Bachs Sturmfrisur: Ein Buch über die DDR-Kindheit des „Prinzen“ -Sängers Sebastian Krumbiegel (für NDR, 2005)

Von Oliver Wieters

Peter Krumbiegel / Clemens Prokop, “Jauchzet frohlocket: Du musst kein Schwein sein. Von Bach, den Prinzen und einer Leipziger Musikerfamilie“, mit einem Vorwort von Sebastian Krumbiegel, Kassel: Bärenreiter-Verlag 2004, ISBN 3-7618-1735-5, ca. EUR 14,95, Erscheinungsdatum März 2004.

Musste man als Bewohner der DDR ein Held sein, um nicht in das Mühlwerk der Stasi zu geraten? Sebastian Krumbiegel gibt darauf eine eher verdrießliche Antwort: Wenn es darauf ankam, mussten er und seine Mitbürger meistens feststellen, dass „auch wir keine Helden waren“. Dass man dennoch auch unter der Diktatur anständig bleiben konnte, kleidet der Vater des „Prinzen“-Sängers Sebastian in einen ins Gegenteil gewendeten Liedtitel seines Sohnes: „Du musst kein Schwein sein in dieser Welt“.

Mit drolligen Ohrwürmern wie „Ich wär so gerne Millionär“, „Küssen verboten“ oder „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“ sind die „Prinzen“ seit Anfang der 90er Jahre zu einer der erfolgreichsten „Boybands“ im wiedervereinigten Deutschland aufgestiegen. Doch ihre Wurzeln liegen in der DDR. Damals hieß die Band noch „Herzbuben“. Der Gründer und Sänger der Musikergruppe, Sebastian Krumbiegel, ist, was nur Fans wissen, der Spross einer klassischen Musikerfamilie aus Leipzig. über dieses weniger bekannte Kapitel hat jetzt Vater Peter Krumbiegel in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Clemens Prokop ein schmales Büchlein verfasst, das neben persönlichen Einblicken ins Leben seiner Familie auch Aufschlussreiches über den diffizilen Alltag unter einer Diktatur vermittelt. Was ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für die Familie Kinder gedacht war, hat sich auf diese Weise zu einem lehrreichen Stück Zeitgeschichte entwickelt.

Ohne Pathos, aber mit unverkennbarem Stolz berichtet der schmale Aufsatz von „Bach, den Prinzen und einer Leipziger Musikerfamilie“. Angefangen mit Sebastians Großmutter Philine Fischer, einer gefeierten Primadonna, die auf den Bühnen Europas große Erfolge feierte und ihre privilegierte Stellung in der DDR mit Westreisen, eigener Haushälterin und großzügiger Wohnung mit verblüffender Selbstverständlichkeit hinnahm. An ihr mussten sich die anderen musikalischen Krumbiegels messen lassen, auch Sebastian, der rebellische „Prinz“, der den Titel des Buches auf seine Art interpretiert: „Musikalisch leben bei uns Johann Sebastian Bach und Udo Lindenberg in friedlicher Koexistenz.“

Von beiden hat der wegen seiner unübersehbaren Vorliebe für gutes Essen „Murmel“ genannte Sänger viel gelernt: Sein musikalisches Talent reifte im Bach-Chor der Thomaner, während sich seine rebellische Ader schon früh an westlichen Pop-Größen wie Udo Lindenberg voll saugte, der nach der Wende zu seinem Mentor wurde.

Doch den Fixpunkt im Generationen-übergreifenden Dialog der Krumbiegels und ihrer Johann Sebastian Bach-verrückten Heimatstadt Leipzig bilden die Thomaner. Beide Söhne, Sebastian als auch sein älterer Bruder Martin durchliefen diese harte Schule – wenn auch mit höchst unterschiedlichem Ergebnis: Während Sebastian zeitweilig aus dem Chor ausgeschlossen wurde, weil er während einer Aufführung laut feixte, und somit der Weg frei wurde für seine U-Musik-Karriere, ist Martin der Klassik treu geblieben und hat heute sogar mehr CD-Einspielungen vorzuweisen als sein Pop-Bruder Sebastian.

