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Ian McEwan: Anmerkungen zur Novelle. Übersetzt von Oliver Wieters (2012)

Aus dem Englischen von Oliver Wieters

Hamburg 2012

Cover Sweet Tooth von Ian McEwan (2012)
„Sweet Tooth“ von Ian McEwan (2012)

Als ein Charakter meines kürzlich veröffentlichten Buchs “Sweet Tooth” sein kurzes Erstlingswerk veröffentlicht, stellt er fest, dass einige Kritiker so tun als habe er etwas Unmännliches oder Unlauteres getan. Auch ich habe das erlebt. Eine Novelle? Vielleicht fehlt es Dir an der nötigen Schöpfungskraft? Ist die Schrift nicht ein wenig zu groß, stehen die Zeilen nicht zu weit auseinander? Vielleicht versuchst Du sogar, minderwertige Waren an den Mann zu bringen und ein gutgläubiges Publikum zu täuschen?

Komponisten, auch solche erster Güte, haben sich noch nie mit Problemen der Skalierung auseinandersetzen müssen. Wer würde auch die Bedeutung von Beethovens Klaviersonaten und Streichquartetten oder von Schuberts Liedern in Frage stellen? Einige wie ich mögen sie sogar lieber als die Symphonien dieser beiden Männer. Wer könnte sein Herz vor dem innigen Drama von Mozarts Trio in g-Moll verschließen oder sich nicht in den Goldberg-Variationen verlieren, wer würde nicht in Ehrfurcht erstarren, wenn die Chaconne in d-Moll auf einer einsamen Geige gespielt wird?

Seltsamerweise erregt eine Short Story nicht den Verdacht, den Leser über den Tisch zu ziehen, wahrscheinlich weil ihre Form so fundamental anders ist als die des Romans.

Die Novelle ist die
perfekte Form 
der Prosa

Ich glaube, dass die Novelle die perfekte Form der Prosa verkörpert. Sie ist die schöne Tochter eines umherstreunenden, aufgeblähten, unrasierten Riesen (wenn auch eines Riesen, der zu seinen besten Zeiten ein Genie ist). Und dieses Kind ist das Mittel, durch das viele Menschen unsere größten Schriftsteller überhaupt erst kennen lernen. Viele Leser entdecken Thomas Mann durch “Der Tod in Venedig”, Henry James durch “Die Drehung der Schraube”, Kafka durch “Die Verwandlung”, Joseph Conrad durch “Das Herz der Dunkelheit”, Albert Camus durch “Der Fremde”. Ich könnte so weitermachen. Voltaire, Tolstoi, Joyce, Solschenizyn. Und Orwell, Steinbeck, Pynchon. Und Melville, Lawrence, Munro. Eine lange und ruhmreiche Tradition. Ich könnte sogar noch weiter gehen: Die ökonomischen Erfordernisse drängen die Autoren dazu, ihre Sätze hinsichtlich Präzision und Klarheit aufzupolieren, ihre Effekte mit außergewöhnlicher Intensität einzusetzen, sich auf den zentralen Aspekt ihrer Schöpfung zu konzentrieren, ihn mit einer funktionalen Zielstrebigkeit vorwärts zu treiben und mit einem Sinn für seine Einheit zu Ende zu bringen. Sie schwafeln und predigen nicht, sie verschonen uns mit verfünffachten Nebenhandlungen und aufgeblasenen Mittelteilen.

Neben wir zum Beispiel als einen willkürlichen Maßstab einen Text, der zwischen zwanzig und vierzig Tausend Wörtern lang ist. Lang genug, damit der Leser eine Welt oder ein Bewusstsein bewohnen und davon gefangen genommen werden kann, kurz genug, um in einer oder zwei Sitzungen gelesen zu werden und um die gesamte Struktur bei der ersten Begegnung im Kopf zu behalten – die Architektur der Novelle gehört zu ihren unmittelbaren Freuden. Wie oft liest man einen langen zeitgenössischen Roman und denkt sich, widerstrebend, dass er besser funktioniert hätte, wenn er nur halb oder nur ein Drittel so lang gewesen wäre. Ich vermute, dass viele Romanschriftsteller nachdem sie ein Jahr lang gearbeitet haben sechzig Tausend Wörter verbuchen und (vielleicht erschöpft) glauben, dass sie erst die Hälfte des Weges hinter sich haben. Das macht sie zu Sklaven des Riesen statt zu Meistern der Form.

Die Novelle ist die moderne und
post-moderne Form par excellence

Vor einer Novelle zu sitzen ist als ob man ein Theaterstück oder einen längeren Film sieht. Tatsächlich gibt es eine große Ähnlichkeit zwischen einem Drehbuch (das ungefähr zwanzig Tausend Wörter lang ist) und einer Novelle. Beide unterwerfen sich dem selben nützlichen ökonomischen Zwang: Der Raum für Nebenhandlungen ist begrenzt (allenfalls zwei), die Charaktere werden mit wenigen Strichen eingeführt, erhalten aber genug Raum, um zu leben und zu atmen, und die Hauptidee, auch wenn sie sich verborgen hält, übt stets ihre Anziehung aus. Die Analogie mit dem Film oder dem Theater erinnert daran, dass die Novelle Elemente einer Theateraufführung besitzt. Wir sind uns stärker bewusst, dass da ein Vorhang, eine Bühne ist und der Autor in seiner Rolle als Zauberer auftritt. Blitz und Donner, Kaninchen und Zylinder finden bewusster ihre Anwendung als dies in einem langen Roman der Fall ist. Die Novelle ist die moderne und post-moderne Form par excellence. Conrads Beitrag zur Tradition ist dafür typisch. Er beginnt mit einem hervorragenden Kunstgriff: Dem “leuchtenden Raum” (“luminous space”). Während Marlow und seine Freunde in einer Yacht sitzen, die in in der Abenddämmerung in der Themsemündung vor Anker liegt, macht er sich bereit, seine Geschichte zu erzählen. Während das Licht langsam schwächer wird, wird uns der Begriff der Dunkelheit vor Augen geführt und ungefähr hundert Seiten lang unerbittlich verfolgt.

