Die Soziologin Eva Illouz 2015. Fotograf: David Vinocur

Eva Illouz: Der Macht die Wahrheit sagen (2015)

In ihrem neuesten Buch „Israel“ warnt EVA ILLOUZ vor einer massiven Erosion der Demokratie in ihrem Land

Von Oliver Wieters

Foto: David Vinocur (c)

Hamburg, 13. Oktober 2015

Eva Illouz, Israel. Soziologische Essays. Aus dem Englischen von Michael Adrian, es 2683, Berlin: Suhrkamp Verlag 9.5.2015. ISBN 978-3-518-12683-7. 18€ 

Von dem ehemaligen US-Innenminister Carl Schurz (1829-1906) stammt die Parole „Our country – when right to be kept right; when wrong to be put right.“ Mit anderen Worten: Die Entscheidung darüber, was richtig und falsch ist, sollten die Bürger nicht ihrer Regierung überlassen. Für den Radikaldemokraten Schurz ist die Moral ein höheres Gut als die Treue zum Vaterland. Er wusste genau, wovon er sprach. Nach der Märzrevolution 1848/49 war er auf abenteuerliche Weise aus Deutschland geflohen und hatte in den USA eine neue Heimat gefunden. Als Politiker der neugegründeten republikanischen Partei und Offizier der Unionsarmee kämpfte er für die Abschaffung der Sklaverei und brachte es zu hohem Ansehen. Damals prägte er einen weiteren Satz: „Ubi Libertas, ibi Patria“ – Das Vaterland ist da, wo die Freiheit ist. Das Zitat von Carl Schurz hätte als Motto dem neuen Buch der israelischen Soziologin Eva Illouz vorangestellt sein können. In „Israel“ kritisiert sie leidenschaftlich und unerbittlich, was sie Israels „langsames Abdriften in eine religiöse Ethnokratie“ nennt und nimmt dabei in Kauf, als „Nestbeschmutzerin“ diffamiert zu werden.
In den vergangenen Jahren hat sich Eva Illouz mit richtungsweisenden Studien auch außerhalb des akademischen Elfenbeinturms einen Namen gemacht. Bereits ihr erstes Buch, „Konsum der Romantik“ (1997), das sich der Verbindung zwischen Liebe und Ökonomie widmet, machte sie weltbekannt. Später fand sie mit ihren Adorno-Vorlesungen „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ (2004), der Untersuchung „Warum Liebe weh tut“ (2011) und dem Essay „Die neue Liebesordnung. Frauen, Männer und ‚Shades of Grey’“ (2013)  eine große Leserschaft weit über die Grenzen ihres Fachpublikums hinaus. Mit der nun vorliegenden Artikelsammlung „Israel“ begibt sich die überzeugte Zionistin auf das Feld des soziologischen Journalismus.
Die vierzehn Essays des Bandes sind zwischen 2012 und 2014 in der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ und dem „Spiegel“ veröffentlicht worden. Illouz, die seit 2006 als Professorin an der Universität Jerusalem unterrichtet, hat die Texte nach eigener Aussage „in einer Phase der Konsolidierung extrem rechter Politiken und Diskurse in Israel und für Israelis“ geschrieben. Ihre harsche Kritik soll ihre Leser aufrütteln und sie an die Ideale der Aufklärung erinnern, für die auch viele Juden in der Diaspora gekämpft haben. „Kommt“, zitiert sie die Worte Hamlets an seine untreue Mutter, „setzt Euch nieder. Ihr sollt nicht vom Platz, / Nicht gehn, bis ich Euch einen Spiegel zeige, / Worin Ihr Euer Innerstes erblickt.“ Die Motivation für ihr Vorhaben findet Illouz in ihrer eigenen Biographie. Grenzerfahrungen aus zwei Welten, der arabischen und der jüdischen, bilden einen wiederkehrenden Bezugspunkt ihrer Essays.

