung, sollte einer späteren deutschen Regierung überlassen sein. Damit war die Sozialisierungsdebatte beendet. Ein Ausgang, der besonders im Interesse der Amerikaner war, die entschiedene Gegner der Sozialisierung waren.

Die Demontage-Frage erhitzte die Gemüter nicht weniger als die Sozialisierungsfrage. Auch in dieser Frage änderte sich die Deutschlandpolitik der Westalliierten seit 1946 rasch. Im Zeichen des „Kalten Krieges“ wurden bereits Anfang 1946 alle Reparationslieferungen aus der amerikanischen Zone an die Sowjets gestoppt. Die Briten veröffentlichten erst am 16.Oktober 1947 eine endgültige Demontageliste, die 294 Betriebe aus Nordrhein-Westfalen aufführte. Die Folgen der Demontage, obwohl zuerst als verheerend angesehen (rund 130.000 Arbeitsplätze und Werte in einem Wiederbeschaffungswert von rund 2,25 Milliarden Mark gingen verloren), bestanden langfristig aber auch in einer zwangsmäßigen Erneuerung der Wirtschaft. Weitgehend gestoppt wurde die Demontage durch das Petersberger Abkommen (Ende November 1949), ein erster Erfolg der jungen Bundesrepublik mit besonderem symbolischen Wert für die Deutschen: Die deutsche Diplomatie hatte damit ihren ersten Erfolg auf der internationalen diplomatischen Bühne nach Ende des Zweiten Weltkriegs errungen.

2.4. Sozialprofil Nordrhein-Westfalens

Mit Nordrhein-Westfalen war das mit Abstand menschenreichste Land unter den Ländern der späteren Bundesrepublik konstituiert worden, obgleich es der Fläche nach mit 33.957 km² hinter Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg rangiert[63]. In ihm lebten laut Volkszählung vom 29. Oktober 1946 rund 11.705.000 Einwohner (5,89 Millionen in Nordrhein, 5,8 Millionen in Westfalen), zu denen Anfang 1947 noch 107.000 Lipper kamen[64]. Das war in etwa die Hälfte der gesamten Einwohnerschaft der britischen Zone (22,3 Millionen). Verglichen mit den Vorkriegszahlen und einbezüglich eines Geburtenüberschusses von 380.000 Menschen hatte das neugeschaffene Land Kriegsverluste von mindestens 620.000 Menschen. 577.000 Einwohner waren Hinzugezogene aus Schlesien, Ostpreußen und der sowjetischen Zone. Von den 11,7 Millionen Einwohnern waren 6,5 Millionen Frauen. 6,59 Millionen Menschen waren katholisch, 4,55 Millionen evangelisch; ein Konfessionsverhältnis, das nur in Arnsberg und Detmold umgekehrt war. 1946 lebten rund 80% der Einwohner in Städten, 35,3% in Großstädten (bereits 1950 waren es 41,1%). Im Herbst 1947 arbeiteten rund 2 Millionen Beschäftigte in Industrie und Handwerk, 428.000 im Bergbau, 700.000 in der Landwirtschaft und 440.000 im öffentlichen Dienst (davon 143.000 Beamte), 2,29 Millionen Einwohner waren Rentner. Ende 1946 gab es 175.000 Arbeitslose, deren Zahl bereits ein Jahr später auf nur noch 120.000 zurückgegangen war.

3. DER DEUTSCHE KATHOLIZISMUS 1945

Das Jahr 1945 war auch für den deutschen Katholizismus keine „Stunde Null“, obwohl es einigen Zeitzeugen so vorgekommen sein mag[65]. Der deutsche Katholizismus stand „in mehrfacher Hinsicht im Schatten der Entscheidungen von 1933, wie immer auch diese Entscheidungen interpretiert wurden“[66]. Man kann den deutschen Katholizismus in seiner Entwicklung nach 1945 deshalb nur verstehen, wenn man einen Blick auf die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft wirft.

3.1. Der Untergang des politischen Katholizismus

Hinsichtlich der Zeit des „Dritten Reiches“ konnte der Katholizismus auf keine „glänzende Selbstbehauptung“ zurückblicken. Seine Haltung gegenüber dem der Kirche feindlich gesonnenen Staat war eher von „gequälter Selbstbehauptung“ gekennzeichnet, wie Karl-Egon Lönne schreibt[67]. Der linkskatholische Publizist Walter Dirks hatte schon 1931 vor dieser Gefahr einer „inneren Faschisierung des politischen Katholizismus“ gewarnt[68] und bekam durch die späteren Entwicklungen in gewissem Maße Recht. Gab es noch zu Beginn der dreißiger Jahre eine geschlossene Abwehrfront des Katholizismus gegen die nationalsozialistische Ideologie und eine im großen und ganzen kompromißlose Ablehnung der kulturpolitischen Ziele des Nationalsozialismus seitens der katholischen Bevölkerung[69], so setzte 1932 mancherorts eine massenhafte Abwanderung der Katholiken in die NSDAP ein[70]. Drei Entscheidungen trugen dann schließlich maßgeblich dazu bei, daß dem Selbstbehauptungswillen des politischen Katholizismus gegenüber dem NS-Staat der Boden entzogen wurde: (a) Das Zentrum votierte gegen erbitterten Widerstand aus den eigenen Reihen für die Annahme des Ermächtigungsgesetzes am 23. März 1933, dem bereits wenige Tage später eine von Kardinal Bertram als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz formulierte Erklärung folgte, in der die Verpflichtung der katholischen Staatsbürger gegenüber der nationalsozialistischen Regierung positiv akzentuiert war und somit als geistliche Legitimation des Ermächtigungsgesetzes verstanden wurde; dadurch, so Ute Schmidt, „sahen sich die meisten Katholiken zur Anerkennung der neuen Staatsautorität aufgerufen“[71]. Beide Aspekte waren von größter Bedeutung für die weitere Entwicklung des Katholizismus, auch wenn das Gesetzt vielleicht nicht jener entscheidende Schritt zur nationalsozialistischen Machtbefestigung war, der ihm oft zugeschrieben wird. Die Bedeutung dieses Schrittes ist für Rudolf Morsey „ein verzweifelter nationaler Anpassungsversuch, der gescheitert ist und nur die ‘legale’ Absicherung der nationalsozialistischen Machtbefestigung erleichterte“[72]. Für den Neuanfang 1945 von zentraler Bedeutung wurde (b) die Selbstauflösung des Zentrums am 5. Juli 1933, die zwar wie die Auflösung der anderen Parteien eine Folge der Einparteienherrschaft der NSDAP war, doch dies mit einem wesentlichen Unterschied, wie Josef Becker feststellt:

Dem Verbot der Sozialdemokratie, deren Abgeordnete das Ermächtigungsgesetz ablehnten, und der Illegalisierung der KPD, der Reichstagsmandate annuliert und deren Parlamentarier verhaftet oder auf der Flucht waren, steht das Ende der Zentrumspartei gegenüber, die ihren Handlungsspielraum freiwillig aufgab. Und zweifellos hat weder dieser Beschluß noch die Haltung des Vatikans dazu beigetragen, die Widerstandsbereitschaft von Bischöfen und treu katholischem Kirchenvolk zu stärken.[73]

Nach Rudolf Morsey führte die Selbstauflösung der Zentrumspartei den Untergang des politischen Katholizismus herbei, denn die Form der Selbstpreisgabe habe jede Art von illegaler Weiterarbeit ebenso ausgeschlossen wie eine spätere Wiedererrichtung des Zentrumsturms[74]. Von weitreichender Bedeutung war auch (c) die Initiative des Vatikans zum Abschluß eines Reichskonkordats. Im Zusammenhang mit den Verhandlungen zwischen katholischer Kirche und NS-Staat ging man zuletzt in Rom davon aus, daß der Untergang von Zentrum und Bayerische Volkspartei (BVP) so gut wie entschieden war. Der Abschluß des Konkordats – der erste außenpolitische Erfolg des NS-Regimes – wurde von vielen Katholiken mit dem Ende der Zentrumspartei in Verbindung gebracht (polemisch gar als „Dolchstoß“ bezeichnet) und als eine Relativierung des religiösen und moralischen Anspruchs empfunden. Das Konkordat, das letztlich nur geringen Schutz brachte, lastete nach 1945 „als eine schwere Hypothek nicht nur auf der katholischen Kirche und Kurie, sondern vor allem auf der Zentrumspartei bzw. dem gesamten politischen Katholizismus“[75] Die Selbstauflösung des Zentrums, besonders seine Verstrickung in die Selbstauflösung der Weimarer Republik und ihr „fragwürdiges Taktieren bei der nationalsozialistischen Machtergreifung hatten Überlebens- und spätere Wiederbelebungschancen in der alten Form zunichte gemacht“[76].

