Berlin, Begegnung zur Friedensförderung, Fühmann

Der Traum als literarische Form: Franz Fühmanns Traum-Erzählungen und -Notate (1990)

 

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Der Traum als literarische Form

Franz Fühmanns Traum-Erzählungen und -Notate

von Oliver Wieters

Tübingen 1990

 

Abschrift der Beurteilung:

Ihre kenntnisreiche, von argumentativer Transparenz ausgezeichnete Arbeit zeugt nicht nur von Ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Träumen und Dichten, sondern auch von Ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Evolution des Fühmannschen Œuvres. Die Entwicklungsstufen der zunehmenden inneren Akzeptanz seiner Träume lassen sich ja korrelieren mit Entwicklungsphasen der DDR-Ideologie: trotz XX. Parteitag der Bitterfelder Weg und die instrumentelle Funktion der Literaturproduktion; dann nach dem XXII. Pt. (Herbst 61’) die kurze Liberalisierungsphase (partielle Rezeption der lit. Moderne, Kafka-Konferenz, Freud-Rezeption; nach dem August ‘68 die Breschnew-Doktrin und nach der Ablösung Ulbrichts im Herbst ‘71 das Honeckersche Diktum: für Kunst + Lit. Wegfall der (?). Dieser historische Kontext ermöglicht die 22 Tage, die Entdeckung des autonomen oder authentischen Schreibens, und trotz Biermann-Ausbürgerung wird dieser Weg weiter verfolgt, event. sogar mit radikaler Entschiedenheit (vg. Sturz… und 13 Träume). Ihre Textbetrachtungen verdeutlichen und begründen mit ihrer Problemorientierten Interpretationsarbeit Ihre Arbeitsthese, daß Modus und Qualität der literarischen Traumarbeit gleichsam als Indikator und Katalysator der Wandlung, der existientiellen Neuorientierung und Selbstfindung Fühmanns anzusehen sind, wobei Träumen und Schreiben diesen Erkenntnis- und Individuationsprozeß gleichsam vorantreiben.

In ihrer selbstauferlegten quantitativen Begrenzung eine vorzügliche Studie!“

Sehr gut (1)

Hauf

 

Im Schlaf

Im Schlaf sind die Begegnungen leichter.
Die Türen öffnen sich ohne Druck.
In die Wand, in die Luft
und die Gesichter
ohne Befremden und Vorbehalt.

Du gehst durch das Glück
wie durch lauen Regen,
arglos, aber nicht ungestraft.
Es durchnäßt dich,
macht dich anfälliger
für Erkaltungen, für die Angst zu straucheln,
zu fallen in neue Ausweglosigkeiten,
Sackgassen, Labyrinthe,
gleitende Gründe.

Plötzlich stehst du
auf einer Insel allein,
der das Wasser langsam
die Ufer wegsaugt.
Von draußen rollt dunkel
die Flut auf dich zu.

Wolfgang Bächler

Im Schlaf. Traumprosa. Frankfurt am Main: Fischer, 1988. 4.

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

I. Fragestellung und Zielsetzung

II. Zur Literaturlage

III. Aufbau der Untersuchung

B. Hauptteil

I. Didaktisches Schreiben: „Traum 1958“ (1959)

II. Eintritt in die Literatur: „22 Tage oder Die Hälfte des Lebens“ (1973)

1. Vorspiel: „Böhmen am Meer“ und „Das Judenauto“ (beide 1962)
2. „22 Tage oder Die Hälfte des Lebens“ (1973)

III.       Auf der Suche nach einer Möglichkeit „reinen Erzählens“: „Dreizehn Träume“ (1983) und die Traumbuchfragmente

  1. Abschied vom „operativen Schreiben“
  2. Die Traumbuch‑Fragmente (Chronologie)
  3. „Dreizehn Träume“

C. Exkurs: Heinar Kipphardts „Traumprotokolle“ (1981)

I. Träume in der Literaturgeschichte

II. Heinar Kipphardts „Traumprotokolle“

D. Zusammenfassung

E. Bibliographie

I. Primärliteratur

II. Sekundärliteratur

A. Einleitung

I. Fragestellung und Zielsetzung

Die Auseinandersetzung mit dem Traum als literarische Form nimmt im Œuvre des 1984 verstorbenen DDR‑Schriftstellers Franz Fühmann eine herausgehobene Stellung ein. In ihr findet sein lebenslanger Wandlungsprozeß ‑ von der Selbst‑Kritik an seiner national­sozialistischen Jugend ausgehend ‑ charakteristischen Ausdruck. Fühmanns Beschäfti­gung mit dem Traum trägt einerseits die Kennzeichen einer psychoanalytisch unterstütz­ten Selbsttherapie, die ihm Lebenskrisen zu meistern half, verweist andererseits aber auch auf den Traum als einer Quelle poetischer Inspiration, von der sich Fühmann, besonders in seiner letzten Schaffenszeit Möglichkeiten neuen Erzählens erhoffte. Vor dem Hinter­grund dieser Dialektik von Zeitgeschehen, Autobiographie und künstlerischem Werk ha­ben sich die Träume Fühmanns zu einem wichtigen Beitrage zur deutschen Gegenwartsli­teratur entwickelt. Diese Untersuchung widmet sich ihnen.

Die Stationen von Fühmanns Traumbeschäftigung sollen als Ausdruck seines Wand­lungsprozeßes insgesamt nachgezeichnet werden. Damit ist dieser Aufsatz auch ein Bei­trag zu der von Uwe Wittstock bei Franz Fühmann (und Christa Wolf) nachgewiesenen „Fähigkeit zu trauern“[1], die Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 in ihrem „bis heute viel zitierten, aber offenbar wenig gelesenen Buch über ‘Die Unfähigkeit zu trauern’ als die wesentliche Forderung einer wirkungsvollen Auseinandersetzung mit der Vergan­genheit beschrieben haben.“[2]

II. Zur Literaturlage

Die Sekundär‑Literatur zum Thema dieser Arbeit ist noch recht spärlich. Die Studien Uwe Wittstocks[3] zum Leben und Werk Franz Fühmanns, die sämtlich auf Wittstocks 1987 veröffentlichter Dissertation aufbauen, betonen in erster Linie das psychoanalyti­sche Element in Fühmanns Auseinandersetzung mit dem Unbewußten und sind zudem zu einer Zeit verfaßt worden (zwischen 1986 und 1988), als der Nachlaß Fühmanns erst in Ansätzen gelichtet war. Die Traumbuchfragmente Fühmanns (1988 veröffentlicht) dürften Wittstock ‑ abgesehen von den „Dreizehn Träumen“ ‑ nicht bekannt gewesen sein. In der Studie von Irmgard Wagner[4] dagegen, „Franz Fühmann: Nachdenken über Literatur“, 1989 veröffentlicht, überwiegt die Herausarbeitung von Fühmanns Literatur­theorie und nimmt Fühmanns Beschäftigung mit dem Traum eine untergeordnete Rolle ein. Der wichtigste Beitrag zum Thema stammt von Ingrid Prignitz[5], die seit dem Tode Kurt Batts (1975) Fühmanns Lektorin beim Hinstorff Verlag in Rostock war. In ihrem „Nachwort“ zu dem von ihr 1988 veröffentlichten Nachlaßband Fühmanns ‑ „Unter den PARANYAS: Traum‑Erzählungen und ‑Notate“ ‑ kann Prignitz auf eine Reihe unveröf­fentlichter Briefwechsel und Gespräche zwischen ihr und dem Autor zurückgreifen, mit deren Hilfe sie ein genaue Rekonstruktion von Fühmanns Traumbuchplänen vornimmt. Ihre Arbeit ist daher für diese Untersuchung von großem Wert. Darüber hinaus ist zu dem Nachlaßband in der F.A.Z. vom 4.Oktober 1988 eine Rezension von Uwe Wittstock er­schienen[6].Eine allgemeine Bibliographie zur Sekundärliteratur, auf die bei der Erstellung dieser Arbeit zurückgegriffen wurde, findet sich bei Uwe Wittstock[7]; sie ist, was die westdeutsche Forschungsliteratur betrifft, umfassender und insgesamt genauer als die zum 65. Geburtstag Franz Fühmanns veröffentlichte Bibliographie des Hinstorff Verla­ges[8].

III. Aufbau der Untersuchung

Drei Stationen von Fühmanns „literarischer Traumarbeit“ sollen in dieser Arbeit nachge­zeichnet und untersucht werden: Angefangen mit Fühmanns 1959 veröffentlichter Traumerzählung „Traum 1958“, die kennzeichnend ist für Fühmanns „didaktisches Schreiben“ jener Zeit, über die Novelle „Böhmen am Meer“ und den Erzählzyklus „Das Judenauto“ (beide 1962), die ein Übergangsstadium markieren und über das Un­garn‑Buch „22 Tage oder Die Hälfte des Lebens“ (1973), Fühmanns Durchbruch zu grö­ßerer stilistischer und persönlicher Freiheit, bis zu seinen späteren Traumbuchprojekten, repräsentativ ausgewählt mit der seit 1983 entstandenen Sammlung „Dreizehn Träume“[9], der einzigen gültigen, weil von ihm selbst für den Druck autorisierten Edition von Träu­men aus dem Umfeld seiner Traumbuchprojekte.

Anschließend sollen die gewonnenen Ergebnisse durch einen kurzen Seitenblick auf die wesentlich anders gelagerten „Traumprotokolle“ Heinar Kipphardts[10] aus dem Jahre 1981 konturiert werden. Den Schluß bildet eine Zusammenfassung mit dem Versuch, die Stel­lung von Fühmanns „Träumen“ in seinem Œuvre zu skizzieren.

 

 

B. Hauptteil

I. Didaktisches Schreiben: „Traum 1958“ (1959)

Am Anfang von Fühmanns systematischer und kritischer Auseinandersetzung mit dem Traum steht eine formal und inhaltlich einfache Traumerzählung: „Traum 1958“, der Einleitungsteil des Triptychons „Das Erinnern“ aus dem Novellenband „Stürzende Schat­ten“ (1959)[11]. Sie trägt die wesentlichen Merkmale von Fühmanns damaligem Psycho­logie‑ und Literaturverständnis, also auch jene Fehlansätze, von denen er sich später deutlich distanzieren wird; andererseits sind hier aber auch die Zeichen des Neuen und Kommenden zu finden. Uwe Wittstock hat daher treffend festgestellt, daß man in „Das Erinnern“ den „frühesten Hinweis im Werk Fühmanns auf Erinnerungsspuren jenseits des Bewußtseins“ sehen kann[12].

Der Held der Erzählung ist ein achtundzwanzigjähriger Bäcker aus Schlesien, der nun­mehr (im Jahre 1958) seit dreizehn Jahren im Berliner Westen lebt. Mit fünfzehn hatte er als Volkssturmmann an den letzten Kämpfen um Berlin teilgenommen, während deren er von Hitler im „Führerbunker“ für seinen Einsatz ausgezeichnet wurde. Ein abendliches Ge­spräch in seinem Bäckerladen, daß er mit einem Kriegsinvaliden über die „Atombewaffnung der Bundeswehr“ geführt hatte, weckt in ihm die angstvollen Erinne­rungen an die überstandene Zeit, von der er in der folgenden Nacht träumt.

Der Traum des Bäckers Hans K. wird von einer Rahmenerzählung umfaßt und zerfällt in drei Teile. In dem ersten Teil träumt er von seiner Auszeichnung im „Führerbunker“: Die Gestalten, die ihn umgeben, versetzen ihn, obwohl er geehrt werden soll, in einen Zu­stand der Angst, und als ihm von Hitler und Goebbels das Eiserne Kreuz verliehen wird, bricht er unter der Last des Ordens beinahe zusammen. In dem Traumteil wird er auch Zeuge, wie dem „Führer“ die Nachricht von dem Durchbruch der feindlichen Truppen überbracht wird. Bevor Hans K. den Bunker verlassen muß, hört er den Führer noch den Einsatz von Wunderwaffen proklamieren, was Hans zustimmend aufnimmt. Da er den Anschluß an seine Armee‑Einheit nicht finden kann, sucht er erschöpft in einen Keller Zuflucht, wo er schnell in Schlaf fällt und einen „Traum im Traum“ hat (Teil 2): Er sieht sich als Bäcker, der einer müden und von Friedenssehnsucht erfüllten Menge Brot backt; plötzlich ändert sich seine Vision, als eine Menge von Generalen, geführt von dem „Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler und von Propagandaminister Joseph Goebbels ‑ alle gegenüber dem ersten Traumteil um „ein Dutzend Jahre gealtert“ ‑ eintritt und ihr früher angekündigtes Vernichtungswerk zu beenden beginnt. Als die beiden Anführer er­kennen, daß „ihre Zeit abgelaufen ist“, tritt an ihre Stelle ein Paar, in dem Unschwer Konrad Adenauer und Franz‑Joseph Strauß zu erkennen sind. Letztere sind es nun, die in Hansens Traum das Vernichtungswerk des Faschismus realisieren, und zwar in der glei­chen Pose wie Hitler und Goebbels zuvor. Die von ihnen gestarteten amerikanischen Atomwaffen vernichten der Reihe nach osteuropäische Städte und Moskau, provozieren dann jedoch den Gegenschlag, der auch Hansens Stadt trifft. In Todesangst wacht Hans aus diesem Traum im Traum auf, nur um zu erkennen, daß er in der jetzt wieder beste­henden Traumsituation einer ähnlich gearteten Gefahr gegenübersteht wie der zuvor ge­träumten (Teil 3). Doch hat sich sein Bewußtsein nunmehr geändert: War er zuvor noch für die von Hitler angekündigten Wunderwaffen, so versucht er nunmehr alles, um ihren Einsatz zu verhindern. Doch trotz seines Einsatzes ‑ er versucht sogar den „Führer“ zu überwältigen ‑ kommt es zu ihrem Einsatz und dem befürchteten Gegenschlag, aus dem Hans K. mit „schweißverklebtem Haar“ erwacht.