Abkehr von der staatlich verordneten Religiosität

Die erfolgreiche Autorin wurde 1961 in Fès, Marokko, als Tochter eines jüdischen Juweliers geboren. Sie wuchs in einer strenggläubigen sephardisch-jüdischen Familie auf und besuchte eine Privatschule. In ihrer Kindheit sprach sie Französisch, Judäo-Arabisch und Arabisch und hatte französische und arabische Freunde. Die verschiedenen Ethnien kamen gut miteinander aus: „Spielend überbrückten wir unterschiedliche Welten, Religionen und Sprachen, ohne je das Gefühl einer Verwirrung oder Grenzüberschreitung zu haben.“ Im Jahr 1971 wanderte sie mit ihrer Familie nach Frankreich aus und wurde mit achtzehn Jahren französische Staatsbürgerin. Das französische Bildungssystem und der französische Universalismus haben in ihrem Denken tiefe Spuren hinterlassen. In Frankreich konnte sie französisch nach außen und im Innern eine Jüdin sein, wie sie in dem Essay „Warum Israel keine Israelis kennt“ schreibt. Im Jahr 1985 ging sie in die USA, wo sie sich ihrer Doktorarbeit widmete. Auch in Amerika empfing sie prägende Eindrücke für ihre wissenschaftliche Arbeit. Anfang der 90er Jahre siedelte sie nach Israel über, wo sie heute mit ihrem Mann, einem Professor für Ökonomie, und ihren drei Söhnen lebt und regelmäßig Artikel in Zeitungen veröffentlicht. 2013 wurde sie mit dem Anneliese Maier-Forschungspreis der Humboldt-Stiftung ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld wurde die Publikation der vorliegenden Essays ermöglicht.

Als überzeugte Zionistin stellt Illouz gleich im Vorwort unmissverständlich klar: „Die Legitimität des Zionismus zu bestreiten ist unmoralisch.“ Um so schärfer geht sie mit Israels status quo ins Gericht. Bald nach ihrer Einwanderung hatte sie das Gefühl, „ethnische Identitätspapiere“ vorzeigen zu müssen, wie sie in dem Essay mit dem Titel „Der Zement der ethnischen Zugehörigkeit“ schreibt. Ihre Religiosität hätte begonnen, sich „wie ein paar Schuhe anzufühlen, das merkwürdigerweise nicht weiter und bequemer wurde, sondern kleiner, enger und drückend“. Angesichts der Diskriminierung von Nichtjuden, für sie eine „abscheuliche Form von Ungleichheit“, wurde ihr klar, dass es für sie wichtiger war, für universelle Menschenrechte einzutreten als an ihren religiösen Überzeugungen festzuhalten. Als Ministerpräsident Jitzchak Rabin am 4. November 1995 von einem religiösen Juden ermordet wurde, hörte sie von einem Augenblick auf den anderen auf, „religiös“ zu sein. Sie hatte, wie sie schreibt, eine „säkulare Epiphanie“. Die Religion in Israel hatte für sie ihre Heiligkeit verloren. Dieser biographische Hintergrund macht deutlich, warum sie ihre Essays als „nichtreligiöse Antwort auf die Herausforderungen der Moderne und des Universalismus“ sieht.

Demokratie ohne Liberalismus

Illouz ist davon überzeugt, dass Israel „der demokratischste Staat im Nahen Osten“ ist. Doch anders als anderen Demokratien fehle dem Land „jede Richtschnur für ein liberales Gemeinwesen“. Und ohne Liberalismus fehle einer Demokratie die Toleranz gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden. In ihrem bereits erwähnten Essay „Warum Israel keine Israelis kennt“ führt sie historische Gründe für das Versagen an. Über Jahrhunderte hinweg stellte die radikale Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden einen Schutzschirm für die jüdische Identität dar. Nichtjuden galten als böse und unrein. Juden fühlten sich als Einheit, weil sie davon überzeugt waren, dass Gott die Juden auserwählt hatte, der Welt das Gesetz zu bringen. Auch der Apostel Paulus vertrat diese Meinung. Noch heute würden Israelis eine Minderheitenidentität nachahmen, obwohl sie mittlerweile eine Mehrheit mit einer starken militärischen Macht im Rücken bilden. Dieses starre kulturelle Schema gleiche einer „nach Israel hineinkopierten Diaspora“, wie Illouz ausführt.

„Ein Israel ohne Israelis“

Illouz kritisiert, dass es im engeren Sinne für den jüdischen Staat gar keine „Israelis“ gibt. Denn der israelische Staat anerkennt nur die ethnische Zugehörigkeit als legitime rechtliche Kategorie. Mithilfe einer Anekdote, die der bekannte Schriftsteller Sayed Kashua erzählt hat, illustriert Illouz die Problematik. Eines Tages bekam Kashua, der arabischer Herkunft ist, Hebräisch schreibt und die israelische Staatsbürgerschaft besitzt, von einem jüdischen Bekannten ein teures Bild geschenkt. Es feierte die jüdische Präsenz in Jerusalem. Nach reiflicher Überlegung entschied er sich dagegen, das Bild aufzuhängen. Als arabischer Israeli hatte er das Gefühl, dass er sich mit dem Motiv nicht identifizieren kann. Für Illouz ist diese Reaktion symptomatisch. Ihrer Meinung nach sind die Minderheiten in Israel nicht in der Lage, die Gemeinschaft zu repräsentieren. Dafür sei die Kultur des Landes zu sehr vom Judentum geprägt. Weil er die fortschreitende Ungleichbehandlung der arabischen Israelis nicht länger ertragen konnte, kündigte Kashua 2014 an, in die USA auszuwandern.