Auch in den folgenden Jahren gelang es der Kirche nicht, sich vom NS-Staat bedingungslos zu distanzieren. Die berühmten Predigten des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, die dazu führten, daß die Nationalsozialisten ihre Vernichtungsaktionen gegen behinderte und kranke Menschen einstellten, und die Initiativen anderer Katholiken im Widerstand gegen Hitler, können nicht als repräsentativ für den gesamten Katholizismus angesehen werden[77]. Es handelte sich bei diesen nur noch um Kräfte, die innerhalb des deutschen Katholizismus verstreut und drastisch in Minderheit geraten waren, was es zudem schwer machte, ihr Potential richtig einzuschätzen[78]. Die Bedeutung der 1937 verlesenen Enzyklika Pius XI., „Mit brennender Sorge“, die Rassismus und etatistische Irrlehren anprangerte, lag mehr in einer Bewußtmachung des Konflikts zwischen Nationalsozialismus und katholischem Glauben, ihr praktischer Wert blieb jedoch gering. Zudem richtete sich, wie Walter Dirks später feststellte, der Widerstand katholischer Gläubiger „weniger gegen den faschistischen als gegen den religionsfeindlichen Charakter des Nationalsozialismus“[79].

Die Hoffnungen der Kirche, sich mit dem Regime arrangieren zu können, stellten sich schon in den Anfangsmonaten der nationalsozialistischen Herrschaft als illusorisch heraus. Als erste bekamen die katholischen Vereine und Organisationen und die katholischen Presseorgane den Terror zu spüren. Gerade in Form dieser Zusammenschlüsse hatte die Kirche seit dem 19. Jahrhundert ihren Öffentlichkeitsanspruch deutlich gemacht[80]. Es folgten Amtsenthebungen – wie die Konrad Adenauers als Kölner Oberbürgermeister – unter dem falschen Vorwurf der Korruption, und Schauprozesse im Zusammenhang mit dem finanziellen Zusammenbruch der Kölner „Görreshaus-AG“ und des „Volksvereins für das katholische Deutschland“. Allerdings dauerte es bis 1939, bis der Nationalsozialismus alle Jugend- und Arbeitervereine, die Verbände und Standesorganisationen, die katholische Presse und die konfessionellen Schulen vollends unterdrückt hatte[81]. Nach Kriegsausbruch kam es trotz zunehmender nationaler Loyalität der Katholiken zu vermehrten Enteignungen und kirchlichen Eigentums an Klöstern und kirchlichen Einrichtungen; auch die Gottesdienstzeiten wurden eingeschränkt[82]. Die Nationalsozialisten hatten für die Zeit nach dem „Endsieg“ die vollständige Beseitigung von Religion und Kirche vorgesehen. Aber auch diese Tatsache führte aufgrund falsch verstandener Loyalität zu keiner klaren Absage an die NS-Regierung und den von ihr begonnenen Krieg. So wurde auch die Niederlage 1945 nur von wenigen Katholiken als eine Stunde der Befreiung verstanden. Mit dem Untergang der „Weimarer Instabilitätsdemokratie“ (Rudolf Morsey) war auch der Zentrumsturm zusammengebrochen; und nach dem Krieg sollte er nie wieder seine alte Bedeutung zurückgewinnen.

3.2. Die äußere Entwicklung der katholischen Kirche nach Kriegsende

Im Folgenden sollen einige allgemeine Züge der Situation der katholischen Kirche 1945 skizziert werden. Die inneren Probleme, besonders die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis – Hans Maier spricht pointiert von der „Zweifelsfrage nach ihrer Überlebenschance in der modernen Welt“[83] – können hier nicht en detail behandelt werden. Das gilt auch für Fragen des Wiederaufbaus des katholischen Verbands- und Pressewesens, der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und der „Schuldfrage“ hinsichtlich des NS-Regimes. Es soll hingegen versucht werden, mit einigen „Pinselstrichen“ ein Panoram der Stellung der katholischen Kirche nach 1945 zu zeichnen, wo sie von besonderer Bedeutung für die politische Kultur wurde.

Obwohl die Kirchen empfindliche Verluste, besonders die Vernichtung des Verbandswesens zu verkraften hatten[84], gehörten sie „zu den wenigen Institutionen, die den Zusammenbruch von 1945 organisatorisch und strukturell unbeschädigt überdauert hatten“.[85] Ihre öffentliche Position stellte sich „fast lautlos“ (Hans Maier) wieder her. Nach 1945 gab es sogar eine Phase quasi-staatlicher Aktivitäten der Amtskirche, die mancherorts „eine Art von politisch-moralischer Stellvertretung wahr[nahm], ähnlich wie Gewerkschaften, Lizenzparteien und -zeitungen und andere Kräfte des vorpolitischen Raumes.“[86] Die westlichen Besatzungsmächte haben die katholischen Aufgaben und Anliegen jedoch nicht nur gefördert. So ist es aufgrund anderer heimischer Traditionen und einem unterschiedlichen Staatsverständnis „da und dort zu einer auffallenden Reserve gegenüber dem öffentlichen Wirken der Kirche“ gekommen[87]. Vice versa kritisierte die Kirche die Politik der Besatzer, besonders in Fragen der Bevölkerungs-Ernährung, oder der Problematik der „Entnazifizierung“ und „Reeducation“. Da die Rolle der Kirche während des Nationalsozialismus in den ersten Jahren allgemein als positiv angesehen wurde – trotz ihres „lautlosen Ab- und Untergangs 1933“ (Rudolf Morsey[88]) -, konnte sie als einzige Institution schon 1945 gegen die simplifizierende Kollektivschuldthese auftreten.

Zu den Mißstimmungen zwischen Kirche und westlichen Siegermächten trug bei, daß viele kirchliche Würdenträger eine reservierte Haltung gegenüber der demokratischen Staatsform einnahmen. Zwar wurden die Kirchen in dem geistigen und politischen Leerraum nach 1945 in der Tat „rasch und selbstverständlich zu Ordnungsbürgern der neuen demokratischen Staatlichkeit“ (Hans Maier[89]), aber die von Karl Barthes diagnostizierte „Affinität zwischen Christentum und Demokratie“ war keineswegs allgemein anerkannt[90]. Manchen Kirchenführern – darunter von Galen und der Erzbischof von München, Michael v. Faulhaber – erschien die Demokratie lediglich als ein Einfallstor für den Kommunismus[91]. Dennoch identifizierten sich die meisten deutschen Katholiken „erstaunlich rasch und intensiv“ mit der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland: Die „besondere Nähe des Katholizismus zum Staat und zu dem sich entwickelnden gesellschaftlichen System (…) war nach dem totalen Zusammenbruch der politischen und gesellschaftlichen Ordnung ein nicht zu unterschätzender Faktor der Stabilisierung“[92].

Dennoch darf der Einfluß der Kirchen nicht überschätzt werden. „Die politischen Existenzfragen mußten auch ohne spezifischen Beitrag der Kirchen gelöst werden. Gleichwohl ist ihre indirekte, oft diffuse Wirkung auch der Früh- und Entwicklungsfrage der Zweiten Republik nicht wegzudenken, wenngleich sie so gut wie nie die Form gezielter politischer Aktionen annahm.“[93] Die besondere Bedeutung, die die Kirche angesichts der Zerstörung, des Hungers und der Sinnkrise in den Nachkriegsjahren spielte, war eher eine vorübergehende Erscheinung, die dem allgemeinen Trend einer Verweltlichung der Gesellschaft entgegenstand.

4. CDU und Zentrum in Nordrhein-Westfalen

4.1. Die Lizensierung der Parteien 1945

Hinsichtlich der Zulassung politischer Parteien legten die Alliierten von Zone zu Zone eine unterschiedliche Politik an den Tag[94]. So handelten sie „in der praktischen Frage der Entstehungs- und Wirkungsmöglichkeiten für Parteien (…) zunächst nicht nach exakten Vorschriften“.[95] Deshalb ergibt sich in der Frage der Zulassung von Parteien ein uneinheitliches Bild, denn die „Vorstellungen der Alliierten, wie die Demokratie im Nachkriegsdeutschland aussehen sollte, waren mindestens zu Beginn der Besatzungszeit eher verschwommen und undeutlich, auf jeden Fall aber ebenso unterschiedlich wie die Methoden, die die Besatzungsmächte in ihren Zonen anwendeten.“[96] Allgemein konnten sich „nur solche Parteien bilden, deren Programme und Zielsetzungen nach Auffassung der britischen Behörden mit ihrer eigenen Auffassung von ‘Demokratie’ vereinbar waren“[97]– entsprechendes galt mutatis mutandis für die anderen Siegermächte.

Die ersten Parteien wurde in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) zugelassen. Die Sowjetische Militäradministration (SMA) verfolgte mit diesem Schritt die Absicht, „über die in der Reichshauptstadt gegründeten Parteizentralen die Parteienbildung in ganz Deutschland kontrollieren und beeinflussen zu können“[98]. Schon am 11. Juni 1945 verlas Walter Ulbricht den Gründungsaufruf für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), gefolgt am 15. Juni von der Konstituierung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Am 26. Juni bildete sich auf Initiative von Andreas Hermes (1878-1964), der früher dem Zentrum angehört hatte, die Christlich-Demokratische Union Deutschlands (CDUD), in der sich 20 ehemalige Zentrumsmitglieder, 20 protestantische Konservative und Liberalkonservative und 10 Linksliberale zusammenfanden. Erst im Juli bildete sich die Liberaldemokratische Partei (LDP). Am 14. Juli schlossen sich unter dem Druck der SMA diese vier Parteien zur Einheitsfront der „antifaschistisch-demokratischen Parteien“ zusammen. Der Bewegungsspielraum der neuen Parteien in der SBZ, die für sich alle in Anspruch nahmen, die Spitze der Organisation im ganzen Reich zu sein, war allerdings sehr klein.