Franz Fühmanns „Traum 1958“ ist nur der Form nach eine „Traum“‑Erzählung: Einzelne Traumelemente ‑ wie Fluggefühl, Bewegungsunfähigkeit, Schmerzlosigkeit, optische und lautliche Verfremdungseffekte ‑ sind rein äußerlich erfaßt und können über den an sich konventionellen Charakter der Erzählung nicht hinwegtäuschen. Sie hätte auch problem­los ohne den „Traum“ auskommen können ‑ wie auch obige Inhaltswiedergabe verdeut­licht ‑, denn ihre eigentliche Ebene ist nicht das Unbewußte sondern das Bewußtsein: Der in didaktischer Absicht schreibende Autor projiziert Bewußtseinsinhalte in das Un­terbewußtsein.

Wie wenig Fühmanns Traumerzählung der natürlichen Traumarbeit verwandt ist, ver­deutlicht eine Passage Sigmund Freuds über Traum‑Arbeit und ‑Entstellung:

In der Regel erfährt unser Bewußtsein den Traum nicht so, wie er wirklich gelautet hat. Die hemmenden Mächte, die T r a u m z e n s u r, wie wir sie nennen wollen, werden zwar nicht voll wach, aber sie haben auch nicht ganz geschlafen. Sie haben den Traum beeinflußt, während er um seinen Ausdruck in Worten in Bildern rang, haben das Anstößige beseitigt, anderes bis zur Un­kenntlichkeit abgeändert, echte Zusammenhänge aufgelöst, falsche Verknüpfungen eingeführt, bis aus der ehrli­chen, aber brutalen Wunschphantasie des Traumes der manifeste, von uns erinnerte Traum geworden ist, mehr oder weniger verworren, fast immer fremdartig und un­verständlich. Der Traum, die Traumentstellung, ist also der Ausdruck eines Kom­promisses, das Zeugnis des Kon­flikts zwischen den miteinander unverträglichen Regungen und Bestrebungen unseres Seelenlebens.[13]

Fühmanns Traumerzählung „Traum 1958“ läßt wenig ahnen von einem „Konflikt zwi­schen den miteinander unverträglichen Regungen und Bestrebungen unseres Seelenle­bens“: Sofern dieser Konflikt besteht ‑ Hans K.s Angst bei seiner Ehrung im „Führerbunker“ ist ein Zeichen dafür ‑, wird er im Folgenden in ein eindeutiges dualisti­sches Schema aufgelöst. Weder läßt die moralische Entwicklung des Helden zu wün­schen übrig (vom fanatischen Faschisten über eine unpolitische Haltung zum verantwor­tungsbewußten Menschen), noch findet sich ein Widerspruch zwischen Rahmenerzählung und Trauminhalt. Diese Dualität ist kennzeichnend für Fühmanns damaliges Schreiben, das er später „didaktisches Schreiben“ genannt hat[14]; es war ihm damals unmöglich, wie er es später ausdrückte, „etwas zu schreiben, von dem ich nicht von vornherein wußte, was ich sagen und wie ich damit wirken wollte“. Natürliche Widersprüche klammerte er aus seinem Schreiben aus und verdrängte Gedächtnisspuren, die seinem neuen Selbstver­ständnis als überzeugter Sozialist widersprachen (das gilt besonders für frühkindliche Prägungen wie einem ausgeprägten Hang zu Gehorsam und Autoritätsgläubigkeit, die Fühmann erst später als ein konstantes Problem in seinem Leben erkannte). Fritz J. Rad­datz hat diesen „schwankenden Versuche(n), aus Erinnerung und Erkenntnis einen festen Punkt zu gewinnen[15]“ eine „Märchen‑Irrationalität[16]“ bescheinigt, deren „simple An­wendung der Märchenunterscheidung gut‑böse statt einer echten Dialektik“ den „Geschwindschritt des Umlernkurses[17]“ Fühmanns verrate.

Erzählungen und Traumbearbeitungen vom Typus des „Traum 1958“ blieben nur eine vorübergehende Stufe in Fühmanns Œuvre. Später hat er sich mit der ihm eigenen Ve­hemenz und Fähigkeit zur unerbittlichen Selbstkritik ‑ das von ihm häufig verwendete Motiv des von Apollon aus der Haut gepeitschten Silens Marsyas gibt dem treffend Aus­druck[18] ‑ von seinem damaligen Ansatz distanziert:

(…) der Traum gehört natürlich auch zur Totalität des menschlichen Daseins, und ihn literarisch auszunutzen ist schon eine große Möglichkeit. In meiner Traumge­schichte („Traum 1958“; OW) ‑ ich sage das wirklich ohne jede Koketterie ‑ habe ich sie leider weit­gehend vertan. Sie ist leider ziemlich mißglückt, und zwar habe ich mich viel zuviel von äußeren Zufälligkeiten leiten lassen, die ich in diesen Traum hineinverarbeitet habe. Es ist sehr schade. Ich hätte aus der Geschichte viel mehr machen können, als nun daraus geworden ist, und da mir gerade diese Sache am Herzen gelegen hat, tut es mir jedes Mal leid, wenn ich sie jetzt sehe. Wirklich, ich glaube, in manchen Partien ist sie ein Musterbeispiel dafür, wie man eine Traumerzählung nicht machen darf[19].

Es ist anzunehmen, daß die von Fühmann an seinem „Traum 1958“ erkannten Fehler in der folgenden Zeit als ein fruchtbarer Stachel in seinem Streben nach einer adäquateren Traumadaption gewirkt haben. Vor dem Hintergrund dieser ersten Traum‑Erzählung he­ben sich Fühmanns weitere Versuche besonders deutlich ab.

 

II. Eintritt in die Literatur: „22 Tage oder Die Hälfte des Lebens“ (1973)

1. Vorspiel: „Böhmen am Meer“ und „Das Judenauto“ (beide 1962)

Ende der fünfziger Jahre wendet sich Franz Fühmann der literarischen Aufarbeitung sei­ner Kindheits‑ und Jugenderinnerungen zu. Er folgt dabei dem Muster psychoanalyti­scher Persönlichkeitserforschung, die bekanntlich von der These ausgeht, daß in der Kindheit der Charakter eines Menschen seine wesentliche Prägung erfährt. Seine Prosa­arbeiten „Das Judenauto“ und „Böhmen am Meer“, die beide im Jahre 1962 veröffentlicht wurden, belegen deutlich Fühmanns frühe Beschäftigung mit der wissenschaftlichen Traumdeutung Sigmund Freuds, allerdings ist Fühmann zu dieser Zeit noch weit davon entfernt, sich offen zu psychoanalytischen Erkenntnissen zu bekennen (obgleich er schon 1957 auf die Mängel der marxistischen Auseinandersetzung mit psychoanalytischen Er­kenntnissen hingewiesen hat[20]) und psychoanalytische Ansätze in seinem Schreiben kon­sequent durchzuhalten. Noch lange Zeit klammerte er unliebsame Aspekte seiner Person, die sich über seine „Wandlung“ hinweg gehalten hatten (wie zum Beispiel einen starken Hang zur Selbstüberschätzung und zum Autoritätsgehorsam), aus seinem Schreiben aus und unterwirft seine Erinnerung (bzw. sein Gedächtnis) jenem dualistischen Weltbild, von dem schon anläßlich seines „Traum 1958“ die Rede war. Deutlich wird diese Schreib‑ und Denkhaltung besonders an den Kriegsgeschichten Fühmanns, die er, mit großem Erfolg, zwischen 1955 und 1966 veröffentlichte[21]. Bei gleichzeitig differenzier­ter Charakterisierung seiner Persona verfällt er in bezug auf deren moralische Identität in ein rigides Schwarz‑Weiß‑Denken, das den natürlichen Widersprüchen der Wirklichkeit nicht gerecht werden kann. Der Literaturhistoriker Peter Demetz nannte Fühmann daher einmal einen

Manichäer ohne Tod und Teufel, fühlend und denkend in gespannten Polaritäten und lange unwillens, das Relative, Halbe, Graue und Wiederholbare des Alltags zu sehen oder gar darüber zu schreiben. Es war immer alles auf die Spitze und zu schicksalsträchtigen Konfrontationen fortgetrieben (…)[22]

Die 1963 veröffentlichte Novelle „Böhmen am Meer“ enthält zwei (Tag‑)Träume, in de­nen sich früheste Erinnerungen Fühmanns widerspiegeln[23]; sie werden begleitet von ei­ner Reihe von Reflexionen zum Thema Erinnerung und Gedächtnis (wie Freud scheint auch Fühmann hier einen Unterschied zu machen). In der Geschichte, die ein Aussiedler­schicksal zum Gegenstand hat, unternimmt Fühmann den Versuch, noch in der DDR wei­terbestehende Probleme und „Widersprüche“ ‑ wie das Gefühl von Verlorenheit und Ein­samkeit vieler Vertriebener ‑ als Relikte der (nationalsozialistischen) Vergangenheit zu erklären. Damit werden zwar die Unstimmigkeiten der Gegenwart, die Fühmann Anfang der sechziger immer spürbarer wurden, zu Epiphänomenen vergangener Greuelzeiten herabgesetzt und nicht als sich täglich neu ergebende Mißstände verstanden; aber ande­rerseits ermöglicht diese Konstellation Fühmann die Rückbesinnung auf die tabuisierte Vergangenheit, von der er bis dahin lediglich die nationalsozialistische Soldatenzeit lite­rarisch bearbeitet hatte. So konnten sich zuerst nicht erkannte und bezweckte Langzeit­veränderungen vorbereiten, von denen es schon in der Novelle selbst Anzeichen gibt:

Ich habe mir oft schon über den Lauf meines Lebens Rechenschaft abgelegt, ich hatte darüber geschrieben und geglaubt, endgültig des Schlußstrich unter das letzte Kapitel gezogen zu haben; meine Reise an die See sollte diesen Schlußstrich noch besiegeln, aber nun hatte ich erfahren, daß es nicht in meinem Belieben lag, diesen Schlußstrich zu ziehen. Die Vergangenheit war noch nicht ver­gangen (…)[24]

Vorerst allerdings löste sich Fühmanns Schreiben nicht aus dem Bann, in dem schon seine erste Traumerzählung und die Kriegsgeschichten standen. In den beiden (Tag‑)Träumen in „Böhmen am Meer“ gibt es allerdings Elemente, die ‑ anders als die Traumsequenzen in „Traum 1958“ ‑ keine rationalistische Auflösung erfahren: Von dem Schicksal einer Aussiedlerin erschüttert, die der Erzähler durch Zufall während eines Fe­rienaufenthalts an der Ostsee kennenlernt, kommen Erinnerungen in sein Gedächtnis zu­rück, die mit dem Schicksal von Krieg, Vertreibung, Faschismus in unmittelbarem Zu­sammenhang stehen. Dabei erinnert er sich auch an seine eigene Kindheit, die er ‑wie die Aussiedlerin ‑ in Böhmen verbracht hat. Die Vergangenheit, die ihm wieder ins Ge­dächtnis kommt, liefert ihm die Antwort, warum sich die Aussiedlerin in ihrer neuen Heimat immer noch fremd fühlt: Sie wurde Opfer eines Gutsbesitzers, der sie erst sexuell mißbrauchte und dann teilnahmslos in einen Selbstmordversuch treiben ließ[25]; das Meer, an das sie umgesiedelt wurde, erinnert sie stets an den Versuch, sich zu ertränken. Über diese Gedächtnisspuren hinaus, die sich lückenlos ‑ und wie bei einem Kriminalfilm ‑ mit der bewußt wahrgenommenen Gegenwart decken, steigt aber auch eine Erinnerung an den Vater des Erzählers ins Gedächtnis, der ein fanatischer Nationalsozialist war und in entsprechenden (großbürgerlichen) Kreisen verkehrte. In zwei Tagträumen erscheint ihm die Gestalt des Vaters wieder vor Augen, doch als er ihn sieht, überkommt ihn ein Gefühl „rasender Angst“[26], denn der Vater gleicht viel eher einem todbringenden Sensenmann: „statt meines Vaters stand dort ein Mann mit einem schwarzen Umhang und einem schwarzen seidenen Barett auf dem Kopf und drehte einen Totenschädel in der Hand…[27]“. Hier drängen sich Gedächtnisspuren ins Bewußtsein, die über das unpersönliche Schreckenserlebnis der vergangenen Zeit hinaus auch Anzeichen unverarbeiteter Kind­heitsängste wiedergeben; diese erfahren im Gegensatz zu den übrigen Traumelementen keine rationalistische (positivistische) Auflösung, sondern harren einer tieferen Erklä­rung.