Israel, schlussfolgert Illouz in ihrem Essay mit dem zugespitzten Titel „Ist Israel zu jüdisch?“, sei „erklärtermaßen ein jüdischer Staat für die Juden, der von Juden geführt, verwaltet und kontrolliert“ werde. In ihm könnten daher Nichtjuden nur eine marginale Rolle spielen. Als eine Demokratie ohne Liberalismus führe Israel den eigentlichen Sinn und Zweck des zionistischen Projektes ad absurdum. Zionismus bedeutet für Illouz sich als Volk „zu normalisieren“ und sich an anderen modernen Demokratien zu orientieren. Aber die Staatsbürgerschaft der Araber in Israel sei „lediglich ein leeres bürokratisches Faktum“, während in anderen Demokratien wie Frankreich die Juden durch eine universelle Staatsbürgerschaft geschützt werden.

Tatsächlich sind in Israel Mizrachim – arabischstämmige Juden – in den akademischen Eliten genau so wenig vertreten wie Frauen und Araber. Diese Gruppe bildet 80% der Gesamtbevölkerung, stellt aber nur 5% des universitären Lehrpersonals. An den israelischen Universitäten waren 2008 90% Aschenasen, 9% Mizrachim, 1% Araber. Nur 27% waren Frauen. Die Diskriminierung laufe gleichsam hinter dem Rücken ab, so Illouz. Die Erwähnung der Diskriminierung treffe auch deshalb zumeist auf Empörung und Gleichgültigkeit in Israel.

Israel im Spiegel der Dreyfus-Affäre

In ihrem originellen Essay mit dem Titel „Dreyfus in Israel. Ein Gedankenexperiment“ spitzt Illouz ihre Kritik zu. Darin vertritt sie die überraschende These, dass der Zionismus sein Ziel erst dann erreicht hat, wenn Israel zu seiner eigenen Dreyfus-Affäre fähig ist. Damit stellt sie die gängige Interpretation der historischen Ereignisse auf den Kopf. Zwar bestreitet sie nicht, dass es im 19. Jahrhundert einen agressiven Antisemitismus in der französischen Armee gab, der dazu führte, dass im Jahr 1894 der jüdische Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus das unschuldige Opfer einer politischen Intrige wurde. Aber sie gewinnt dem Ereignis etwas Positives ab: Die Dreyfus-Affäre führte zum Rücktritt der französischen Regierung und einiger Regierungsbeamter. Außerdem veröffentlichte der nichtjüdische Schriftsteller Émile Zola seine Schrift „J’accuse“ und musste deswegen aus Frankreich fliehen. In Israel hingegen, so Illouz, sei es unvorstellbar, dass sich die Gesellschaft wegen eines zu Unrecht beschuldigten Arabers spalte.

Parrhesia – der Macht die Wahrheit sagen

Nach dem Erscheinen des Dreyfus-Essays in „Haaretz“ sah sich Illouz heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Vielen jüdischen Lesern missfiel, was ihnen im Spiegel der Soziologin gezeigt wurde. Der Autorin wurde in der Öffentlichkeit vorgeworfen, „antisemitisch“ zu sein – ein Vorwurf, den Illouz zum Anlass nimmt, über den Umgang mit Kritik im Judentum nachzudenken. Für Illouz sind Intellektuelle dazu verpflichtet, der Macht die Wahrheit zu sagen, auch wenn damit Gefahren für sie verbunden sind. Sie verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff „Parrhesia“, den sie vom französischen Philosophen Michel Foucault entlehnt hat. Für Juden sei die Situation besonders schwierig, so Illouz. Sie sehen sich nicht nur einem „mächtigen Militärstaat, der an der Schwelle zu ethnischer Hegemonie stehe“, sondern auch einer meinungsstarken jüdischen Diaspora gegenüber.