In den Westzonen wurde erst durch die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz der Weg zu einer einheitlichen Zulassung der Parteien frei[99]. Ende August ließen die Amerikaner, Mitte Dezember die Briten Parteigründungen auf Kreisebene zu. Die Franzosen erlaubten im Dezember die Zulassung von Parteien auf Landesebene, ohne vorher Ortsgruppen zuzulassen. Neben einigen regionalen Gruppierungen bekamen nur die vier Parteien, die schon in der SBZ zugelassen waren, von den Westalliierten eine Lizenz. Die Genehmigungen wurden sehr sparsam ausgegeben, da die Militärregierungen eine Begrenzung der Parteienzahl im Interesse der Sicherung einer „gesunden Demokratie“ für notwendig hielten. Sie förderten deshalb besonders die nach ihrer Auffassung bedeutendsten Parteien: SPD, CDU und KPD, während den anderen zugelassenen Parteien nur regionale oder lokale Bedeutung beigemessen wurde[100]. Diese Politik der (westlichen) Alliierten wird in einer Äußerung des britischen Oberstleutnant Annan vom 8. Dezember 1945 deutlich (laut Protokoll):

Mit gesunder Demokratie steht eine Zersplitterung von Parteien nicht in Übereinstimmung. Deshalb hat die Kontrollkommission die drei Hauptparteien: Christlich-Demokratische Union, Sozialdemokratische Partei, Kommunistische Partei, zugelassen. Die drei Hauptparteien genießen die weitgehende Unterstützung der Militärregierung. Sie können sich in der ganzen britischen Zone betätigen… Keine anderen Parteien haben bisher einen derartigen Widerhall in der Bevölkerung gefunden wie diese drei Parteien. Wenn sich jedoch zeigen sollte, daß örtlich eine Partei entsprechende Anhängerschaft bekommt, so ist die Militärregierung durchaus bereit zu prüfen, ob auch eine solche Partei anerkannt werden könne. Voraussetzung sei jedoch, daß es sich auch wirklich hierbei um eine Partei handelt, die sich wesentlich von den anderen Parteien unterschiedet, und es nicht nur einzelne Punkte seien. Bei gleichlautenden Zielen und Programmen könne eine Neuzulassung nicht erfolgen, denn dann sei es zweckmäßig zu prüfen, ob nicht ein Zusammenschluß mit der bestehenden Partei erfolgen könne…[101]

Die Lizensierungspraxis der Alliierten war somit ein entscheidender Faktor bei der Entstehung der späteren Parteienlandschaft[102]: Sie begünstigte die Entstehung gemäßigter, großer „Volksparteien“[103] wie der späteren CDU[104]. Allerdings verhielten sich die Westalliierten im großen und ganzen[105] zurückhaltend und versuchten, eine freie Entfaltung der Parteien zu gewährleisten[106].

4.2. Die Anfänge der Union

4.2.1. Voraussetzungen

Die CDU war ein „Novum“ [107] in der deutschen Parteienlandschaft, denn sie wies nicht wie andere Parteien eine ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition auf, sondern sie ist „von ihrer Entstehung her mit dem demokratischen Neubeginn von 1945 auf das Engste verbunden“[108]. Sie erschien vielen Zeitzeugen als konsequente Reaktion auf die Erfahrungen des Nationalsozialismus, denn für die meisten katholischen Gläubigen war nach 1945 aufgrund eigenen Erlebens klar, „daß die Kirche eine vom NS-Regime verfolgte Organisation war, und daß die human-naturrechtlichen Prinzipien, die sie gegen die NS-Ideologie und deren Herrschaft vertreten hatte, Grundlage eines Neuaufbaus sein müsse.“[109] Konrad Adenauer – seit 1.3.1946 Vorsitzender der CDU in der britischen Zone – hat in seinen Erinnerungen beschrieben, aus welcher Grundhaltung heraus die damaligen Unionsgründer die Initiative ergriffen:

Wir hatten im nationalsozialistischen Staate erlebt, wie wir es auch an dem kommunistischen Rußland sahen, welche Gefahren durch eine nicht auf ethischen Grundsätzen beruhende Partei drohten. Darum erkannten die meisten Anhänger des früheren Zentrums, aber auch zahlreiche Mitglieder der früheren Rechtsparteien und der Parteien der Mitte die Notwendigkeit, daß wir alle zusammenfinden mußten, um eine neue, auf ethischen Grundsätzen beruhende Partei zu schaffen. (…) Nur eine sehr große Partei, die alle Schichten unseres Volkes umfaßte, konnte das am Boden liegende, zerbrochene Deutschland wiedergestalten.[110]

Der Wille, eine anti-materialistische, gegen Sozialismus und Faschismus gerichtete Partei, die auf ethischen Grundsätzen beruhte, zu errichten, war stellte einen wichtigen Impuls für die Gründung der Union dar. Aber ihre Wurzeln reichen teils über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus. Nach Winfried Becker waren auch folgende ältere Voraussetzungen von entscheidender Bedeutung für den sprunghaften Aufstieg der Union:

(a) Die Tradition konfessioneller Gliederungen in der Gesellschaft und in den deutschen Parteien;

(b) die Tradition gleichzeitiger Bemühungen um Interkonfessionalität;

(c) das historische Phänomen einer alle Schichten und Klassen im Namen eines gerechten Interessenausgleichs umfassenden Volkspartei;

(d) das gemeinsame Bemühen um die Ausbildung und Verwirklichung christlicher Grundsätze in Staat und Gesellschaft.[111]

Die konfessionellen Parteien – wie das Zentrum oder die Bayerische Volkspartei – hatten ihre Wurzeln in der geistigen, politischen und sozialen Krise der Alten Welt, die in der Aufklärung und der Französischen Revolution ihren nachhaltigsten Ausdruck fand. Die Religion war in das öffentliche und private Leben verwebt, und ihre Stellung wurde vom Reich und vom jeweiligen Landesfürsten abgesichert. Das änderte sich mit Aufkommen der Verfassungsstaaten im 19. und 20. Jahrhundert und der von ihnen ausgesprochenen Freiheitsgarantien. Dennoch blieb die öffentliche Stellung der Kirche, das gemeinschaftliche christliche Erbe und die Homogenität der Milieus lange Zeit intakt. Zumindest teilweise änderte sich dies nach 1945. Zwar stellte sich – wie oben beschrieben – die Stellung der Kirche zuerst wieder her, doch lösten Flucht und Vertreibung die alten „konfessionell-territorialen Besitzstände“ (Hans Maier) auf. Mit zunehmendem Verschwinden besonders des katholischen „Milieus“ wurde auch den konfessionellen Parteien ein großer Teil ihrer Wählerschaft entzogenen[112]. Vor diesem Hintergrund ist die Gründung der Union als interkonfessionelle Nachfolgepartei des am 5. Juli 1933 aufgelösten Zentrums zu sehen – und der im großen und ganzen erfolglose Neuanfang des Zentrums nach 1945.

Die Gründung der CDU stand vor dem Hintergrund einer tiefreichenden Krisenerfahrung. Anders als im 18. oder 19. Jahrhundert jedoch fanden sich Christen beider Konfessionen auf der Grundlage gemeinsamer christlicher Werte und Grundanschauungen in einer Partei zusammen, um auf diese Weise einem Substanzverlust christlicher Existenz in Staat und Gesellschaft gemeinsam entgegenzuwirken[113]. Mit der Gründung der Union war es gelungen, „divergierende Strömungen des bürgerlichen Lagers – große Teile des politischen Katholizismus, des deutschnationalen, protestantischen Konservatismus, aber auch andere Teile des liberalen und demokratischen Bürgertums – zusammenzufassen[114]“.

4.2.2. Die Gründung der Christlich-Demokratischen Union in Nordrhein-Westfalen

Die Union ist in „mehreren, verschiedenen Zentren gleichzeitig aus einer übereinstimmenden Zentrumstradition entstanden“[115] Gründerkreise von überregionaler Bedeutung fanden sich in Berlin, Köln, Frankfurt und München (wenn man die CSU miteinbezieht). Im Gebiet des späteren Nordrhein-Westfalens gingen die entscheidenden Impulse zur Gründung der Union von den rheinischen Zirkeln in Köln, Düsseldorf und Wuppertal und den westfälischen Zirkeln in Essen, Paderborn und Münster aus.