Lange Zeit opferte Fühmann einen Teil seiner Identität einem inneren wie äußeren An­spruch nach vollkommener Übereinstimmung mit dem neuen Staat, der neuen Heimat, in der er seit dem Kriege lebte. Gedächtnisspuren wie die Erinnerungen an seinen patriar­chalischen autoritären Vater, wurden von ihm ins Unbewußte verdrängt und konnten lange Zeit weder in sein Bewußtsein noch in sein Schreiben Einzug halten.

Diese Haltung wird auch in dem ebenfalls 1962 veröffentlichten Erzählzyklus „Das Ju­denauto“ deutlich, in dem Fühmann seine bisherige Lebensgeschichte als die angeblich „typische“ Biographie eines vom Nationalsozialismus verführten Kleinbürgers erzählt, der erst vom Sozialismus geläutert wird und in ihm seine eigentliche Heimat findet. Le­diglich die erste und titelgebende Erzählung des Bandes, in der sich Fühmann psycholo­gisierend mit den Wirkungsmustern von Rassismus und Antisemitismus auseinandersetzt, geht über eine rein politisch‑moralische Interpretation seines Lebens hinaus. Freilich steht diese „Erinnerungen“ in keinem grundsätzlichen Widerspruch zu Fühmanns damaliger politischer, moralischer und ideologischer Grundüberzeugung. In einer späten Nachbe­merkung zu „Das Judenauto“ übt Fühmann daher abermals Kritik an seiner damaligen Einstellung:

Das Endziel meiner literarischen Bemühungen wäre die Darstellung eines, von dem ich erfahren könnte, dieser sei ich. Ich werde sie wohl nie in dem Grade vollbrin­gen, in dem ich ihr Vollbringen wünsche wie fürchte: Nicht der äußere Zensor, der innere ist das Hauptproblem (…) Es ist ein programmiertes Erfahren: Man erlebt nachträglich als sein Ureigenstes, was man als künftig einmal zu machende Erfah­rung ideologisch vorweggenommen hat; seltsame Selbstbestätigung Eines, der noch gar nicht zu sich selbst gekom­men ist. Analoges dann in Erinnerungen: Man erinnert das, was einem wesentlich wurde, als erfahrenes Wesentliches, und man hat es ja auch erfahren, nur eben nicht unter solchem Aspekt[28].

Fühmann war „noch nicht zu sich selbst gekommen“, und sein Schreiben legte davon Zeugnis ab: Geklammert an weitgehend traditionelle Erzählhaltungen und ‑Formen (wie der Novelle) und an eine eindeutige Figurenkonstellation unterwarf er sich einem äußeren Identitätsanspruch, dessen Fesseln sich erst lockerten, als die DDR in ihrer moralischen Teilhaberschaft an der Niederschlagung des Prager‑Aufstandes endgültig ihr mühsam gewahrtes Gesicht verlor; Fühmann, der seinem Staat stets mit einem „großen Gefühl der Dankbarkeit[29]“ gegenübergetreten war, betrat neues Terrain ‑ sein „eigentlicher Eintritt in die Literatur[30]“, wie er einmal sagte.

2. „22 Tage oder Die Hälfte des Lebens“ (1973)

Mit dem 1973 veröffentlichten fingierten Tagebuch „22 Tage oder Die Hälfte des Le­bens“[31], das aus einer zwei Jahre zuvor unternommenen Reise nach Ungarn hervorge­gangen ist, gelingt Fühmann der Durchbruch zu einer für ihn neuen Art des Schreibens. In inhaltlicher wie formaler Hinsicht unterscheidet es sich wesentlich von allen früheren Arbeiten Fühmanns. Es ist der Versuch einer Bilanz, den Fühmann hier unternimmt, einer Standortbestimmung in literarischer wie persönlicher Hinsicht[32]. Zunächst sind es äußere Faktoren, die diese (Neu‑)Prüfung veranlassen: Der bevorstehende fünfzigste Geburtstag Fühmanns, die Reise in ein fremdes Land, die Rekonvaleszenz von der drei Jahre zuvor überstandenen Alkoholabhängigkeit, vielleicht auch die Vorboten eines erhofften literari­schen Frühling, den Erich Honnecker im Dezember 1971 verkündete und der aus einer Zeit „unerträglicher Verengung“[33], wie Fühmann einmal die Periode zwischen 1965 und 1970 in der DDR nannte, hinauszuführen versprach ‑ nicht zuletzt aber war dieser litera­rische Aufbruch der „22 Tage“ das Resultat einer dialektische Entwicklung, die Fühmann in intensiver Auseinandersetzung mit seinem Leben und seinem Werk, sowie beider Stellung in der sie umgebenden Gesellschaft, durchgemacht hat. Das Werk gestaltete sich als Folge dieser und anderer Faktoren in einer für Fühmann unvorhersehbaren Weise; nach jener langen Phase des „didaktischen Schreibens“ meldete sich die Literatur in ihrem eigengesetzlichen Anspruch zu Wort:

Mit den „22 Tagen“ habe ich zum erstenmal die Erfahrung gemacht, daß etwas, was ich schreiben wollte, mir mit eigenem Willen ge­genübertrat. (…) Ich entdeckte auf einmal, daß ich schrieb, um mir selbst etwas klar zu machen, vor allem in bezug auf meine Ver­gangenheit, die ich damals als völlig bewältigt ansah. Erst durch den Prozeß des Schreibens, im Schreiben, wurden mir Dinge pro­blematisch, die ich als Probleme bislang nicht gesehen, und ich kam über neue Verwirrung zu neuer Er­kenntnis, gewann auf erneut qualvolle Weise Einsichten, die mir heute geläufig sind, und erst hinterher habe ich begriffen, wo dies Buch mit mir überhaupt hin­ge­wollt hat. Dabei ist mir aufgegangen, daß es möglich ist, eine Literatur zu machen, die sehr viel weiter ist und auch sehr viel weiter bringt als meine frühere didakti­sche Literatur.[34]

Eine Literatur, die „sehr viel weiter ist und auch sehr viel weiter bringt“ gab es freilich bereits, wenn auch kaum in der DDR, in der man den Anschluß an moderne litera­tur‑ästhetische Entwicklungen seit langem weitgehend verloren hatte. Es waren im We­sten vertretene Autoren wie Franz Kafka, Gottfried Benn, Georg Trakl, James Joyce, Ludwig Wittgenstein, C.G. Jung, Sigmund Freud und auch Romantiker wie Jean Paul, Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann, die in der DDR weitgehend „verpönt“ waren und zu denen sich Fühmann explizit und implizit mit seinem ungarischen Reisetagebuch bekann­te. Fühmann hatte erkannt, daß die Abneigung besonders gegen die moderne, stark psy­choanalytisch beeinflußte Literatur zu den großen Versäumnissen der Literatur seines Landes zählte. Die Erkenntnisse Sigmund Freuds hatten schon früher, wie gezeigt, Ein­fluß auf sein Schreiben genommen; doch „22 Tage“ war in dieser und anderer Hinsicht der Durchbruch. Es sind diese unterschiedlichen Einflüsse, die dieses Buch zu jenem „mit bewunderungswürdiger Originalität und Intensität“ verfaßten vielschichtigen „Geflecht von sowohl konkret‑biographischen als auch allgemeinen sowie theoretischen Überle­gungen und Fragen“ machen, wie es der Österreicher Klemens Renoldner einmal aus­drückte[35].

Vor diesem Hintergrund ‑ der starke Einfluß psychoanalytischer Literatur auf Fühmann ‑ verwundert es nicht, daß in „22 Tage“ Träume neben einer Vielzahl von Reflexionen zu den Themen Erinnerung, Gedächtnis, Vergessen, Gewissen etc. eine wichtige Rolle spielen. Neun Traumnotate sind in diesen Text einmontiert, die zu diesem und unterein­ander in Bezug stehen[36]. Auffällig ist, daß sich die Träume mit „Vorliebe in geschlosse­nen, wenig einladenden Räumen abspielen“[37], wie Uwe Wittstock festgestellt hat. Wird aber dem Traumsymbol des Zimmers mit Sigmund Freud eine eindeutig sexuelle Bedeu­tung zugewiesen, so sind die Träume „im Zusammenhang des Reisetagebuches völlig isoliert, da in den sonstigen Notizen die Sexualität keine Rolle spielt“[38]; rückt man sie dagegen in den engeren Zusammenhang mit der vorhergehenden Textanalyse, so werden sie, nach der Meinung Wittstocks, „zumindest teilweise (..) ihrer Eigenständigkeit be­raubt, literarisch kommensurabel gemacht“ und man entferne sich zudem von der Freud­schen Traumdeutung[39]. Tatsächlich ist aber schon die Tatsache, daß einige der Notate auf weit frühere Traumniederschriften zurückgehen ‑ was Uwe Wittstock unbekannt ge­wesen zu sein scheint ‑ ein Argument dafür, daß ihre Stellung im Textganzen einer ge­nauen Planung, eben Montage unterliegt und sie so autonom, wie es Fühmann vorgibt, nicht sind. Auch Ingrid Prignitz schreibt in diesem Zusammenhang, daß diese Träume, von denen sie sechs in den Nachlaßband „Unter den PARANYAS“ aufgenommen hat, „ihre Wirkung als kontrastierende ‘Nachtstücke’ (…) nur an ihrem eigentlichen Platz zu entfalten“[40] vermögen, also in gewisser Abhängigkeit von dem Textzusammenhang ste­hen.

Die in Fühmanns Ungarn‑Tagebuch montierten Träume gehen nicht ‑ im Gegensatz zu seinen früheren Traumverarbeitungen ‑ vollständig im Textganzen auf, sondern tragen einen eigenständigen, schwer entschlüsselbaren Sinn, der aus den Tageserlebnissen und Fühmanns bekannter Lebensgeschichte immer wieder Anregungen erhält, aber durch sie keine völlige Aufklärung erfährt. Ihre Bedeutung liegt zu einem großen Teil im Bereich des Individuellen, Persönlichen und entfaltet ihre Wirkung weniger auf einer rationalen Ebene als auf einer emotionalen. Sie weisen allerdings einen unterschiedlichen Bearbei­tungsgrad auf und vereinigen in unterschiedlichem Verhältnis sowohl leicht erklärbare wie schwer verständliche Elemente.

Mit aller gebotenen Vorsicht lassen sich die Traumnotate dieses Buches als eine vieldeu­tige Parabel auf die Entwicklung von Fühmanns Auseinandersetzung mit dem Unbewuß­ten lesen. Begibt man sich versuchsweise auf dieses unsichere Terrain, so könnte den No­taten folgendes Muster unterlegt werden:

Der Traum vom „16.10.“ (29) brächte mit der Vatergestalt eine zentrale, von Fühmann vor langer Zeit ins Unbewußte verdrängte Figur seines Lebens wieder in sein (Traum‑)Bewußtsein. Der folgende Traum vom „18.10.“ (36) markierte dann den Schock, den das plötzliche Wiederauftauchen unerwarteter, verdrängter Unterbewußt­seinsinhalte verursachte: die Stücke Menschenfleisch im Ofen könnten als ein Hinweis auf Auschwitz gesehen werden, für das sich Fühmann mit verantwortlich fühlte[41]; der zweite Traum vom „18.10.“ (48) würde weniger in diesen Zusammenhang passen; dage­gen ließe sich der unter dem Datum des „23.10.“ (87) notierte Traum als ein Sinnbild für die Notwendigkeit von Fühmanns Auseinandersetzung mit der Last seiner Lebensge­schichte verstehen: Wie die beiden „Landsleute“, die sich von der scheinbar so gewöhnli­chen Last des Holzes auf ihrem Rücken nicht trennen können, so fühlt sich auch Fühmann selbst dazu verpflichtet, die ihm aufgegebene „Teilfunktion“ zu erfüllen; der anschließende Traum, vom „25.10.“ (109) kann in diesem Sinne als ein Gleichnis auf sein blindes Vertrauen angesehen werden, mit dem er lange Zeit seiner Gesellschaft und Au­toritäten allgemein gegenübergetreten ist, selbst als ihn Zweifel quälten: Im Traum wehrt er sich nicht gegen die lebensgefährliche Injektion, die ihm eine Krankenschwester verab­reicht, sondern glaubt entgegen seinem Instinkt den beruhigenden Worten der Schwester. Diese Stelle ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, wie Fühmann in dem Ungarn‑Buch die Traumnotate häufig unmittelbar aus dem notierten Alltagsgeschehen hervorgehen läßt: Zuvor hatte Fühmann darüber reflektiert, ob man Erfahrungen, Ethik „injizieren“, verab­reichen könne. Dergleichen war ja während seines Aufenthaltes im sowjetischen Umer­ziehungslager versucht worden. Seine Antwort ist klar: Sprache könne vielleicht Erfah­rungen vortäuschen, doch würde sie von den Handlungen überführt werden[42]. Der lange sechste Traum („27.10.“, 130‑134) faßte dann sinnbildlich Fühmann bisherige Auseinan­dersetzung mit seinem Unbewußten und seiner Identität insgesamt zusammen: Auf dem Weg nach Finn‑land, dem (noch) zu findenden Land, in dem er zu seiner unbewußten Identität genauso stehen kann wie zu seiner bewußten, stürzt er in vergessene Regionen seines Unbewußten ab, in denen er auf erschreckende, bedrohliche Weise mit verdräng­ten Bewußtseinsinhalten konfrontiert wird ‑ obwohl er sie verdrängen will, kommen sie immer wieder (wie der „GNOM“ im Kühlschrank) in sein Bewußtsein zurück; der Traum vom „29.10.“ (157) spiegelte ihm dann sein Gescheitertsein seines bisherigen Selbstver­ständnisses vor Augen: Ein Traum wie „ein geschlossenes, druckfertiges Stück, in Kam­bodscha spielend, grell schamlos, schrill, und mit triumphierend obszönem Hohn ein Ge­scheitertsein spiegelnd.“[43]; in dem achten und vorletzten Traum sind die ersten positive­ren Spuren seiner Auseinandersetzungen zu finden: Er spricht sich frei von dem Zwang, jeden Aspekt seines Lebens literarisch auszubeuten, sondern gesteht sich „ein Stück Le­ben (zu), das sich nicht in Tinte auflöst“, wie er in dem Ungarn‑Buch schreibt. Der letzte Traum nun, der neunte nach dieser Zählung, unter dem „3.11.“ (227) notiert, gäbe eine Warnung ab, den Prozeß der Auseinandersetzung mit dem Unbewußten als abgeschlos­sen anzusehen: Die beiden geschundenen Männer, die in dem Traum vorkommen, bilde­ten eine Parallele zum „Marsysas“‑Mythos, in dem Fühmanns unausgesetzte, qualvolle Selbstanalyse in dem Bild der Häutung des Silens durch Apollon zum Ausdruck kommt.

Bei derartigen Interpretationen ist gewiß Vorsicht angesagt, denn im Bereich der Traum­deutung, besonders wenn sie es mit Literatur‑Träumen zu tun hat, sind besonders für den Laien grobe Verständnisfehler leicht möglich; dennoch kann ein wichtiger Aspekt ausgedrückt worden sein, wenn man sich versuchsweise, wie oben geschehen, zu einem solchen Unternehmen hinreißen läßt.

Letztendlich ist es jedoch müßig, in den Traum‑Notaten einen bestimmten Sinn festma­chen zu wollen, der vielleicht sogar für den Autor selbst unklar gewesen ist. Die Wirkung der einzelnen Träume dürfte auf jeden Leser eine andere sein und geht im Idealfall mit der dem Bewußtsein verpflichteten Seite des Tagebuches eine interessante, ganzheitliche Symbiose ein, die den Leser als unmittelbar Betroffenen in das Geschriebene miteinbe­zieht. Fühmann hat diesen individuellen, wirklich unteilbaren Aspekt seines neuen Schreiben später wiederholt betont, so zum Beispiel in seinem 1982 gleichzeitig in Ost‑ und West‑Deutschland veröffentlichten großen Georg‑Trakl‑Essay „Der Sturz des En­gels“[44], in dem er Traum und Poesie in eins setzt und anläßlich einer „Dornenbogen“‑Metapher aus einem Gedicht Trakls schreibt:

Der Traum sieht ‑ oder besser: weiß, oder noch besser: hat vorrätig alle Gestalten in einer, eben dies ist ja die Traumgestalt zum Un­terschied von der realen, und der Träumer schaut eine durch die andere (…) Und analog verfährt das Gedicht. Die einem Zweiten letztlich sowieso unerschließbare Absicht seines Schöpfers stets übersteigend, kann es ähnlich jener besonderen Weise, in der ein Traum Bild, Ge­fühl, und Begriff mischt, alle Erfahrung des Lesers mit Dornenbogen beschwören, die körperhafte wie die ideelle, und dazu die Symbolik des Unbewußten, und die einer persönlichen Mythologie.[45]

Und weiter unten schreibt Fühmann:

Der Leser lern endlich begreifen, daß seine Betroffenheit seine Betroffenheit ist, und Betroffenheit von einer Dichtung, nicht von deren Übereinstimmung mit einer Regel oder einem Ideengehalt. (…) am Anfang steht das Betroffensein.[46]

Zusammenfassend läßt sich diese Abwendung vom didaktischen Schreiben hin zu einer Literatur der Betroffenheit, der Anerkennung des Rechts zum Persönlichen gegenüber dem Allgemeinen als eine wesentliche Entwicklung bezeichnen, die Fühmann mit seinem Ungarn‑Reisetagebuch durchmacht. Bei allem Neuen bleibt es aber doch ein Werk des Übergangs und des Durchbruchs, nicht der Vollendung, wie sich zum Beispiel in der un­entschiedenen Stellung der Träume zwischen Kontextabhängigkeit und Autonomie deut­lich zeigt. Jedoch legte Fühmann mit dem Buch lange Zeit verdrängte Aspekte seiner Persönlichkeit offen, woraus ihm ein neues Selbstbewußtsein erwuchs: Er hatte sich einer weitgehenden Entblößung durch Selbstkritik gestellt, der eine Kritik von anderer, öffent­licher Seite, der gegenüber er stets eine eher unterwürfige Haltung eingenommen hatte, kaum gleichkommen konnte. Das hielt ihm gegenüber ungerechtfertigten Angriffen den Rücken frei.

III. Auf der Suche nach einer Möglichkeit „reinen Erzählens“: „Dreizehn Träume“ (1983) und die Traumbuchfragmente

1. Abschied vom „operativen Schreiben“

Mit seinem ungarischen Reisetagebuch hatte sich Fühmann von seinem didaktischen Lite­raturbegriff endgültig verabschiedet; in Hinsicht auf sein „operatives“ Schreiben[47] fiel dieser Bruch weniger grundsätzlich aus. Von einer Verpflichtung gegenüber der Gesell­schaft konnte, bzw. wollte er den Schriftsteller nicht freisprechen. Noch 1971, also zur Zeit der Entstehung von „22 Tage“ insistierte er ‑ deutlich gegen aufkommende eigene Zweifel ansprechend ‑ in einer „Antwort auf eine Umfrage“ Butzbacher Schüler:

Ich möchte mit meiner literarischen Arbeit meiner Gesellschaft, das ist der soziali­stischen Gesellschaft, das ist auf deutschem Bo­den der Deutschen Demokratischen Republik, dienen; das Wort „dienen“ ist bewußt gewählt. Ich sehe die Literatur nicht als außer­gesellschaftlichen Bereich eines „freien Schriftstellers“ wie den eines „wahrhaft freien Schriftstellers“ für Kategorien einer Garten­laubenästhetik. Ich weiß, daß dieses „seiner Gesellschaft mit literarischen Mitteln dienen und dienen wollen“ wie jede gesellschaftli­che Erscheinung seine spezifische Problematik und seine spezifische innere Widersprüchlichkeit hat. Ich weiß, daß dieses Engage­ment ein Prozeß ist.[48]

Die Hinwendung zu einer weiterführenden Literatur, wie sie Fühmann seit den Arbeiten am Ungarn‑Buch anstrebte, setzte aber voraus, daß sich Fühmanns Schreiben von inne­ren und äußeren Ansprüchen der Gesellschaft weitgehend löste. Diese Schwelle hatte Fühmann 1973 erst ansatzweise überschritten. Das zeigt sich zum Beispiel an seinem Verständnis des Wortes von Gottfried Benn, der Schriftsteller solle seine „Teilfunktion“ erfüllen, auf das Fühmann in dem fiktiven Tagebuch wiederholt zurückkommt[49]. Er ver­steht es zuerst so, daß sich darin besonders eine gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung des Schriftstellers ausdrücke (so für ihn die Pflicht, den eigenen Wand­lungsgang literarisch für die Nachwelt zu dokumentieren); erst gegen Ende des Buches kommen ihm zunehmend Zweifel auf, ob sich dieser „operative“ Anspruch an die Litera­tur überhaupt mit seiner neuen Perspektive einer Literatur in „all ihren Möglichkeiten“ vereinbaren lasse, komme es doch bei dem gesellschaftlich fixierten Schreiben auf „Präzision der Übereinstimmung mit der Realität, auf Sachlichkeit, Faktentreue, plausible Wahrhaftigkeit“[50] an, Kategorien, mit denen jene andere Literatur sehr frei umgeht (man denke zum Beispiel an James Joyce). ‑ Erst einige Jahre, Ende der siebziger Jahre, gibt Fühmann in einem Gespräch mit Jacqueline Benker‑Grenz dem erwähnten Benn‑Wort eine neue Interpretation (übrigens weist er erst hier auf Benns Autorschaft hin): Jene Formel Benns stände „im Zeichen einer Spezialisierung und Arbeitsteilung, diesmal schon innerhalb der Literatur. Der Schriftsteller solle das Seine finden in dem, was er zur Lite­ratur beiträgt, sein Thema, seine Aussage, seine Erfahrung.“[51] In diesem Zusammenhang würde ihn ‑ den Schriftsteller und auch Fühmann selbst ‑ kein Publikum mehr interessie­ren. Fühmanns Vorstellung von dem „Ort“ des Schriftstellers in der Gesellschaft hatte sich in dem vergangenen Jahrzehnt offensichtlich wesentlich geändert: Stand noch ein knappes Jahrzehnt vorher das Bekenntnis zur Pflicht, zum Dienst des Schriftstellers an der Gesellschaft im Vordergrund von Fühmanns Betrachtung, so spricht er nunmehr le­diglich noch von dem „Engagement“ des Künstlers für die Gesellschaft[52]. Er weist die­sem also eine autonomere, eigengesetzlichere Rolle zu. Kritische Worte hat er nun auch übrig, wenn der Literatur „Dinge, die der Politik nicht gelingen, weil sie ihr gar nicht ge­lingen können“ zugewiesen werden, denn so werde die „Literatur in eine Rolle gedrängt, die sie nicht erfüllen kann“[53]. Darin problematisiert Fühmann auch den sozialistischen Kunstbegriff an sich. So kommt deutlich zum Ausdruck, daß „22 Tage“ ein Buch des Überganges war, eine Schwelle, die überschritten werden mußte, um zur „Literatur in ih­ren Möglichkeiten überhaupt“ oder zu einer „Möglichkeit reinen Erzählens“[54] zu gelan­gen[55].

Bei einer Besprechung seiner zukünftigen literarischen Projekte hatte Fühmann in den „22 Tagen“ neben dem „Mut zum Schiessenlassen der Phantasie“ und dem „Mut zum Ba­rocken“ ausdrücklich auch den „Mut zum Traum und Paradoxen“ als eine Möglichkeit zukünftigen Schaffens genannt[56]. Dies ist neben den Bemerkungen „Bescheidener: Ein Bändchen Träume“[57] und „Blick nachts auf Buda: Bergwerk der Träume“[58] der dritte Eintrag in dem Ungarn‑Reisetagebuch, der auf eine geplante Auseinandersetzung mit dem Traum als eigenständige literarische Form verweist. Diese Absage an die didaktische und operative Literatur korrespondiert, wie es Ingrid Prignitz ausgedrückt hat, mit Fühmanns

in den Essays der folgenden Jahre durchaus polemisch vorgetragenen Auffassung von der Literatur als Kunst im Medium Wort, die Modelle, Konzentrate von we­senhafter Menschheitserfahrung schafft und über Gleichnis und Symbol, in der Verschränkung von In­nen‑ und Außenwelt wirkt, dem Leser so die Bestätigung und Bewältigung seiner Existenzerfahrung als Akt der Selbstfindung ermög­li­chend.[59]

Fühmanns Auseinandersetzung mit dem Traum steht also seit den Arbeiten an dem Un­garn‑Buch mehr und mehr im Lichte des Bestrebens, den Traum zu einer eigenständigen literarischen Form zu entwickeln. Diese Beschäftigung muß als Teilaspekt seiner Hin­wendung zu „Modellen wesenhafter Menschheitserfahrung“ insgesamt gesehen werden; in seinem Interesse für das Dreigestrin Märchen‑Mythos‑Traum (und biblische Erzäh­lung) sind die verbindenden Grundlinien stets mitzudenken. Eine Darstellung dieser In­terdependenzen überstiege aber das Ausmaß dieser Arbeit und muß an andere Untersu­chungen verwiesen werden.