Am Beispiel der politischen Theoretikerin Hannah Arendt macht sie deutlich, an welche ganz konkreten Gefahren sie dabei denkt. Die Autorin von „Eichmann in Jerusalem“ hatte den Judenräten bei der Durchführung des Holocausts eine Mitschuld gegeben. Daraufhin hatte ihr der jüdische Religionshistoriker Gershon Scholem in einem Brief aus dem Jahr 1963 einen Mangel an „Ahabat Israel“, einer Liebe zum jüdischen Volk und zur jüdischen Nation vorgeworfen. Angesichts ihrer „Herzlosigkeit“ und ihrem Mangel an „Herzenstakt“ – der kennzeichnend sei für linke Intellektuelle aus Deutschland – empfinde er ein Gefühl der „Scham“. Arendt antwortete ihm, sie würde weder sich selbst, noch ein Volk, sondern nur ihre Freunde lieben und bevorzuge im übrigen „Selberdenken“. Diese distanzierte, kompromisslose Haltung trug dazu bei, dass ihr in Israel Ablehnung entgegenschlug und ihr bekanntestes Buch erst im Jahr 2000 auf Hebräisch erschien.

Das Gebot der Hypersolidarität brechen

Auch heute noch gelte eine Kritik am jüdischen Volk nur dann als zulässig, wenn sie in einen Code der Liebe und Solidarität eingebunden sei, so Illouz. Jüdische Organisationen besonders in den USA hätten dieses Gebot erfolgreich zu einem Bestandteil der Politik gemacht. „Kritik muss in der jüdischen Welt entweder andauernd Liebesbeweise erbringen, oder sie sieht sich unter anderem mit Antisemitismus- und Antizionismusvorwürfen … konfrontiert.“ Das ausgeprägte Eigengruppenbewusstsein führe dazu, dass man hinter den Kulissen anders rede als – quasi ad usum delpini – in der Gegenwart von Nichtjuden. „Was sich unter Angehörigen der eigenen Gruppe sagen lasse, könne nicht in Anwesenheit anderer gesagt werden, und was sich in Israel sagen lasse, könne nicht außerhalb Israels gesagt werden“, schreibt die Soziologin in einem Essay mit dem Titel „Ich? Eine Jüdin? Antisemitisch?“. Angesichts des Unrechts gegen die Palästinenser fordert Illouz, dieser Form der „Hypersolidarität“ ihren falschen Schein zu nehmen und jener Solidarität schmerzerfüllt zu entsagen.

In diesem Zusammenhang nimmt sie auch Stellung zu der umstrittenen Verleihung des Adorno-Preises der Stadt Frankfurt am Main an Judith Butler im September 2012. Die amerikanisch-jüdische Autorin hatte zum Boykott gegen Israel aufgerufen und Verständnis für die Hamas gezeigt. Deshalb wollten jüdische Gruppen, unter anderem die jüdische Gemeinde in Deutschland, verhindern, dass ihr der Preis verliehen wird. Illouz teilt die Kritik an Butler, aber sie befürwortet eine offene Debatte, statt einer moralischen Erpressung des Preiskomitees. Zum einen habe Butler objektiv einen großen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Kritischen Theorie, zum anderen sei die israelische Politik gegenüber Palästinensern, Flüchtlingen aus Eritrea und nichtjüdischen Einwanderern in der Tat „moralisch nicht vertretbar“, wie Illouz in dem Essay „Die Dialektik der freien Meinung“ schreibt.

Israels heilige Dreieinigkeit

Die israelische DNS sei zu sehr auf Gruppensolidarität festgelegt, so Illouz. Deshalb scheiterte auch die israelische Protestbewegung im Jahr 2011. Damals gingen hunderttausende Demonstranten für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Straße, aber am Ende versandeten die Proteste. Illouz kritisiert ihre Landsleute als die „eselhaftesten Staatsbürger der westlichen Welt“ und widerspricht damit dem Klischee vom aufmüpfigen Israeli. In Wirklichkeit seien die Israelis an Gehorsam gewöhnt, der ihnen durch ein System von Strafe und Belohnung während des Militärdienstes anerzogen wird. Die Armee trage wesentlich dazu bei, dass es in Israel eine Art antiquierter „Kastengesellschaft“ gibt: Neben der Tyrannei der Ultraorthodoxen, der Annexion der besetzten Gebiete, die für Illouz ein „eindeutiger, unverhohlener und unverfrorener Kolonialismus“ ist, ist die Armee selbst Teil einer „vormodernen“ Gesellschaftsordnung, wie Illouz kritisiert. Sie fordert ihre Landsleute zu mehr Ungehorsam auf: „Verweigert Eure Zustimmung und die politische Macht bricht in sich zusammen wie ein Kartenhaus“, schreibt sie in ihrem Essay mit dem Titel „Die Gewohnheit des Gehorsams“. Ihre Hoffnung setzt sie dabei auf die politische Linke. In dem Essay mit dem Titel „Am Ende wird die Linke siegen“ wirft sie der Likud-Partei vor, „mühelos“ mit den „brutalen Aspekten des ethnischen und religiösen Partikularismus“ zusammenzugehen. Was der Likud betreibe, sei nichts anderes als eine „Politik des Todes“.