Während in den norddeutschen Gründerkreisen der Union die Frage nach der Eingliederung der protestantischen liberalen Elemente im Vordergrund stand, beschäftigte die Initiatoren an Rhein und Ruhr in erster Linie die Frage nach der möglichen Wiederbelebung des Zentrums. Viele der Akteure waren früher Zentrumspolitiker gewesen und blieben in ihrer Haltung zur neuen Partei lange Zeit unentschieden. Vielen schien das Risiko sehr groß, weil die Entscheidung, das Zentrum nicht wiederzubeleben, einen Verzicht auf die alte Parteitradition und einstigen Parteiorganisationen mit sich brachte und zudem offen ließ, ob die Anhängerschaft den Wechsel mitmachen würde. Daraus ergaben sich in der ersten Zeit für die Union eine Reihe von Integrations- und Führungsproblemen.

Die Entstehung der einzelnen Gründergruppen reichte zum Teil bis in die dreißiger Jahre zurück. So waren einige Akteure der Düsseldorfer Gruppe schon 1933 zusammengekommen, um das Konzept einer interkonfessionellen Partei zu besprechen. Karl Arnold (1901-1958)[116], damals Kartellsekretär der Christlichen Gewerkschaften, sympathisierte mit Stegerwald und dessen „Essener Programm“[117]. Der Gruppe um Arnold gehörten unter anderem folgende Mitglieder an: Arnolds Freund Walter Hensel, ein Beamter der Düsseldorfer Stadtverwaltung und Mitglied der Katholischen Jugend; Robert Lehr, bis 1933 Oberbürgermeister von Düsseldorf, und später – wie oben erwähnt – Oberpräsident der Nordrheinprovinz; Wilhelm Elfes (1884-1969)[118], bis 1933 Polizeipräsident von Krefeld. Verbindungen bestanden zu Gegnern des Naziregimes wie Jakob Kaiser (1888-1961)[119], dem führenden Berliner Unionspolitiker, und Bernhard Letterhaus (1894-1944)[120], dem führenden Kopf der Katholischen Arbeitervereine, der wie Prälat Otto Müller, zu dem er Kontakte unterhielt, nach dem 20. Juli hingerichtet wurde. Ihnen schwebte die Bildung einer interkonfessionellen politischen Einheitsfront vor, dessen Kern der deutsche Gewerkschaftsbund sein sollte. Die Gruppe um Arnold, die auch Verbindungen zur evangelischen Kirche und zu den Sozialdemokraten unterhielt, bildete ein wahres „Netz von Personen“ und agierte „dicht am Rande der aktiven Widerstandsbewegung“ (Peter Hüttenberger). Sie plante, nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ eine Partei der linken Mitte oder eine „Partei der Arbeit“ zu gründen, mit deren Hilfe eine Zersplitterung des deutschen Parteiensystems verhindert werden sollte.

Im Gegensatz zur Düsseldorfer Gruppe konstituierte sich die Kölner Gruppe – „ohne Kenntnis von der Berliner Gründung zu haben“[121] – erst im Sommer 1945. In ihr fanden sich ehemalige Zentrumspolitiker zusammen, die während des Dritten Krieges in losem Kontakt zueinander standen. Eine wichtige Bedeutung hatte für sie Hans Schreiber, der vor 1933 Sekretär des Düsseldorfer Zentrums gewesen war und sich danach am Ausbau der Missions-Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft (MIVA) des Paters Paul Schulte beteiligt hatte. Die MIVA – die zum Auffanglager für ehemalige Zentrumsunterstützer geworden war – bildete nach dem Krieg die Grundlage für den rheinischen Landesverband der Christlich-Demokratischen Partei (CDP, die spätere CDU). Der Gruppe gehörten unter anderem Josef Kannengießer aus Osnabrück, Theo van Dillen aus Recklinghausen, sowie Rudolf Mönig aus Hagen an. Die entscheidenden Impulse gingen von Leo Schwering, der vor 1933 langjähriger Zentrumsabgeordneter im Preußischen Landtag gewesen war, und von Wilhelm Warsch, dem ehemaligen Bürgermeister von Krefeld-Uerdingen, aus. Ähnlich wie die Düsseldorfer Gruppe hielten die Kölner Aktivisten das Zentrum für überholt, wollten aber die Zentrumstradition nicht gänzlich aufgeben. Schwering sah die Ursachen für den Niedergang des Zentrums in dem allgemeinen Prozeß der Säkularisierung und der defensiven Struktur des Zentrums – als katholische „Minderheitenpartei“ – begründet. Vor diesem Hintergrund entwickelte er die Idee einer christlichen Partei, in der evangelische und katholische Politiker zusammenarbeiten sollten. Auf diese Weise sollte eine Parteienzersplitterung, wie es sie in der Weimarer Republik gab, verhindert werden. Die Grundlage dafür sah er darin gegeben, daß auch in den evangelischen bürgerlichen Schichten rechts von der Mitte – den ehemaligen Wählern von Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) und Deutscher Volkspartei (DVP) – der nationalistische Impuls weitgehend gebrochen sei[122]. Schwering, dessen Denken christlich-bürgerlich war, wollte im Gegensatz zu Karl Arnold um jeden Preis eine Annäherung an die Sozialdemokratie verhindern. Um eine Chance gegen die SPD zu haben und einer Neubildung evangelisch-nationalistischer Parteien vorzubeugen, trieb er zur Eile an.

Von großer Bedeutung für die programmatische Entwicklung der Kölner Gruppe wurden deren Verbindungen zu den Dominikanern der Albertus-Magnus-Akademie, deren Provinzial P. Laurentius Siemer die Programmkommission der Kölner Gründergruppe in das Kloster nach Walberberg einlud. Die Dominikaner hatten während des Krieges Kontakte zur katholischen Arbeiterbewegung unterhalten. In Zusammenarbeit mit Pater Eberhard Welty entwickelte die Kommission die sogenannten „Kölner Leitsätze“, die als „eine Art geistiger Führungsschiene für die gesamte CDU-Programmatik in den nächsten Jahren angesehen werden“ können (Peter Hüttenberger). Die zusammen mit evangelischen Christen ausgearbeiteten Leitsätze wurden in der Präambel unter einen weitgespannten Anspruch gestellt:

Soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe sollen eine neue Volksgemeinschaft beschirmen, die die Gott gegebene Freiheit des einzelnen und die Ansprüche der Gemeinschaft mit den Forderungen des Gemeinwohls zu verbinden weiß.[123]

Das Programm verband Gedanken aus dem Bereich der katholischen Soziallehre mit einem Bekenntnis zu einem „wahren christlichen Sozialismus“. Dazu gehörte unter anderem die Forderung nach einer gerechten Verteilung des Sozialproduktes zugunsten der Lohnarbeiter; nach Gründung von Gewerkschaften; nach einer behutsamen Verstaatlichung; nach der – durch besondere Situationen gerechtfertigte – Überführung von Eigentum in Gemeineigentum; nach einer freien körperschaftlichen Selbstverwaltung der Wirtschaft und einer Beseitigung des liberalen Kapitalismus – womit keine klare Entscheidung für eine Wirtschaftsform getroffen wurde; schließlich wurde die Förderung der Klein- und Mittelbetriebe verlangt. Der Kommission schwebte ein christlich-föderaler Rechtsstaat mit liberalen Zügen (wie Vereins- und Versammlungsfreiheit) vor, der in die abendländische Überlieferung eingebettet und mit einem kräftigen Bauernstand ausgestattet sein sollte. Die Betonung der klein-, mittelständischen und bäuerlichen Impulse traf auf die Kritik von Männern wie Elfes, die sich die stärker Einbeziehung sozialistischer Impulse erhofften. Adenauer hingegen bemühte sich durch gezielte Einflußnahme den christlich-sozialistischen Impuls zurückzudrängen, um die Integrationsbreite der neuen Partei in Kreise besonders des evangelischen konservativen Bürgertums auszudehnen[124]. Wie kaum ein anderer hat Walter Dirks öffentlich Kritik an dieser Entwicklung geübt[125]. Für ihn war „die CDU der ersten Phase eine ‘linke’ Bewegung“, denn angesichts der desolaten Lage erwartete man „alles Heil von der Zukunft, von Änderungen, Plänen und Aktionen, also von einer ‘linken’ Bewegung“. Aber die Partei habe an dem Geist ihres Anfangs nicht festgehalten und sei „genau wie das Zentrum zwischen 1919 und 1932, von einer Partei der gemäßigten Linken zu einer Partei der rechten Mitte geworden“. Die Ursachen dafür waren für Dirks nicht zuletzt in der Person Adenauers zu finden und dessen „außerordentlicher Autorität“ sowie – wie Dirks meint – der „fast religiösen Loyalität ihm gegenüber“. Als Folge des von Adenauer eingebrachten bürgerlich-konservativen Impulses, der Schwäche der Arbeiter und der Christen und der „allzu väterlich-bemühten Besatzungsdiktatur“ begann Deutschland damals, so Dirks, „restaurativ zu werden“. Dadurch sei der Einfluß der jungen Männer zurückgedrängt und der Einfluß der Honoratioren verstärkt worden. So sei die Entwicklung der CDU heute nicht mehr zu verstehen, wenn man sie nicht trotz ihrer „linken Anfänge“ als „antisozialistische Partei“ verstehe. Eine Ausnahme bilde lediglich die CDU in Hessen und Nordrhein-Westfalen, die als „linke“ Partei „auf vorsichtige und behutsame Weise eine gewisse Eigenständigkeit“ wahre. An dieser 1953 publizierten Kritik an der CDU fällt freilich auf, daß der Frage des „Restaurativen“ sehr fiel mehr Bedeutung zugemessen wird, als von heute aus akzeptabel erscheint. Dirks verkennt in seiner ansonsten sehr scharfsinnigen Analyse der Entwicklung der Union das völlig neuartige und im positiven Sinne stabilisierende Element, das die interkonfessionelle Partei in die deutsche Parteienlandschaft eingebracht hat[126].