Die Thomaner waren aber auch in politischer Hinsicht wegweisend: Stolz behauptet Vater Krumbiegel, dass weder Nationalsozialismus noch DDR-Sozialismus die „logische Ordnung“ des liebevoll „der Kasten“ genannten Alumnats zerstören konnten. Zeitweilig sollte die altehrwürdige Institution in einen FDJ-Chor umgeformt werden. Aber dank geschickten Taktierens der Chorleiter blieb der „Kasten“ in den Augen seiner Mitglieder das, was er für sie immer gewesen war: „Eine Insel in jedem Fall, für manche sogar ein kleines Paradies.“ (25) Für Vater Krumbiegel, heute Professor für Chemie, war das gemeinsame Singen eine Möglichkeit, es mit der „manchmal unwirtlichen DDR-Wirklichkeit“ aufzunehmen. Im Gegensatz zu seiner privilegierten Schwiegermutter, die dem einzigen Nichtmusiker in der Familie mit verletzender Distanz gegenübertrat, bekam er jedoch die Härten der DDR-Regierung am eigenen Leibe zu spüren: Als so genanntes „Kapitalistenkind“ – sein Vater war Inhaber einer kleinen Lohnfärberei – entzog ihm der Staat jegliche Unterstützung. Im Leipziger Universitätschor, in dem er seine spätere Frau kennen lernte, pflegte er seine Liebe zur Musica Sacra und genoss für kurze Zeit ideologische Frischluft: „Die Sänger verband eine gemeinsame ethische und gesellschaftliche Grundhaltung – und damit eine politisch kritische, wenn nicht sogar ausgesprochen distanzierte Position zum real existierenden Sozialismus der DDR. Das durfte natürlich nie laut und womöglich gar offiziell geäußert werden.“ (12) Zum einschneidenden Erlebnis wurde für ihn und viele andere Leipziger der Abriss der Leipziger Universitätskirche am 31. Mai 1968. Damit verlor nicht nur der Universitätschor seinen geistigen und geistlichen Mittelpunkt. Die Proteste entwickelten sich zur „unnachgiebigsten Auflehnung der Leipziger Bevölkerung zwischen dem 7. Juni 1953 und den Montagsdemonstrationen im Jahr 1989“. In der Folgezeit geriet auch Peter Krumbiegel ins politische Getriebe und verlor seine Festanstellung in der Forschung. Später sollte er einer der ersten Akademiker sein, die an den Montagsdemonstrationen teilnahmen. Nach der Wende musste er betroffen feststellen, dass auch der „Kasten“ keine Insel war wie er immer geglaubt hatte: Der Thomaskantor hatte mit der Stasi zusammengearbeitet und wurde fristlos entlassen. So ganz unzerstörbar war also der „Kasten“ doch nicht gewesen.

Ohnehin gibt es auch in dem von christlicher Gesinnung geprägtem „Paradies“ strenge Regeln, die es peinlichst zu beachten galt: Das hohe Niveau des Chors ist das Resultat von ungefähr 600 harten Probestunden jährlich, dazu kommen weit über 100 Auftritte. „Es erstaunte uns immer wieder, wie viele Strapazen ein zehn- bis vierzehn-jähriges Kind aushalten kann“, so der stolze Herr Papa. Andererseits genossen die Thomaner schon in jungen Jahren das unschätzbare Privileg der Auslandsreisen, wenngleich die Bundesrepublik ausgespart wurde. Auf die erste Begegnung mit den „deutschsprachigen Ausländern“ wurden die Jungs akribisch vorbereitet. Sie lernten Vokabeln wie „Fassade“ und bekamen den goldenen Merksatz mit auf den Weg: „Der Schein trügt“. Den Knaben wurde eingetrichtert, dass es den Westdeutschen so richtig schlecht gehe. Für die Kinder war das andere Deutschland wie ein Märchenreich. „Wir haben nie vergessen, wie unsere Tochter Susanne einmal nach der Gutenachtgeschichte den Besuch aus dem Westen bat: ‚Und jetzt sag mal was auf West‘“?, erinnert sich Peter Krumbiegel.