2. Die Traumbuch‑Fragmente (Chronologie)[60]

Schon im Mai 1973 übergab Fühmann ‑ nach ausgiebigen Vorarbeiten ‑ seinem Verlag ein erstes Traumbuchmanuskript mit dem Titel „Unter den PARANYAS“, das 21 Texte sowie einen Bauplan in Form eines Inhaltsverzeichnisses umfaßte. Erst ein Drittel der darin angekündigten Träume war zu der Zeit ausgeführt. Der Band sollte verschiedene literarische Formen vereinen: „fiktive“ und „authentische“ Träume ‑ Träume in Prosa er­zählt, logische Probleme in Traumform und Tagesereignisse in Terzinen. Der Verlag riet ihm jedoch von einer Veröffentlichung ab, weil die Literarisierung noch nicht ausrei­chend vollbracht gewesen sei[61]. Ingrid Prignitz hat 73 aus dem Umfeld dieses Projektes stam­mende Träume im neunten Band der Fühmann‑Werkausgabe versammelt.

Fühmann bemühte sich weiterhin um sein „Herzens‑ und Schmerzenskind“, wie er die Traumbuch‑Projekte wiederholt nannte. 1975 bot er dem Hinstorff Verlag einen neuen Erzählungenband an, der nach seinem wichtigsten Traum „Parna“ betitelt war. Er umfaß­te elf Träume ‑ darunter den „Traum von Marsyas“, den Fühmann später eine Erzählung umformte und den er schon in dem Ungarn‑Buch erwähnt hatte[62] ‑ sowie Träume aus dem ersten Traumbuch‑Entwurf und mehrere neue Träume. Weil aber Fühmann der Ti­teltraum mißlang, scheiterte auch dieses Projekt. Mehrere Erzählungen, die Bestandteil dieses Buches sein sollten (Fühmann hatte sich inzwischen von der Vorstellung gelöst, ein reines Träume‑Buch zu schaffen), gingen in größeren Erzählungen auf oder wurden separat veröffentlicht. Das gilt unter anderem für die Erzählungen „Drei nackte Männer“ (später in „Bagatelle, rundum Positiv“), „Die Ohnmacht“ (später in „Saiäns Fiktschen“), und „Die Gewitterblume“ (in die Werkausgabe aufgenommen).

Nachdem Fühmann 1976 zeitweilig erwogen hatte, für einen DDR‑Verlag eine groß an­gelegte Anthologie unter dem Titel „Traumdichtungen aus zwei Jahrtausenden“ zusam­menzustellen, wandte er sich erst wieder als Folge eines Anstoßes von außen seinem Traumbuch‑Projekt zu. Im Februar 1983 schlägt ihm der Verlag Edition Leipzig ein bi­bliophiles Traumbuch vor, für das Fühmann auch seine alten Traummanuskripte auf ver­wertbares Material durchsieht.

Durch die Arbeit für die Edition Leipzig angeregt, erlebte Fühmanns Plan eine Wiederbe­lebung: Er plante ein „Träumebuch anderer Art“, das auch „Essayistisches über seine Traumauffassung und Träume der Weltliteratur einbeziehen sollte“. Der Realisierung die­ses Vorhabens wollte er sich nach Beendigung seines „Bergwerk‑Projektes“ und einem längeren Essay über Sigmund Freud zuwenden. Dieses Vorhaben beschäftigte ihn bis in die letzten Wochen seines Lebens, wie seine kurz vor seinem Tod niedergeschriebenen Träume „Traum von Sigmund Freud“ und „Traum von der Arena“ belegen.

3. „Dreizehn Träume“

In Fühmanns 1982 gleichzeitig in der Bundesrepublik und der DDR veröffentlichtem Ge­org‑Trakl‑Essay „Der Sturz des Engels“ nehmen Überlegungen zur Literatur‑ und Kunst­theorie großen Raum ein. Über das Verhältnis von Traum und Dichtung schreibt Fühmann hier unter anderem:

Gedichte sind eine andere Art Träume, doch, während ein fremder Traum uns meist langweilt, wiewohl er den Träumer aufgewühlt hat (…), vermag das Gedicht eines Fremden uns so zu bewegen, daß wir, auch wenn es uns dunkel bleibt, es als unser Eigenes gewah­ren (…)[63] (Engel 106)

Folglich mußten sich Fühmanns Bedenken auch gegen die eigenen Traum‑Bearbeitungen richten, die überwiegend im Dunkel des Nur‑Persönlichen steckenblieben, ohne daß sie von einem Fremden als „sein Eigenstes“ gewahrt werden konnten: Die Auseinanderse­t­zung mit dem Traum war für Fühmann zunächst ein Notbehelf zur Verarbeitung eigener Probleme (im Zusammenhang mit seiner Wandlung und besonders seiner Alkoholabhän­gigkeit) gewesen, da die Psychoanalyse in seinem Land offiziell verpönt war, und diesen Hintergrund können seine Traumtexte nicht verbergen. Erst im Laufe dieser sehr persön­lich motivierten Auseinandersetzung war Fühmann auf den Gedanken gekommen, den Traum als eigenständige literarische Form zu behandeln. Das belegen auch die von ihm in den sechziger Jahren geführten Traum‑Tagebücher, die ursprünglich nicht zur Veröffent­lichung bestimmt waren, jedoch zur Grundlage seiner späteren Traumbuch‑Projekte wurden. Fühmann war aber zu sehr Schriftsteller, um es bei diesem Zustand zu belassen; so schreibt er im Februar 1983, zur gleichen Zeit, da er den Auftrag zu den „Dreizehn Träumen“ annahm, an seine Lektorin Ingrid Prignitz:

Hab mir jetzt wieder mal das alte Material durchgesehen; das Traummanuskript, das wir damals angefangen haben (bezieht sich wahrscheinlich auf „Parna“ aus dem Jahre 1975; OW), ist sicher mißglückt. Merkwürdig, ich finde die Form dafür nicht, oder nur ganz selten. Wahrscheinlich darf ich nicht versuchen, eine Geschichte zu erzählen, sondern muß ein Bild herausarbeiten.[64]

Seine neuesten Erkenntnisse über den Traum, die er teilweise schon in „Der Sturz des Engels“ niedergelgt hatte, besonders seine Einsichten in die Verwandtschaft von Traum und Dichtung, gingen in die für die Edition Leipzig begonnene Ausgabe mit ein. Fühmanns Ziel wurde es, das Nur‑Persönliche in den Träume zurückzudrängen zugun­sten der „spezifischen Atmosphäre, Logik und Symbolsprache des Traums“ (Wittstock)[65](Wittstock. „Nachrichten“), also jenes kollektiven Unterbewußtseins, an das Fühmann mit C.G.Jung glaubte[66]. So schrieb er im Anschluß an seine oben zitierten Überlegungen zum Verhältnis von Traum und Dichtung:

Diese merkwürdige Tatsache (das wir das Gedicht eines Fremden als unser Eigenes empfinden können; OW) aber muß doch besagen, daß das, was beim Dichter einer Wurzel entstammte, auch bei uns Lesern auf eine Wurzel verweist, die wir mit dem Dichter teilen, oder wir haben den Urgrund gemeinsam, der die seine wie die unse­re hervortrieb und speiste: kollektives Unterbewußtsein?[67]

Fühmann hatte sich schon Jahre zuvor ‑ in einem 1974 vor Studenten der Berliner Hum­boldt‑Universität gehaltenen Vortrag über „Das mythische Element in der Literatur“ ‑ of­fen zu den Erkenntnissen C.G. Jungs bekannt, freilich noch einige Zeit bevor er sie in Li­teratur umsetzte:

(…) ein jeder von uns trägt Mythen in sich, in jenem Raum, den der Schweizer Psy­chologe C.G. Jung das kollektive Unbewußte nennt und das er von einer Art My­thenkonzentrat durchwoben glaubt, vererbten Urtypen von Menschenhaltung, die, wenn sie in den Träu­men, in Phantasien, in Dichtungen, in Visionen ins Bewußtsein treten, dort als immer wiederkehrende, allen Völkern aus ihrer ge­meinsamen Weg­strecke vertraute Urgestalten erscheinen, als Archetypen (…) Ich kann mich der Überzeugungskraft dieser Theorie nur schwer entziehen, und wenn Robert Wei­mann in seiner „Literaturgeschichte und Mythologie“ auf eine sehr noble Weise sein Er­staunen darüber ausgedrückt hat, daß so viele Schriftsteller unserer Zeit sich zu dieser Archetypus‑Lehre bekennnen, so fühle ich mich durchaus in diese Zahl eingeschlossen.[68]

In den „Dreizehn Träumen“ spiegelt der „Traum von Moira“ Fühmanns neues, von der Idee des kollektiven Unbewußten und der Archetypenlehre Jungs beeinflußte Traumver­ständnis am deutlichsten wieder. Dieser Text ist gleichzeitig eine Reflexion über das Träumen selbst, besonders über die „Landschaft der Träume“, der Fühmann einen (unvollendet gebliebenen) Essay gewidmet hat.(Vergl. Unter den PARANYAS. 182‑184 und 186‑192/199) Diese Ebenenverschränkung macht den Traum von vornherein als lite­rarisches Werk deutlich, lädt zur intellektuellen Auseinandersetzung ein und betont die allgemeinen neben den persönlichen Aspekten. Einschübe im folgenden Text des Trau­mes ‑ wie ein Hinweis auf Shakespeares Macbeth ‑ dienen im wesentlichen dem gleichen Ziel.

In dem Traum erscheinen dem Träumer Gestalten, Formen, Begriffe, Symbole und mani­festierte Sensationen, die nach C.G. Jung archetypisch, also allen Menschen gemein sind[69]: Moira, eine der Schicksalsgöttinen, die in ein Tuch von unabsehbarem Ausmaß Urzeichen des menschlichen Lebens und Erlebens einstickt: „Das Siegel Liebe, das Siegel Haß; der Ahne, der Führer, die Feinde, die Freunde; das Dunkle, das Lichte; das Sigel des Glaubens“ (57). Daneben weitere Hinweise auf Ur‑ und Grundgegebenheiten des menschlichen Lebens: Die alten Sprachen, repräsentiert durch Chaldäisch und Hebräisch; Totem‑Zeichen; Stammesgeschichte; Föten, die „wie in der Gebärmutter eines Schick­sals, das mehr als das eines Einzelnen ist“ schweben; die Schicksalsgöttin mit einem Ge­sicht ohne Züge. Diese Elemente sind aus Situationen der gesamten historischen und vorhistorischen Menschengeschichte genommen, und so wie hier die Hexen aus Shake­speares Macbeth, mit denen Fühmann die Parze vergleicht, neben der Gestalt der griechi­schen Mythe stehen, so stehen allgemeinmenschliche Schicksale neben historisch beding­ten und neben persönlichen: Leben und Tod des Individuums, neben dem Schicksal eines Volkes (das Tuch, daß Moira bestickt, und das weit über das Land flutet, „als sei es zum Hemd für ein Volk bestimmt, mit all seinen Toten und Ungebornen“ [57]), das Schicksal eines Volkes neben dem besonderen Schicksal des Einzelnen: „Söhnchen“, sagt Moira zu dem Träumenden, „siehe das Sigel des Glaubens, man hat es dir zweimal abgetrennt, doch ein drittes Mal löst es sich nicht mehr!“, worauf das erzählende Ich sein eigenes „rohes, hautloses Fleisch“ sieht, über das sich das von Moira bestickte Tuch als „Gnade“ legt (58).

Fühmann findet in seinem „Traum von Moira“ zu einer Durchdringung der Ebenen des Persönlichen und Allgemeinmenschlichen, des Erzählerischen mit dem Reflexiven, dem Zeitgebundenen mit dem Überzeitlichen. Damit war er jener von ihm projizierten „Möglichkeit reinen Erzählens“ ein großes Stück näher gekommen. Auf jeden Fall zählte Fühmann selbst einige der „Dreizehn Träume“ „zum Besten“, was er in diesem Zusam­menhang geschrieben habe, denn sie seien nicht länger „Transportmittel“ sondern „Literatur“, wie er Ende Februar 1983 an Ingrid Prignitz schreibt(222).

Nicht alle der „Dreizehn Träume“ besitzen den gleichen hohen Grad von Verdichtung wie der „Traum von Moira“. So sind der „Traum von der Versammlung der Bäuche“ und der „Traum vom Feldzug der batavischen Pilze“ die den Untertitel „Aus dem logistischen Traumtagebuch“ tragen, kaum mehr als Träume zu erkennen, sondern erscheinen eher als spielerische Versuche, ein logisches Problem in unkonventioneller Form darzulegen; das sagt natürlich nichts über ihre Wirkung oder literarische Bedeutung aus: Fühmanns Le­sungen dieser Traumtexte trafen auf große Resonanz im Publikum, wie er in einem Brief vom 30.Juni 1983 an seine Lektorin schreibt (PARANYAS 224):

Du, hab ich Dir schon gesagt, daß die Träume ein Hit zum Vorlesen sind? Appläu­se auf offener Bühne, mittendrin, Lachen, Klat­schen, z.B. bei den Bäuchen ‑ und im Wassertheater[70] tiefes, tiefes Schweigen.