Der Name der neuen Partei hatte zu einigen Diskussionen im Kloster Walberberg geführt. Hatte die Gründung vorerst (bis Ende 1945) den Namen „Christlich-Demokratische Partei“ (CDP) geführt, schlug Pater Siemers den Namen „Christlich-Sozialistiche Partei“ vor, der jedoch wegen der Möglichkeit einer Verwechslung mit den sozialistischen Parteien abgelehnt wurde[127]. Schließlich setzte sich später durch Parallelgründungen die Bezeichnung „Christlich-Demokratische Union“ (CDU) durch.

In Wuppertal waren es nicht Katholiken, sondern Protestanten, die die Initiative zur Gründung einer interkonfessionellen Volkspartei ergriffen. Im Juli 1945 kamen hier evangelische bürgerliche Christen unter der Leitung des Druckereibesitzers Branda zusammen. Eines der Ziele der Gruppe, der unter anderem der evangelische Pastor Lutze, der Rechtsanwalt Otto Schmidt, der Verleger Emil Mar, der katholische Pfarrer Schulte und später die Fabrikanten Paul Padberg, Guido Ziersch und Otto Herkenberg angehörten, war es, ein politisches Gegengewicht gegen SPD und KPD zu schaffen. Ihr Anliegen war jedoch im wesentlichen religiös-moralisch, denn sie wünschten mit politischen Mitteln die Entwicklung des Menschen aus dem ‘religiös begründeten Gebot’ geformt zu sehen. Ihre Gedanken faßte die Gruppe in den Barmener Richtlinien zusammen.

In Wuppertal ging die Initiative von Kaspar Schulte, dem Paderborner Diözesan-Präses der katholischen Arbeitervereine, aus, der am 3. Juni 1945 Vertreter der christlichen Gewerkschaften und der katholischen Arbeitervereine zu einer Konferenz nach Essen einlud. Hier wurden drei Möglichkeiten einer Neugründung besprochen: Abgelehnt wurden eine Wiedererrichtung des Zentrums – für die an sich sprach, daß sie als traditionelle Partei eine größere Chance hatte, lizensiert zu werden; zurückgewiesen wurde auch der Vorschlag des Jesuitenpaters Hirschmann, der – wie Elfes und Kaiser – für die Errichtung einer „Partei der Arbeit“ plädiert hatte. Die Entscheidung fiel schließlich für die Schaffung einer interkonfessionellen Partei.

Dieser Entscheidung schloß sich auch der Essener Kreis an, der aus einer bereits während des Krieges formierten interkonfessionellen Gruppe hervorging. Dennoch hatte die Gruppe, der unter anderem der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann, sowie Heinrich Strunk, Josef Aust, einem Angestellten der Konsumgesellschaft, und Rechtsanwalt von Almsiek, der Verfolgte verteidigt hatte, angehörten, einen wesentlich katholischen Charakter. Erst durch den Übertritt von Oberstudiendirektor Hans Spiecker, der früher dem (evangelischen) Christlichsozialen Volksdienst (CSVD) angehört hatte, wurde der interkonfessionelle Charakter der Gruppe verstärkt.

In Paderborn ging ebenfalls von Präses Schulte und von Domkapitular Hesse sowie Probst Koch der Impuls zur Gründung einer örtlichen christlich-demokratischen Partei aus. Ihr schloß sich auch der ehemalige Oberpräsident von Westfalen, Johannes Gronowski, an.

Mehrere bekannte ehemalige Zentrumspolitiker fanden sich in der Münsteraner Gründungsgruppe zusammen, die eine Annäherung an die evangelische Kirche anstrebten: Neben Johannes Brockmann (1888-1975)[128], Rudolf Amelunxen[129] und Bernhard Reismann (geb. 1903)[130] besonders Clemens August Graf von Galen. Er regte den Rechtsanwalt Georg Hösingmeier an, eine Nachfolgepartei des Zentrums ins Leben zu rufen. von Galen hatte bereits ein Programm entworfen, auf dessen Grundlage sich eine Arbeitsgemeinschaft bildete, zu der unter anderem der Althistoriker Professor Hans Stier gehörte, der spätere Minister Johannes Peters, der Universitätsdirektor Prälat Schreiber, der vor 1933 Abgeordneter des Reichstages war, und der frühere Staatssekretär in der Reichskanzlei, Hermann Pünder. Josef Kannengießer übernahm im Sommer 1945 die Aufgabe, die verschiedenen christlich-westfälischen Gruppen miteinander in Beziehung zu bringen.

Eine Gruppe mit evangelischem Schwerpunkt bildete sich in Bielefeld-Herford um den Oberbürgermeister von Herford, Friedrich Holzapfel. Sie entschloß sich Ende Juli 1945 zum Zusammengehen mit den christlichen Demokraten und führten zu diesem Zweck Verhandlungen mit Lensing und Gronowski in Dortmund.

Während in Westfalen die Ausbildung der Union zügig voranging, rief die CDP bzw. CDU in Westfalen, wo der konservative Geist der Landbevölkerung und der Geistlichen kräftiger ausgeprägt war als im Rheinland, anfangs nur geringen Widerhall hervor und verlief zähflüssiger. Schon in der Frühzeit bildete sich deshalb eine gewisse Abgrenzung zwischen der rheinischen und der westfälischen CDU aus. „Im Ansatz neigte die Mehrheit der vor 1933 führenden Politiker des [westfälischen] Raumes dem Zentrum zu, und auch ein großer Teil der ländlichen Bevölkerung war schwer von seinen politischen Gewohnheiten abzubringen“[131] So gelang es erst 1947, in Westfalen einen einheitlichen CDU-“Apparat“ aufzubauen.

Zu offiziellen, miteinander koordinierten Gründungsversammlungen kam es gleichzeitig am 2. September 1945 in Köln (für das Rheinland) und Bochum (für Westfalen). In Bochum wurden sechs Protestanten und acht Katholiken in den Vorsitz (Lambert Lensing[132] und Friedrich Holzapfel) und den Vorstand (Otto Boelitz, Johannes Gronowski, Anton Gilsing, Paul Steup, Georg Jöstingmeier, Christian Ebert, Josef Schrage, August Hecke, Otto Rippel, Wilhelm Lindner, Franz Bornefeld-Ettmann, Josef Kannengießer) gewählt. In Köln teilten sich 24 Katholiken und sieben Protestanten Vorsitz (Leo Schwering), geschäftsführenden Vorsitz (Adenauer, Johannes Albers, Jakob Deselaer, Änne Franken, Robert Lehr, Robert Pferdemenges) und eigentlichen Vorstand. Besondere Aufmerksamkeit wurde auf die Repräsentation der verschiedenen Gründerzirkel im Vorstand gelegt. Aus dem Kölner Gründerkreis fanden sich neun, aus dem Düsseldorfer sechs und aus dem Wuppertaler nur drei, weshalb die beiden letzteren gegen ihre Unterrepräsentation protestierten.

4.2.3. Die Rolle Konrad Adenauers

Konrad Adenauer verhielt sich in der Anfangsphase der rheinischen Unionsgründung zurückhaltend und wartete ab, ob sich nicht doch das Zentrum durchsetzen würde. Erst Anfang August 1945 trat er auf Initiative des Düsseldorfer Kreises der Union bei. Am 6. Januar 1946, nach einer Phase, in der er sich nach seiner Entlassung als Kölner Oberbürgermeister (6. Oktober 1945) politisch nicht betätigen durfte, meldete er seine Kandidatur für den Vorsitz der rheinischen Landespartei und der Zonenpartei an. Die Gründung der Zonenpartei war am 14. Dezember 1945 auf dem Reichstreffen der CDU in Bad Godesberg beschlossen worden. Im Landesverband kam es über diese Kandidatur zu einer lebhaften Auseinandersetzung. Erst am 5. Februar 1946 fand Adenauer eine Mehrheit, die er dem gewerkschaftsorientierten Flügel der Partei und Repräsentanten der evangelischen Gruppen verdankte. Auf der Zonen-Tagung in Herford am 21. Januar 1946 gelang es Adenauer, die Berliner Konkurrenz[133] – die durch Andreas Hermes, Heinrich Vockel und Hermann Katzenberger vertreten war – auszuspielen, indem er darauf verwies, daß nur Mitglieder aus der britischen Zone laut Genehmigung durch die Militärbehörden stimmberechtigt seien. Da er als Ältester den Vorsitz übernehmen konnte, nutzte er seine Position geschickt, um sich gegen eine zu enge Bindung an die SBZ und damit auch an die Berliner CDU auszusprechen. Er forderte eine Verlagerung des Schwerpunktes der Partei nach Westen, um dem Druck der SMA auszuweichen. Nach längeren Diskussionen wurde Adenauer am 1. März 1946 in Neheim-Hüsten endgültig zum Zonenvorsitzenden gewählt. Adenauer richtete daraufhin sein Büro in Köln ein.