Die beiden Brüder konnten sich bald eine eigene Meinung über den Westen bilden. Auf einer Japanreise konnte sich Sebastian davon überzeugen, was es heißt, ein Kinderstar zu sein. Eine japanische Verehrerin folgte ihn sogar bis nach Leipzig. Spätestens dann muss er seine Vorliebe fürs Entertainment entdeckt haben. Kein Wunder, dass es in der Schule für Sebastian nicht nach Plan verlief: Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Martin verlor er schon am ersten Tag die Lust am Unterricht. „Die Lehrerin hat gesagt, wir sollen morgen wieder kommen“, empörte er sich. Schulunterricht war für ihn ein notwendiges Übel. Als er im Deutschlandfunk mithörte, dass Willy Brandt auf einer Maikundgebung sprach, wollte er dies sogleich seiner linientreuen Lehrerin mitteilen, die „wisse es nämlich noch nicht“, glaubte er. Die Eltern hatten alle Mühe ihn davon zu überzeugen, dass es Sender gab, die es offiziell nicht geben durfte. „Es wurde höchste Zeit, auch unseren Zweitgeborenen in die seltsame Kunst einzuweisen, mit zwei unterschiedlichen Meinungen durch das Leben zu gehen“, so sein Vater. „Zum Glück für die Familienharmonie und das seelische Gleichgewicht hatte auch Sebastian bald den Dreh heraus und wusste, wie man die in der Schule geforderten Treue-Bezeugungen zur DDR auf echt schwejksche Art erfüllte.“ Ganz gelang es den Eltern nicht, ihren Sohn zur politischen Klugheit zu erziehen. Während der Pubertät steigerte sich seine Abneigung gegen alles, was mit Schule und den Thomanern zusammenhing, zu entschiedenem Widerwillen. Sein Abitur schaffte er nur mit Ach und Krach, und bei der feierlichen Abschlussfeier musste er draußen bleiben, weil er in Jeans und Turnschuhen gekommen war. Wenig später wurde er dann auch von den Thomanern rausgeworfen, weil er während einer ernsten Aufführung herumgefeixt hatte. Sebastian liess, was ihn langweilte, und machte immer nur das, was ihn wirklich interessierte: Spaß, Musik und Unterhaltung. Auch das war eine Art, es mit der oftmals unwirklichen und grauen DDR-Wirklichkeit aufzunehmen. Seit jeher hatte sich der Frust darüber in einer Art Galgenhumor entladen. Zu mehr waren nur die wenigsten in der Lage. Noch heute ist den Zeilen des Buches die Ehrfurcht vor der Staatsgewalt zu entnehmen, wenn bei Vater Krumbiegel von der „aufgeweckten Dreistigkeit der Demonstranten“ während der Montagsdemonstrationen die Rede ist: „Niemand wusste, wie die ganze Sache enden würde. Die kollektive Verunsicherung war ja ein erprobtes Mittel der Staatsgewalt.“

Wer unter diesen Bedingungen sich selbst treu bleiben wollte, hatte es nicht leicht. „Gerade und glatt war der Weg zum Ich bei keinem unserer Kinder“, so der Verfasser. Das gilt natürlich besonders für Sebastian. Bereits mit 16 stieg er nachts zusammen mit seinen Kumpeln aus dem Fenster des Internats, um in einer nahe gelegenen Wohnung die westdeutsche Radiosendung „Rockpalast“ zu hören. Zusammen mit Freunden gründete er den „Geheimen Fanclub Queen“. Zielstrebig meldete er sich später für den Studiengang „Tanz- und Unterhaltungsmusik“ der Leipziger Musikhochschule an. Sein Berufsziel stand fest: Er wollte Pop-Star werden, oder mit seinen eigenen Worten, mit denen er sich in seinem Studiengang vorstellte: „Guten Tag, ich bin Sebastian Krumbiegel. Ich will einmal reich und berühmt werden.“ Und das ist er ja dann auch geworden.

Der Weg dahin war steinig. Insbesondere die Armee-Zeit war für ihn die Hölle. „Man ist zwanzig, will kreativ sein, die Welt beglücken – und wird doch nur für eineinhalb Jahre weggesperrt.“ Zeitweilig mimte er einen Schlüsselbeinbruch, um die Wehzeit abzukürzen. Aus reiner Langeweile schrieb er damals lustige, manchmal verquere Lieder, von denen einige bis in die Prinzenzeit überlebt haben. 1982 gründete er zusammen mit Wolfgang Lenk und zwei weiteren Thomaner-Klassenkameraden die Band „Phönix“. Doch an öffentliche Auftritte war nicht zu denken: „Wie hätte das auch ausgesehen: nachmittags noch im Matrosenanzug, abends im Rockeroutfit“, so der Vater. Erst später, im Jahr 1987, wagten sie den Schritt in die Öffentlichkeit: Inzwischen nannten sie sich die „Herzbuben“ und bewiesen, dass man sie besser nicht mit den „Wildecker Herzbuben“ verwechseln sollte.

