Der deutsche Protestantismus und der Erste Weltkrieg. Rezension von Carl Hammer: Der deutsche Protestantismus und der Erste Weltkrieg (1989)

Von Oliver Wieters

Carl Hammer: Der deutsche Protestantismus und der Erste Weltkrieg. In: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte. Hrsg. vom Deutschen Historischen Institut in Paris (Institut Historique Allemand de Paris), Band 2, Zürich und München: Artetmis, 1973 (74?). S. 398-414.

„Das Jahr 1917 brachte auch für den Protestantismus einen tiefen Einschnitt. Staatsreformen waren nötig, um die Massen zu halten. Der deutsche Protestantismus ist über diese Frage gleichermaßen zerklüftet worden wie das deutsche Volk.“ (S. 399)

Diese Sätze formulieren die systematische Ausgangsposition von Karl Hammer in seiner aufschlussreichen Abhandlung „Der deutsche Protestantismus und der Erste Weltkrieg.“ Untersucht wird die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für den deutschen Protestantismus (und nicht andersherum). Dabei liegt der Schwerpunkt des Interesses auf einer Darstellung des kirchlichen Neubaus, der mit dem Zusammenbruch des alten Obrigkeitsstaates möglich wurde (S. 411, oben).

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges traf den deutschen Protestantismus bekanntlich in einer tiefen Krise an, die nicht zuletzt Ausdruck der zwischen Kirche, weiten Schichten des Bürgertums und des Proletariats bestehenden Entfremdung war. Das Schicksal der Kirche, die „trotz mancherlei Alarmzeichen“ (S. 399) keine Überprüfung ihrer Stellung im öffentlichen Leben wagte, war traditionell mit dem Ergehen der gesamten obrigkeitsstaatlichen Ordnung verbunden, so dass das „überwältigende Erlebnis der nationalen Einigkeit“ im Jahre 1914, das von Anfang an „Züge einer religiösen Erweckung“ (S. 399) trug, in der Kirche Hoffnung auf eine durch das Kriegserlebnis bewirkte christliche Erneuerung des Volkes hervorrief.

Die protestantischen Kirchen teilten in der Folge das Schicksal des deutschen Volkes: Unter dem Eindruck der nackten Kriegswirklichkeit verflogen bald nationale Hochstimmung und religiöse Weihestimmung, „die Welle religiöser Neubelebung flutete zurück“ (S. 400). Dennoch, und das ist das fatale, änderten die Kirchen nicht ihren einmal eingeschlagenen national-religiösen Kurs, der ihnen anfangs so vielversprechend schien. Daher traf die entscheidende Wende des Ersten Weltkrieges, im Jahre 1917, die Kirchen nicht minder hart als den gesamten Wilhelminischen Staat. Die Fragen der Kriegsziele und des Friedensschlusses lösten beträchtliche innerkirchliche Auseinandersetzungen aus. Der Streit zwischen Kirche und kirchlich distanziertem („Freien“) Protestantismus kulminierte zu einem Zeitpunkt, als der gesamte Staat durch Streikbewegungen und Unruhen ins Schwanken geriet. Einzelne Reformbemühungen in der beinahe durchweg konservativen Kirche hatten zu dieser Zeit nur unbedeutende Wirkung. Schwer wog die Angst der Kirche vor der Revolution, was die Reformbereitschaft verständlicherweise nicht erhöhte.

Die Revolution fand einen überwiegend unvorbereiteten deutschen Protestantismus vor, der auf die unverhofften Ereignisse untätig, beinahe mit „Resignation“ reagierte (S. 403). Durch den engen Zusammenhang zwischen kirchlichem und staatlichen Schicksal („erst jetzt wurde sichtbar, dass die Kirche dem alten Staat nicht nur organisatorisch, sondern auch innerlichst zutiefst verbunden war“ (S. 403)), stellte sich die Frage, ob „die Monarchie die Kirche mit in den Abgrund reißen“ würde (S. 403). Die Kirche wurde gezwungen, ihre Lage und Aufgabe neu zu überdenken. Die Jahre ab Kriegsende und Revolution bis in die erste Zeit der Weimarer Republik hinein sind gekennzeichnet durch das Ringen zwischen Kirche und demokratischen Staat um eine Neubestimmung der kirchlichen Stellung in der Gesellschaft.