Unter Adenauers Führung verschob sich das programmatische Gewicht stärker zur bürgerlichen Seite. So konnte er sich auch gegen Karl Arnold, dem späteren Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, durchsetzen. Arnold hatte eine Annäherung an die Sozialdemokratie propagiert. Das Wirtschaftsprogramm der Partei, das von einer erstmals im September 1945 zusammengekommenen Programmkommission ausgearbeitet wurde, die sich auf die Kölner Leitsätze stützte, trug „in erster Linie einen mittelständischen Charakter mit einer gewissen sozialen Färbung“[134]. Neben dem Schutz der Freiheitsrechte wurden darin auch das Elternrecht und das Recht auf Eigentum gefordert.

Adenauer selbst hatte bei seiner Wahl in Neheim-Hüsten ein eigenes Programm vorgelegt, das sich unter anderem gegen die Zusammenballung von Macht in der Wirtschaft, gegen zuviel Wirtschaftsmacht des Staates, für die Anerkennung des Eigentums und durch Verschweigen implizit gegen die Enteignung der Grundstoffindustrie aussprach. Hart rechnete Adenauer mit der SPD ab, deren angeblichen Materialismus er mit dem des Nationalsozialismus in Verbindung setzte. Als sich in den folgenden Monaten das Gewicht des Arbeitnehmerflügels in der Partei verstärkte und es zu einer Annäherung des linken Flügels der CDU an die SPD kam, setzte Adenauer verstärkt auf einen Ausgleich von Arbeitgeber- und Arbeitnehmer Interessen in der Partei. Vor diesem Hintergrund legte er am 7. Januar 1947 einen von ihm formulierten Programmentwurf vor, der die Grundlage für das zwischen dem 1. und 3. Februar 1947 durch den Zonenausschuß beschlossene „Ahlener Programm“ bildete. Es forderte eine Entflechtung der Konzerne, die Vermeidung des Staatskapitalismus bei gleichzeitiger Absage an die Herrschaft des privaten Kapitals, die Beteiligung öffentlicher Körperschaften an Großbetrieben und die Überführung des Bergbaus und der eisenschaffenden Industrie in Gemeineigentum. Dieses Programm, das nicht zuletzt die soziologische Struktur der Partei wiederspiegelte, war eine Art Kompromiß zwischen den sozialen Gruppen. Peter Hüttenberger charakterisiert es wie folgt:

Das Programm ist eine Mischung von katholischem Solidarismus, liberaler Marktwirtschaft und sozialistischen Elementen, ein System von Theoremen, das nach allen Seiten hin veränderlich war; wodurch es sich vorzüglich als Instrument des Wahlkampfes eignete.[135]

Freilich hatte der Katholizismus an der politisch-ideologischen Ausrichtung und am äußeren Erfolg der Union einen wesentlichen Anteil[136]. Dennoch war ihr Aufstieg nicht zuletzt eine Folge des interkonfessionellen Charakters der Partei. Daraus entstand eine Amalgamierung von Auffassungen, die zum Teil den unterschiedlichen konfessionellen Traditionen entstammten und somit die Grundlage für eine breite Anerkennung bei der Wählerschaft bereitstellten. Dies erklärt teils auch die große Ausstrahlung, die nicht zuletzt vom Ahlener Programm auf die Entwicklung Nordrhein-Westfalens und seiner Gesetzgebung ausging.

4.3. Die Neuanfänge der Deutschen Zentrumspartei

4.3.1. Voraussetzungen

In der Diskussion über „eine den Nachkriegsbedingungen adäquate Organisationsform des politischen Katholizismus“[137] standen sich Befürworter einer interkonfessionell-christlichen Sammlungspartei und Anhänger des traditionellen Zentrumsgedankens gegenüber. Die Folge war, daß es nach 1945 zur Gründung zweier Parteien kam, die beide aus der Zentrumstradition erwachsen waren. Fast zeitgleich mit der Gründung der CDP in Rheinland-Westfalen am 2. September 1945 wurde am 14. Oktober 1945 in Soest (Westfalen) die Deutsche Zentrumspartei wiedergegründet. Die Aufspaltung der politischen Vertretung des deutschen Katholizismus war das Ergebnis der unterschiedlichen Einschätzung der sozialen und konfessionellen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland[138]. Während die Unionsbefürworter von der Notwendigkeit einer Abwehr der sozialistischen Einheitstendenzen überzeugt waren und deshalb mit Unterstützung der Kirchen den Aufbau einer bürgerlichen Sammelpartei betrieben, fürchteten einige Anhänger der Zentrumsidee, daß die Katholiken in einer interkonfessionellen Partei in eine Minoritätsposition gelangen könnten und somit ihre Interessen nicht genügend geltend machen könnten, andere wiederum – die Mehrheit der Zentrumsbefürworter – befürchteten, daß durch die von der CDU intendierte Aufnahme protestantischer Rechtskräfte eine zweite „Harzburger Front“ entstehen könnte. Besonders wollte man die Schaffung eines gegen die Arbeiterparteien gerichteten „Bürgerblocks“ verhindern. Denn durch eine Polemik, die in den Arbeiterparteien reinen Materialismus, in den rechten Parteien aber Idealismus und Christentum beheimatet sahen, fühlte sich die Zentrumsführung darin bestätigt, daß es – den Verbreitern dieser Polemik, letztlich den Unionsbefürwortern – „nicht um Christentum, sondern um Politik geht, daß Christentum Deckfarbe einer Politik sein soll; daß Christentum und Demokratie Deckmittel all jener Kreise und Kräfte sein sollen, die in der ersten Republik die Demokratie zu Tode gehetzt und dem Christentum nicht den geringsten Dienst erwiesen haben“[139]. Diese scharfe, selbst polemische Abgrenzung gegen „rechts“ war von großer Bedeutung für die Selbstlegitimation vieler Zentrumsneugründer. Sie hielten daran auch noch fest, als ihre Partei in dem Maße, da das Konzept der interkonfessionellen Sammlung Erfolg hatte, zur Splitterpartei von regionaler oder lokaler Bedeutung (in einzelnen Gebieten Nordrhein-Westfalens und Niedersachens[140]) schrumpfte.

Der Niedergang des Zentrums hat viele Ursachen. Entscheidend war die Haltung der katholischen Kirche, die sich schon früh für den Gedanken interkonfessionellen Sammlungsgedankens ausgesprochen hatte, während man im Zentrum noch an einen festen Rückhalt in der kirchlichen Hierarchie glaubte[141]. Zudem hatten die Zentrumsbefürworter die Bedeutung des konfessionellen Wandels und die damit anheimgehende Auflösung traditioneller „Milieus“ in den Westzonen unterschätzt[142]. Schließlich hatten sie die Stabilität des tradierten Parteiensystems völlig falsch eingeschätzt. Im Gegensatz zu den Unionsanhängern, die für eine möglichst breite, gemäßigt konservative und sozialpolitisch engagierte Sammlungsbewegung plädierten, hofften die Zentrumsbefürworter, daß sie als Partei einen Platz in der Mitte des sich ihrer Erwartung nach wie in der Weimarer Republik ausdifferenzierenden Parteienspektrums finden könnten. Sicherlich war die Union nicht nur wegen eines größeren Realismus erfolgreich, sondern auch durch zahlreiche Faktoren, die sie nicht beeinflussen konnte. Hingegen ist auf Seiten des Zentrums festzustellen, daß die Führung und ein großer Teil der Anhängerschaft der Partei einer weitreichenden Verkennung der politischen, sozialen und konfessionellen Umwälzungen in den vergangenen Jahren unterlag. Die Wiedergründung des Zentrums hatte von Anfang an anachronistische Züge und trug somit schon bei ihrer Gründung in gewissem Maße den Keim des Scheiterns in sich[143].

4.3.2. Die Wiedergründung der Deutschen Zentrumspartei in Nordrhein-Westfalen

Bereits am 20. August 1945 fand im Rheinbahnhaus zu Düsseldorf eine für die spätere Gründung der Union und die Wiedergründung des Zentrums wichtige Konferenz statt. Von den Teilnehmern setzten sich Wilhelm Hamacher (1883-1951)[144], Josef Pötz, Dr. Karl Klein und Richard Muckermann für die Wiedergründung des Zentrums ein, ohne daß es vorerst zum Bruch mit den Unionsanhängern kam. Hamacher wurde sogar in die vorläufige Programmkommission der CDP gewählt und nahm am 2. September an der konstituierenden Versammlung der rheinischen CDP in Köln teil. Zugleich hielt er jedoch am Namen und am Programm des Zentrums fest. Leo Schwering setzte Hamacher darauf ein Ultimatum, der darauf am 6. September 1945 brieflich reagierte und an Schwering schrieb: „ich bin dem Fortschritt nicht abgeneigt, aber meiner ganzen inneren Haltung nach ein Mann konservativer und religiöser Denkungsart, der bestrebt ist, aus dem Glauben zu leben und zu handeln“. An Adenauer schrieb Hamacher, daß bei der Unausgeglichenheit des deutschen Volkes, seiner Neigung zu Extremen, eine „Partei der Mitte“ geradezu eine Lebensnotwendigkeit darstelle; die Mitte sei ein „schöpferisches Prinzip“, wie man es „im Staate Gottes“ von Donoso Cortes theologisch und philosophisch untermauert fände. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, daß Hamacher nicht auf einen Zusammenschluß mit den Protestanten hoffte, die seiner Meinung nach zudem ohnehin nicht zu gewinnen waren. Die Gründung der interkonfessionellen CDP kam ihm wie ein „böser Traum“ vor. Hier kam aber wohl auch das Gefühl zum Ausdruck, selbst zu spät gekommen zu sein.

