Mare della Morte
Auszug aus meiner Erzählung
“Das Haus am Meer”
von Oliver Wieters
Die Geschichte eines Urlaubs am Meer, der für die Protagonistin zu einer unheimlichen Begegnung mit einem verdrängten Kapitel ihrer Vergangenheit wird. Ein Auszug aus dem Schluss der Erzählung
“Denn so du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,
dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen.”
“… Das hatte sie in einem Hollywoodfilm gesehen: Sie entfernte den Schlauch mit einer Rohrzange, die direkt neben der Gasflasche an einem Nagel hing, und drehte den Verschluss weit auf. Während das Gas ausströmte, rollte sie eine alte Zeitung zusammen und steckte sie in einen Toaster. Noch einen kurzen Kontrollblick, dann drückte sie den Hebel runter und rannte als wäre der Teufel hinter ihr her ins Freie. Sie hatte gerade den Außenborder des Motorboots am Steg in Gang gebracht als sie von einer gewaltigen Druckwelle auf den Boden gedrückt wurde und für einige Sekunden das Bewusstsein verlor. So einfach war das! Der Toaster hatte die Zeitung entzündet und die brennende Zeitung hatte das Gas zur Explosion gebracht! Ein perfekter Zeitzünder. Als sie wieder zu sich kam, war von dem kleinen Haus am Meer nicht mehr viel zu sehen. Nur noch ein Haufen verkohlter Bretter, rußiger Steine und ein flammenförmiger Schatten am Felsen dahinter erinnerte daran, dass hier einmal ein Bauwerk gestanden hatte. Zu ihrer Verwunderung spürte sie nichts außer Erschöpfung. Sie hatte eine Arbeit getan, die getan werden musste. Etwas wie Stolz breitete sich in ihr aus, ein seit so langer Zeit vermisstes Gefühl, einen einzigartigen Wert zu besitzen, kein Niemand, sondern ein Jemand zu sein. „Das war ich, das ist mein Werk!“ Dann verloren sich ihre Gedanken und Gefühle wieder, mal sah sie sich als Künstlerin, mal als Herrscherin. Irgendwie war sie auch Gott, denn sie entschied, wer lebte und wer starb. Sie erschauderte bei diesem erhebenden Gedanken. Wenn sie dazu fähig war, wozu dann noch alles? …”