Bestimmt durch traditionelle marxistische Vorstellungen, war die Einstellung der neuen Machthaber gegenüber der Kirche grundsätzlich misstrauisch oder gar offen feindlich (S. S.405). Leitprogramm der neuen Regierung, in dieser Problematik besonders durch den „Volksbeauftragten“ im Kultusministerium, Adolf Hoffmann, gekennzeichnet, war die Trennung von Kirche und Staat und die Neubestimmung der Kirche als „private Vereinigung“ (S. 405). Unter Hoffmanns Einflussnahmen die staatlichen Übergriffe gegen die Kirche mehr und mehr Oberhand, was verständlicherweise den erbitterten Protest der Kirche hervorrief, der nicht ohne erfolgreiche Resonanz in Presse und Öffentlichkeit blieb. Die von kirchlicher Seite gefürchtete Person des als „notorischer Gegner des Christentums“ (S. 404) geltenden Adolf Hoffmann mag zu diesem Umschwung das Ihre beigetragen haben.

Die gesellschaftlich-politische Entwicklung der neuen Republik ließ keinen Zweifel an einer Scheidung von Kirche und Staat aufkommen, aber der Neubau der protestantischen Kirche erwies sich als schwierig. Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche war nicht möglich, da diese an der Untrennbarkeit von Kirche und Staat festhielt (S. 406). Ein besonderes Problem war die Frage, wer die Nachfolge des landesherrlichen Kirchenregimentes übernehmen solle. Die Frage sollte, trotz einiger Übergangslösungen, von den zukünftigen National- und Landesversammlungen gelöst werden. Ein eigenes parteipolitisches Engagement der protestantischen Kirche fand jedoch nicht statt, sie versuchte aber auf die restaurativen Parteien Einfluss zu nehmen.

Wider früherem Erwarten war die Weimarer Verfassung für die protestantische Kirche nicht ungünstig, „die wohlerworbenen Rechte und geschichtlichen Verdienste der evangelischen Kirchen wurden nicht außer acht gelassen und von einer Kaltstellung oder gar Vernichtung von Religion und Kirche war keine Rede“ (S. 409). Der Staat klärte sein Verhältnis zur Kirche, indem er ihr die Rechte einer „Körperschaft des öffentlichen Rechtes“ verlieh; Eigentum, Selbstverwaltung (wenn auch keineswegs Selbstständigkeit) blieben ihr erhalten. Auch im Streit um die Schulfrage gab es nach längerer Auseinandersetzung eine Regelung, die den religiösen Schulunterricht weiter ermöglichte, wenn auch unter der Bedingung der Freiwilligkeit der Teilnahme und der Trennung nach Konfessionen.

Nachdem das Verhältnis Staat/Kirche rechtlich geregelt war, wandte sich die Kirche der Neuordnung ihres internen Aufbaus zu. Eine den neuen gesellschaftlichen Bedingungen angemesse Demokratisierung der Kirche wurde versucht (Urwahlen), welche den Sieg konservativer Kräfte brachte. Wichtig ist die Einführung des Frauenrechtes als Teil dieses Prozesses.

Die tiefe Beunruhigung über eine Trennung der Kirche vom Staat, so Karl Hammer, hatte das Bedürfnis nach Kontakt unter den zahlreichen protestantischen Landeskirchen geweckt. Bis in die zwanziger Jahre hinein beherrschte die Diskussion über die Schaffung einer gesamtdeutschen evangelischen Kirche das protestantische Kirchenleben. Vorhergehende Versuche dieser Art, die sich stets mit dem Bedürfnis nach größerer Freiheit vom Staat verbanden, scheiterten an dem partikularistischen und bekenntnismäßigen Widerstand einzelner Landeskirchen (S. S.411). So war es auch ein mehr „aus der Not der Zeit“ geborenes Ereignis, als sich im Jahre 1922 die 28 deutschen evangelischen Landeskirchen zum „Deutschen Evangelischen Kirchenbund“ zusammenschlossen (wobei ihre Selbständigkeit in Bekenntnis, Verfassung und Verwaltung unbeschadet blieb) (S. S.413). Ein zeitgeschichtliches Ereignis ersten Ranges.

Ein letzter Ausblick Karl Hammers gilt der Kirchenentwicklung bis 1933. Es wird auf die ungelösten Spannungen zwischen Weimarer Staat und evangelischer Kirche hingewiesen, die nicht zuletzt durch die ungelöste soziale Versorgung der Pfarrer perpetuiert wurde. Auch daher der Hang vieler Kleriker jener Zeit, ihre Gegenwart „im Lichte von 1806“ zusehen, als die Kirche wesentlichen Anteil an der nationalen Selbstfindung des Volkes hatte. In weiten christlichen Kreisen wurde die nationale Aufgabe als christliche Gewissenspflicht deklariert. – Eine Haltung, die, wie Karl Hammer am Ende seiner Untersuchung andeutet, nicht zuletzt zu den großen Irrtümern der Kirche im Bezug auf ihr Verhalten gegenüber dem Faschismus führte.

Tübingen 1989

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