Besonders die Wirkung des genannten „Traum von der Versammlung der Bäuche“ er­staunt dabei nicht: Er läßt sich als ausgesprochen politische Parabel auf den Dogmatis­mus der Macht lesen, auf jene Haltung des „tertium non datur“, die Fühmann in seinem Lande zuletzt immer unangenehmer aufgestoßen ist. Und auch der „Traum vom Feldzug der batavischen Pilze“ enthält diese Dimension: Gerade mit seiner exotischen Bezug­nahme auf die Hauptstadt Indonesiens wird der Text allgemeingültig und erzählt die Ge­schichte einer listigen Verweigerung gegenüber der Macht, die den Erzähler (den Träu­menden) die Ahnung einer noch nie begegneten Gegen‑Macht eingibt.

Demgegenüber erscheint zum Beispiel der erste in der Sammlung enthaltene Text, Der „Traum von der Steppe“ geradezu als ein Gegenstück zu diesen „logistischen“ Träumen. Er gibt existentiellen Erfahrungen von Werden und Vergehen Ausdruck, also jenem Hin­tergrund, vor dem der Traum an sich steht. Eine rationalisierende Interpretation legt er kaum nahe.

Der „Traum von der Metamorphose“ nimmt eine Sonderstellung ein. Ihm ist ein hohes Maß an Bearbeitung anzumerken und er erinnert ‑ wie andere Träume Fühmanns ‑ stark an surrealistische Filmsequenzen (tatsächlich war Fühmann ein großer Verehrer Bunuels und der Traumbilder Henri Rousseaus, wie Ingrid Prignitz mitteilen kann (vergl. PARANYAS 226)). Der Traum beschreibt eine Verwandlung: Schwämme am Rücken einer Frau entfalten sich zu Flügeln, werden zu Lebern, während aus dem Rückgrat der Frau ein Ei wächst. Das Ei fällt zu Boden, ohne jemals aufzuschlagen, der Himmel wird grün und entläßt einen Kometen, der die Frau fortträgt, worauf der Träumende „in selt­samer Angst, die vom Tod, doch auch voll Erleichterung war“ (55) erwacht. Es handelt sich bei diesem Traum wahrscheinlich um einen Geburts‑ und Lebenstraum, darin dem Traum von der Steppe ähnlich und läßt sich in die Reihe der archetypischen Träume Fühmanns einreihen. Für die Verwandlung, die er wiedergibt, bedient er sich wortbezo­gener und symbolischer Assoziationen (wie diese Träume Fühmanns überhaupt reich an offenen und versteckten Wortspielen sind). So beinhaltet der Plural „Lebern“ das Wort „Leben“, der Singular „Schwamm“ das Wort „Scham“, also einen sexuell konnotierten Begriff. Auch der Komet, der „in ungeheurem Schwellen“ aus dem Himmel bricht und der „mit seinem Schweif den Raum“ (55) anfüllt und die Frau umhüllt und fortträgt, ist als Geschlechtssymbolik zu erkennen. ‑ Wegen der Deutlichkeit archetypischer Elemente zählte Fühmann diesen Traum zu seinen „schönsten Stücken“:

Ich habs auch hier gemerkt, was Archetypus bedeutet, ‑ ich habe z.B. bei dem Traum von den Metamorphosen des Frauenrückens zu­erst geglaubt, das alles lo­gisch machen zu müssen, daß also ein Todesengel draus entstand; und die erste ganz kurze Niederschrift des Ur‑Traums war bedrängend, und das andere gar ni­scht, bis ich draufkam, daß die SCHWÄMME und LEBERN entscheidend sind ‑ die hatte ich zuerst weggelassen. Dann war’s plötzlich da. Und es ist auch merk­würdig, wie ganz wenig aus den vielen vielen Träu­men es gibt, wo das Archetypi­sche so klar hervortritt ‑ in der Mehrzahl ists wahrscheinlich so verborgen, daß man es nicht erinnert hat, oder man hats für ein so unwichtiges Detail gehalten, das mans nicht notiert hat (…) (222. Brief vom 8.März 1983)

Vergleicht man die „Dreizehn Träume“ mit früheren Traumbearbeitungen Fühmanns, so ist auffällig, daß in ersteren die emotionale Seite des Menschen mehr Berücksichtigung findet. Viele der „Dreizehn Träume“ ‑ wie zum Beispiel der „Traum von Moira“ ‑ entziehen sich einer konkreten rationalen Auflösung und entsprechen darin Sigmund Freuds Erkenntnis, daß die meisten unserer Träume „mehr oder weniger verworren, fast immer fremdartig und unverständlich“ sind, wie es in dem oben (Kapitel II.1) wiederge­gebenen Passus Freuds heißt. Damit unterscheiden sich diese Traumbearbeitungen auch wesentlich von den Traumnotaten aus „22 Tage oder Die Hälfte des Lebens“, die, wie festgestellt, noch im engeren Zusammenhang mit dem Textganzen standen und von dort­her verstanden werden konnten.

 

 

C. Exkurs: Heinar Kipphardts „Traumprotokolle“ (1981)

I. Träume in der Literaturgeschichte

Die Literaturgeschichte kennt eine lange Tradition von Traummotiven und ‑szenen: Von den Helden‑ und Göttererzählungen der alten Griechen über die Geschichten der Bibel bis zum „Ulysses“ des James Joyce. Kaum ein Dichter, der sich nicht von Träumen inspi­rieren ließ. Dafür gibt es viele Gründe, herausgestellt wurde aber immer wieder die Nähe des Traumes zur Poesie. „Der Traum ist unwillkürliche Dichtkunst“, schreibt Jean Paul und zitiert damit Immanuel Kant und sinngemäß zahlreiche Denker und Dichter vor ihm[71]. Für seine „Meistersinger“ brachte Richard Wagner den Gedanken in einprägsame Verse:

 

Mein Freund, das grad’ ist Dichters Werk,

daß er sein Träumen deut’ und merk’.

Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn

wird ihm im Traume aufgetan:

all’ Dichtkunst und Poeterei

ist nichts als Wahrtraum‑Deuterei.[72]

 

Die Einsicht in die Nähe von Traum und Dichtung hat die Jahrhunderte überdauert, aber unser Verhältnis zum Traum ist komplizierter geworden. Die Traumtheorien Sigmund Freuds und anderer Psychoanalytiker haben traditionelle Traumvorstellungen zurückge­drängt: „Der Traum ist nicht mehr nur der Wink aus dem Jenseits oder das platte Abbild des Charakters im Wachzustand. Im Traum werden Abgründe des Grauens und der Ge­meinheit sichtbar, verborgene Sehnsüchte und Lüste.“[73] Das neue Traumverständnis ist schnell aus dem Bannkreis der psychoanalytischen Wissenschaft herausgetreten und in die Bildungssprache eingegangen: Terminologische Kunstworte wie Metapsychologie, das Unbewußte, der Aggressionstrieb und die Libido, Ich, Es und Über‑Ich, Traumarbeit und Traumanalyse sind zum festen Bestandteil des Alltagsbewußtsein geworden und von dort kaum mehr wegzudenken[74]. Der Schriftsteller, der sich mit dem Traum beschäftigt, wird damit vor schwierige Aufgaben gestellt: Er hat mit einem relativ hohen theoreti­schen Kenntnisstand seines Lesepublikums zu rechnen, das an die Literaturträume mit entsprechend großen Erwartungen herantreten wird. Ein unkritisches Schreiben „wie im Traum“[75] wird dabei in den meisten Fällen auf Ablehnung stoßen. Der Schriftsteller kommt deshalb an einer intensiven Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur nicht herum. Sein großes Problem, an dem schon manche Traumliteraturvorhaben ge­scheitert sind, wird die Vermittlung zwischen wissenschaftlichen und ästhetischen An­sprüchen. Die Lösungsmöglichkeiten sind dementsprechend vielfältig.

Heinar Kipphardt hat mit seinen 1981 veröffentlichten „Traumprotokollen“ einen gänz­lich anderen Lösungsweg des oben skizzierten Problems beschritten als Franz Fühmann mit seinen „Dreizehn Träumen“. Der folgende kurze Seitenblick auf die Traumbearbei­tungen Kipphardts kann dazu beitragen, den bisher gewonnenen Ergebnissen Kontur zu verleihen.

II. Heinar Kipphardts „Traumprotokolle“

Der Schriftsteller und Arzt für Psychiatrie Heinar Kipphardt (1922‑1982) hat sich schon früh mit Träumen auseinandergesetzt. In seinem Schauspiel „Die Nacht, in der der Chef geschlachtet wurde“ (1966) nutzt er einzelne Traumszenen, um das verdrängte Gefühls­leben des karikierten Kleinbürgers Oskar Bucksch bloßzustellen. Den Träumen gegen­über nimmt er dabei das Verhältnis „eines Psychoanalytikers zu den Träumen eines Pati­enten“[76] ein. In den fünfzehn Jahre später veröffentlichten „Traumprotokollen“ dagegen „wechselt Kipphardt die Seiten“: Er präsentiert nunmehr seine eigenen Träume, verzich­tet dabei auf eine Analyse, bearbeitet sie jedoch literarisch.[77]

In einem Vorwort zu der Sammlung konkretisiert er seine Herangehensweise an den Traum:

Bei meiner Auswahl der Traumprotokolle ließ ich beiseite, was den Bereich des Nur‑Persönlichen nicht überschritt, was unverständ­lich und was für mich selber reizlos war. Bei der Arbeit an den Traumnotaten aus der neu gewonnenen Distanz respektierte ich in je­dem Falle die wirkliche Traumarbeit und folgte den ursprüngli­chen Protokollen auch in den Einzelheiten, schönte und glättete sie nicht, brachte sie aber in eine lesbare, literarische Form. (…) Ich bin mit der Rohform etwa so umgegangen, wie ich beim Schreiben mit Erinnerungen umgehe.

Die Zurückdrängung des „Nur‑Persönlichen“ entspricht Kipphardts Literaturbegriff wie er in seinen Dokumentar‑Dramen „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ und „Bruder Eichmann“ zum Ausdruck kommt. Hier lassen sich auch die Anfänge seiner Ausein­ander­setzung mit dem Traum finden: Während der Arbeit an dem Schauspiel „MÄRZ, EIN KÜNSTLERLEBEN“ notierte er über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren seine Träume, um sie mit Zeugnissen aus der Psychiatrie zu vergleichen. Einzelne Sequenzen hielten Einzug in das Stück, der Großteil war jedoch nicht zur Veröffentlichung vorgese­hen: „Es war eine Art von intimer Materialsammlung zum Zwecke des genannten Ver­gleichs.“[78] So hegte er auch Zweifel, ob sich die Traumaufzeichnungen wegen ihres sehr persönlichen Charakters überhaupt zur Veröffentlichung eigneten. Erst nach längerem Zögern und Zureden von Freunden entschloß er sich zur Publikation.

Kipphardt interessierte die Nähe von psychotischer Produktivität zur Nähe des Traumes. Der ästhetische Charakter des Traumes steht im „MÄRZ“‑Stück und bei den „Traumprotokollen“ nicht im Vordergrund. Kipphardt betont den Gehalt der Träume, ihre Fähigkeit, Aussagen über die Wirklichkeit zu machen. Die Suche nach neuen Mög­lichkeiten des Erzählens war nicht das Ziel seiner literarischen Arbeit am Traum.

Kipphardts Buchtitel zitiert Wolfgang Bächler: Dessen „Traumprotokolle. Ein Nacht­buch“[79] erschienen 1972 und umfassen „literarisch kaum bearbeitete Aufzeichnungen von Kriegs‑ und Nachkriegserinnerungen, individuellen Ängsten und poli­tisch‑gesellschaftlichen Problembearbeitungen.“[80] Zu ihnen hat Martin Walser ein Nachwort verfaßt, in der er Bächlers Träumesammlung folgendermaßen charakterisiert:

Es gibt über den sogenannten Literaturbetrieb der letzten 20 Jahre kein realisti­scheres Buch als diese Sammlung aufgeschriebener Träume. (…) Überhaupt: es ist ein Auskunftsbuch. Eins über Schriftsteller. Eins über die Bedingungen, die einem Angst einjagen müssen. (…) Denn Bächler hat weder von der blauen Blume, noch von Zimmer und Zimmertüren geträumt, sondern von Stalin und von uns.[81]

In ähnlicher Weise ist Kipphardts Träumesammlung als ein Auskunftsbuch anzusehen. Wie Bächler enthält sich Kipphardt jeglicher Deutung, gibt nur hier und dort Hinweise auf die Umstände, unter denen der Traum entstand. Den Träumen sind Orts‑ und Da­tumsangaben beigegeben, Personennamen erscheinen nicht verschlüsselt, sondern werden ‑ in der Rowohlt‑Ausgabe Uwe Naumanns ‑ sogar mit Hilfe eines Glossars erklärt. Kipphardt bezieht den Traumgehalt stets unmittelbar auf die Wirklichkeit, seine Notate sind somit Versuche, Träume als eine Art „subversiven Spiegel des Unbewußten“[82] zu nutzen.