Hamacher, so Hüttenberger, war vor allem ein Konservativer, ein Mensch, der nicht aus seinem gewohnten Milieu heraustreten mochte. Mit 1945 sah Hamacher eine Chance für eine katholische Führungsrolle gekommen, die nicht „vermanscht“ werden durfte[145]. Die Wiedergründung des Zentrum lag somit völlig in der Konsequenz seinen Denkens und seiner Person.

Bei Sondierungsgesprächen mit katholischen Kirchenvertretern in Köln hatte Hamacher erfahren, daß die Kirche zwar die Zentrums-Neugründung nicht behindern werde, aber ihr nicht uneingeschränkt positiv gegenüberstände. Für ihre reservierte Haltung nannten die Kirchenvertreter drei Gründe: Erstens, daß manche Zentrumspolitiker durch die NS-Zeit politisch belastet seien, zweitens, daß das Zentrum schon vor 1933 nicht grundsatzklar gewesen sei, und drittens, daß eine rein konfessionelle Partei nicht mehr zeitgemäß sei. Obwohl die Zentrumsvertreter von nun an wußten, daß mit einer Unterstützung der Kirche nicht uneingeschränkt zu rechnen war, spekulierten sie darauf, daß sie die Gunst der Bischöfe zurückgewinnen könnten, wenn das „Experiment“ der Union scheitern würde, womit in Zentrumskreisen lange Zeit gerechnet wurde. Vorerst waren sie jedoch weitgehend auf sich allein gestellt.

In Westfalen war es schon im Mai und Juni zu Versammlungen ehemaliger Zentrumspolitiker gekommen. Zur Gruppe um Johannes Brockmann gehörten der ehemalige Generalsekretär der Zentrumspartei in Westfalen, Josef Kannengießer, der Rechtsanwalt Bernhard Reismann, der Direktor der „Zinopresse“, Fritz Stricker (1897-1949)[146], die Abgeordnete Helene Wessel (1898-1969) und Pastor Vorholt aus Mecklenbeck. In diesem Kreis dachte man zuerst an eine Erweiterung der Zentrumsbasis, doch nachdem Kannengießer Gespräche mit Vertretern der evangelischen Landeskirche geführt hatte, von denen er mit der Bemerkung zurückkam, es handele sich bei ihnen um „Offiziere ohne Soldaten“, festigte sich der Entschluß, das Zentrum in seiner alten Form wieder aufleben zu lassen.

Der endgültige Entschluß zur Wiedergründung des Zentrums wurde auf der Tagung in Lippstadt am 15. Juli 1945 gefaßt. Vorläufiger Generalsekretär wurde Kannengießer, vorläufiger Vorsitzender Gronowski, beide traten jedoch in den folgenden Wochen zur CDP über. Brockmann drängte daraufhin verstärkt auf eine rasche Konstituierung des Zentrums, um gegenüber der Unionskonkurrenz nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten. Allerdings kam es erst am 14. Oktober 1945 in Soest (Westfalen) zur offiziellen Wiedergründung der Zentrumspartei – sechs Wochen nach der Konstituierung der rheinischen CDP. Dennoch herrschten „Hochstimmung und Siegeszuversicht“ auf dem Soester Treffen.

Die Atmosphäre der Soester Gründungsversammlung wurde von traditionalistischem Denken geprägt[147]. In seiner programmatischen Rede baute Hamacher „ganz auf der Katholizität auf und steckte somit einen engen Rahmen ab. Praktisch schloß er eine Vereinigung mit protestantischen Gruppen aus, obgleich er immer wieder den überkonfessionellen Charakter der Partei betonte“[148]. Seine zehn Arbeitsziele waren weitgehend identisch mit den „Kölner Leitsätzen der“ CDP (CDU): „Sie forderten die Überführung einzelner Wirtschaftszweige in Gemeinbesitz, das Recht auf Privateigentum, die Förderung des Mittelstandes sowie der bäuerlichen Klein- und Mittelbetriebe, eine Wiedergutmachung der NS-Verbrechen und Kriegsschäden und nicht zuletzt die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Weitere Forderungen waren: Religionsfreiheit, Elternrecht, Bekenntnisschule, ‘Schutz von Familie und Ehe’ als ‘Keimzelle des Volkes’ sowie der föderative Aufbau eines republikanischen Staates.“[149] Allgemein im Soester Programm gegenüber dem alten Zentrum eine Verschiebung zum ‘Sozialismus’ statt, wie er auch im Ahlener Programm der Union zum Ausdruck kam. Nach dem Parteitag, auf dem Hamacher zum vorläufigen Vorsitzenden gewählt wurde, Pötz die Leitung des Rheinischen Zentrums übertragen wurde, Klein zum Generalsekretär ernannt wurde und Reismann der Vorsitz des westfälischen Zentrums übertragen wurde, kam es zur Organisation der Partei Zug um Zug in den Kreisen.

Die CDP, die über die Vorgänge in Soest beunruhigt war, fand sich am 10. November 1945 in Düsseldorf zu einem gemeinsamen Treffen mit den Zentrumsvertretern bereit. Während Andreas Hermes auf eine Verschmelzung der Partei zu einer Partei „neuer Art“ drängte, wurden den Zentrumsleuten von anderen Unionsbefürwortern unterstellt, sie wollten die CDU spalten und sie in eine Labour Party im Sinne Schumachers umwandeln. Letztlich versteiften sich die Fronten zwischen Unions- und Zentrumsvertretern mehr als daß man sich näher kam.

Nicht erfolgreicher waren zwei im April 1946 von Diözesan Präses Kaspar Schulte organisierte Gespräche, zu dem er je acht Teilnehmer von Zentrum und Union nach Wattenscheid einlud. Während Brockmann seine Ablehnung des damals in der CDU propagierten „christlichen Sozialismus“ zum Ausdruck brachte, und Hamacher auf die 80 jährige Tradition der Zentrumspartei verwies, derentwegen man an dem alten Namen festhalten müsse, zumal die Protestanten ohnehin nicht zu gewinnen seien, vertrat Adenauer die Auffassung, die Jugend bis 35 wisse nichts mehr vom Zentrum, zudem müsse der Kampf auf der gesamten christlichen Front geführt werden. Carl Spiecker (1888-1953)[150], der ein „entweltanschaulichtes“ Parteikonzept[151] vertrat, betonte, daß Politik und Religion nichts miteinander zu tun hätten. Politik fuße auf Naturrecht und dürfe nicht christlich „verkleistert“ werden. Deshalb solle die CDU den Zusatz „christlich“ aus ihrem Namen streichen. Für Spiecker stand der Feind nicht links. Er definierte das Zentrum als Partei der Mitte zwischen CDU und SPD[152].

Auf der Tagung von Werl am 9./10. Februar 1946, konsolidierte sich das westfälische Zentrum, und definierte sich unter dem Einfluß von Carl Spiecker – bei Übernahme der kulturpolitischen wie der sozial- und wirtschaftspolitischen Forderungen des Soester Programms – als „Partei der politischen Mitte“. Das Zentrum sollte ein „Bollwerk der Demokratie und des sozialen Fortschritts“ sein gegen „jene Kreise, die 1918-19 dasselbe Experiment gemacht hätten, das heute die CDU mache, die als Nachfolgerin der ‘Harzburger Front’ einzustufen sei“[153].

