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Der Traum als literarische Form: Franz Fühmanns Traum-Erzählungen und -Notate (1990)

Untersuchung von Oliver Wieters

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Einleitung

I. Fragestellung und Zielsetzung

Gedenktafel für Franz Fühmann an seinem Wohnhaus Strausberger Platz 1 in Berlin-Friedrichshain (c) O. Wieters, 2009

Die Auseinandersetzung mit dem Traum als literarische Form nimmt im OEuvre des 1984 verstorbenen DDR-Schriftstellers Franz Fühmann eine herausgehobene Stellung ein. In ihr findet sein lebenslanger Wandlungsprozeß – von der Selbst-Kritik an seiner nationalsozialistischen Jugend ausgehend – charakteristischen Ausdruck. Fühmanns Beschäftigung mit dem Traum trägt einerseits die Kennzeichen einer psychoanalytisch unterstützten Selbsttherapie, die ihm Lebenskrisen zu meistern half, verweist andererseits aber auch auf den Traum als einer Quelle poetischer Inspiration, von der sich Fühmann, besonders in seiner letzten Schaffenszeit Möglichkeiten neuen Erzählens erhoffte. Vor dem Hintergrund dieser Dialektik von Zeitgeschehen, Autobiographie und künstlerischem Werk haben sich die Träume Fühmanns zu einem wichtigen Beitrage zur deutschen Gegenwartsliteratur entwickelt. Diese Untersuchung widmet sich ihnen.

Die Stationen von Fühmanns Traumbeschäftigung sollen als Ausdruck seines Wandlungsprozeßes insgesamt nachgezeichnet werden. Damit ist dieser Aufsatz auch ein Beitrag zu der von Uwe Wittstock bei Franz Fühmann (und Christa Wolf) nachgewiesenen ,,Fähigkeit zu trauern“1, die Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 in ihrem ,,bis heute viel zitierten, aber offenbar wenig gelesenen Buch über `Die Unfähigkeit zu trauern′ als die wesentliche Forderung einer wirkungsvollen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beschrieben haben.“2

II. Zur Literaturlage

Die Sekundär-Literatur zum Thema dieser Arbeit ist noch recht spärlich. Die Studien Uwe Wittstocks3 zum Leben und Werk Franz Fühmanns, die sämtlich auf Wittstocks 1987 veröffentlichter Dissertation aufbauen, betonen in erster Linie das psychoanalytische Element in Fühmanns Auseinandersetzung mit dem Unbewußten und sind zudem zu einer Zeit verfaßt worden (zwischen 1986 und 1988), als der Nachlaß Fühmanns erst in Ansätzen gelichtet war. Die Traumbuchfragmente Fühmanns (1988 veröffentlicht) dürften Wittstock – abgesehen von den ,,Dreizehn Träumen“ – nicht bekannt gewesen sein. In der Studie von Irmgard Wagner4 dagegen, ,,Franz Fühmann: Nachdenken über Literatur“, 1989 veröffentlicht, überwiegt die Herausarbeitung von Fühmanns Literaturtheorie und nimmt Fühmanns Beschäftigung mit dem Traum eine untergeordnete Rolle ein. Der wichtigste Beitrag zum Thema stammt von Ingrid Prignitz5, die seit dem Tode Kurt Batts (1975) Fühmanns Lektorin beim Hinstorff Verlag in Rostock war. In ihrem ,,Nachwort“ zu dem von ihr 1988 veröffentlichten Nachlaßband Fühmanns – ,,Unter den PARANYAS: Traum-Erzählungen und -Notate“ – kann Prignitz auf eine Reihe unveröffentlichter Briefwechsel und Gespräche zwischen ihr und dem Autor zurückgreifen, mit deren Hilfe sie ein genaue Rekonstruktion von Fühmanns Traumbuchplänen vornimmt. Ihre Arbeit ist daher für diese Untersuchung von großem Wert. Darüber hinaus ist zu dem Nachlaßband in der F.A.Z. vom 4.Oktober 1988 eine Rezension von Uwe Wittstock erschienen6.Eine allgemeine Bibliographie zur Sekundärliteratur, auf die bei der Erstellung dieser Arbeit zurückgegriffen wurde, findet sich bei Uwe Wittstock7; sie ist, was die westdeutsche Forschungsliteratur betrifft, umfassender und insgesamt genauer als die zum 65. Geburtstag Franz Fühmanns veröffentlichte Bibliographie des Hinstorff Verlages8.