 

 

D. Zusammenfassung

Franz Fühmanns Auseinandersetzung mit dem Traum bildet einen wichtigen Strang in seinem langjährigen Streben nach neuen künstlerischen Möglichkeiten und nach kritischer Selbsterkenntnis; seine Traum‑Erzählungen und ‑Notate geben seinem sich wandelnden Selbstverständnis als Mensch und Künstler Ausdruck und sind dem sich im Bewußtsein abzeichnenden Wandlungsprozeß sogar häufig ein wichtiges Stück voraus. Der Vor­sprung des Geahnten vor dem Bewußten ist ohnehin ein Kennzeichen des gesamten Wandlungsprozesses Fühmanns.[83]

Franz Fühmanns Arbeit am Traum läßt sich ‑ eingedenk des größeren biographischen und werkinternen Zusammenhanges ‑ in drei Phasen einteilen:

In der ersten Phase, die bis in die sechziger Jahre hinein reicht, nutzt Fühmann den Traum lediglich als Reservoir poetischer Inspiration und als literarischen Verfremdungs­effekt. Die natürliche Logik des Traumes findet dabei kaum Berücksichtigung. Beispiel­haft für diese Stufe ist Fühmanns „Traum 1958“ aus dem Jahre 1959[84].

In die zweite Phase seiner Traumbeschäftigung tritt Fühmann Anfang der sechziger Jahre ein unter dem Einfluß psychoanalytischer Erkenntnisse, die er sich im Zuge seiner Aus­einandersetzung mit seiner bisherigen Lebensgeschichte, später besonders mit seiner Ju­gend aneignet; Werke wie „Das Judenauto“[85] und „Böhmen am Meer“[86] (beide 1962) sind für diese Phase charakteristisch. Obwohl Fühmanns Traumauffassung inzwischen komplexer geworden ist, unterwirft er sein Unterbewußtes weiterhin dem Diktat seines Bewußtseins und blendet Teilaspekte seiner Persönlichkeit ‑ wie einem stillen Unbehagen gegenüber seiner schnell vollzogenen Wandlung vom Nationalsozialisten zum Sozialisten ‑ aus seinem Schreiben aus. Eigene Prägungen, die über zeitgeschichtliche Betroffenheit hinausgehen, werden von Fühmanns Schreiben zu dieser Zeit nur bedingt zum Ausdruck gebracht.

Der Beginn der dritten Phase läßt sich mit etwa Ende der sechziger Jahre angeben, als Fühmann unter dem Einfluß des Prager‑Aufstandes zu einer neuen Offenheit gegenüber seiner Gesellschaft wie gegenüber sich selbst gelangt. Er überwindet in dieser Zeit auch eine lebensbedrohliche Alkoholabhängigkeit. In dem 1973 veröffentlichten Un­garn‑Reisebuch „22 Tage oder Die Hälfte des Lebens“[87], das aus einer zwei Jahre zuvor unternommenen Reise nach Budapest hervorgegangen ist, wagt er den Aufbruch zu einer neuen Art des Schreibens und der Kritik und stellt sich bislang unterdrückten Aspekten seiner Persönlichkeit, wie zum Beispiel einem tiefverwurzelten Hang zur Autoritätsgläu­bigkeit. In dem Buch nehmen Träume und Reflexionen zum Thema Erinnerung und Ge­dächtnis großen Raum ein, und erstmalig findet sich hier ein eindeutiges Bekenntnis zu den psychoanalytischen Theorien Sigmund Freuds.

Von der Traum‑Konzeption des Ungarn‑Reisebuches gelangt Fühmann zur Idee seiner „Traumbücher“, deren Planung er in dieser Zeit in Angriff nimmt und die überwiegend auf rund 500 in den sechziger Jahren niedergeschriebenen Traum‑Notaten basieren soll­ten. Sie sind als die Krone von Fühmanns Auseinandersetzung mit dem Traum anzuse­hen, auch wenn sie ‑ bis auf eine kleine Auswahl ‑ Fragment blieben. In ihnen gelingt es Fühmann, sowohl autobiographische wie zeitgeschichtliche Elemente, eindeutige und vieldeutige Züge des Mythischen, Märchenhaften, Religiösen und Urbildlichen (nicht zu­letzt unter dem Einfluß der Lehre C.G.Jungs) zu vereinen. Er gelangt so auf seinem Weg intensiver Selbsterforschung, trotz wiederholter Fehlschläge, zu einem gültigen, weitge­hend autonomen Schreiben, das seine literarische Trauerarbeit zu einem wichtigen Bei­trag zur neueren deutschen Literatur macht.

Im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Traumbearbeitungen zeigen sich Fühmanns späte Traumbuchprojekte als dezidiert künstlerische Unternehmungen. Anders als zum Beispiel bei Wolfgang Bächler und Heinar Kipphardt sind seine Traumnotate literarisch im hohen Maße bearbeitete Kleinkunstwerke, die über einen „Auskunftscharakter“ hin­aus eigenständige Bedeutung haben.

 

 

E. Bibliographie

Erfaßt sind lediglich zitierte oder im Zusammenhang dieser Arbeit besonders erwäh­nenswerte Werke in alphabetischer Folge . Vergleiche auch Kapitel I.2. „Zur Literatur­lage“ mit Fußnoten 3‑8 (unter anderem zur Werkbibliographie Fühmann).

I. Primärliteratur

Franz Fühmann: 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973.

Ders.: Bagatelle, rundum positiv. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973.

Ders.: Das Judenauto. 14 Tage aus 2 Jahrzehnten. Berlin 1962.

Ders.: Das Judenauto. Kabelkran und Blauer Peter. 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens. Rostock: Hinstorff, 1979.

Ders.: Den Katzenartigen wollten wir verbrennen. Ein Lesebuch. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Hans‑Jürgen Schmitt. München: dtv, 1988.

Ders.: Der Geliebte der Morgenröte. Frankfurt am Main: Fischer, 1982.

Ders.: Der Sturz des Engels. München: dtv, 1985. (Originaltitel: Vor Feuerschlünden. Nachdenken über Georg Trakls Gedicht“. Rostock: Hinstorff, 1987.)

Ders.: Erzählungen 1955‑1975. Rostock: Hinstorff, 1990 (4.Aufl.).

Ders.: Essays, Gespräche, Aufsätze: 1964‑1981. Rostock: Hinstorff, 1983.

Ders.: Unter den PARANYAS. Traum‑Erzählungen und ‑Notate. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ingrid Prignitz. Rostock: Hinstorff, 1988.

Ders.: Wandlung. Wahrheit. Würde. Aufsätze und Gespräche 1964‑1981. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985.

 

II. Sekundärliteratur

Anonym: Traumprotokolle von Heinar Kipphardt. In: Die Zeit vom 18. Juni 1982.

Wolfgang Bächler: Traumprotokolle. Ein Nachtbuch. München 1972.

Sigmund Freud: Meine Berührung mit Josef Popper‑Lynkeus. In: Über Träume und Traumdeutungen. Frankfurt am Main: Fischer, 1971.

Antonia Grunenberg: Träume und Fliegen. Neue Identitätsbilder in der Frauenliteratur der DDR. In: Jahrbuch zur Literatur in der DDR. Hrsg. Paul Gerhard Klussmann und Heinrich Mohr. Bonn: Bouvier, 1983. 157‑184.

Jürgen Habermas: Umgangssprache, Bildungssprache, Wissenschaftssprache (1977). In: Ders.: Die Moderne ‑ ein unvollendetes Projekt. Philosophisch‑politische Aufsätze 1977‑1990. Leipzig: Reclam, 1990.

C.G. Jung: Der Begriff des kollektiven Unbewußten. In: Ders.: Ges. Werke. Band 9/1: Die Archetypen und das kollektive Unbewußte. Olten und Freiburg im Breisgau: Walter, 1976. 54

Walter Karbach: Mit Vernunft zu rasen: Heinar Kipphardt. Studien zu seiner Ästhetik und zu seinem veröffentlichten und nachgelassenen Werk. (Diss.) Oberwesel am Rhein: Verlag Loreley‑Galerie Wilhelm Hermann, 1989.

Heinar Kipphardt: Traumprotokolle. In: Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Hrsg. v. Uwe Naumann. Unter Mitarbeit von Pia Kipphardt. Reinbek: Rowohlt, 1986.

Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kol­lektiven Verhaltens. Mit einem Nachwort der Autoren zur unveränderten Neuausgabe. München; Zürich: Pieper, 1986 (18. Aufl.; Erstausgabe: 1967)

Uwe Naumann: Nachwort zu Heinar Kipphardt: Traumprotokolle.

Fritz J. Raddatz: Zur deutschen Literatur der Zeit 1: Traditionen und Tendenzen. Ma­terialien zur Literatur der DDR. Reinbek: Rowohlt, 1987.

Klemens Renoldner: Ach Du Engel meines Vaterlandes! Die böhmische Kindheit ‑ auf den Wegen durch Österreich. In: Zwischen Erzählen und Schweigen. Ein Buch des Erin­nerns und Gedenkens. Franz Fühmann zum 65. Hrsg. von Horst Simon unter Mitarbeit von Barbara Richter. Rostock: Hinstorff, 1987.

Josef‑Hermann Sauter: Interview mit Franz Fühmann. WB 1971, Heft 1. 49.

Wilfried F. Schoeller: Franz Fühmann im Gespräch mit Wilfried F. Schoeller. In: F.F.: Den Katzenartigen wollten wir verbrennen. Ein Lesebuch. Hrsg. und mit einem Nach­wort versehen von Hans‑Jürgen Schmitt. München: dtv, 1988.

Irmgard Wagner: Franz Fühmann: Nachdenken über Literatur. Heidelberg: Winter, 1989 (Reihe Siegen; 86).

Richard Wagner: Dichtungen und Schriften. Jubiläumsausgabe in zehn Bänden. Hg. von Dieter Borchmeyer. Band 4: Tristan und Isolde, Die Meistersinger von Nürnberg, Parsifal. Frankfurt am Main: Insel, 1983.

Martin Walser: Über Traumprosa. In: Wolfgang Bächler: Traumprotokolle.

Zwischen Erzählen und Schweigen. Ein Buch des Erinnerns und Gedenkens. Franz Fühmann zum 65. Hrsg. v. Horst Simon unter Mitarbeit von Barbara Richter. Rostock 1987.

Uwe Wittstock: Franz Fühmann. München: Beck, 1988.

Ders.: Franz Fühmann: Der Kampf um die Erinnerung. Franz Fühmanns langer Weg zu sich selbst. In: Von der Stalinallee zum Prenzlauer Berg. Wege der DDR‑Literatur 1949‑1989. München: Pieper, 1989.

Ders.: Nachrichten aus einer entrückt‑verrückten Welt. Franz Fühmanns postum veröf­fentlichtes Traumbuch „Unter den PARANYAS“. In: F.A.Z. Literaturbeilage vom 4. Ok­tober 1988.

Ders.: Über die Fähigkeit zu trauern. Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fühmann. Frankfurt am Main: Athenäum, 1987. (Wittstocks 1986 an der Universität Köln vorgelegte Dissertation trug zunächst den Titel: Vom sozialistischen Realismus zur literarischen „Arbeit am Unbewußten“: Das Bild der Wandlung im Prosa­werk von Christa Wolf und Franz Fühmann.)

 

 

„Der Traum als literarische Form:

Franz Fühmanns Traum-Erzählungen und -Notate“

 

Seminararbeit für das Proseminar II „Erzählungen aus der DDR“ im Wintersemester 1989/90 an der Germanistischen Fakultät der Universität Tübingen. Leiter des Seminars: Dr. Jürgen Hauff. Vorgelegt von Oliver Wieters, Heuberger-Tor-Weg 15, App. 809, 7400 Tübingen, im Wintersemester 1990/91.

[1] Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. Mit einem Nachwort der Autoren zur unveränderten Neuausgabe. München; Zürich: Pieper, 1986 (18. Aufl.; Erstausgabe: 1967).

[2] Uwe Wittstock: Franz Fühmann. München: Beck, 1988. 53‑54.

[3] Uwe Wittstock: Über die Fähigkeit zu trauern. Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fühmann. Frankfurt am Main: Athenäum, 1987. (Diese 1986 an der Universität Köln vorgelegte Dissertation Wittstocks trug zunächst den Titel: Vom sozialistischen Realismus zur literarischen „Arbeit am Unbewußten“: Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fühmann.) Ders.: Franz Fühmann. München: Beck, 1988. Ders.: Franz Fühmann: Der Kampf um die Erinnerung. Franz Fühmanns langer Weg zu sich selbst. In: Von der Stalinallee zum Prenzlauer Berg. Wege der DDR‑Literatur 1949‑1989. München: Pieper, 1989. 35‑49.

[4] Irmgard Wagner: Franz Fühmann: Nachdenken über Literatur. Heidelberg: Winter, 1989 (Reihe Siegen; 86).

[5] F.F.: Unter den PARANYAS. Traum‑Erzählungen und ‑Notate. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ingrid Prignitz. Rostock: Hinstorff, 1988. 201‑227.

[6] Uwe Wittstock: Nachrichten aus einer entrückt‑vertrauten Welt. Franz Fühmanns postum veröffentlichtes Traumbuch „Unter den PARANYAS“. In: F.A.Z. Literaturbeilage vom 4.Oktober 1988.

[7] Uwe Wittstock: Über die Fähigkeit zu trauern. 200‑206. Ders.: Franz Fühmann. 94‑103.