Um die Politik Spieckers kam es in den ersten Nachkriegsjahren wiederholt zu nachhaltigen Auseinandersetzungen. Während Hamacher eine Form des katholischen Solidarismus anvisierte, wollte Spiecker – der auf dem ersten Parteitag des Zentrums in Essen-Steele am 9./10.März 1946 zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt wurde – das katholische Element der weltanschaulichen Basis „verdünnen“, die Partei liberalisieren und ihre sozialen Grundlagen verbreitern. Die Frage nach Selbstverständnis und Identität des Zentrums war für die Partei in den ersten Nachkriegsjahren von zentraler Bedeutung. Für die beiden Hauptrichtungen stehen Hamacher und Spiecker. Während Hamacher eine traditionelle, „weltanschaulich“ geprägte Vorstellung vom Zentrum hatte, verfolgte Spiecker eine als „Essener Richtung“ bezeichnete Politik der Erweiterung der sozialen Basis der Partei. Diese ging

sowohl von der prinzipiellen Gleichberechtigung verschiedener Weltanschauungen bei der Gestaltung der Politik als auch davon aus, daß sich Christen in mehreren Parteien organisieren könnten. Demzufolge wandte sie sich gegen die Plakatierung einer einzelnen Partei als christlich.[154]

Der Ansatz Spieckers blieb letztlich nur für einen Teil der Zentrumsbasis nachvollziehbar. Die Mehrheit, die noch den Denkmustern der katholischen Kampfzeit verbunden war, „blieb der Ansatzpunkt Spieckers – daß nämlich die Katholizität allein keineswegs eine einheitliche politische Richtung verbürge, man sich also zur Durchsetzung gemeinsamer politischer Ziele auf eine möglichst breite sittliche Handlungsnorm beziehen müsse – letztlich nicht nachvollziehbar“[155]. Hamacher konnte sich zwar auf dem Delegiertentag des rheinischen Zentrums am 1./2. Juni 1946 – auf dem er zum Vorsitzenden gewählt wurde – gegen Spiecker durchsetzten, doch bot seine Erkrankung Spiecker die Möglichkeit, aus seinem Schatten herauszutreten. Auf dem Parteitag in Werl am 16./17. November 1946, auf dem das zuvor ausgearbeitete Parteiprogramm, das stark von Spiecker beeinflußt worden war, angenommen wurde, kam es noch nicht zum Bruch der Partei. Doch wurde das Zentrum durch den inneren Konflikt, der kaum öffentlich ausgetragen wurde, zunehmend gelähmt. Dennoch kam es auf der Grundlage der programmatischen Konsolidierung vorerst zu Verfestigung des inneren Gefüges der Partei. So konnte auf dem Parteitag in Recklinghausen, nachdem die Mitgliederzahlen des Zentrums zwischen Anfang 1947 bis Ende 1947 von 41.732 Mitgliedern auf 53.977 angestiegen waren, ein positiver Finanzbericht vorgelegt werden, obgleich sich die finanzielle Situation 1948 nach der Währungsreform erheblich verschlechterte, so daß viele Kreisverbände ihre Beiträge nicht mehr bezahlen konnten, die Gehälter der Parteiangestellten reduziert und mehrere hauptamtlich Beschäftigte entlassen werden mußten[156]. Die Verbände in Schleswig-Holstein, Bremen und Hessen konnten sich schon nicht mehr tragen. Das Zentrum geriet in die Krise.

Der schwelende Konflikt zwischen den Anhängern Hamachers und Spieckers entschied sich endgültig erst auf dem außerordentlichen Parteitag in Oberhausen (Kolpinghaus) am 30. Januar 1949. Mit der Begründung, er wolle nicht „Führer einer ‘Sekte’“ sein, verließen Spicker und einige seiner Anhänger, darunter Steffensmeier und Muckermann, die Partei und traten zur Union über. Ihr Übertritt wurde auf einer gemeinsam mit Arnold organisierten Tagung in Essen am 10. April 1949 offiziell bekanntgegeben[157].

Angesichts mancher Parallelen zwischen CDU und Zentrum stellt sich die Frage, warum es nicht zur Fusion der beiden Parteien gekommen ist. Für eine Antwort muß geklärt werden, welche Interessen für oder gegen ein Zusammengehen sprachen.

Hauptziel des Unions-Vorstandes bei den Verhandlungen mit dem Zentrum in der britischen Zone war es, das wiedergegründete Zentrum zu desavourieren und seine Konsolidierung zu verhindern[158]. Karl Arnold erhoffte, durch eine Fusionierung mit der Essener Richtung, also dem Spiecker-Kreis, den linken Flügel der CDU zu verstärken, was naturgemäß zu einer kritischen Haltung bei Adenauer führte. Dieser hatte schon eine Solidarisierung von Jakob Kaiser und Spiecker befürchtet, eine Behauptung, die einen wahren Kern besaß, denn beide strebten eine soziale Neuordnung in Europa an – Kaiser im Sinne eines „christlichen Sozialismus“, Spiecker im Sinne eines auf dem Naturrecht begründeten allgemeinen Sozialismus -, die Adenauer zuwider lief. Adenauer wollte ohnehin den Eindruck vermeiden, die CDU sei keine geschlossene Partei. Sein Ziel war es, die CDU im Mitte-Rechts-Spektrum anzusiedeln, während Arnold eine Position im Mitte-Links-Spektrum anvisierte. Annäherungen Arnolds, der dem Zentrum am 5. Februar 1947 einen Vorschlag zur Fusion unterbreitete, wurden jedoch vom Zentrum zurückgewiesen. Stricker hielt die Zeit noch nicht für gekommen; sie sei erst reif, wenn die CDU ihren „Rechtsüberhang“ abgestoßen habe.

Die Auseinandersetzungen zwischen Zentrum und CDU wurden mitunter sehr hart geführt: So machte die Union dem Zentrum den Vorwurf, ein „Anhängsel der SPD“ zu sein, nachdem die Abgeordneten des Zentrums bei der Sozialisierungsdebatte im Landtag von Nordrhein-Westfalen am 4. März 1947 zwar den Anträgen der CDU zugestimmt, aber auch den SPD-Dringlichkeitsantrag, der die Überführung bestimmter industrieller Bereiche in öffentliches Eigentum forderte, unterstützten hatten. Es sei das „zweifelhafte Verdienst“ des Neuzentrums, so die CDU, in einem Land mit überwiegend christlicher Bevölkerung eine „christliche Mehrheit“ im Landtag verhindert zu haben.[159] Tatsächlich waren die Annäherungsversuche Arnolds an das Zentrum auch dadurch motiviert, eine gemäßigte Sozialisierungslösung durchzusetzen, was den beiden Parteien, die zusammen die Mehrheit besaßen, gelungen wäre. Die Verhandlungen führten bei den meisten Zentrumswählern zu negativen Reaktionen. Besonders hoch schlugen die Wellen, als am 25. Mai 1948 der Briefwechsel zwischen Arnold und Spiecker veröffentlicht wurde, in dem die beiden die Fusion ihrer Parteien als „sittliche Pflicht und als staatspolitisch notwendige Haltung“ bezeichneten[160].

Die Führung des Zentrums entschloß sich auf ihrer Hauptvorstandssitzung am 10. Juni 1948 endgültig gegen eine Fusion mit der CDU. Hamacher vertrat die Meinung, daß die Stunde des Zentrums noch bevorstünde. Besonders seinem Einfluß ist die Entschließung zuzuschreiben, die jede Verschmelzung mit der Union ablehnte, und auch lokale Absprachen von der Genehmigung der Parteileitung abhängig machte. Auf dem Oberhausener Parteitag stellten die Zentrumsanhänger um Brockmann Bedingungen für den Übertritt in die CDU: Es sollte keine Betätigung von Geistlichen in der fusionierten Partei geben; alle ehemaligen Mitglieder rechtsradikaler Parteien sollten ausgeschlossen werden; Mitglieder, die dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatten, sollten keine führenden Ämter bekleiden; die Partei in Nordrhein-Westfalen sollte in „Christlich-Soziale Union“ umbenannt werden. Stricker, der Landesvorsitzende der DZP in Nordrhein-Westfalen, vertrat jedoch die Meinung, daß 90 % der Landes- Bezirks und Kreisvorstände sich gegen die Fusion stellen würden. Tatsächlich wurde dann, wie erwähnt, Spieckers Vorschlag mit überwältigender Mehrheit von 239 Nein-Stimmen bei 26 Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen abgelehnt. Spiecker gab daraufhin den Parteivorsitz an Stricker ab.

Über die Motive Spieckers – von programmatischen Fragen abgesehen -, läßt sich nur spekulieren. In erster Linie werden es pragmatische Erwägungen gewesen sein, die ihn für die Fusion plädieren ließen. Er wandte sich von dem Zentrum ab, als er erkannte, daß die Partei ihre konfessionelle und regionale Begrenzung nicht mehr durchbrechen würde. Nach dem Übertritt der Fusionsbefürwortern blieb nur eine eingeschrumpfte, homogene Partei zurück.

Während die Zentrumsführung die Fusion ablehnte, bahnte sich zur Jahreswende 1948/49 bei Adenauer ein Meinungsumschwung an. Angesichts der bevorstehenden Wahlen zum ersten Bundestag (15. August 1949) hoffte der CDU-Vorsitzende, daß durch eine Fusionierung der beiden Parteien die Chancen der Union, aus den Wahlen als stärkste Partei hervorzugehen, vergrößert würden. Zudem hatte die CDU bei den Landtagswahlen 1948 relativ schlechte Ergebnisse besonders in den Ländern mit hohem katholischem Bevölkerungsanteil erzielt. Adenauers Initiative, der bis dahin darauf vertraut hatte, daß das Zentrum von seinen inneren Konflikten aufgerieben werden würde, kam jedoch zu spät. – Nach dem Oberhausener Parteitag waren nur noch die „nicht mehr bindungsfähigen Reste der alten katholischen Milieupartei“[161] übriggeblieben.

weiter http://www.oliverwieters.de/?p=72

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