III. Aufbau der Untersuchung

Drei Stationen von Fühmanns ,,literarischer Traumarbeit“ sollen in dieser Arbeit nachgezeichnet und untersucht werden: Angefangen mit Fühmanns 1959 veröffentlichter Traumerzählung ,,Traum 1958″, die kennzeichnend ist für Fühmanns ,,didaktisches Schreiben“ jener Zeit, über die Novelle ,,Böhmen am Meer“ und den Erzählzyklus ,,Das Judenauto“ (beide 1962), die ein Übergangsstadium markieren und über das Ungarn-Buch ,,22 Tage oder Die Hälfte des Lebens“ (1973), Fühmanns Durchbruch zu größerer stilistischer und persönlicher Freiheit, bis zu seinen späteren Traumbuchprojekten, repräsentativ ausgewählt mit der seit 1983 entstandenen Sammlung ,,Dreizehn Träume“9, der einzigen gültigen, weil von ihm selbst für den Druck autorisierten Edition von Träumen aus dem Umfeld seiner Traumbuchprojekte.
Anschließend sollen die gewonnenen Ergebnisse durch einen kurzen Seitenblick auf die wesentlich anders gelagerten ,,Traumprotokolle“ Heinar Kipphardts10 aus dem Jahre 1981 konturiert werden. Den Schluß bildet eine Zusammenfassung mit dem Versuch, die Stellung von Fühmanns ,,Träumen“ in seinem OEuvre zu skizzieren.

[…]

1 Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. Mit einem Nachwort der Autoren zur unveränderten Neuausgabe. München; Zürich: Pieper, 1986 (18. Aufl.; Erstausgabe: 1967).

2 Uwe Wittstock: Franz Fühmann. München: Beck, 1988. 53-54.

3 Uwe Wittstock: Über die Fähigkeit zu trauern. Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fühmann. Frankfurt am Main: Athenäum, 1987. (Diese 1986 an der Universität Köln vorgelegte Dissertation Wittstocks trug zunächst den Titel: Vom sozialistischen Realismus zur literarischen „Arbeit am Unbewußten“: Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fühmann.) Ders.: Franz Fühmann. München: Beck, 1988. Ders.: Franz Fühmann: Der Kampf um die Erinnerung. Franz Fühmanns langer Weg zu sich selbst. In: Von der Stalinallee zum Prenzlauer Berg. Wege der DDR-Literatur 1949-1989. München: Pieper, 1989. 35-49.

4 Irmgard Wagner: Franz Fühmann: Nachdenken über Literatur. Heidelberg: Winter, 1989 (Reihe Siegen; 86).

5 F.F.: Unter den PARANYAS. Traum-Erzählungen und -Notate. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ingrid Prignitz. Rostock: Hinstorff, 1988. 201-227.

6 Uwe Wittstock: Nachrichten aus einer entrückt-vertrauten Welt. Franz Fühmanns postum veröffentlichtes Traumbuch „Unter den PARANYAS“. In: F.A.Z. Literaturbeilage vom 4.Oktober 1988.

7 Uwe Wittstock: Über die Fähigkeit zu trauern. 200-206. Ders.: Franz Fühmann. 94-103.

8 Zwischen Erzählen und Schweigen. Ein Buch des Erinnerns und Gedenkens. Franz Fühmann zum 65. Hrsg. v. Horst Simon unter Mitarbeit von Barbara Richter. Rostock 1987. 193-223.

9 F.F.: Unter den PARANYAS. 37-66.

10 Heinar Kipphardt: Traumprotokolle. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Hrsg. v. Uwe Naumann. Unter Mitarbeit von Pia Kipphardt. Reinbek: Rowohlt, 1986.

Abschrift der Beurteilung:

Ihre kenntnisreiche, von argumentativer Transparenz ausgezeichnete Arbeit zeugt nicht nur von Ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Träumen und Dichten, sondern auch von Ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Evolution des Fühmannschen _uvres. Die Entwicklungsstufen der zunehmenden inneren Akzeptanz seiner Träume lassen sich ja korrelieren mit Entwicklungsphasen der DDR-Ideologie: trotz XX. Parteitag der Bitterfelder Weg und die instrumentelle Funktion der Literaturproduktion; dann nach dem XXII. Pt. (Herbst 61′) die kurze Liberalisierungsphase (partielle Rezeption der lit. Moderne, Kafka-Konferenz, Freud-Rezeption; nach dem August `68 die Breschnew-Doktrin und nach der Ablösung Ulbrichts im Herbst `71 das Honeckersche Diktum: für Kunst + Lit. Wegfall der (?). Dieser historische Kontext ermöglicht die 22 Tage, die Entdeckung des autonomen oder authentischen Schreibens, und trotz Biermann-Ausbürgerung wird dieser Weg weiter verfolgt, event. sogar mit radikaler Entschiedenheit (vg. Sturz… und 13 Träume). Ihre Textbetrachtungen verdeutlichen und begründen mit ihrer Problemorientierten Interpretationsarbeit Ihre Arbeitsthese, daß Modus und Qualität der literarischen Traumarbeit gleichsam als Indikator und Katalysator der Wandlung, der existientiellen Neuorientierung und Selbstfindung Fühmanns anzusehen sind, wobei Träumen und Schreiben diesen Erkenntnis- und Individuationsprozeß gleichsam vorantreiben.

In ihrer selbstauferlegten quantitativen Begrenzung eine vorzügliche Studie!“

Sehr gut (1)

[Dr. Jürgen Hauff, Akademischer Oberrat Universität Tübingen]