[8] Zwischen Erzählen und Schweigen. Ein Buch des Erinnerns und Gedenkens. Franz Fühmann zum 65. Hrsg. v. Horst Simon unter Mitarbeit von Barbara Richter. Rostock 1987. 193‑223.

[9] F.F.: Unter den PARANYAS. 37‑66.

[10] Heinar Kipphardt: Traumprotokolle. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Hrsg. v. Uwe Naumann. Unter Mitarbeit von Pia Kipphardt. Reinbek: Rowohlt, 1986.

[11] F.F.: Unter den PARANYAS. 13‑26.

[12] Uwe Wittstock: Über die Fähigkeit zu trauern. 50.

[13] Sigmund Freud: Meine Berührung mit Josef Popper‑Lynkeus. In: Über Träume und Traumdeutungen. Frankfurt am Main: Fischer, 1971. 119.

[14] Vergl. u.a.: F.F.: Wandlung. Wahrheit. Würde. Aufsätze und Gespräche 1964‑1981. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985. 231: „Ich hatte also eine lehrhafte Absicht, und es wurde auch eine Literatur, die in einem didaktischen Sinn engagiert war“. Für Irmgard Wagner heißt didaktisches Schreiben „Schreiben als Ausführung eines ideologisch bestimmten Vorurteils“. Irmgard Wagner: Franz Fühmann. 83.

[15] Fritz J. Raddatz: Zur deutschen Literatur der Zeit 1: Traditionen und Tendenzen. Materialien zur Literatur der DDR. Reinbek: Rowohlt, 1987. 313.

[16] Ebda. 311.

[17] Ebda. 314.

[18] Zur Bedeutung des Marsyas‑Mythos für Fühmann vergl. Ingrid Prignitz in: Unter den PARANYAS. 204; Irmgard Wagner: Franz Fühmann. 90. Fühmanns Nacherzählung des Mythos, von dem schon in „22 Tage“ die Rede ist (ebda. 201; vergl. Anm. 4), findet sich u.a. in Der Geliebte der Morgenröte. Frankfurt am Main: Fischer, 1982. 57‑90.

[19] Josef‑Hermann Sauter: Interview mit Franz Fühmann. WB 1971, Heft 1. 49.

[20] In „Thesen über Fragen von Kunst und Literatur“ im Februar 1957. Vergl. Ingrid Prignitz in F.F.: Unter den PARANYAS. 205. Wie Fühmann in seinem Essay „Der Sturz des Engels“ mitteilt, wurde er schon damals, als er noch aktives Mitglied der NDPD war, von seinem Vorgesetzten eines „verkappten Freudianertums“ verdächtigt. F.F.: Der Sturz des Engels. München: dtv, 1982. 92.

[21] Es sind dies die Novellen: Kameraden (1955), Das Gottesgericht (1959), Die Schöpfung (1966), König Ödipus (1966). In dieser Reihenfolge abgedruckt in: F.F. Erzählungen 1955‑1975. 7‑217.

[22] Peter Demetz: Auf der Suche nach sich selber. Der schwere Weg des Franz Fühmann. In: Die Zeit vom 17.Sept.1976.

[23] F.F.: Erzählungen 1955‑1975. Rostock: Hinstorff, 1990 (4. Aufl.) 283‑318.

[24] Ebda. 306.

[25] Ebda. 314.

[26] Ebda. 294.

[27] Ebda.

[28] F.F.: Das Judenauto. Kabelkran und Blauer Peter. 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens. Rostock: Hinstorff, 1979. 517‑518.

[29] F.F.: Wandlung. Wahrheit. Würde. 227.

[30] Franz Fühmann im Gespräch mit Wilfried F. Schoeller. In: F.F.: Den Katzenartigen wollten wir verbrennen. Ein Lesebuch. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Hans‑Jürgen Schmitt. München: dtv, 1988. 283.

[31] F.F.: 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973.

[32] Ebda. 238: „Den Standort bestimmen, deinen Standort; da anfangen, wo es anfängt: bei dir“. Vergl. auch F.F.: Wandlung. Wahrheit. Würde. 228; ders.: Bagatelle, rundum positiv. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973. 108.

[33] F.F.: Essays, Gespräche, Aufsätze: 1964‑1981. Rostock: Hinstorff, 1983. ?

[34] F.F.: Wandlung. Wahrheit. Würde. 37.

[35] Klemens Renoldner: Ach Du Engel meines Vaterlandes! Die böhmische Kindheit ‑ auf den Wegen durch Österreich. In: Zwischen Erzählen und Schweigen. Ein Buch des Erinnerns und Gedenkens. Franz Fühmann zum 65. Hrsg. von Horst Simon unter Mitarbeit von Barbara Richter. Rostock: Hinstorff, 1987. 114.

[36] F.F.: 22 Tage. 141.

[37] Ebda.

[38] Ebda.

[39] Ebda.

[40] F.F.: Unter den PARANYAS. 210.

[41] Vergl. u.a. Fühmanns Bemerkung in dem Ungarn‑Buch: „Du hättest in Auschwitz vor der Gaskammer genau so funktioniert, wie du in Charkow oder Athen hinter deinem Fernschreiber funktioniert hast: Dazu warst du doch da, mein Freund“ (ebda. 207).

[42] Ebda. 106‑108.

[43] Ebda. 157. In gewisser Weise fällt dieses Traumnotat, bzw. seine Verwendung im Textzusammenhang hinter das von Fühmann bereits erreichte Niveau zurück: Eindeutig in seiner Bedeutung, bewußtseinsorientiert und soweit erkenntlich frei von sexuellen Konnotationen ähnelt es den bereinigten Traumsequenzen vom Typus „Traum 1958“. Fühmann Träume in den „22 Tagen“ sind eben auch als Dokumente gegenseitiger Beeinflussung und Veränderung von „Bewußtsein“ und „Unbewußtsein“ anzusehen. Der Autor verwendet sie bewußt als Gegen‑ oder „Nachtstücke“ zu den bewußtseinsorientierten Aufzeichnungen und Reflexionen.

[44] F.F.: Der Sturz des Engels. Erfahrungen mit Dichtung. München: dtv, 1985. Die DDR‑Ausgabe erschien 1982 unter dem Titel „Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg‑Trakls Gedicht“. Rostock: Hinstorff, 1982.

[45] Ebda. 24.

[46] Ebda. 109.

[47] Zum Begriff vergl. F.F.: Wandlung. Wahrheit. Würde. 232.

[48] F.F.: Wandlung. Wahrheit. Würde. 21.

[49] F.F.: 22 Tage. (u.a.: 22; 84 f.; 200; 210).

[50] Ebda. 200.

[51] F.F.: Wandlung. Wahrheit. Würde. 233.

[52] Vergl. u.a. ebda. 229.

[53] Ebda. 223 f.

[54] F.F.: Unter den PARANYAS. 214.

[55] Ebda. 221: „Die ’22 Tage‘ sind das Buch einer Übergangsperiode, da brach plötzlich etwas heraus, und in dem Schwall sind auch Formulierungen und Fragestellungen enthalten, die auf die unmittelbar zurückliegende Zeit bezogen sicherlich ihre Berechtigung haben, über die man aber hinwegkommen möchte. Was ich damals naiv als „Literatur sozialistischen Inhalts“ bezeichnet habe, ist mir vom Wesen her unterdessen problematisch geworden. Was ist das überhaupt? Ich bin mir nicht mehr so sicher.“

[56] F.F.: 22 Tage. 200.

[57] Ebda. 75.

[58] Ebda. 74.

[59] F.F.: Unter den PARANYAS. 215.

[60] Vergleiche zum Folgenden die Angaben bei Ingrid Prignitz in: F.F.: Unter den PARANYAS. 201‑227.

[61] Ebda. 212: „Die ihm (Fühmann; OW) eigene Neigung zur großen, geschlossenen Konstruktion erwies sich als verhängnisvoll: der Bogen war zu weit gespannt, schon das vorgelegte Drittel war von zu unterschiedlicher Qualität und blieb in vielen Stücken (…) unter dem selbstgesetzten Maß; die ‚Literarisierung‘, die verdichtende Ablösung von den Notat‑Vorlagen war meist nicht bewältigt. So blieb dieser erste Ansatz, im ganzen genommen, beim Erproben verschiedener Gestaltungsmöglichkeiten stehen.“

[62] Vergl. Anm. 22

[63] F.F.: Der Sturz des Engels. München: dtv, 1985. 106.

[64] F.F.: Unter den PARANYAS. 222.

[65] Uwe Wittstock: Nachrichten aus entrückt‑vertrauten Welt. Franz Fühmanns postum veröffentlichtes Traumbuch „Unter den PARANYAS“. In: F.A.Z. Literaturbeilage vom 4.Oktober 1988.

[66] C.G. Jung hat seine Idee des „kollektiven Unbewußten“ und den Begriff des „Archetypus“ wiederholt definiert. Einprägsam in C.G. Jung: Der Begriff des kollektiven Unbewußten. In: Ders.: Ges. Werke. Band 9/1: Die Archetypen und das kollektive Unbewußte. Olten und Freiburg im Breisgau: Walter, 1976. 54: „Das kollektive Unbewußte ist ein Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbewußten dadurch negativ unterschieden werden kann, daß er seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist. Während das persönliche Unbewußte wesentlich aus Inhalten besteht, die zu einer Zeit bewußt waren, aus dem Bewußtsein jedoch entschwunden sind, indem sie entweder vergessen oder verdrängt wurden, waren die Inhalte des kollektiven Unbewußten nie im Bewußtsein und wurden somit nie individuell erworben, sondern verdanken ihr Dasein ausschließlich der Vererbung.“

[67] F.F.: Der Sturz des Engels.

[68] F.F.: Wandlung. Wahrheit. Würde.

[69] Zur Definition des Archetypus vergl. C.G. Jung wie Anm. 6: „Der Begriff des Archetypus, der ein unumgängliches Korrelat zur Idee des kollektiven Unbewußten bildet, deutet das Vorhandensein bestimmter Formen in der Psyche an, die allgegenwärtig oder überall verbreitet sind.“

[70] Der „Traum vom Wassertheater“, später in die „Dreizehn Träume“ aufgenommen.

[71] Vergl. die Zitate bei Fühmann in: Unter den PARANYAS. 194 (Jean Paul) und 197 (Immanuel Kant).

[72] Richard Wagner: Dichtungen und Schriften. Jubiläumsausgabe in zehn Bänden. Hg. von Dieter Borchmeyer. Band 4: Tristan und Isolde, Die Meistersinger von Nürnberg, Parsifal. Frankfurt am Main: Insel, 1983. 180.

[73] Antonia Grunenberg: Träume und Fliegen. Neue Identitätsbilder in der Frauenliteratur der DDR. In: Jahrbuch zur Literatur in der DDR. Hrsg. Paul Gerhard Klussmann und Heinrich Mohr. Bonn: Bouvier, 1983. 157.

[74] Vergl. dazu Jürgen Habermas: Umgangssprache, Bildungssprache, Wissenschaftssprache (1977). In: Ders.: Die Moderne ‑ ein unvollendetes Projekt. Philosophisch‑politische Aufsätze 1977‑1990. Leipzig: Reclam, 1990. 21.

[75] Vergl. zum Beispiel Fühmanns „Traum 1958“!

[76] Walter Karbach: Mit Vernunft zu rasen: Heinar Kipphardt. Studien zu seiner Ästhetik und zu seinem veröffentlichten und nachgelassenen Werk. (Diss.) Oberwesel am Rhein: Verlag Loreley‑Galerie Wilhelm Hermann, 1989. 340.

[77] Ebda.

[78] Heinar Kipphardt: Traumprotokolle. 9

[79] Wolfgang Bächler: Traumprotokolle. Ein Nachtbuch. München 1972.

[80] Walter Karbach: Mit Vernunft zu rasen. 342.

[81] Martin Walser: Über Traumprosa. In: Wolfgang Bächler: Traumprotokolle. 125 f.

[82] Uwe Naumann: Nachwort zu Heinar Kipphardt: Traumprotokolle. 138.

[83] Vergl. dazu auch Fühmanns Äußerung in einem Interview mit Josef‑Hermann Sauter (WB 1/71). 33: „Es war ein seltsamer Vorgang: Ich war im Unbewußten viel weiter als im Bewußtsein. Nazideutschland stand auf der Höhe seiner Siege, aber in meinen Versen ging dauernd die Welt unter, alles verbrannte, alles verkohlte. ‑ Das Seltsamste aber war, daß ich diesen Widerspruch gar nicht empfand.“

[84] Franz Fühmann: Unter den PARANYAS. Traum‑Erzählungen und ‑Notate. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ingrid Prignitz. Rostock: Hinstorff, 1988. 13‑26.

[85] F.F.: Das Judenauto: 14 Tage aus 2 Jahrzehnten. Berlin 1962.

[86] F.F.: Erzählungen 1955‑1975. Rostock: Hinstorff, 1990 (4. Aufl.). 283‑318.

[87] F.F.: 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens. Frankfurt am Main, 1973.

 

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