“Das Herz der Finsternis” gehört nicht zu meinen Lieblingsnovellen. Conrad bleibt hinter seiner eigenen Vorgabe (im berühmten Vorwort zu “Der Nigger von der ‘Narcissus’”) zurück, “uns sehen zu lassen” was sich im Innern dieses Herzens befindet. Aber die Anfangsseiten, der Rahmen, haben eine bewusste Anmut, welche der Form zur Ehre gereicht.

Es gibt keinen
perfekten Roman

Ein Gedicht und die Short Story sind theoretisch vervollkommnungsfähig, aber ich bezweifle, dass es so etwas wie einen perfekten Roman überhaupt gibt, selbst wenn wir uns darauf einigen könnten, was einen guten Satz ausmacht. Der Roman ist zu weitläufig, schließt zu viel ein, ist zu widerspenstig und zu persönlich, um perfekt zu sein. Er ist zu lang, manchmal zu sehr wie das Leben selbst. Er braucht keine Perfektion und erhebt keinen Anspruch darauf, perfekt zu sein. „Großartige“ Romane sind keine perfekten Romane. „Anna Karenina“ lässt sich verbessern, indem man die unbeholfene Beschreibung der Schirmmütze des Stationsvorstehers abändert, was ein oft diskutiertes Beispiel ist. Auch möchte ich jedes Mal den Korrekturstift an Emma Bovarys überlangen Todeskampf ansetzen (der bei mir den Verdacht aufkommen lässt, dass Flaubert wegen ihr in Tränen ausgebrochen ist), aber ich würde niemals die Großartigkeit des Romans anzweifeln.

Hingegen könnte ich mir zumindest vorstellen, was eine perfekte Novelle ist. Oder, genauer gesagt, dass sie sich der Perfektion annähert wie eine Asymptote in der analytischen Geometrie. Ich glaube nicht, dass die Novellen, die mir besonders viel bedeuten (unter anderem Edith Whartons „Ethan Frome“, Tobias Wolffs „Der Kasernendieb“ und Italo Calvinos „Der Tag eines Wahlhelfers“), perfekt sind, ebenso wenig wie es meine ältesten Freunde sind. Aber dank der polierten, intakten, in sich selbst geschlossenen Qualität, die diese Texte mit allen guten Novellen teilen, bewegen sie sich auf Perfektion zu. Bereits die notwendige Autorität der Eingangsseiten lässt diesen ästhetischen Ehrgeiz erkennen.

Die fast perfekte Novelle:
James Joyce „Die Toten“

Die großartigste Novelle überhaupt ist Joyces „Die Toten“. Die einfache, zweigeteilte Struktur (eine Party, ein Hotelzimmer) evoziert ein gesellschaftliches Milieu (mal anständig, mal zerrissen) mit außerordentlicher Warmherzigkeit. Alles scheint sich in Echtzeit abzuspielen, der Tanz und Gesang auf der jährlichen Dinnerparty der Tante, die Spannungen zwischen den Familienmitgliedern, die bissigen Bemerkungen über nationale Identität. Daran schließt sich an, wie sich Gabriel und Gretta in ihrem Hotelzimmer umziehen, das stumme Drama seiner enttäuschten Glut, ihre unter die Haut gehende traurige Offenbarung über einen Jungen, der sie einmal geliebt hat und gestorben ist. Schließlich Gabriels letzte, schlaftrunkene, beschämte Gedanken, die von den Erinnerungen an den heiteren Abend ausgelöst wurden, über seine eigene Lieblosigkeit und über Sterblichkeit. Diese Passagen gehören zu dem besten, was je innerhalb dieses Kanons geschrieben wurde. Ich würde den Schluss von „Die Toten“ jederzeit gegen fünfzehn Seiten aus dem „Ulysses“ eintauschen. Der junge Joyce hat sich hier selbst übertroffen. Ich stelle mir manchmal vor, dass mich auf meinem Totenbett berühmte Sätze aus dieser Novelle hinüber begleiten werden:

„Ich glaube, er ist für mich gestorben“, „einer nach dem anderen wurden sie alle zu Schatten“, „die Zeit war für ihn gekommen, seine Reise gen Westen anzutreten“, der Schnee „fiel sacht in die dunklen aufrührerischen Wellen des Shannon“, „während er den Schnee still durch das All fallen hörte, und still fiel er, der Herabkunft ihrer letzten Stunde gleich, auf alle Lebenden und Toten“.

Man kann sich ein schlechteres Ende vorstellen.

Ich bin mir sicher, dass es – vom genialen Talent eines Joyce einmal abgesehen – die besonderen Anforderungen der Novelle waren, die dem  Schriftsteller die Pflicht auferlegen, nach Einheit und Perfektion zu streben und die ihn auf diese Weise dazu angetrieben haben, einen der schönsten Höhepunkte englischer Sprache zu formen.

 

Das Original erschien in The New Yorker, 29. Oktober 2012: http://www.newyorker.com/online/blogs/books/2012/10/some-notes-on-the-novella.html


Weiterführende Links von OW

Maxim Vengerov playing Chaconne from partita in D by Bach

 

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