Bereits ein Jahr nach der Gründung tourten sie durch die DDR. „Die Herzbuben durchschauten, dass der Musikmarkt in der DDR nach kapitalistischen Spielregeln lief. Wer gut ankam, konnte auch gut verdienen.“ Mit den eigenen Songs wollten die Herzbuben die in der DDR geduldeten Möglichkeiten ausloten. Man sang die Sprache der Straße, so wie es im Westen sein großes Idol Udo Lindenberg vorgemacht hatte. Zu ihm schlich Sebastian einmal nach einem Konzert in Leipzig hinter die Bühne und drückte ihm ein Tonband in die Hand mit den Worten: „Hey, ich mach auch Musik, hör doch mal.“

Manche der Lieder, so Vater Krumbiegel, mussten auf Uneingeweihte wie Schulbubenstreiche wirken. „Wer jedoch die DDR-Wirklichkeit kennen gelernt hat, ahnt zumindest, dass hinter den Texten mehr stand als eine frei fabulierte Geschichte.“ Zum Beispiel Sebastians Lied über „Gabi und Klaus“, die nicht zueinander können. Dieses Lied hat die Situation vieler Pärchen und Familien gerade zur Wende-Zeit treffend charakterisiert. Während der Montagsdemonstrationen wurden die Texte immer gewagter, zum Beispiel, wenn sie „Sudel-Ede“ Karl-Eduard von Schnitzler verspotteten. Ein politischer Rebell im eigentlichen Sinne war Sebastian dennoch nie. Auf seine Jugend in der DDR ließ er nichts kommen, auch als er nach der Wende berühmt geworden war. „Jene DDR, die Sebastian so leidenschaftlich verteidigte, war nichts weniger als seine Kindheit. Und die … war wunderschön. An der allgemeinen Stasi-Hatz wollte sich Sebastian nie beteiligen; anders als wir hat er die DDR nie unmittelbar als Unrechtsstaat erleben müssen.“ Sebastian ist eben, wie sein Vater wohlwollend meint, ein Genussmensch geblieben. „Einer, der alles ausprobieren will; einer, der am liebsten alles mitnehmen möchte.“

Um so grösser war der Schock als Sebastian im Sommer 2003 Opfer eines Überfalls wurde. Nach dem Konzert in einer Kirche in Leipzig, bei dem alle drei Krumbiegel-Kinder aufgetreten waren, schlüpfte Sebastian in seine Alltagsklamotten, um zusammen mit einem Freund loszuziehen, um bei einem Freund die Harald-Schmidt-Show anzusehen. In einem Park hörten sie auf einmal lautes Gejohle hinter sich. Die beiden kahl geschorenen, betrunkenen Männer hielten die beiden Musiker für ein Pärchen und forderten Geld. Doch das Geld steckte in der Konzertkleidung. Weil sie nicht leer ausgehen wollten, warfen sie Sebastian auf den Boden und schlugen ihn brutal zusammen. Erst als ein mutiger Autofahrer anhielt und die Scheinwerfer auf sie richtete, liefen sie davon. Am nächsten Tag wurden die Täter bei einer erneuten Schlägerei festgenommen. Sebastian verordnete sich selbst eine Therapie und fährt regelmäßig zurück zum Park, um sich mit den Erinnerungen zu konfrontieren. Nach dem Überfall wurden Sebastian die Haare geschoren, um die Wunde zu nähen. Er beließ es anschließend dabei. Fünfzehn Jahre lang besagten seine langen Haare: „Da will einer nicht erwachsen werden, will Herzbube bleiben, will weder Unbekümmertheit noch Leichtsinn der Jugend aufgeben. Aber auch kleine Prinzen werden erwachsen …“ Fürwahr, ein sehr bittererer Weg, erwachsen zu werden. Der einstige Groll des Prinzen auf die ungeliebte Thomasschule sei längs vergangen, behauptet der Vater. Langsam gewöhnen sich die Prinzen-Fans an den neuen Anblick. Auch Bach trug bekanntlich lange Haare. Doch welche Sturmfrisur verbarg sich hinter seiner barocken Perücke?

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