Die Toten erlösen

Illouz schließt ihr Buch mit Überlegungen zum Umgang mit der Trauer ab. Zu diesem Zweck zieht sie in ihrem Essay „Trauer und Hoffnung“ zwei Texte von israelischen Autoren heran. Den Roman „Mutter“ von Aner Shalev und die Erzählung „Dahinscheiden“ von Jakob Shabtai. In beiden Texten ist von Trauer die Rede, Trauer über den Tod der Mutter bzw. der Großmutter. Doch während bei Shalev die Trauer zu einer Lähmung führt, geht bei Shabtai das Leben auf seltsame Weise weiter. In keinem anderen Land der Welt spiele die kollektive Trauer eine so große Rolle wie in ihrem Land, so Illouz. Trauer sei der „versteckte Eros des israelischen Nationalismus“. Sie kann dazu benutzt werden, Politik zu machen und Angst aufzubauen. Israel stehe vor einer wegweisenden Entscheidung: Sich der Zukunft zu öffnen oder in der Vergangenheit zu leben. „Wollen wir eine Gemeinschaft der Hoffnung sein oder eine Gemeinschaft der Trauer?“ fragt Illouz ihre Leser. Die Antwort gibt sie selbst: Trauergemeinden vereinen zwar die Trauernden, aber grenzen die Nichttrauernden aus. Sie schließt ihren Band deshalb mit einem Satz, in dem eine fast schon religiöse Antwort auf die Probleme Israels anklingt: Nur die Hoffnung, aber nicht die Trauer könne die Toten erlösen.

Kein religiöses Sparta

Eva Illouz mutet ihren – israelfreundlichen – Lesern viel zu: Ihr Blick in den Spiegel ist an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Ihr Resümee lautet: Das israelische Modell der ethnozentrischen Staatsbürgerschaft sei gescheitert. Israel erzeuge langfristig „keine Legitimität“ und sei deshalb heute isolierter als vor zwanzig Jahren. Antidemokratische Ressentiments würden um sich greifen, rassistische Haltungen seien in der Verfassung verankert. Würdenträger würden öffentlich Nichtjuden diskriminieren und der Likud sehne einen großen Krieg herbei, der ein für allemal entscheiden wird, wer in der Region die militärische Vormachtstellung innehat.

In ihren Essays überwiegen die düsteren, pessimistischen Töne. Tatsächlich befürchtet Illouz, dass es „fast unmöglich geworden“ ist, die vertrackte Situation der israelischen Gesellschaft zu verändern. Anlässlich der Gaza-Krise 2014 stellte sie sogar fest, dass die israelische Gesellschaft unsensibel gegenüber dem eigenen Leiden und dem anderer geworden sei. Die eigentliche Gefahr für Israel komme nicht von außen, sondern von innen.

Aus diesen Essays spricht die Enttäuschung, in die eine große Liebe umschlagen kann, wenn sie mit der unvollkommenen Realität konfrontiert wird. Illouz‘ große Liebe, das wird klar, ist ein Land Israel, in dem Araber und Juden in Frieden leben können. Sie teilt diese ungestillte Sehnsucht nach einer aufgeklärten Welt mit vielen jüdischen Autoren vor ihr, die universalistisch und humanistisch gedacht haben. Tatsächlich haben ihrer Meinung nach Menschen im säkularen Tel Aviv mit ihren religiösen Entsprechungen in Jerusalem weniger gemein als mit Menschen, die in Berlin leben.

Zu Beginn des Buches verspricht Illouz eine nichtreligiöse Antwort auf die Herausforderungen der Moderne und des Universalismus. Dieses Versprechen kann sie nur zum Teil einlösen. Zwar macht sie deutlich, dass sie die Lösung des Problems in der Bildung eines starken, liberalen, säkularen israelischen Staates sieht, der alle Religionsgemeinschaften schützt. Alles andere würde zu einer Art „religiösem Sparta“ führen wie sie einmal in einem Interview sagte. Aber darüber hinaus fehlt eine detaillierte Wegbeschreibung aus der Krise. Vielleicht ist diese Selbstbegrenzung aber auch gut so. Schließlich hatte sie selbst in einem früheren Interview gesagt, dass es nicht die Aufgabe der Soziologie sein kann, eine neue Vision zu artikulieren. Sie halte sich statt dessen an Max Webers Beschreibung der Aufgabe des Wissenschaftlers, für den der Wissenschaftler diese Person ist, die sagt: „Schaut her, dies sind die Götzen, die wir anbeten“. Eine Aufgabe, die Illouz auf jeden Fall mit Bravour löst.

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